Angela Carter: Schwarze Venus

Traurig; so traurig die rosig-rauchigen, mauve-rauchigen Abende im Spätherbst, traurig genug, um einem das Herz zu brechen. Die Sonne verläßt den Himmel in Leichentüchern von bunten Wolken; die Qual erobert die Stadt, ein Gefühl bitterster Reue, eine Sehnsucht nach nie Gekanntem, die Qual des endenden Jahres, der untröstlichen Zeit. Im Amerika nennt man den Herbst the fall, was an den Fall Adams denken läßt, als müßte das fatale Drama des urzeitlichen Obstdiebstahles wiederkehren und immer wiederkehren, in regelmäßigem Zyklus, zu einer Jahreszeit, wo die Schuljungen die Obstgärten plündern, damit im alltäglichen Bilde ein Kind, irgendeines, jedes, sichtbar wird, das vor der Wahl zwischen Tugend und Erkenntnis immer die Erkenntnis wählt, immer den schweren Weg. Obwohl sie die Bedeutung des Wortes “Reue” nicht kennt, seufzt die Frau auf, ohne besonderen Grund.

Weiche Nebelwirbel dringen in die Gasse ein, steigen wie der Atem eines erschöpften Geistes aus dem trägen Fluß auf, sickern durch die Ritzen der Fensterrahmen, daß die Umrisse ihrer hohen, einsamen Wohnung wanken und verschwimmen. An solchen Abenden sieht man alles so, als wollten einem die Augen gleich mit Tränen übergehen.

Angela Carters dritte Sammlung erschien bei uns im Jahre 1990, fünfzehn Jahre später als das Original.

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Richard & Billy Chizmar: Widow’s Point

Obwohl ich den Buchheim Verlag schon länger verfolge, war es mir bisher nicht vergönnt, auf eine Veröffentlichung aus diesem Hause zuzugreifen. Das lag an meinem Leseprogramm und keineswegs an mangelnder Neugier, denn wie Olaf Buchheim überhaupt zu Büchern steht, ist im Zeitalter des Abfalls und der Lieblosigkeit ein kleines Wunder. Als ausgesprochener Liebhaber von Erzählungen, die bis zur Novellenstärke reichen, war ich natürlich auf die Cemetery Dance-Übersetzungen gespannt. Cemetery Dance Publications wurde 1988 von Richard Chizmar gegründet und gilt weithin als der weltweit führende Spezialverlag für Horror und dunkle Phantastik, also in etwa das, was Festa und Buchheim in unseren Landen abliefern. Anders als bei uns erfährt der Verlag jedoch in den USA landesweite Beachtung und jede große Tageszeitung Amerikas und Englands – angefangen von der New York Times bis hin zum Guardian – hat über das literarische Unternehmen der Nachtseite berichtet. Das erwähne ich nur, um den Kontrast zu unserer kulturellen Mentalität etwas herauszustellen. Darüber hinaus hat das Hauseigene Magazin alle wichtigen Genre-Preise gewonnen und liegt nahezu in jedem Kiosk aus. Die Zahl der Abonnenten steigen jährlich und somit findet hier ebenfalls eine Gegenbewegung zum sterbenden Print statt. Abgesehen von der Qualität ist das Besondere des Verlags, dass hier die größten und hellsten Sterne des Genres veröffentlicht wurden und werden, bevor die großen Verlagen auch nur eine Idee davon bekommen.

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Die Anfänge der Schauerliteratur

Zu Beginn

Gleich zu Beginn müssen wir zunächst über eine übersetzungstechnische Definition sprechen. Schauerliteratur meint hier Gothic Fiction. Das ist – wie so oft – kein adäquater Ersatz, soll uns aber hier vorerst genügen.

Was genau ist Schauerliteratur?  Und auch hier stellen wir fest, dass es keine konkrete Definition gibt, ob wir das Genre nun Gothic nennen oder nicht. Aber es gibt einige Elemente, die Schauergeschichten tendenziell gemeinsam haben. Aber nicht alle Schauermären, ob nun als Literatur oder als Film, enthalten all diese Elemente.

Es verhält sich etwa so wie bei dem Wort “postmodern”. Es ist ein unglaublich schwer fassbarer Begriff, der sich einer strengen Definition und Kategorisierung entzieht und oft mehrere Dinge auf einmal bedeuten kann.

