Der böse Ort – The Shining

Wenige Bücher zelebrieren derart die Innenschau wie The Shining. Die Situation war folgende: Ein dem Alkohol zugetaner Lehrer, der eine Familie zu versorgen hat, schreibt sich also zunächst in eine finanzielle Sicherheit hinein, um dann über einen dem Alkohol zugetanen Lehrer zu schreiben, der eine Familie zu versorgen hat und daran scheitert, sein Talent sinnvoll einzusetzen und in der Folge seine Familie umbringen will.

Shining

Inspiriert von einem Alptraum, den Stephen King während eines kurzen Aufenthalts im Stanley Hotel in Colorado hatte, das am nächsten Tag seine Pforten für die Saison schließen sollte, ist The Shining sein erstes Buch, das er aus einer finanziellen Stabilität heraus auf den Weg brachte. Die Folgeauflagen von Carrie und Brennen muss Salem waren beschlossene Sache, die Taschenbücher verkauften sich gut, ein Vertrag mit Doubleday über weitere Bücher war unterschrieben, und er konnte es sich nun leisten, mit seiner Familie nach Boulder zu gehen. Stephen King war also bereit. Und was tat er? Er öffnete sich gänzlich und blutete förmlich über alle Seiten, die er schrieb.

Wenige Bücher zelebrieren derart die Innenschau wie The Shining. Die Situation war folgende: Ein dem Alkohol zugetaner Lehrer, der eine Familie zu versorgen hat, schreibt sich also zunächst in eine finanzielle Sicherheit hinein, um dann über einen dem Alkohol zugetanen Lehrer zu schreiben, der eine Familie zu versorgen hat und daran scheitert, sein Talent sinnvoll einzusetzen und in der Folge seine Familie umbringen will.

„Ich verfasste Shining, ohne zu begreifen, dass ich über mich selbst schrieb.“

sagt King in seinem Sachbuch „Das Leben und das Schreiben.“ Er hatte schon vorher über seine Wut gesprochen, die er in den Jahren des Existenzkampfes empfand, und auch darüber, dass er oftmals einen regelrechten Zorn auf seine Kinder entwickelte. All das kommt in Jack Torrance zum Vorschein, einem nicht gerade liebevollen Vater, der seinem Sohn den Arm bricht als er wieder einmal betrunken ist (King gestand später, dass er zu dieser Zeit fast ausschließlich besoffen war). All die Jahre der Scham, der Angst, er könnte seine Familie nicht versorgen, des Gefühls, als hinge ein Mühlstein um seinen Hals. Das alles schüttelt King jetzt dank seines Erfolges ab. Als Folge wirft er seinen Erzähl-Motor an und taucht genau dort noch einmal ein. Er überträgt seine schlechteren Verhaltensweisen auf Jack Torrance, so wie man eine Kopfschmerztablette nimmt, wenn man verkatert ist.

Unterbewusst schrieb King seinen Jack Torrance als einen Akt des Exorzismus, stellte sich seinen Ängsten, die darin bestanden, die Kontrolle zu verlieren und das alles eines Tages an seinen Kindern auszulassen. All das floss nun zu Papier. Aber das geschah nicht bewusst. Es sind die stillen Passagen des Buches, die das verdeutlichen. King hat oft davon gesprochen, dass der Schreibprozess für ihn auf eine gewisse Weise dem automatischen Schreiben gleicht, von einem Gefühl, dass er das Gefäß sei und die Geschichte zu ihm käme und nicht von ihm. Die Voraussetzungen, unter denen er The Shining zu Papier brachte, waren also optimal dafür geeignet, um sein Unterbewusstsein offen legen zu können.

