Der Holzschnittmacher des Übernatürlichen: Mike Mignola

Berkeley und die Formung des inneren Auges

Mike Mignola wurde am 16. September 1960 in Berkeley, Kalifornien, geboren und wuchs in Oakland auf. Diese Weltgegend hat nichts mit den literarischen und kulturellen Koordinaten seines späteren Werkes zu tun, und ist gerade deshalb aufschlussreich. Das Gespenstische, das Mittelalterliche und die dunkle europäische Mythologie, die sein Werk so vollständig durchdringen, waren ein Akt der Abgrenzung. Sie entstanden in einem Kind, das sich durch Bücher und Bilder eine innere Welt erschuf, die sich grundlegend von der Außenwelt unterschied. Diese frühe Innerlichkeit bildet das Fundament für alles, was dann kommen sollte.

Seine künstlerische Sozialisation verlief über den amerikanischen Mainstream: Er studierte am California College of Arts and Crafts, war in den frühen 1980er-Jahren bei Marvel angestellt und arbeitete an Titeln wie Rocket Raccoon, Alpha Flight und später an Jack Kirbys Cosmic Boy. Diese frühe Karriere zeigt einen Zeichner, der sein Handwerk gerade lernt. Anatomie, Figurenkomposition, Seitenlayout. In diesen Jahren gab es noch keinen charakteristischen Stil. Der frühe Mignola ist kompetent aber uneinheitlich – ein Zeichner wie viele andere, die innerhalb der Konventionen des Genres arbeiten, ohne sie wesentlich zu erweitern.

Was Mignola von diesen Konventionen wegführte, war eine Entdeckung: das langsame Erkennen dessen, was ihn wirklich interessierte und wie es aussehen sollte. Diese Entdeckung betraf den Schatten als erzählerisches und philosophisches Prinzip. In den frühen 1990er-Jahren begann Mignola, seine Zeichentechnik radikal zu vereinfachen: Er verwendete weniger Linien, mehr Flächen und ließ Details bewusst im Dunkeln verschwinden. In jedem Zeichenlehrbuch wird dies als Informationsverlust beschrieben. Das Ergebnis war ein Stil, der im amerikanischen Comic keine Vorläufer und bis heute keine Nachfolger gefunden hat.

Der Stil als Weltanschauung

Bevor man Mignolas Werk inhaltlich analysiert, muss man seinen Zeichenstil als eigenständiges Prinzip verstehen, denn bei Mignola sind Form und Inhalt auf eine Weise verschmolzen, die im gesamten Comicmedium ohne wirkliche Parallele ist. Sein Stil ist keine Ausdrucksform für seine Ideen; er selbst ist die Idee.

Albrecht Dürer
Albrecht Dürer

Das Prinzip ist die radikale Reduktion: Mignola zeichnet nicht, was er sieht, sondern was das Auge unter extremen Bedingungen (wie Fackellicht, tiefe Nacht oder dem Schein einer einzelnen Glühbirne in einem feuchten Keller) gerade noch erkennen kann. Alle Details, die in diesem Licht verschwinden würden, verschwinden somit auch auf der Seite. Was bleibt, sind Silhouetten, harte Kanten und Flächen aus tiefem Schwarz sowie die wenigen Linien, die das Wesentliche einer Form definieren. Dabei ist das Ausdrucksstarke das Eigentliche: die Haltung eines Körpers, die Gestalt einer Drohung oder die Atmosphäre eines Ortes.

Die von Mignola entwickelte Bildsprache ist historisch tief verwurzelt: im deutschen Expressionismus des frühen 20. Jahrhunderts, in den Holzschnitten Albrecht Dürers und Hans Baldung Griens, in den Stichen Francisco Goyas sowie in der visuellen Kultur der mittelalterlichen Totentänze und Teufelsbücher. Diese Einflüsse sind weniger ornamental als strukturell. Mignola denkt in einer Bildsprache, die vor der Fotografie entstand, aus einer Zeit, in der die Darstellung des Übernatürlichen noch nicht durch den Realismus des Mediums gebrochen war. Diese Archaik verleiht seinem Werk eine Qualität, die der modernen Horrorliteratur häufig fehlt: die Überzeugungskraft des nicht vollständig Gezeigten.

Dave Stewart, der seit Beginn der Hellboy-Reihe als Kolorist mit Mignola zusammenarbeitet, ist in diesem Kontext als gleichberechtigter kreativer Partner zu verstehen. Stewarts Farbpalette – die tiefen Orangetöne des Fackelfeuers, die erdigen Ocker- und Umbrafarben der alten Gebäude sowie die Kühle des Himmels über verfallenen Landschaften – ist eine eigenständige ästhetische Leistung. Sie illustriert nicht etwa Mignolas Schwarzweiß-Grundstruktur, sondern hebt sie in eine dritte Dimension. Ohne Stewart sähe das Hellboy-Universum völlig anders aus. Diese Tatsache wird in der Rezeption noch immer zu selten gewürdigt.

Hellboy — Die Mythologie und ihr Held

Hellboy (Dark Horse Comics, ab 1993) ist das Werk, um das sich alles andere in Mignolas Schaffen organisiert, weil es in seiner konzeptionellen Anlage so vollständig ist, dass es als eigenständiges mythologisches System beschrieben werden muss.

BPRD
BPRD, Dark Horse Comics

Hellboy ist ein Dämon, der am Ende des Zweiten Weltkriegs von alliierten Wissenschaftlern und Okkultisten aus einer anderen Dimension beschworen wurde. Er wurde von dem am Paranormalen interessierten Forscher Trevor Bruttenholm adoptiert und aufgezogen und ist nun als Agent des Bureau for Paranormal Research and Defense (BPRD) tätig. In ihrer Konstruktion ist die Figur ein Paradoxon: das Böse, das das Gute tut, weil es sich dafür entschieden hat – täglich, ohne Garantie, ohne metaphysische Absicherung. Diese Entscheidungsfreiheit bildet den moralischen Kern der gesamten Mythologie.

Zur moralischen Struktur der Hellboy-Mythologie

Hellboy ist ein Held, der sich weigert, das zu sein, wozu er gemacht wurde, und genau diese Weigerung ist es, die ihn täglich neu menschlich macht.

