Geschichten in Geschichten in Scott Lynchs Gentelman-Bastard-Serie

Heyne

Geschichten in Geschichten. Dies ist eine der ältesten Strukturen des Geschichtenerzählens, die bis ins alte Ägypten reichen. Allein der westliche Kanon hat – beginnend bei den Canterbury-Erzählungen über Hamlet bis zu Italo Calvons Unsichtbaren Städten – eine Fülle namhafter Werke hervorgebracht, die dem Reiz, Narrative ineinander zu schachteln, nicht widerstehen konnten. Autoren spekulativer Literatur wie Margarete Atwood oder Neil Gaiman sind ebenfalls in der Lage, diese Disziplin anzuwenden und dadurch mit einer wunderbaren Wirkung zu versehen.

Scott Lynch mag noch nicht ganz in dieser Elitegruppe mitwirken, aber es mangelt ihm weder an Talent noch an Ambitionen. Seine Gentleman Bastard-Serie (Die Lügen des Locke Lamora; 2006, Sturm über roten Wassern; 2007, Die Republik der Diebe; 2013 – und vier weitere geplanten Romane) besteht aus umfangreichen Büchern. In ihnen leben ein Gauner namens Locke Lamora und sein bester Freund, der Trickbetrüger Jean Tannen, in der flirrenden Metropole Camorr, die stark an das mittelalterliche Venedig erinnert. In dieser Hinsicht unterscheidet sich dieses Werk nicht von anderer zeitgenössischer Epic Fantasy, die George R. R. Martin oder Joe Abercrombie schreiben. Aber Lynch bringt in Die Republik der Diebe eine weitere Dimension in sein witziges, freches, pikareskes Epos ein: eben jene Geschichte in einer Geschichte, die mit Eleganz und Komplexität vorgetragen wird. (mehr …)

Der Hardboiled-Krimi

(c) Paolo Monti, 1975

Krimiautoren haben einige der besten und beständigsten Bücher der Literaturgeschichte geschrieben. Es ist die “hartgesottene” Belletristik, in der die Literatur am eloquentesten und farbenprächtigsten erblühte. Ernest Hemingway war nun zum Beispiel alles andere als ein Krimiautor, aber es gibt Hinweise darauf, dass er von Dashiell Hammett, dem ersten der großen Hardboiled-Autoren, beeinflusst wurde.

Große Überschneidungen hat das Subgenre mit dem Noir-Krimi, aber es ist nicht dasselbe. Im Noir (das wir im Zuge der großartigen Noir-Filme an anderer Stelle noch besprechen) ist der Protagonist kein Detektiv, sondern ein Opfer, ein Verdächtiger und/oder ein Täter des Verbrechens. Er oder sie ist auch eine selbstzerstörerische Person, die sich mit Korruption innerhalb und außerhalb des Systems auseinandersetzt. Im Noir wird jeder aufs Kreuz gelegt. Das unterscheidet das Subgenre von einen Hardboiled-Krimi, in dem der Detektiv eine Lösung findet.

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Thomas Ligotti

Thomas Ligotti

Als im Jahre 1992 als letzter der von Frank Rainer Scheck herausgegebenen Bände bei DuMont Die Sekte des Idioten erschien, war so etwas wie Stille im Universum. Es handelte sich dabei um ein völlig neuartiges, bis dahin nie gekanntes Gewebe dunkler Phantastik. Der Autor: Thomas Ligotti, von dem man in Deutschland bis dahin noch nichts gehört hatte.

Heute gilt Thomas Ligotti unter Kennern unbestritten als der herausragendste Horror-Autor unserer Zeit. Viele sprechen von einem “neuen Poe”, was die stilistische und atmosphärische Einzigartigkeit betrifft. Diese anspruchsvolle Einzigartigkeit führt allerdings so weit, dass er nach wie vor relativ unbekannt geblieben ist, weil er sich dem Mainstream in jeder Hinsicht verweigert und aus ihm kaum ein Unterhaltungsschreiberling gemacht werden kann. Wie man es dreht und wendet: Thomas Ligotti ist ein Literat von Weltrang, einer von sieben lebenden Autoren, die von Penguin Books in den Stand eines Klassikers erhoben wurden. Kurios ist die Situation also allemal.

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John Ajvide Lindqvist: So finster die Nacht

Bastei-Lübbe

In den letzten zwanzig Jahren waren Vampire sehr populär und allgegenwärtig; und sobald etwas populär ist, quetscht man alles daraus hervor, bis alle die Schnauze voll davon haben. Durch die jüngste Kritik an bestimmten Romanproduktionen kann man davon ausgehen, dass die Mehrheit von uns mit dem Vampir-Genre in seiner jetzigen Form nicht sehr zufrieden ist. Früher waren diese Kreaturen genau das: Kreaturen. Bösartigkeiten. Monstrositäten. Das waren keine hübschen vegetarischen Teenager. Es waren dunkle, blutrünstige Killer.

Zeit für “So finster die Nacht”, eine Geschichte, die zwar die Dimensionen einer mächtigen Freundschaft zeigt, aber auch jede Buchselte mit einer unheimlichen, schrecklichen Präsenz füllt. Keine andere Vampirgeschichte hat die Schönheit und den Horror so perfektioniert wie die von John Ajvide Lindqvist. Es ist ihm gelungen, eine Atmosphäre darzustellen, die nahezu von Terror und Spannung durchdrungen ist; es ist eine intensive Geschichte von Schönheit, die auch nach dem Zuklappen des Buches beim Leser haften bleibt.

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Der dunkle Turm 4: Der Einfluss der theoretischen Physik: Stephen King: Glas

Heyne

Der vierte Band in Stephen Kings Saga vom Dunklen Turm bietet einen Abstecher in die Vergangenheit Rolands von Gilead und erzählt, wie er wurde, was er ist. Seit dem ersten Band haben wir immer wieder kleine Einblicke in die Vergangenheit des letzten Revolvermannes bekommen, aber hier widmet sich quasi das ganze Buch seiner Geschichte.

Da mag es fast schon beiläufig scheinen, dass sich in Wizard and Glass (dt. Glas) die Kosmogonie dramatisch verschiebt und alle Werke Kings unter den Fittichen des Turms vereint. Sechs Jahre hat es gedauert, bis der Cliffhanger des vorigen Bandes – The Waste Lands – seine Fortsetzung erfuhr, aber 1997 stand dieser entscheidende Band endlich in den Regalen.

In der zwischen den Romanen liegenden Zeitspanne erschütterte Edward Witten das Gebiet der theoretischen Physik, indem er behauptete, dass unsere Existenz elf Dimensionen enthalte, wobei er sich auf John Schwarz und Michael Greenes früheres Konzept der Stringtheorie stützte. Diese Extradimensionen sind ineinander gefaltet und in einer sehr interessanten Struktur ineinander verflochten. Der Raum, den wir alle bewohnen, wäre damit präsenter als allgemein angenommen und somit ein eigener Körper.

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