Da er nicht in dem Haus schreiben konnte, das seine Familie in Boulder bewohnte, mietete er sich ein Zimmer von einer Frau, die er niemals zu Gesicht bekam. Jede Woche ließ er dort einen Scheck unter einer Kaffeetasse in der Küche zurück. Hier schrieb er dieses Buch in einem Zeitraum von sechs Wochen. The Shining ist im Original ungefähr 200 000 Worte lang, was bedeutet, dass er ein tägliches Pensum von 5000 Wörtern absolvierte. Das ist eine Geschwindigkeit, bei der man nicht mehr weiß, was man zu Papier bringt. Dabei ist es egal, wie oft man das Skript später bearbeiten muss. Das Material, das auf diese Weise zum Vorschein kommt, hat Priorität. King schrieb über das, was er am besten kannte, über Alkoholismus, einen perversen Hang zur Selbstzerstörung, und – am allerwichtigsten – über die Angst, so zu werden wie sein Vater.

King wurde nicht nur von seinem Vater verlassen, als er zwei Jahre alt war, er war außerdem ein gescheiterter Schriftsteller. Und das hing während des Schreibens stets über King. In einem verworfenen Prolog zu The Shining, mit dem Titel „Before the Play“, wächst Jack Torrance heran und missbraucht seinen Sohn, weil er ebenfalls von seinem Vater missbraucht wurde. Eine Stimme flüstert ihm zu: „Was du siehst ist, was du sein wirst.“

Es ist das lastende Thema eines jeden Elternteils, seine Kinder besser erziehen zu wollen als man selbst erzogen wurde, und es scheint, als wäre dies das permanente Echo in Kings Kopf. Von Randal Flagg in „Das letzte Gefecht“ bis Bob Anderson in „Eine gute Ehe“ finden wir monströse Männer vor, die ihre Familien ruinieren oder ihre Kinder töten. Wir finden das also überall in Kings Büchern. Aber der eine, der alle in den Schatten stellt ist Jack Torrance.

Jack ist der geborene Alptraum eines jeden Schriftstellers. Gerade talentiert genug, um sich selbst in Schwierigkeiten zu bringen, gelang es ihm, einige Geschichten an große Verlagshäuser zu verkaufen. Aber er war noch nie fähig, sich an grundlegende Vereinbarungen zu halten. Er investiert sein Geld in Schnaps, wird Trocken, weil er im Suff fast ein Kind tot fährt. Eines Tages geht sein Temperament mit ihm durch. Er schlägt einen seiner Schüler, wird als Lehrer entlassen und von einem letzten verbleibenden Freund aus der Armut gerettet, der ihm einen Job als Hausmeister im Overlook Hotel in Colorado verschafft. Das ist die Horror-Version von Kings Leben, der sich zwar an seine Vereinbarungen und Versprechen stets gehalten hat, der allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht trocken war. Aber er führte seine Familie in den Reichtum und nicht etwa ins Verderben.

Als die Familie Torrance in Colorado ankommt, werden dem Leser sofort zwei Dinge bewusst. Erstens, dass es sehr schwer ist, Shining zu lesen, nachdem man Kubricks Filmadaption gesehen hat. Diese beiden Werke sind völlig unterschiedlich. Es ist schwer, nicht die Gesichter von Jack Nicholson, Shelley Duvall oder Danny Lloyd vor sich zu sehen, wenn man über diese Familie liest, oder sich das Overlook Hotel vorzustellen, ohne die endlos langen Korridore vor Augen zu haben, die Kubrick verwendete.

Das Problem daran ist, dass sich daraus falsche Erwartungen ergeben. Die Aussage des Buches ist eine radikal andere als im Film, die Höhepunkte unterscheiden sich in beiden Medien völlig. Da es nicht einfach ist, sich von dem einen Medium zu lösen, während man sich dem anderen hingibt, stellen sich hier echte Hindernisse ein. Aber es ist schließlich die Kraft, die in Kings Buch steckt, die sich gegen den Film behaupten kann. Kubrick hatte für seinen Film natürlich das richtige getan, als er wesentliche Elemente aus dem Buch eben nicht verfilmte. Die Effekte in jenen Tagen wären nicht dazu in der Lage gewesen, Kings Vision vernünftig umzusetzen.