Hellboy Krampusnacht
Dark Horse Comic

Die mythologische Struktur, die Mignola um diese Figur aufgebaut hat, ist in ihrer Dichte und internen Kohärenz mit wenigen anderen Schöpfungen dieses Mediums vergleichbar. Über einen Zeitraum von mehr als dreißig Jahren hat Mignola ein Universum entwickelt, in dem er germanische, slawische, keltische, englische und amerikanische Folklore mit Lovecraft’schem Kosmismus, apokryphen christlichen Texten, der Artuslegende sowie der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und seinen Okkultexperimenten verwebt. Dies gelingt ihm, ohne den Eindruck des Eklektizismus zu erwecken, da die Verbindungen stets auf einer tiefen Kenntnis der Quellen basieren und nicht auf oberflächlicher Aneignung.

Die von Mignola entwickelte narrative Methode ist ebenso ungewöhnlich wie seine Zeichentechnik: Anstatt fortlaufende Plots im Sinne des amerikanischen Seriencomics zu schreiben, kreiert er Episoden; abgeschlossene Begegnungen zwischen Hellboy und einer übernatürlichen Bedrohung. Diese besitzen jeweils ihre eigene innere Logik und sind gleichzeitig Bausteine einer übergeordneten mythologischen Erzählung, deren Konturen sich erst nach Jahrzehnten vollständig enthüllen. Diese Struktur ähnelt eher der japanischen Yōkai-Volksliteratur als dem amerikanischen Superheldencomic und verleiht dem Werk eine Zeitlosigkeit, die es aus dem Genre-Kontext heraushebt.

Das Universum — Expansion als Vertiefung

Das Hellboy-Universum ist im Laufe der Jahrzehnte zu einem der umfangreichsten und am kohärentesten konzipierten Comicuniversen außerhalb der großen Verlagshäuser geworden – durch Ableger-Serien wie BPRD, Lobster Johnson, Abe Sapien, Sir Edward Grey: Witchfinder und zahlreiche weitere Titel, die meist unter Beteiligung anderer Autoren und Zeichner entstanden sind. Diese Expansion ist das comichistorisch interessanteste strukturelle Merkmal von Mignolas Schöpfung. Sie ist auf eine Weise gelungen, die im Comicmedium äußerst selten ist.

Hellboy in Hell
Hellboy in Hell; Dark Horse Comics

Die meisten unabhängigen Comicuniversen scheitern an der Expansion: Entweder gibt der ursprüngliche Schöpfer die Kontrolle ab, wodurch das Universum verwässert wird, oder er behält die Kontrolle, was die Expansion verhindert. Mignola hat einen dritten Weg gefunden. Er arbeitet eng mit Autoren wie John Arcudi und später Scott Allie und Mike Norton zusammen. Diese haben seine Mythologie so gründlich verinnerlicht, dass sie sie erweitern können, ohne ihre Integrität zu gefährden. Die BPRD-Serie, die hauptsächlich von Arcudi geschrieben wurde, ist in ihrer Qualität über lange Strecken gleichwertig mit den Hellboy-Hauptbänden – ein Zeichen dafür, dass Mignola als Weltenbauer großzügiger und offener ist als die meisten seiner Kollegen.

Diese Großzügigkeit hat jedoch Grenzen. Den zeichnerischen Stil seines Hauptwerks lässt Mignola nicht an andere delegieren. Alles, was unter seinem Namen erscheint, ist seine eigene Arbeit. Diese Entscheidung begrenzt zwar die Produktionsrate, schützt aber die ästhetische Integrität des Werkes.

Die Entscheidung, das Hellboy-Hauptwerk mit Hellboy in Hell (2012–2016) langsam abzuschließen, ist eine der mutigsten in der neueren Comicgeschichte. Der letzte Hauptband führt Hellboys Geschichte zu einem mythologisch vollständigen und emotional erschütternden Ende. Mignola hätte die Figur endlos fortsetzen können, und der Markt hätte es belohnt. Stattdessen gab er der Figur einen Tod und ein Nachleben, wodurch das Gesamtwerk retrospektiv in ein anderes Licht getaucht wird. Hellboy in Hell ist also nicht die Fortsetzung aller vorherigen Bände, sondern ihre Deutung – die Offenbarung dessen, was die Geschichte die ganze Zeit über gewesen ist.

Lovecraft, Folklore und die Theologie des Fremden

Mignolas Verhältnis zu H.P. Lovecraft ist eines der produktivsten und zugleich kritischsten in der Geschichte der Pulp-Mythologie. Lovecraft ist die offensichtlichste literarische Referenz des Hellboy-Universums: der kosmische Horror, die uralten Götter, die Überzeugung, dass das Universum keine menschliche Bedeutung kennt und dass das Wissen um diese Bedeutungslosigkeit das gesunde Fundament des Menschen zerstört. Diese Grundstruktur ist im Hellboy-Kosmos allgegenwärtig.

H.P. Lovecraft
H.P. Lovecraft

Aber Mignola übernimmt Lovecraft nicht, er korrigiert ihn. In Lovecrafts Mythos ist der Mensch den alten Kräften vollständig ohnmächtig ausgeliefert: Erkenntnis führt zum Wahnsinn, Begegnung bedeutet den Tod und Widerstand ist eine Illusion. Mignola behält die kosmische Skala des Bösen bei, gibt den Menschen aber eine Handlungsmöglichkeit zurück: durch Entscheidung, durch Charakter, durch die Weigerung, die Kapitulation als unausweichlich zu akzeptieren. Hellboy kämpft gegen Dinge, die er nicht besiegen kann. Er schlägt sie trotzdem. Diese Geste ist eine Aussage über den Wert der Handlung jenseits ihrer Erfolgsaussichten.

Ebenso bedeutsam ist die folkloristische Dimension des Werkes. Mignola ist ein ernsthafter Leser von Märchen, Sagen und volkstümlichen Überlieferungen und behandelt dieses Material mit einer Ehrerbietigkeit, die es von bloßer Dekoration unterscheidet. Die russischen Baba-Yaga-Geschichten in den frühen Hellboy-Bänden, die englischen Feen-Überlieferungen in späteren Episoden und die germanischen Weltuntergangsmythen als Grundstruktur der apokalyptischen Handlungsbögen sind das Ergebnis akribischer Recherche. Mignola studiert das Urmaterial, durchdringt seine innere Logik und arbeitet es dann in seinen Kontext ein. Das verleiht seinem Werk die Konsistenz eines Autors, der weiß, womit er arbeitet.

