Hinter den Reihen

Vor zwei Jahren zog ich in eine kleine Stadt mit 8.000 Einwohnern, zwanzig Meilen von der Grenze zwischen Kansas und Missouri entfernt. Hier kommen die meisten Menschen nur vorbei, weil sie woanders hin wollen. Wenn man nicht hier wohnt, ist einem vermutlich nur der Truck Stop an der Autobahn bekannt, wo man anhält, um das Auto aufzutanken oder um einen Imbiss zu nehmen. Für eine ganze Weile ist das der letzte Vorposten der Zivilisation, den man sehen wird.

Etwa zwanzig Minuten vor der Stadt gibt es eine lange Strecke auf der Autobahn, auf der Mobiltelefone nicht funktionieren. Wir fahren oft dort entlang, und ich habe das Konzept dieser toten Zone noch immer nicht ganz akzeptiert, ein Ort, an den die mächtige und manchmal überwältigende Verflechtung des modernen Lebens nicht heranreichen kann.

Natürlich dauerte es nicht lange, bis ich mir den offensichtlichen Alptraum vorstellte. Wir haben eine Panne, genau hier. Wir können keine Hife anfordern. Wir sind der Gnade vorbeifahrender Autos ausgeliefert und stehen in der beißenden Kälte. (Natürlich geschähe das alles in einem typischen eisigen Winter des mittleren Westens mit Winden unter Null, die über die Felder in unsere Richtung blasen.) Bis endlich jemand anhält. Er wirkt freundlich. Er bietet eine Mitfahrgelegenheit an. Was ist diese Bewegung und das Geräusch unter der Decke im Kofferraum? Nichts, sagt er, mach dir deshalb keine Sorgen.

Ich denke, ihr wisst, wohin die Geschichte führt.

Es fühlt sich so konstruiert an. Eine endlose Strecke im Nichts, in der es keine Kommunikation gibt. Die typische Schreckensgeschichte des 21. Jahrhunderts erfordert in der Regel eine ausführlichere Erklärung; Protagonisten müssen auf bewaldeten Berggipfeln gestrandet sein oder eine schockierende Fahrlässigkeit gegenüber ihren Telefonakkus an den Tag legen. Aber hier in der Prärie, in diesem leeren Raum, der so aussieht, als ob er nur dazu da wäre, die Lücken zwischen allem anderen zu schließen, ist Isolation eine schlichte Tatsache des Lebens.

Eine Isolation, die tödlich sein kann.

Horror ist oft untrennbar mit der Atmosphäre eines Ortes verbunden. Seine Heimsuchungen sind ortsspezifisch, seine Alpträume, die durch die einzigartige Zusammensetzung von historischem Trauma, Grausamkeit und Trauer hervorgerufen werden, die sich in der Architektur und auf der Erde ansammeln.

Wenn ich im Nordosten des Landes an ein Gefühl des Horrors denke, denke ich an zugige, weitläufige viktorianische Herrenhäuser, in denen sich die Geister seit Jahrhunderten aufhalten und zunehmend bitter und wahnsinnig werden; ich denke an sehr alte Friedhöfe und längst schon ausgetrocknete Brunnen und den Schorf auf den Hügeln, auf denen Hexen verbrannt wurden. Ich denke an einen Ort, der auf puritanischer Grausamkeit basiert und von Kolonisten erbaut wurde, die ihre Ängste, ihren Aberglauben und die Geister der alten Welt importiert haben.

Wenn ich an den Horror denke, der nur im amerikanischen Süden existieren könnte, denke ich an Plantagen, bröckelnde Denkmäler für Vorkriegsmonster, die unermessliche Verschuldung und die permanente Schuld einer Gesellschaft, die durch das Trauma eines entführten und versklavten Volkes aufgebaut wurde. Ich denke an das Sumpfgebiet, an Monster, die in der Finsternis und im Dunkeln gedeihen, dem Tageslicht ausweichend ihre Opfer missbrauchen.

Aber der Mittlere Westen: Es hat eine Weile gedauert, bis ich mir die Schrecken vorzustellen vermochte, die er birgt. Vielleicht wegen der Fassade einer heilsamen Banalität. Vielleicht, weil ich mich an diesem Ort immer noch wie ein faszinierter Fremder fühle. Vielleicht, weil die Gräueltaten, die in seiner Geschichte lauern, nicht so gründlich dokumentiert worden sind.

Aber dann, so dachte ich, trifft das hier zu: Eine Isolation, die tödlich sein kann.

Als die ersten weißen Siedler in diesem Teil des Landes ankamen, litten sie an einer bisher unbekannten Krankheit, die sie Präriewahnsinn nannten, einer Depression oder einem Unwohlsein oder Wahnsinn, der lähmend werden konnte. Wurde er durch das unaufhörliche Heulen der Winde über die weiten Ebenen, die erstickende Einsamkeit fern von Familie und Freunden im Osten, die flache Formlosigkeit der Landschaft, die plötzliche Bedeutungslosigkeit, die sie unter dem grenzenlosen Himmel verspürten, verursacht? Vielleicht der ungewohnte Horror – nach einem Leben in verkrampften, turbulenten Städten – , zu wissen, dass sie so laut wie möglich rufen konnten und niemand kommen würde? Dieser Ort war wie die Leere zwischen den Sternen, und niemand hört dich schreien.

Amerika hat es absichtlich so gehandhabt. Der Homestead Act von 1862 bewilligte jedem Siedler, der das Land bestellen konnte, 160 Hektar. Ihre Bauernhöfe waren Miniatur-Lehen, die meilenweit voneinander entfernt waren. Wer weiß, was an diesen Orten vor sich ging; unsichtbar, nicht dokumentiert? Wer weiß, was Ehemänner mit ihren Frauen machen und Eltern mit ihren Kindern, wenn sie wissen, dass die Nachbarn nie etwas davon hören werden?