King kritisierte Kubrick zurecht dafür, dass er jegliche übernatürlichen Elemente ausklammerte, die im Overlook Hotel am Werk sind. Er habe die Geister „psychologisiert“ und sie zu einer bloßen Vorstellung Jacks werden lassen. Kubrick beschrieb den Film als „Nur eine Geschichte über einen Mann und seine Familie, die gemeinsam verrückt werden.“ Für King aber ging es darum, aufzuzeigen, dass das Overlook von einer übernatürlichen Macht heimgesucht wird. Alles hier ist übernatürlich, nicht psychologisch. Und während Jack auf seinen Zusammenbruch zusteuert, ist es nicht sein Wahnsinn, der das Overlook zu einem bösen Ding macht, es ist umgekehrt: das Overlook treibt Jack in den Irrsinn. Und doch sind es in Kings Buch nicht so sehr die Erscheinungen, die Phantasmen oder wankenden Untoten, sondern ein psychologischer Spuk, bestehend aus bösartigen Gefühlen, psychischen Blitzschlägen, und unerklärlichen Momenten emotionaler Not.

Selbstverständlich ist da eine Frau im Bad in Zimmer 217, aber weitaus erschreckender ist der Betontunnel auf dem Spielplatz, in dem ein totes Kind umgeht, von dem man nur den Hauch einer winkenden Hand mitbekommt. Die Formschnitt-Tiere (aus den Hecken geschnitten) greifen Menschen an, aber mindestens genauso verstörend sind die Visionen vergangenen Blutvergießens. Und als Danny seine Begegnung mit einem Feuerpferd hat, dauert dies mehrere alptraumhafte Seiten lang an, und doch geschieht nicht mehr, als dass er von der Mauer fällt.

Als zweites wird beim Lesen von Shining sofort ersichtlich, dass es um Geldsorgen geht. Der Hausmeisterjob ist Jacks letzte Chance, und mehrfach weigert er sich, das Hotel zu verlassen, während der gesunde Menschenverstand längst sagt, dass es höchste Zeit ist, die Familie zu schnappen und aus dieser Hölle zu verschwinden. Warum? Weil Jack das Geld dringend nötig hat.

Zu Beginn des Buches hängt die Ehe von Jack und Wendy aufgrund der finanziellen Not an einem seidenen Faden. Das hat beide sehr verändert. Wären sie nicht so sehr gescheitert, hätten sie eine Wahl gehabt, aber die Ehe ist kaputt und so können sie sich nur dem Overlook Hotel zuwenden, in der Hoffnung, dass sie das retten wird. Eine Wahl zu haben, das ist etwas für reiche Leute, nicht für eine Familie wie die Torrances. Es ist diese Hoffnungslosigkeit, die King, der in extremer Armut aufwuchs, kenntnisreich schildert. Die Familie ist dabei zwei Gefahren ausgesetzt: einer übernatürlichen und einer ökonomischen. Die eine Angst unterfüttert dabei die andere.

King gelingt es hier, seinen literarischen Anspruch geltend zu machen, er hat etwas, was der meisten Genre-Literatur abgeht. Er zeichnet seine Figuren lebendig und gibt ihnen Zeit, sich zu entwickeln. Betrachtet man Kings Begriff „shining“ als eine Gefühlsübertragung, als ein Wissen, was der andere denkt, ohne Worte formulieren zu müssen, dann kann man das Buch ebenfalls als eine Art telepathisches Shining bezeichnen, das King auf jeden seiner Leser überträgt.

Aus vier Positionen heraus erzählt (die drei Torrances und Dick Halloran) ist das Buch eine ausführliche Reise in deren Köpfe, um dahinter zu kommen, wie sie sich – fern eines Dialoges – fühlen.