Die Philosophie — Stille, Einsamkeit und das Prinzip der Auslassung

Unter den Autoren dieser Essay-Reihe ist Mignola derjenige, dessen Philosophie am weitesten von der Öffentlichkeit entfernt formuliert wird. Er gibt selten Interviews, schreibt keine theoretischen Aufsätze und erklärt sein Werk nicht. Diese Zurückhaltung ist die konsequente Entsprechung seines ästhetischen Grundprinzips: Was nicht gezeigt werden muss, wird nicht gezeigt. Was nicht gesagt werden muss, wird nicht gesagt.

Das Prinzip der Auslassung, das Mignolas Zeichenstil definiert, gilt auch für seine Erzählweise und seine öffentliche Haltung. Seine Comics erzählen nie mehr als nötig. Die Dialoge sind knapp und bestehen oft aus lapidaren, einzeiligen Antworten auf komplexe Bedrohungen. Innere Monologe fehlen fast vollständig. Hellboy denkt nicht laut nach, erklärt sich nicht und kommentiert nicht. Was er fühlt, zeigt Mignola durch die Haltung seiner Figuren: durch die Art, wie eine Schulter hängt, durch die Positionierung der Figur im Raum oder das Verhältnis zwischen Figur und Dunkelheit im Hintergrund.

Diese Poetik der Auslassung hat eine spezifische Wirkung auf die Lesenden: Sie aktiviert eine Imagination, die ausführlichere Werke häufig lahmlegen. Weil Mignola nicht zeigt, was im Schatten ist, erschafft der Leser es selbst, und das Selbsterschaffene ist stets beängstigender als das Gezeigte. Dies ist die älteste Technik der Horrorliteratur und kein Comiczeichner des modernen Zeitalters hat sie konsequenter angewendet.

Mignola ist außerdem der einzige Autor dieser Reihe, dessen Werk keine erkennbare politische Dimension besitzt. Seine Themen liegen tiefer: im Eschatologischen, im Mythologischen, im Existenziellen. Hellboys Kampf gegen das Böse ist nicht auf zeitgenössische Verhältnisse zu beziehen. Er ist archetypisch, er handelt von der Frage, wie ein Wesen, das zu etwas bestimmt wurde, das es nicht sein will, mit dieser Spannung lebt, jeden Tag, ohne dass es eine Auflösung gibt.

Erbe — Das Einmalige und das Unnachahmliche

Mike Mignola ist unter den Autoren dieser Essay-Reihe der am schwersten einzuordnende, da er am vollständigsten außerhalb des Feldes operiert, innerhalb dessen die anderen verglichen werden können. Alan Moore, Grant Morrison, Frank Miller, Garth Ennis, Tom King, Scott Snyder und Brian Michael Bendis stehen alle in einer erkennbaren Tradition des amerikanischen Autorencomics. Sie kommentieren und reagieren aufeinander und sind Teil eines Gesprächs. Mignola führt dieses Gespräch jedoch nicht. Er sitzt in einem anderen Zimmer und zeichnet Dinge, die er im Fackellicht gesehen hat.

Diese Isolation ist seine Stärke und macht seinen Einfluss paradoxerweise schwerer messbar als den seiner einflussreicheren Kollegen. Mignola hat Hunderte von Zeichnern beeinflusst. Sein Stil ist einer der meistimitierten im gesamten Alternativcomic der letzten dreißig Jahre, aber er hat keine Schule gegründet, da sein Stil sich nicht im handwerklichen Sinne lehren lässt. Man kann lernen, schwarze Flächen zu setzen. Aber man kann nicht lernen, warum sie an dieser Stelle, in diesem Moment, diese Wirkung haben. Dieses Warum ist das Ergebnis von dreißig Jahren tiefer, obsessiver Beschäftigung mit einer ganz bestimmten Bildwelt.

Was bleibt, ist ein Werk von seltener innerer Konsistenz: dreißig Jahre Zeichenarbeit, die sich vertieft, ein Universum, das mit jedem Band dichter und kohärenter wird, statt sich zu verwässern, und eine Figur, die über all die Jahre derselbe Mensch geblieben ist, weil ihr Schöpfer genau weiß, wer sie ist. Hellboy ist das vollständigste Werk, das der alternative Comic der letzten vier Jahrzehnte hervorgebracht hat – nicht das einflussreichste, nicht das formrevolutionärste und auch nicht das politisch wichtigste. Aber es ist das vollständigste Werk: das Werk, das am genauesten das ist, was es sein wollte, und das am wenigsten von dem ist, was es nicht sein wollte. In einem Medium, das chronisch von Kompromissen und Kontinuitätszwängen geprägt ist, ist das eine außerordentliche Leistung.

The Phantom Stranger

Ein Fremder tritt ein — und erklärt sich nicht

 1952 in Phantom Stranger #1, DC
1952 in Phantom Stranger #1, DC

Es gibt nur sehr wenige Comicfiguren, bei denen nicht die Verpackung, sondern das Produkt selbst das Rätsel ist. Phantom Stranger ist die vollständigste dieser Figuren. Seit 1952 gleitet dieses Wesen durch das DC-Universum, schaut in die dunkelsten Winkel der menschlichen Erfahrung, mahnt, warnt und greift gelegentlich ein, ohne je zu erklären, wer oder was es ist. Die Frage nach seiner Identität ist nicht unbeantwortet, weil die Autoren sie vergessen hätten. Sie ist unbeantwortet, weil die Antwort die Figur zerstören würde.

Sein Erstauftritt im September 1952 in Phantom Stranger #1, geschrieben von John Broome und gezeichnet von Carmine Infantino, war vergleichsweise bescheiden: ein geheimnisvoller Mann im weiten Umhang und breitkrempigen Hut, der in kurzen Horrorgeschichten eingriff und jeweils am Ende die moralische Pointe lieferte. Das Format erinnerte an die EC Comics und die Tradition des allwissenden Erzählers, doch Broome und Infantino gaben diesem Erzähler einen Körper, eine Präsenz und eine schwer zu beschreibende Schwere, die ihn von Anfang an zu mehr machten als zu einem dramatischen Hilfsmittel.

Die ursprüngliche Serie umfasste nur sechs Ausgaben, dann wurde sie eingestellt. Dass Phantom Stranger zwanzig Jahre später zurückkehrte und seither zu den dauerhaftesten Begleitfiguren des DC-Universums gehört, ist eine jener Comicgeschichten, die zeigen, wie wenig die kommerzielle Erstperformance mit der langfristigen Bedeutung zu tun hat.