Mittelwestler haben die Kunst, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern, perfektioniert. Auch jetzt noch mögen sie diese Leere, sie ziehen es vor, ihre Meinungen für sich zu behalten, ihre tiefsten Gefühle bleiben unausgesprochen. Sie scheinen ihre eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten beschämender zu finden, als sie es wirklich sind. Sind sie alle so eindringlich einsam wie ich selbst hier bin? Fühlen sich alle anderen, umringt von diesen freundlichen Gesichtern, die nie zeigen, was sie tatsächlich denken, ebenfalls so extrem isoliert? Ich weiß es nicht. Keiner sagt es mir.

Das Kernsymbol des Horrors im Mittleren Westen ist keine Villa oder ein Friedhof, sondern ein Getreidefeld. Das plätschernde Meer aus Smaragden im Sommer, die trostlosen, blassen Stoppeln im Winter. Wenn der Mittlere Westen der Raum ist, der alles andere voneinander trennt, ist das Getreidefeld derjenige, der den Mittleren Westen von sich selbst trennt.

Das Getreidefeld ist der Schlüssel zu dem bekanntesten Werk des mittelwestlichen Schreckens: Stephen Kings „Kinder des Mais“. Seine rätselhaften Ackerflächen verbergen ein Monster („Der hinter den Reihen geht“). Die Weite erlaubt es dem religiösen Fanatismus und der hektischen Gewalt, ungehindert und unbemerkt weiterzumachen. Die nächste Stadt kümmert sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten. Sie spüren dort, dass in Gatlin irgendeine seltsame Scheiße vor sich geht, aber das ist nicht ihr Problem; schau dir nur die ganze Leere zwischen hier und da an.
Dieselben Schrecken vereinen sich in Jerome Bixbys klassischer Kurzgeschichte „It’s a Good Life“ über ein Kind, das die Welt mit seinem Verstand kontrollieren und mit seinen Gedanken foltern kann. Es gibt eine abgelegene Stadt, die entweder in die permanente Isolation eines Taschenuniversums verbannt ist, oder der einzige Ort ist, den es überhaupt noch gibt. Den Anwohnern ist es auf jeden Fall egal. „Peaksville war einfach nur ein Ort. Irgend ein Ort, weit weg von der Welt.“ Ein Ort, an dem Kommunikation unmöglich ist, weil das Falsche zu sprechen, das Falsche zu denken, zu einer abscheulichen Bestrafung führen kann. Der einzige Weg, in dieser Gemeinschaft zu überleben ist es, lächelnd seinen Schmerz zu verbergen und die Dinge als „gut“ zu bezeichnen. Und natürlich gibt es ein Getreidefeld, in dem ein gereizter Kindergott die unglücklichen Kreaturen schickt, mit denen er unzufrieden ist. Er denkt sie in tiefe, tiefe, tiefe Gräber hinein.

John Darnielles jüngster Roman „Universal Harvester“, ist untrennbar mit der Umgebung im Mittleren Westen verbunden; eine kleine Stadt wie meine, mitten im Nirgendwo, Illinois. Das Buch ist genau genommen nicht gerade Horror (wenn es das ist, dann von der leisesten, langsamsten Sorte). Es ist eher ein merkwürdiger Roman, der tatsächlich entsetzlich sein könnte, wenn er irgendwo in der Mitte eine andere Wendung nehmen würde. Und natürlich gibt es auch hier Getreidefelder:

„Es gibt auch andere Zeiten, in denen die Menschen auf die Felder gehen und verschiedene Dinge schreien: „Hilfe!“, zum Beispiel. Sie wiederholen das andauernd mit zunehmender Lautstärke, oder „Wohin bringen Sie mich?“ Aber normalerweise hört sie niemand. Ein paar Reihen Mais dämpfen die menschliche Stimme so wirkungsvoll, dass selbst nur ein wenig entfernt alles still bleibt. Nur davon kann man am Rand der Straße sprechen: den ganzen Weg dorthin, der schon jetzt in der Erinnerung verschwindet.“

Das Getreidefeld wirft seine Stille auf uns alle. Es ist ein guter Ort zum Verstecken und ein ausgezeichneter Ort für ein unmarkiertes Grab. Wer weiß, wie viel Blut diese Felder durchtränkt?

Das Getreidefeld ist eine Mauer, ein Burggraben, ein Irrgarten. Es schützt uns nicht voreinander, es schützt uns nur davor, dem Bösen angesichtig zu werden, das wir lieber nicht sehen würden. Aber dieses Böse lauert hier so mächtig wie eh und je, genährt in der Stille, gezüchtet von einer Isolation, die tödlich sein kann.

Desirina Boskovich

Desirina Boskovich

Absolventin der "Emory University" mit einem Abschluss in Englisch und Kreativem Schreiben. Absolventin des "Clarion Writer's Workshop", einem sechswöchigen Bootcamp für spekulative Literatur. Seit 2009 erscheinen ihre Kurzgeschichten in Clarkesworld, Fantasy Magazine, Realms of Fantasy, Lightspeed, Nightmare und Kaleidotrope. Ihre Geschichten wurden auch in Anthologien wie "The Way of the Wizard" und "The Apocalypse Triptychon" (herausgegeben von John Joseph Adams und Hugh Howey) veröffentlicht und in "Aliens" nachgedruckt: Zusammen mit Jeff VanderMeer hat sie "The Steampunk User's Manual" (ein Nachfolger der "Steampunk Bible") verfasst, das 2014 bei "Abrams Image" veröffentlicht wurde.

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