Danny und Jack kommt dabei die meiste Innenschau zu, während hingegen Wendy, bei der King davon ausging, dass sie dem Publikum ohnehin sympathisch erscheint, die wenigste Zeit zugedacht bekommt. Diese erzählerische Rotation auf die vier Figuren gelingt King ausgezeichnet. In den meisten Horror-Romanen kann man eine Szene, in der sich die Ehepartner in ihre getrennten Betten legen und einschlafen, lässig überfliegen, aber Kapitel 21: Nachtgedanken in Shining ist eines der packendsten des ganzen Buches. Während sich King zwischen Danny, Wendy und Jack bewegt, als diese nach einem langen Tag gerade in den Schlaf finden, erkennen wir die ersten Sprösslinge von Jacks drohendem Zusammenbruch. Wendy beschließt, mehr Rückgrat zu zeigen und etwas zu unternehmen, und Danny wird klar, dass es zu spät für sie ist, dem zu entkommen, das da im Overlook Hotel auf sie lauert.

In Jack Torrance wird Kings furchtbarste Angst lebendig: ein alkoholkranker mittelmäßiger Schriftsteller zu sein, der kurz davor steht, seine Familie zu zerstören. Allerdings wird der Unterschied zwischen King und Torrance spätestens in Kapitel 32 klar. Das ist der Punkt, an dem Jack endgültig die letzte Grenze zum Wahnsinn überschreitet. In diesem Kapitel liest er noch einmal das Manuskript, an dem er die ganze Saison gearbeitet hat und wird sich bewusst, dass er seine Figuren verachtet, er will sie leiden lassen. Sollte bis dahin noch irgend ein Leser daran gezweifelt haben, dass Jack verrückt wird, ist hier der Augenblick gekommen, an dem das völlig klar wird. Für King ist der Verlust der Sympathie gegenüber den eigenen Figuren ein Zeichen verdorbener Fantasie. Es ist Kings größtes Tabu, und eines, das er niemals brach. Ganz egal, wie übel die Figur ist, er findet stets einen Weg, sie zu mögen. Sogar Jack Torrance.

Diese Herangehensweise, selbst für den Teufel Verständnis aufzubringen, mag Kings Weg sein, sich selbst darüber klar zu werden, dass er kein Jack Torrance ist. Trotz all seiner selbstzerstörerischen Tendenzen, trotz all seiner Wut, die er hin und wieder auf seine Familie empfand, trotz all der Leiden, der Zweifel, hörte er niemals auf, seine Figuren zu lieben, selbst die ganz üblen. Und in Shining schrieb er über die schlimmste Figur, die er sich vorstellen konnte: sich selbst.

Pennywise – Das gestaltlose Böse

ES ist ein uraltes böses Wesen, das vielleicht Milliarden von Jahre alt ist, so alt wie das Universum selbst. ES kommt aus der Leere, die unser gesamtes Universum enthält, das als Makroversum bezeichnet wird (in den Romanen um den dunklen Turm wird es auch als „Flitzerdunkel“ bezeichnet (orig. Todash Darkness). Die Heimdimension dieses Wesens sind die „Totenlichter“ (Deadlights). Im Roman sah Billy für einen Moment die wahre Form des Wesens in den Totenlichtern und beschrieb sie als endloses, kriechendes, haariges Wesen aus orangefarbenem Licht. Obwohl sich ES gerne als männlicher Clown namens Pennywise manifestiert, nimmt es auch die Form einer riesigen Spinne an. Sein natürlicher Feind ist ein Wesen, das als Schildkröte bezeichnet und in der dunklen Turm-Serie Maturin genannt wird. Dort ist er einer der Wächter der Balken.

ES kam vor Millionen von Jahren während eines verheerenden Ereignisses auf die Erde und landete in dem Abschnitt Nordamerikas, wo schließlich 1715 die Stadt Derry, Maine erbaut werden sollte. Zu diesem Zeitpunkt erwachte das bis dahin schlummernde Wesen und begann den Kreislauf, sich von den Ängsten der Menschen zu ernähren, um dann wieder in einen Winterschlaf zu fallen, der 27 bis 30 Jahre dauert. Dabei hält sich ES vor allem an die Kinder Derrys, weil deren Ängste leichter zu manipulieren und dann in physische Form zu bringen sind. Stephen King glaubt zurecht, dass Clowns Kinder mehr als alles andere auf der Welt erschrecken. Pennywise ist zu einem Symbol geworden. Im Roman heißt der Clown allerdings Bob Gray, dem es gelingt, die Erwachsenen von Derry so zu beeinflussen, dass sie seine Angriffe auf die Kinder nicht stören.

