Eine Mythologie für England: J. R. R. Tolkiens Herr der Ringe

Es gibt sogar unter den gebildeten Leuten (oder gerade dort) die nie versiegenden Stimmen, die raunen, Tolkien habe sich bei seinem epochemachenden Werk vom zweiten Weltkrieg inspirieren lassen; dann kam John Garth und erklärte der Welt, es handle sich um den ersten Weltkrieg, den Tolkien da verarbeite. Tolkien selbst waren diese Verweise schon zu Lebzeiten suspekt – und das zurecht. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Analyse eines Literaturwissenschaftlers mehr über den Analytiker aussagt als über das eigentliche Werk. Das ist das eine. Das andere ist die Tatsache, dass man sich in Mainstream-Kreisen den Erfolg eines Fantasy-Werkes irgendwie erklären muss, um sich ihm bedenkenlos widmen zu können, und sei es, dass man zunächst einmal einen Tunnel zwischen Traum und eingebildeter Wirklichkeit graben muss, um nicht an der Imaginationskraft zu ersticken, die in einer zweckorientierten Hölle, die wir „unsere Welt“ nennen

Anthony Ryan: Das Lied des Blutes (Rabenschatten #1)

Auch wenn mir nicht alles zusagt, was bei Klett-Cotta und der Hobbit-Presse erscheint, bin ich doch immer wieder angetan von den meist geschmackvollen Aufmachungen des Verlags. Leider haben wir hier in Deutschland in den wenigsten Fällen Hardcover im Fantasy-Bereich, oft geht es um das schnelle Geld, und die Verlage werfen auf den Markt, was gerade dem Hype entspricht. Bei der Hobbit-Presse muss man sich nur mal die liebevollen und geschmackvollen Aufmachungen ihres Kerngeschäfts, die Werke von J.R.R. Tolkien, ansehen, um den Unterschied zu erkennen. Anthony Ryans „Lied des Blutes“ kommt also im Hardcover (und natürlich im Paperback); es stellt den Auftakt zu einer großartigen Geschichte, die zwar zu Beginn kein Action-Spektakel abfeuert, dafür aber herausragend erzählt ist. Gegenwärtig geht die Serie in eine neue Runde und „Das Lied des Wolfes“ ist bereits erschienen. Tatsächlich ist es so, dass hier allgemein

Steven Erikson: Die Gärten des Mondes (Das Spiel der Götter 1)

Das erste Buch einer Serie, die man lieben oder hassen wird (oder vielleicht aufgeben, bevor man das Ende des ersten Buches erreicht hat) ist nun also der Auftakt zum heiligen Gral des Fantasy-Genres. Die Serie besteht im Original aus zehn Büchern, aber Die Gärten des Mondes bereiten vermutlich am meisten Schwierigkeiten. Zwar ist es oft auch woanders so, dass man etwas Zeit benötigt, sich in Stil und Weltenbau zurechtzufinden, hier aber ist die sehr vielfältige und scheinbar endlose Besetzung von Charakteren für viele ungeübte Leser bereits ein Grund, das Buch beiseite zu legen und die Serie nicht weiter zu verfolgen. Wir begegnen Magiern und Soldaten, Menschen und Nichtmenschen, Dämonenherren und sprechenden Raben, Göttern und Niemanden, Helden und Schurken, und all dem, was sich im grauen Raum dazwischen aufhält. Es gibt sehr viele sich überschneidende Handlungsstränge – riesige Kampagnen, Assassinenkriege, magische

Die Geschichte der Fantasy (1) – Die 4 Merkmale einer unabhängigen Welt

Fantasy ist ein merkwürdiger Begriff für eine Literaturgattung, die Literatur überhaupt meint, nämlich die älteste und eigentliche Form der Literatur, die Literatur an sich (den bürgerlichen Realismus, quasi die einzige andere Strömung, kann man getrost vernachlässigen). Trotzdem gibt es Unterschiede in der Definition, denn die ungeheure Bandbreite der Fantasy enthält natürlich diverse Merkmale, die essentiell sind für die Bes‍timmung eines Genres. High Fantasy lässt sich im Großen und Ganzen damit umreißen, dass sie in einer Welt angesiedelt ist, die nicht der unseren entspricht. Hier wurde eine Welt erschaffen, die eine eigene Geographie und Kulturgeschichte aufweist. Es handelt sich dabei also um eine Zweitwelt. Viele Kritiker gehen davon aus, dass mit High Fantasy das Kerngehäuse umrissen wird, wenn wir von Fantasy sprechen. Dennoch ist dies noch ein wenig schwammig ausgedrückt. Eine Zweitwelt muss ja nicht notwendigerweise eine andere Welt sein. Tolkien

Eric Basso – Der Pestarzt, Kapitel 1

Anmerkung des Übersetzung: Diese bahnbrechende und legendäre Geschichte  begann ich zu übersetzen, bevor Eric Basso überraschend am 10. Juni 2019 verstarb. Bisher konnte das Lizenzrecht nicht geklärt werden, so dass ich mein Vorhaben aufgeben musste. Tatsächlich gehe ich auch nicht davon aus, dass dafür in Deutschland einen Markt gegeben hätte, aber eine kleine Auflage für Kenner der Weird Fiction hätte mir eine gewisse Genugtuung verschafft. Ich erlaube mir dennoch, das erste Kapitel hier zu präsentieren. Ich verstehe das als einen Kulturauftrag. Wer die Novelle im Original lesen will, kann diese in Jeff & Ann VanderMeers The Weird finden.   Jetzt werde ich versuchen, wach zu bleiben. Der Nebel. Sie müssen mich bereits vor dem Morgengrauen gesucht haben. Leere Straßen. Durch einen schwach beleuchteten Raum. Sie lag im Schatten. Die Stufen. Eine nach der anderen. Nicht, dass ich alt wäre. Es