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Pennywise (Das gestaltlose Böse)

(c) Warner Bros.

Zu Stephen Kings ES gibt es im Phantastikon bereits einen ausführlichen Artikel, der sich aber hauptsächlich mit dem Inhalt und der Entstehung des Romans auseinandersetzt. Da hier allerdings Pennywise als eigenständige Figur thematisiert werden soll, folgen ein paar zusätzliche Hinweise, die nicht Bestandteil des oben genannten Artikels sind.

Was ist ES?

Die Kreatur namens ES ist offensichtlich überhaupt kein Clown. Deshalb ist der Titel des Artikels auch nicht ganz korrekt. Das Wesen, das in die Popkultur eingezogen ist, ist zwar als Pennywise bekannt und hat einen ganzen Berufsstand (den des Clowns) in den Horror hineingezogen, hinter der Erscheinung steckt allerdings mehr.

(c) Carl Glover

ES ist ein uraltes böses Wesen, das vielleicht Milliarden von Jahre alt ist, so alt wie das Universum selbst. ES kommt aus der Leere, die unser gesamtes Universum enthält, das als Makroversum bezeichnet wird (in den Romanen um den dunklen Turm wird es auch als „Flitzerdunkel“ bezeichnet (orig. Todash Darkness). Die Heimdimension dieses Wesens sind die „Totenlichter“ (Deadlights). Im Roman sah Billy für einen Moment die wahre Form des Wesens in den Totenlichtern und beschrieb sie als endloses, kriechendes, haariges Wesen aus orangefarbenem Licht. Obwohl sich ES gerne als männlicher Clown namens Pennywise manifestiert, nimmt es auch die Form einer riesigen Spinne an. Sein natürlicher Feind ist ein Wesen, das als Schildkröte bezeichnet und in der dunklen Turm-Serie Maturin genannt wird. Dort ist er einer der Wächter der Balken.

(c) Kassiopeya; Derry

ES kam vor Millionen von Jahren während eines verheerenden Ereignisses auf die Erde und landete in dem Abschnitt Nordamerikas, wo schließlich 1715 die Stadt Derry, Maine erbaut werden sollte. Zu diesem Zeitpunkt erwachte das bis dahin schlummernde Wesen und begann den Kreislauf, sich von den Ängsten der Menschen zu ernähren, um dann wieder in einen Winterschlaf zu fallen, der 27 bis 30 Jahre dauert. Dabei hält sich ES vor allem an die Kinder Derrys, weil deren Ängste leichter zu manipulieren und dann in physische Form zu bringen sind. King glaubt zurecht, dass Clowns Kinder mehr als alles andere auf der Welt erschrecken. Pennywise ist zu einem Symbol geworden. Im Roman heißt der Clown allerdings Bob Gray, dem es gelingt, die Erwachsenen von Derry so zu beeinflussen, dass sie seine Angriffe auf die Kinder nicht stören.

(c) Neca; Plastikstatue

Ben Hanscom recherchiert in der Bibliothek von Derry nach der Stadtgeschichte und findet heraus, dass ES bereits seit Jahrhunderten für einen großen Teil der Katastrophen und unnatürlichen Todesfälle der Stadt verantwortlich ist, so zum Beispiel für die Explosion der Kitchener Eisenhütte, bei der 108 Menschen ums Leben kamen, darunter 88 Kinder. Das Wesen kann auch durch einen Gewaltakt aus seinem Schlaf geweckt werden. Der Roman beginnt mit einem Jungen namens Dorcey Corcoran, der 1957 von seinem Stiefvater Richard Macklin zu Tode geprügelt wird, was ES aus dem Schlaf weckt. Da das Wesen die Köpfe der Menschen von Derry manipuliert, denken sie nicht lange über diese Tragödien nach. Die Erwachsenen „vergessen“ die hohe Anzahl verschwundener Kinder und machen weiter, als ob das alles ganz normal wäre.

In erster Linie ist Es ein Gestaltwandler, der die Form annimmt, vor der sich seine Opfer am meisten fürchten. Pennywise, der Clown, der Ballons verteilt, ist allerdings seine bevorzugte physische Form. Im Roman nimmt ES neben einem obdachlosen Leprakranken, einer bereits genannten Riesenspinne oder einer Frau aus einem Gemälde noch die Formen berühmter Monster wie Dracula, den Wolfmann, die Kreatur aus der schwarzen Lagune, oder Frankensteins Monster an.

Pennywise als psychologisches Symbol

Wenn man sich fragt, warum Pennywise als Symbol so gut funktioniert, dann ist die Antwort in der psychologischen Wucht des Romans zu finden, der sicher einer der besten Horrorgeschichten aller Zeiten bereithält. Es ist zwar verständlich, dass man das gerne verfilmt sehen möchte, aber genauso verständlich, dass kaum eine King-Verfilmung je funktionieren wird. In ES geht es um Traumata und deren Bewältigung, um die Überwindung unterdrückender Kräfte, die versuchen, uns zu schwächen, zu zerstören und zu verschlingen. Das Buch ist übersät mit Metaphern über die zyklische und kathartische Natur unseres Lebens – der junge Eddie zum Beispiel lebt mit einer adipösen, alleinerziehenden Mutter, die darauf besteht, dass er krank ist. Der geheime Wunsch dahinter ist, ihr Kind für immer von ihr abhängig zu machen, damit sie selbst nie allein sein muss.

(c) Kassiopeya; Derry – die Kanalisation

Als Erwachsener nimmt Eddie immer noch sein Asthmamedizin, obwohl er weiß, dass es sich um ein Placebo handelt. Er heiratet eine fettleibige Frau, die seiner Mutter ähnlich ist und ihn manipuliert.

Beverly wurde von einem Vater aufgezogen, der sie missbrauchte, und als Erwachsene heiratet sie einen gewalttätigen, kontrollsüchtigen Mann – einen Mann, der ebenfalls körperlichen Missbrauch durch seine eigene Mutter erlitten hat. Zyklen wiederholen sich, aber sie sind in gewisser Weise therapeutisch. Diese Kinder sehnen sich nach dem Komfort des Vertrauten, auch wenn das Vertraute fast zu schmerzhaft ist, um es zu ertragen. Die Sache mit dem Missbrauch, sei es von einer überheblichen Mutter wie der von Eddie oder von einem gewalttätigen Vater wie bei Beverly, ist, dass er eine Umgebung schafft, die das einzige Leben ist, das sie kennen. Es mag sich nicht gut anfühlen, aber Wiederholung erzeugt Vertrautheit; der Missbrauch wird so zu einer Form des Trostes, besonders wenn der Täter ein Elternteil ist.

Jedes dieser sieben Kinder hat seinen eigenen Kampf geführt – angefangen bei Stans Besessenheit von Sauberkeit und der Art und Weise, wie er verspottet wird, weil er Jude ist, bis hin zu Bills Stottern und Richies allgemeiner Nerdigkeit. Mike ist schwarz in einer kleinen Stadt der 1950er Jahre voller weißer Menschen, Ben ist übergewichtig. Und vielleicht sind sie deshalb in der Lage, mit diesem unersättlichen Monster umzugehen, das sich von Kindern ernährt.

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