Ben Hanscom recherchiert in der Bibliothek von Derry nach der Stadtgeschichte und findet heraus, dass ES bereits seit Jahrhunderten für einen großen Teil der Katastrophen und unnatürlichen Todesfälle der Stadt verantwortlich ist, so zum Beispiel für die Explosion der Kitchener Eisenhütte, bei der 108 Menschen ums Leben kamen, darunter 88 Kinder. Das Wesen kann auch durch einen Gewaltakt aus seinem Schlaf geweckt werden. Der Roman beginnt mit einem Jungen namens Dorcey Corcoran, der 1957 von seinem Stiefvater Richard Macklin zu Tode geprügelt wird, was ES aus dem Schlaf weckt. Da das Wesen die Köpfe der Menschen von Derry manipuliert, denken sie nicht lange über diese Tragödien nach. Die Erwachsenen „vergessen“ die hohe Anzahl verschwundener Kinder und machen weiter, als ob das alles ganz normal wäre.

In erster Linie ist ES ein Gestaltwandler, der die Form annimmt, vor der sich seine Opfer am meisten fürchten. Pennywise, der Clown, der Ballons verteilt, ist allerdings seine bevorzugte physische Form. Im Roman nimmt ES neben einem obdachlosen Leprakranken, einer bereits genannten Riesenspinne oder einer Frau aus einem Gemälde noch die Formen berühmter Monster wie Dracula, den Wolfmann, die Kreatur aus der schwarzen Lagune, oder Frankensteins Monster an.

Pennywise als psychologisches Symbol

Wenn man sich fragt, warum Pennywise als Symbol so gut funktioniert, dann ist die Antwort in der psychologischen Wucht des Romans zu finden, der sicher einer der besten Horrorgeschichten aller Zeiten bereithält. Es ist zwar verständlich, dass man das gerne verfilmt gesehen hat, aber genauso verständlich, dass kaum eine King-Verfilmung je funktionieren wird und für Fans deshalb keine Option ist. In ES geht es um Traumata und deren Bewältigung, um die Überwindung unterdrückender Kräfte, die versuchen, uns zu schwächen, zu zerstören und zu verschlingen. Das Buch ist übersät mit Metaphern über die zyklische und kathartische Natur unseres Lebens – der junge Eddie zum Beispiel lebt mit einer adipösen, alleinerziehenden Mutter, die darauf besteht, dass er krank ist. Der geheime Wunsch dahinter ist, ihr Kind für immer von ihr abhängig zu machen, damit sie selbst nie allein sein muss.

Als Erwachsener nimmt Eddie immer noch sein Asthmamedizin, obwohl er weiß, dass es sich um ein Placebo handelt. Er heiratet eine fettleibige Frau, die seiner Mutter ähnlich ist und ihn manipuliert.

Beverly wurde von einem Vater aufgezogen, der sie missbrauchte, und als Erwachsene heiratet sie einen gewalttätigen, kontrollsüchtigen Mann – einen Mann, der ebenfalls körperlichen Missbrauch durch seine eigene Mutter erlitten hat. Zyklen wiederholen sich, aber sie sind in gewisser Weise therapeutisch. Diese Kinder sehnen sich nach dem Komfort des Vertrauten, auch wenn das Vertraute fast zu schmerzhaft ist, um es zu ertragen. Die Sache mit dem Missbrauch, sei es von einer überheblichen Mutter wie der von Eddie oder von einem gewalttätigen Vater wie bei Beverly, ist, dass er eine Umgebung schafft, die das einzige Leben ist, das sie kennen. Es mag sich nicht gut anfühlen, aber Wiederholung erzeugt Vertrautheit; der Missbrauch wird so zu einer Form des Trostes, besonders wenn der Täter ein Elternteil ist.