Das Format von 1952

Broome, Infantino — und die Autoren, die ihn formten

Phantom Stranger Omnibus, DC

John Broome ist einer der am meisten unterschätzten Autoren des Silbernen Zeitalters. Er schrieb in den 1950er- und 1960er-Jahren für DC Comics mit einer Produktivität und konzeptuellen Freiheit, die ihn zu einem der stillen Mitarchitekten des DC-Universums machten. Hal Jordan als Green Lantern, Barry Allen als The Flash und zahlreiche Schurken und Konzepte tragen seine Handschrift. Für Phantom Stranger schuf er eine Figur, die durch Auslassung funktioniert. Was der Fremde nicht sagt, was er nicht erklärt, was er nicht zeigt – das ist Broomes eigentliche Konstruktionsleistung.

Carmine Infantino, einer der elegantesten Zeichner seiner Generation, gab dem Stranger sein visuelles Fundament: den langen dunklen Umhang, den tief in die Stirn gezogenen Hut, die Andeutung eines Gesichts im Schatten. Infantinos Linie hatte eine Präzision und eine Flüchtigkeit zugleich; seine Figuren schienen immer kurz davor, aus dem Panel zu treten oder darin zu verschwinden. Für Phantom Stranger war das die perfekte Sprache.

Die entscheidende Weiterentwicklung der Figur geschah jedoch unter anderen Händen, vor allem unter denen von Mike Friedrich, Dennis O’Neil, Jim Aparo und später Alan Moore und Neil Gaiman, die dem Stranger in Gastauftritten und Kurzgeschichten eine theologische und philosophische Tiefe gaben, die Broomes ursprüngliche Anlage weit überstieg.

Wer ist er wirklich? — Vier Antworten, alle gleichzeitig wahr

Das Seltsamste und Schönste an Phantom Stranger ist eine Designentscheidung, die so unkonventionell ist, dass sie nur im Comic funktionieren könnte: Im Jahr 1987 erschien in Secret Origins #10 ein Heft, das vier voneinander unabhängige Herkunftsgeschichten für den Stranger präsentierte, geschrieben von vier verschiedenen Autoren, gezeichnet von vier verschiedenen Zeichnern, und alle vier bewusst als gleichzeitig möglich präsentiert, ohne eine davon als kanonisch auszuzeichnen.

Version I · Len Wein

Der Ewige Jude

Phantom Stranger ist der Wandernde Jude, jener Mann aus der christlichen Legende, der Jesus auf dem Kreuzweg verspottete und zur ewigen Wanderschaft verdammt wurde. Er trägt die Schuld einer unbedachten Grausamkeit durch alle Zeiten.

Version III · Mike W. Barr

Der Selbstmörder

Er war ein gewöhnlicher Mensch, der in einem Moment der Verzweiflung sein Leben beendete, und als Buße dafür verdammt wurde, den Lebenden zu helfen und sie vor ähnlichen Entscheidungen zu bewahren. Die dunkelste und menschlichste Version.

Version II · Paul Levitz

Der gefallene Engel

Er war ein Engel, der sich im Krieg zwischen Himmel und Hölle für keine Seite entscheiden konnte. Als Strafe für seine Neutralität — oder Weisheit — wurde er zur ewigen Wanderschaft zwischen den Welten verurteilt.

Version IV · Alan Moore

Vor der Zeit

Er existierte bereits vor der Schöpfung des Universums, ein Überbleibsel eines früheren Kosmos, das in diesem Universum keinen Platz hat und das deshalb durch es hindurchgeht, ohne je wirklich dazuzugehören. Die kosmischste und befremdlichste Lesart.

Diese Entscheidung, vier Ursprünge gleichzeitig anzubieten und keine davon zu privilegieren, ist konzeptuell einer der mutigsten Schritte, den DC je unternommen hat. Sie sagt dem Leser: Die Herkunft ist nicht der Punkt. Das Rätsel ist der Punkt. Eine Figur, die von jemandem, der die Legende des Wandernden Juden kennt, als Buß-Engel gelesen werden kann, und von jemandem, der den Faust-Mythos liebt, als kosmisches Überbleibsel. Diese Figur ist größer als jede einzelne ihrer Erklärungen.

Vier Herkunftsgeschichten, alle wahr, keine privilegiert: Das ist das tiefste Verständnis davon, was Phantom Stranger ist: ein Spiegel für die Fragen, die man an ihn heranträgt.

Stranger, Spectre, Zauriel — das Gericht des DC-Universums

Im DC-Universum gibt es eine informelle Hierarchie des Übernatürlichen, und an ihrer Spitze steht eine Dreiheit, die man mit einiger Berechtigung als die theologische Regierung des Universums beschreiben kann: The Spectre, der Geist der Rache Gottes: ein Wesen von apokalyptischer Macht, das Sünder vernichtet und das Gleichgewicht durch Bestrafung herstellt. Zauriel, der gefallene Engel und Beschützer. Und Phantom Stranger, der zwischen beiden steht — beobachtend, führend, mahnend.

Diese Dreiheit ist eine der interessantesten theologischen Konstruktionen, die das Superhelden-Genre je hervorgebracht hat, auch wenn sie nie als theologisches Projekt deklariert wurde. The Spectre steht für das alttestamentarische Prinzip der vergeltenden Gerechtigkeit. Zauriel steht für das neutestamentarische Prinzip der vermittelnden Gnade. Phantom Stranger ist das, was dazwischen bleibt: die Frage selbst, das Schweigen zwischen Urteil und Gnade, die Stimme, die weder verurteilt noch freispricht, sondern zeigt.

The Presence

Die Autoren, die ihn am tiefsten sahen

Secret Origins #10
Secret Origins #10, DC

Nicht die langen Serien haben Phantom Stranger seine literarische Würde gegeben, sondern die kurzen, präzisen Eingriffe der besten Autoren des Mediums. Alan Moore schrieb in Secret Origins #10 eine atemberaubende, kosmologisch kühne Herkunftsgeschichte: Phantom Stranger ist ein Wesen, das vor dem Urknall existierte, ein Überbleibsel eines Universums, das nicht mehr ist. Diese Version hat eine Kälte und eine Einsamkeit, die an die großen Science-Fiction-Erzählungen über kosmische Einsamkeit erinnern; an Clarke, an Stapledon, an das Gefühl, in einem Universum zu existieren, das nicht für die eigene Art von Existenz vorgesehen ist.