In der Schauerliteratur geht es weniger darum, welche Art von Handlung, Setting oder Figuren enthalten sind, sondern mehr um das Gefühl, das davon hervorgerufen wird. Wir verbinden die Schauerliteratur mit alten Burgen und Geistern, weil dies beliebte Elemente innerhalb des Genres sind – aber Autoren wie Mary Shelley, H.P. Lovecraft und Robert Louis Stevenson schrieben Schauergeschichten, die ohne diese Elemente auskamen.

Untersuchen wir doch einfach die Tropen, die das verbinden, was wir unter Gothic Fiction verstehen.

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Samanta Schweblin: Sieben leere Häuser

Im Grunde ist die ganze phantastische Literatur geprägt von der kurzen Form. Hier sind die eigentlichen Meisterwerke zu finden. Viele Literaturkritiker weltweit sind davon überzeugt, dass Samanta Schweblin zu diesen Meistern gehört. Man hat die Autorin bereits in eine Reihe mit Borges und Cortázar gestellt, hat David Lynch bemüht und – fast schon konsequent – Kafka. Sicher, diese ganzen Aussagen werden vom Feuilleton getroffen und entsprechen selten der Realität (was jedem klar sein muss); man möchte den Verlagen in erster Linie Futter für ihren Umschlagtext liefern, aber auf ein paar dieser kanonischen Meister hat Schweblin als Einfluss selbst hingewiesen.

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Guy de Maupassant

Maupassant kümmerte sich nicht um die Ansprüche der Bourgeoisie oder um ein ordentlich geführtes Leben, das für ihn voller Fäulnis war. Ganz bewusst hat er den Schein und den Trug bürgerlicher Etikette aufgezeigt, durch seine Prosa wie durch seine Persönlichkeit. Allerdings hat ihn das auch sein Leben gekostet. 1893 starb er geistig umnachtet in seinem 43. Lebensjahr. Zu Lebzeiten genoss er den zweifelhaften Ruf, ein rücksichtsloser Verführer von Frauen zu sein, der jeden zu seinem Vorteil manipulieren konnte. War Maupassants Haltung ironisch, pessimistisch oder nur schockierend?

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Stephen King: Blut (Skeleton Crew)

Man kann sich kaum vorstellen, wie groß Stephen King im Jahre 1985 wirklich war. Er hatte vier Bücher gleichzeitig auf der Bestsellerliste der New York Times und zwei neue kamen gerade auf den Markt. Außerdem riss man sich um die Filmrechte an seinen Werken. Etwas Vergleichbares hatte es zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben. Nach eigenen Angaben war dieser Schriftsteller, der da im Mittelpunkt stand ein absolut Süchtiger, der monströse Mengen an Kokain schnupfte und jede Nacht literweise Bier in sich hinein schüttete. Mitten in diesem unvorstellbaren Chaos veröffentliche King Skeleton Crew, eine Sammlung mit Kurzgeschichten, die in deutscher Sprache in drei Ausgaben gepackt wurden (Im Morgengrauen, Der Gesang der Toten, Der Fornit), bevor 1992 die Gesamtausgabe als “Blut” erschien. Über Sinn und Unsinn der deutschen Titel müssen wir uns ohnehin nicht unterhalten.

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Sherlock Holmes (Das erste Fandom der Geschichte)

Sherlock Holmes ist neben Dracula jene fiktive Figur, die in der Popkultur am meisten adaptiert und inszeniert wurde. Dass der Detektiv auf der ganzen Welt bekannt ist, liegt aber nicht an den kongenialen Originalgeschichten, sondern an den unzähligen Filmen, Theaterstücken, Musicals und Comics. Fast alle Symbole und Sätze, die aus den vielen Fernseh-, Film-, Theater- und anderen grafischen Reproduktionen stammen und die heute scheinbar zum Kanon gehören – wie etwa der Deerstalker-Hut – kommen in den Texten überhaupt nicht vor. Aber während diese dazu neigen, mit der Mode zu wechseln, scheinen die Originalgeschichten von Sir Arthur Conan Doyle, die immer wieder bearbeitet werden, sich in unserem kollektiven Bewusstsein festzuhalten wie nichts vor oder nach ihnen.

Der Reichenbach-Schock

1893 stieß der Autor Sir Arthur Conan Doyle den Detektiv Sherlock Holmes von einer Klippe. Die Klippe befand sich in der Schweiz. Es sind die berühmten Reichenbachfälle, die unter ihr dahinbrausen. Aber Conan Doyle war gar nicht vor Ort, er erledigte die Drecksarbeit von seinem Haus in London aus, in dem er schrieb.

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