Jedes dieser sieben Kinder hat seinen eigenen Kampf geführt – angefangen bei Stans Besessenheit von Sauberkeit und der Art und Weise, wie er verspottet wird, weil er Jude ist, bis hin zu Bills Stottern und Richies allgemeiner Nerdigkeit. Mike ist schwarz in einer kleinen Stadt der 1950er Jahre voller weißer Menschen, Ben ist übergewichtig. Und vielleicht sind sie deshalb in der Lage, mit diesem unersättlichen Monster umzugehen, das sich von Kindern ernährt.

Stephen King – Der amerikanische Meister

Die Kontroverse um den literarischen Wert von Stephen King muss hier nicht wiederholt werden (obwohl wir dies im Laufe der Besprechungen seiner Werke tun müssen), der Autor hat sich von Anfang an selbst in die Falle manövriert: Wer sein eigenes Werk als das literarische Äquivalent eines Burgers mit Pommes bezeichnet, wird von einem leichtgläubigen Publikum schließlich auch so wahrgenommen. Das Problem an der Sache: Es stimmt nicht. Zwar ist es nicht falsch, King nicht zu mögen oder nicht lesen zu wollen (man pflegt seine Abneigungen, ob begründet oder nicht), aber eine echte Kritik kann nur entstehen, wenn man eine Ahnung hat, wovon man spricht.

Stephen King an seinem Arbeitsplatz

Natürlich habe ich immer auch King gelesen, einen Meister der Erzählkunst und in der Tat einen der begabtesten Autoren, die Amerika je hervorgebracht hat. Denis Scheck, einer der wenigen deutschen Kritiker, die nicht von der Ignoranz geblendet werden, hat King einmal den Charles Dickens unserer Zeit genannt. Nun muss man natürlich wissen, dass auch Dickens wegen seiner Popularität angeklagt wurde, was heute niemanden mehr interessiert. Und wie Dickens wird auch King in ein paar hundert Jahren gelesen werden (falls unsere substanzlose Rasse so weit kommt), was auf manche Lieblinge der Gralshüter sicher nicht zutreffen wird, weil sie tatsächlich nichts Ewiges zu verkünden haben.

Stephen King hat oft genug die Geschichte erzählt, wie ein Fan ihn erkannte und sagte: „Du bist Stephen King! Ich liebe all deine Filme!“ Anfangs musste King den Leuten noch erklären, dass er Schriftsteller ist und die Filme auf seinen Büchern basieren. Diese kleine Anekdote mag übertrieben klingen, aber sie zeigt die Tendenz, Literatur nicht mehr als solche wahrzunehmen, sondern von vornherein zu entscheiden, ob ein Buch als Vorlage für einen Film geeignet ist oder nicht. Da King der am häufigsten verfilmte Autor überhaupt ist, ergibt sich hier das eigentliche Dilemma. Die überwältigende Mehrheit dieser Filme ist künstlerischer Schrott – und das verweist in der öffentlichen Wahrnehmung auf Stephen King. So schweben Kings Ideen frei im Raum, und weniger begabte Künstler stürzen sich auf seine Stoffe, adaptieren sie und zerstören damit eigentlich ein erstaunliches literarisches Erbe.

Von Anfang an haben Kings düstere Parabeln die Ängste des ausgehenden 20. Als stellvertretender Erzähler in „Der Nebel“ erklärt King seine Mission:

„Wenn die Technologien versagen, wenn… religiöse Systeme versagen, müssen die Menschen etwas haben. Selbst ein Zombie, der durch die Nacht taumelt“, ist ein „heiterer“ Gedanke im Angesicht einer „sich auflösenden Ozonschicht“.