Neil Gaiman verwendete den Stranger in The Books of Magic (1990) als einen der vier mysteriösen Führer, die den jungen Timothy Hunter durch die Welt der Magie geleiten. In Gaimans Händen ist Phantom Stranger ein perfekter Charakter: Er erklärt nicht, er zeigt nur. Er urteilt nicht, er beobachtet. Er ist der ideale Führer durch eine Welt, die größer ist als das Verständnis, weil er selbst ein Wesen ist, das größer ist als das Verständnis und trotzdem Würde bewahrt.

Was beide Autoren verstanden und was die meisten kommerziellen Phantom-Stranger-Geschichten verfehlen, ist ein simples Prinzip: Die Figur trägt kein Geheimnis bei sich, das enthüllt werden will. Sie ist das Geheimnis. Der Unterschied ist fundamental.

Der Rationalist als Spiegelbild — das klügste Gegenstück des Genres

Eine der klügsten Entscheidungen in der Geschichte der Phantom-Stranger-Geschichten war die Einführung von Dr. Terry Thirteen, auch bekannt als Dr. 13 oder Ghost-Breaker. Er ist ein Debunker paranormaler Phänomene, der in einer Welt lebt, in der diese real sind, sie aber beharrlich als Betrug oder Einbildung erklärt. Dr. 13 ist der häufigste Begleiter des Phantom Strangers und gleichzeitig sein konzeptuelles Gegenteil.

Dr. 13
DC

Was diese Paarung so elegant macht: Dr. 13 hat auf seine Weise recht. In einem rationalen Universum wären seine Erklärungen korrekt. Dass er in einem Universum lebt, in dem dies nicht der Fall ist, und trotzdem nicht aufhört, sie zu liefern, zeugt von entwaffnender Konsequenz. Er ist der Leser, der an einem Comic über das Übernatürliche zweifelt, während er ihn liest. Er ist der Rationalist in einer theologischen Erzählung, der niemals bekehrt und niemals umgestimmt werden kann.

Phantom Stranger behandelt Dr. 13 mit einer Geduld, die an Mitleid grenzt, dabei ist er jedoch nie herablassend. Er weiß, was Dr. 13 nicht weiß. Er zeigt es ihm jedoch nie direkt. Diese Zurückhaltung ist das moralische Kernstück der Figur: Phantom Stranger glaubt nicht an Überredung. Er ist der Meinung, dass jedes Wesen seinen eigenen Weg zur Wahrheit finden muss – oder auch nicht.

Was passiert, wenn man die Antwort gibt

Das kurze Experiment der New-52-Ära, bei dem Phantom Stranger eine feste Herkunft erhielt, ist lehrreich, weil es demonstriert, was mit der Figur passiert, wenn man diese Frage beantwortet. Dan DiDios Soloserie aus dem Jahr 2012 entschied sich für die Judas-Interpretation: Phantom Stranger ist Judas Iskariot, der Jesus für dreißig Silberlinge verraten und zur ewigen Wanderschaft verdammt wurde. Er trägt buchstäblich dreißig Silberlinge als Kette um den Hals.

Das ist eine starke Idee, und sie ist trotzdem gescheitert, vielleicht sogar gerade deshalb. Denn eine Herkunftsgeschichte zu wählen, bedeutet auch, die anderen zu verwerfen. Es bedeutet, aus einem Spiegel einen Gegenstand zu machen. Der Judas-Stranger hat eine Psychologie, eine Schuld und einen spezifischen religiösen Kontext, und verliert damit genau das, was ihn für Leser aller Hintergründe zugänglich machte: die Offenheit, die Nicht-Festgelegtheit und das Potenzial, für jeden etwas anderes zu bedeuten.

Die New-52-Interpretation ist inzwischen als eine von vielen möglichen zurückgetreten. DC hat, wie so oft nach einem Neustart, die Ambiguität stillschweigend wiederhergestellt. Phantom Stranger trägt keine dreißig Silberlinge mehr. Er trägt wieder sein Rätsel.

Der Fremde als Funktion — was das Genre an ihm braucht

Im DC-Universum erfüllt Phantom Stranger eine Funktion, die keine andere Figur übernehmen könnte. Er ist die Instanz, die Geschichten ermöglicht, die größer sind als ihre Figuren. Wenn ein Held an die Grenzen seiner Welt stößt, wenn die Fragen für Batman zu groß, für Superman zu alt und für die Justice League zu dunkel werden, dann erscheint Phantom Stranger und öffnet eine Tür. Er erklärt nichts. Er zeigt. Er warnt. Und er geht wieder.

Das ist eine narrativ unverzichtbare Rolle und nur wenige Figuren in der Comicgeschichte erfüllen sie so gut. Im Vergleich zu ähnlichen Figuren, wie dem Uatu, dem Watcher aus dem Marvel-Universum, der ebenfalls beobachtet, ohne einzugreifen, hat der Phantom Stranger eine entscheidende Eigenheit: Er greift gelegentlich doch ein. In Momenten höchster Dringlichkeit, in denen die Entscheidung eines Menschen das Gewicht eines Zeitalters trägt, handelt er. Diese Unregelmäßigkeit macht ihn beunruhigender als einen reinen Beobachter – und menschlicher.

Die Figur leistet außerdem eine Verankerung des DC-Universums in einer echten theologischen Tradition. Während Marvel seinen kosmischen Hintergrund eher wissenschaftlich-spekulativ hält – Galactus ist eine Naturgewalt, aber kein Gott – operiert DC seit jeher mit einem religiösen Unterbau. Dieser wird durch Figuren wie Phantom Stranger, The Spectre und The Presence artikuliert. Das verleiht dem Universum eine mythologische Schwere, die es von seinem Konkurrenten unterscheidet. Phantom Stranger ist der subtilste Ausdruck dieser Schwere.

Die Stille zwischen den Worten

Phantom Stranger ist nach über siebzig Jahren immer noch das, was er immer war: ein Fremder. Er hat keinen bürgerlichen Namen, kein Zuhause, keine Familie, keine abgeschlossene Herkunftsgeschichte. Er hat einen Umhang, einen Hut und eine Präsenz, die jeden Raum verändert, den er betritt. Das ist, für ein Medium, das von Identitäten und Ursprungsgeschichten lebt, eine bemerkenswert kühne Verweigerung.

Was diese Verweigerung so produktiv macht: Sie gibt der Figur eine Offenheit, in die jeder Autor seine eigenen theologischen, philosophischen und moralischen Fragen hineintragen kann. Für Alan Moore ist er kosmische Einsamkeit. Für Neil Gaiman ist er der perfekte Führer durch das Unbekannte. Für Len Wein ist er menschliche Schuld und Buße. Für den Leser, der keine dieser Referenzen kennt, ist er einfach ein Fremder im weiten Mantel, der erscheint, wenn die Nacht am tiefsten ist.

John Broome erschuf 1952 sechs Hefte lang einen geheimnisvollen Erzähler und dachte dabei wahrscheinlich nicht an Theologie, Kosmologie oder literarische Tradition. Was er schuf, war trotzdem all das. Manche Figuren wachsen über ihre Schöpfer hinaus, weil sie eine Leerstelle besetzen, die das Medium gebraucht hat, ohne es zu wissen. Phantom Stranger ist die reinste Form dieser Figuren.

Er tritt ein. Er warnt. Er geht. Er kehrt wieder. Und er erklärt sich nicht.

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Er war vor dem Anfang. Er wird nach dem Ende sein. Dazwischen geht er durch unsere Geschichten, und gibt ihnen eine Tiefe, die sie alleine nicht hätten.

Nachbemerkung des Autors: Phantom Stranger ist in dieser Reihe die radikalste Figur, weil sein eigentliches Konzept die Verweigerung von Konzept ist. Während alle anderen Figuren dieser Dokumentation, von Poison Ivy bis Catwoman, durch ihre Transformation über Jahrzehnte interessant wurden, ist Phantom Stranger von Anfang an fertig. Er braucht keine Entwicklung, weil Entwicklung eine Richtung voraussetzt, und er hat keine Richtung, nur eine ewige Gegenwart zwischen den Geschichten anderer.

Brian Michael Bendis und die Revolution der Comicsprache

Cleveland und der Weg durch den Noir

Brian Michael Bendis

Brian Michael Bendis wurde 1967 in Cleveland, Ohio, geboren, einer Stadt, die in der amerikanischen Kulturgeographie eine besondere Bedeutung hat. Rustbelt, Nachkriegsverfall, das langsame Ausfasern industrieller Gewissheiten, und gleichzeitig eine jüdische Gemeinschaft, deren Kulturleben eine eigene Dichte und Wärme besitzt. Diese Herkunft ist in Bendis‘ Werk ebenso deutlich erkennbar wie die Bronx in Stan Lees Tonfall oder Belfast in Garth Ennis‘ Nüchternheit: eine Bodenhaftung, ein Sinn für das Konkrete sowie eine Abneigung gegen das Abstrakt-Heroische, die seinen Zugang zum Superhelden-Genre von Beginn an prägten.

Bevor Bendis zum Marvel-Mainstream gelangte, schrieb und zeichnete er in den frühen und mittleren 1990er Jahren eine Reihe von Noir-Comics in Schwarzweiß, die in ihrer Qualität weit über das hinausgehen, was man als Frühwerk eines späteren Mainstream-Stars erwarten würde. Fire, Jinx, Goldfish und vor allem Torso (1998–2000, mit Marc Andreyko), eine dokumentarische Rekonstruktion des Eliot-Ness-Falls um den Mad Butcher of Kingsbury Run, einen Serienmörder im Cleveland der 1930er-Jahre. Es handelt sich um Werke, die formal und inhaltlich in der Tradition des amerikanischen Crime-Noir stehen. Sie zeigen, dass Bendis‘ späteres Handwerk auf einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Kriminalgenre und seiner Bildsprache beruht.

Mad Butcher of Kingsbury Run, Ausschnitt

Der Einfluss von David Mamet prägt diese frühen Werke am stärksten: Der amerikanische Dramatiker und Drehbuchautor veränderte mit seiner abgehackten, überlappenden, sich selbst unterbrechenden Dialogsprache eine Generation von amerikanischen Erzählern. Mamet hat gezeigt, dass Menschen selten das sagen, was sie meinen, und selten zu Ende bringen, was sie anfangen. Der eigentliche Inhalt eines Gesprächs liegt demnach in den Pausen, den Abschweifungen und den halbfertigen Sätzen. Bendis hat diese Lektion so gründlich verinnerlicht, dass sein gesamtes späteres Werk als ein einziges Experiment in Mamet’scher Comicdialektik gelesen werden kann.

Ultimate Spider-Man — Die Neuerfindung des Anfangs

Ultimate Spider-Man
Marvel Must-Have

Ultimate Spider-Man (Marvel, ab 2000, gezeichnet von Mark Bagley) ist das Werk, mit dem Bendis in den amerikanischen Comic-Mainstream eintrat, und es ist in seiner Konzeption eine der klügsten Entscheidungen, die ein Comicautor in den frühen 2000er-Jahren treffen konnte. Das im Jahr 2000 von Marvel lancierte Ultimate-Universum bot die Gelegenheit, die veralteten Kontinuitäten des Hauptuniversums hinter sich zu lassen und die ikonischsten Figuren neu zu erzählen, und zwar als grundlegende Neufassung für eine Generation von Lesern, die von der über die Jahrzehnte aufgetürmten Comicgeschichte abgeschreckt wurde.

Bendis nutzte diese Gelegenheit mit einer Sorgfalt und erzählerischen Geduld, die für Superheldencomics der frühen 2000er Jahre ungewöhnlich waren. Während Stan Lee und Steve Ditko Peter Parkers Ursprungsgeschichte in einer einzigen Ausgabe erzählten, nahm sich Bendis sieben Hefte dafür Zeit. Dieser Verlangsamung lag eine Methode zugrunde: Sie erlaubte es Bendis, Peter Parker als Adoleszenten zu entwickeln und dessen innere Realität – die Unsicherheit, der soziale Ausschluss, die Gleichzeitigkeit von Brillanz und Hilflosigkeit – mit einer emotionalen Genauigkeit zu zeigen, die das Original nie angestrebt hatte, da sie dort nicht benötigt wurde. Stan Lee schrieb den Mythos. Bendis schrieb Coming-of-Age.

Die Zusammenarbeit von Mark Bagley und Brian Michael Bendis ist in ihrer Länge und Kontinuität im amerikanischen Comic einzigartig: Gemeinsam produzierten sie 111 aufeinanderfolgende Ausgaben, was bis heute unübertroffen ist. Diese Beständigkeit dokumentiert die Bestform einer kreativen Partnerschaft, von der beide Seiten profitierten. Bagleys klarer, expressiver Stil mit einem Sinn für Bewegungssequenzen, der die Energie von Spider-Mans Akrobatik einfängt, ohne die Seiten zu überfrachten, verleiht Bendis‘ dialogschweren Skripten eine visuelle Lebendigkeit, die weniger talentierten Zeichnern nicht möglich wäre. Auch hier gilt, was für so viele Werke dieser Essay-Reihe gilt: Das Comic ist ein kollaboratives Medium und ein Autor ist nur so gut wie seine Partner.

Ultimate Spider-Man lief mit wechselnden Zeichnern bis 2011. Sein Abschluss, in dem Peter Parker stirbt und durch Miles Morales ersetzt wird, ist selbst ein bedeutsamer kulturgeschichtlicher Moment: die erste große, dauerhaft angelegte Übernahme einer ikonischen Superheldenidentität durch eine nicht-weiße Figur im amerikanischen Mainstream-Comic. Dies wurde mit einer narrativen Würde vollzogen, die das Symbolische und das Erzählerische gleichermaßen bediente.

Daredevil, Alias und der Weg zum Erwachsenen-Comic

Marvel

Parallel zu Ultimate Spider-Man arbeitete Bendis an Daredevil (Marvel, 2001–2006, mit verschiedenen Zeichnern, am häufigsten Alex Maleev), ein „Run“, der in der Fachkritik einhellig als einer der stärksten in der Geschichte des Titels gilt und bei dem Bendis seine Fähigkeiten als Erzähler erwachsener, moralisch komplexer Geschichten unter Beweis stellte. Bendis‘ Daredevil ist weniger ein Aktionsheld als ein Mann, der in einer Spirale von Konsequenzen gefangen ist: Jede Entscheidung zieht die nächste nach sich und jeder Versuch, Kontrolle herzustellen, erzeugt neue Unordnung.

Die Enthüllung von Matt Murdocks Geheimidentität war ein erzählerisches Wagnis von erheblichem Ausmaß und das zentrale Sujet des Runs: Im Superheldencomic ist die Geheimidentität eine konventionelle Schutzzone, ein narrativer Reset-Knopf, der immer wieder betätigt werden kann. Bendis machte die Enthüllung jedoch permanent und zog alle Konsequenzen daraus: rechtliche Verfolgung, soziale Isolation und die Erosion der Grenze zwischen dem Helden und seinen Feinden. Das ist die reinste Form von Bendis‘ Methode: Genre-Tropen aufgreifen, sie ernst nehmen und dann nicht mehr loslassen, bis alle Konsequenzen ausgeschöpft sind.

Zur Frage des Dialogs

Marvel MAX

Alias (Marvel/MAX, 2001–2004, gezeichnet von Michael Gaydos) ist Bendis’ eigenständigstes und in seiner Konsequenz mutigstes Werk dieser Phase. Die Serie erzählt die Geschichte der pensionierten Superheldin Jessica Jones, die als Privatdetektivin arbeitet und mit einer traumatischen Vergangenheit kämpft. Alias erschien im MAX-Imprint, Marvels Label für Erwachsene, und nutzte diese Freiheit für eine Sprache und eine inhaltliche Direktheit, die im Hauptuniversum nicht möglich gewesen wären. Die Figur der Jessica Jones ist Bendis‘ tiefgründigste Schöpfung: ein Mensch, der die Konsequenzen von Gewalt und Kontrollverlust trägt, ohne in die Heroik des Überstehens zu verfallen. Gaydos‘ Zeichenstil ist düster, körnig und in einer Farbpalette gehalten, die mehr an den Film Noir als an den Superheldencomic erinnert, und damit die ideale visuelle Entsprechung für eine Geschichte, die im Schatten des Genres spielt statt in seinem Rampenlicht.

New Avengers und die Umgestaltung des Marvel-Universums

Mit Avengers Disassembled (2004) und der nachfolgenden New Avengers-Serie (ab 2004) übernahm Bendis eine Rolle, die in der Geschichte des amerikanischen Comics selten vergeben wird und selten gut ausgeht: die des verantwortlichen Architekten eines Verlagsuniversums. Als Chefautor der Marvel-Veröffentlichungen prägte er von 2004 bis 2012 die Struktur des Marvel-Universums durch die großen Event-Serien House of M, Civil War (in Zusammenarbeit mit Mark Millar), Secret Invasion, Dark Reign und Siege.

Diese Phase ist die komplizierteste in Bendis‘ Karriere, und das aus einem Grund, der mit der Natur der Aufgabe zusammenhängt. Das Event-Comic ist eine Form, die den individuellen Erzähler systematisch überfordert. Es bietet keinen Raum für Charaktertiefe, für Dialogkunst oder die erzählerische Geduld, die Ultimate Spider-Man und Alias auszeichnen. Es ist ein industrielles Produkt, dessen Hauptfunktion die Koordination von Dutzenden Titeln und die Generierung von Verkaufszahlen ist, eine Aufgabe, die handwerkliche Kompetenz verlangt, aber keine künstlerische Exzellenz erlaubt.

Zur Spannung zwischen Bendis‘ Autorenambition und der Logik von Event-Comics

Bendis in seinen Event-Jahren ist wie ein Jazzmusiker, dem man eine Marschkapelle hingestellt hat. Er kann die Noten spielen, aber die Instrumente lassen das Eigentliche nicht zu.

New Avengers #1, Marvel

Das bedeutet jetzt nicht automatisch, dass diese Phase ohne Verdienste wäre. Die frühen Ausgaben der New Avengers waren ein einmaliges Lesevergnügen wegen der Neuaufstellung des Avengers-Teams mit unerwarteten Mitgliedern, mit Witz und der Energie der Figurendynamik sowie der Bereitschaft, das Team als dysfunktionale Familie statt als reibungslos funktionierende Einheit zu behandeln. Bendis‘ Umgang mit Figuren wie Luke Cage und Spider-Woman verlieh ihnen eine Lebendigkeit und eine Tiefe, die sie im vorherigen Marvel-Universum nicht besessen hatten. Und Secret Invasion — trotz seiner strukturellen Überlastung als Event-Comic — enthält im Kern eine wirklich paranoide Idee: Was, wenn die Feinde seit Jahren unter euch sind und ihr habt sie nie erkannt?

Die Event-Phase ist aber auch der Zeitraum, in dem der „Bendis-Speak” – ein Begriff, den Kritiker für seinen charakteristischen Dialogstil geprägt hatten – von einer Beschreibung zu einem Vorwurf wurde. Wenn ein Stil so weit verbreitet ist, dass er den Tonfall eines gesamten Verlagsuniversums prägt, verliert er seine Kraft als individueller Ausdruck und wird zum atmosphärischen Hintergrundrauschen. Das ist das strukturelle Paradox des Erfolgs im Comicbusiness: Je einflussreicher ein Autor wird, desto stärker verwässert sich sein Einfluss durch seine eigene Allgegenwärtigkeit.

Der Wechsel zu DC und die Frage der Erneuerung

2017 vollzog Bendis einen Schritt, der in der Comicbranche für Schlagzeilen sorgte: Nach fast zwei Jahrzehnten bei Marvel wechselte er zu DC Comics. Der von beiden Seiten als Sensation angekündigte Exklusivvertrag war ein Novum. Derartige Wechsel zwischen den beiden großen amerikanischen Comicverlagen sind selten, da beide Verlage ihre Starautoren mit Exklusivverträgen binden. Zudem sind die Erwartungen, die damit verbunden sind, kaum einlösbar.

Bendis‘ DC-Phase, in der er zunächst Action Comics und Superman übernahm und dann das Event Leviathan-Projekt koordinierte, verlief ambivalenter als seine Marvel-Jahre. Er schrieb zwar nicht schlechter, aber der Wechsel setzte Erwartungen frei, die ein Neuanfang eigentlich immer erzeugt. Zudem stellt die Figur Superman andere Anforderungen als Spider-Man oder Jessica Jones. Superman ist Mythologie im reinsten Sinne: Er verlangt eine gewisse Haltung zur Welt, eine positive Vision des Menschlichen, die nicht ohne Anpassung an Bendis‘ fundamentale erzählerische Intuition bedient werden kann, nämlich die Beobachtung des Scheiterns und die Geduld mit dem Unvollständigen.

Kontext – Die DC-Phase

2021 kehrte Bendis zu Marvel zurück. Das war ein Schritt, der seine DC-Phase als Exkurs markiert und zugleich die Frage aufwirft, die über jedem reifen Autorenwerk hängt. Wie erneuert man sich, wenn der eigene Stil so prägend geworden ist, dass er das Publikum sowohl anzieht als auch abstößt? Diese Frage ist bei Bendis letztlich noch nicht beantwortet. Er ist unter den Autoren dieser Essay-Reihe der einzige, dessen Karriere sich in einem aktiven Suchprozess befindet.

Die Philosophie — Sprache als Demokratie

Unter den hier betrachteten Autoren vertritt Bendis die demokratischste ästhetische Grundüberzeugung: Er ist der Meinung, dass jede Figur eine Stimme verdient, Dialog das eigentliche Medium des Superhelden-Comics ist und das echte, unaufgeräumte, sich widersprechende menschliche Gespräch die höchste Form ist, in der Comics Wahrheit erzeugen können. Diese Überzeugung entspringt einer tiefen Wertschätzung für das Gewöhnliche. Bendis ist kein Kosmologe wie Grant Morrison, kein Moralist wie Garth Ennis und kein Romantiker wie Scott Snyder. Er ist ein Beobachter des alltäglichen menschlichen Miteinanders, und seine Superhelden sind am interessantesten, wenn sie aufhören, mythologisch zu sein, und anfangen, menschlich zu reden.

Diese Überzeugung hat kulturgeschichtliche Konsequenzen, die über das Medium Comic hinausreichen. Bendis war zusammen mit Brian K. Vaughan derjenige, der dem amerikanischen Superheldencomic der frühen 2000er-Jahre eine eigene Sprache gab, die sich an der Filmsprache orientierte, ohne diese zu imitieren. In dieser Sprache tragen Timing, Tonfall und das Ungesagte ebenso viel wie das Gesagte. Diese Sprache hat das Comicschreiben der letzten zwei Jahrzehnte stärker beeinflusst als jedes einzelne Werk. Sie hat eine Generation von Autoren hervorgebracht, die alle ein bisschen wie Bendis klingen, was zugleich seine Stärke und Bürde ist.

Die Dimension seines Werkes, darunter die Freude am Argument, an der Frage und am unabgeschlossenen Gespräch, wird selten explizit thematisiert, ist aber durchgehend spürbar. Bendis‘ Figuren lösen Probleme nicht allein durch Handeln, sondern sie diskutieren sie, umkreisen sie und nähern sich ihnen aus verschiedenen Perspektiven. Diese Gesprächskultur ist eine Weltanschauung, nämlich die Überzeugung, dass das Gespräch selbst der Punkt ist, an dem Wahrheit entsteht und nicht durch die Stille danach.

Erbe — Eine Sprache, die bleibt

Das Erbe von Brian Michael Bendis ist schwer zu benennen, da es sich nicht in einem Kanon von Meisterwerken niederschlägt, sondern in einer Sprache. Er hat dem amerikanischen Superheldencomic tatsächlich das Sprechen gelehrt, mit einer Geduld für den Dialog und einer Würde für das Gewöhnliche, wie sie in diesem Genre zuvor kaum zu finden war. Diese Leistung ist inzwischen so selbstverständlich geworden, dass sie kaum noch wahrgenommen wird, wie jede Sprache, die man gelernt hat, ohne es zu merken.

Zu den Werken, die in Erinnerung bleiben werden, zählen Ultimate Spider-Man in seiner frühen Phase als Pionier des Coming-of-Age-Superhelden-Comics, Alias als die kompromissloseste Erkundung des Traumas im Superheldenkontext und Daredevil als Beweis, dass Konsequenz – das unerbittliche Aufzeigen von Handlungsfolgen – im Superheldencomic nicht nur möglich, sondern zwingend nötig sein kann. Hinzu kommt Miles Morales als kulturgeschichtlich bedeutsame Schöpfung, deren Relevanz die Comicseiten längst überstiegen hat.

Was nicht bleibt (oder zumindest nicht ohne kritischen Vorbehalt) ist die Event-Phase: jene Jahre, in denen Bendis‘ Stimme die Marvel-Welt so vollständig ausfüllte, dass sie aufhörte, eine individuelle Stimme zu sein, und zu einem institutionellen Tonfall wurde. Das ist das Schicksal mancher großer Talente: zu erfolgreich zu sein, um unverwechselbar zu bleiben. Bendis hat dieses Schicksal mit einer bezeichnenden Produktivität akzeptiert: Er hat nie aufgehört zu schreiben und zu suchen, und er sucht noch immer. Das ist am Ende eine Form von Integrität, die sich von der eines Alan Moore oder Garth Ennis unterscheidet, aber nicht weniger echt ist. Es ist die Integrität des Gesprächs, das nicht enden will.