Kings Fiktionen beginnen an Orten, die für Amerikaner der Fernsehgeneration akzeptabel sind, in amerikanischen Vorstädten oder Kleinstädten – in Derry, Maine, oder Libertyville, Pennsylvania – und haben die Vertrautheit des Nachbarhauses und des 24-Stunden-Ladens. Die Figuren haben die vertraute zweidimensionale Realität des Kitsches: Sie entstammen Klischees wie dem High-School-„Streber“ oder dem braven Kind. Von diesen Orten aus bewegen sie sich filmisch durch eine Atmosphäre, die von der populären Mythologie inspiriert ist. King wendet naturalistische Methoden auf eine von der Populärkultur geschaffene Umgebung an. Diese bereits vermittelte Realität lässt sich leicht in übernatürliche Begriffe übersetzen, die eine alptraumhafte Qualität annehmen. Kings Vorstellungskraft ist vor allem archetypisch: Seine „Pop“-Vertrautheit und sein jugendlicher Humor schöpfen aus dem kollektiven Unbewussten.

In „Danse Macabre“, einer Studie über das zeitgenössische Horrorgenre, die die gegenseitige Befruchtung von Fiktion und Film betont, unterteilt er sein Thema in vier „Monster-Archetypen“: den Geist, das „Ding“ (oder von Menschen geschaffene Monster), den Vampir und den Werwolf. Wie bei seiner Fiktion sind seine Quellen die klassischen Horrorfilme der 1930er Jahre, die von der Pulp- und Filmindustrie der 1950er Jahre aufgegriffen wurden. Er verweist auf ihre Ableitungen aus dem Schauerroman, dem klassischen Mythos, den Volksmärchen der Gebrüder Grimm und der mündlichen Überlieferung im Allgemeinen. In einem Zeitalter der Angst, in dem man dem Mythos skeptisch und zugleich hungrig gegenübersteht, ist das Grauen im Grunde beruhigend und kathartisch; der Geschichtenerzähler verbindet die Rollen des Arztes und des Priesters als Hexendoktor, als „Sündenesser“, der die Schuld und die Angst seiner Kultur auf sich nimmt. Im Neoprimitivismus des späten zwanzigsten Jahrhunderts haben diese alten Rollen und Monster eine neue Mystik angenommen.

In „Kinder brauchen Märchen“ (1976) behauptet der Psychologe Bruno Bettelheim, dass der Zauber und die Schrecken des Märchens existenzielle Probleme in Formen darstellen, die Kinder verstehen können. Die paranormalen Schrecken Kings haben eine ähnliche kathartische und erzieherische Funktion für Erwachsene; sie externalisieren die Traumata des Lebens, insbesondere die der Adoleszenz.

Die etwas ermüdende Meinung vieler ist, King als Autor von Horrorgeschichten abzutun, obwohl er längst als Chronist der amerikanischen Gegenwart bekannt ist (und darüber hinaus jedes literarische Genre beherrscht und schreibt). Dass er das Übernatürliche als Stilmittel einsetzt, ändert nichts daran, dass er einer der besten Figurenzeichner der Literaturgeschichte ist; und einer der besten Erzähler. Eigentlich gibt es nur zwei literarische Gattungen: den begrenzten bürgerlichen Realismus und die weite Welt der phantastischen Literatur. King verbindet beide auf nicht immer perfekte Weise, was ihm aber zugute zu halten ist.

Das Unvollkommene ist das Ehrliche, das jedem großen Schriftsteller innewohnt. In seinen Niederungen kann man also tatsächlich den Burger mit Pommes finden. Ich will beides. Die Filetstücke hervorheben und über das Fastfood schmunzeln.

Ich möchte die Arbeit von Michael Collins, Professor für englische Literatur, erwähnen, weil er einer der ersten war, der sich wissenschaftlich mit Kings Werk auseinandergesetzt hat. Anfang der 1980er Jahre galt King als ungeeignet für die Lektüre ernsthafter Literaturstudenten. Dieser Snobismus, den es also auch in einem literarisch aufgeschlossenen Land wie den USA gab, war für Collins inakzeptabel (für Deutschland gilt das wohl für alle Zeiten). Einer der Gründe, warum Collins mit Kings Werk arbeiten wollte, war der kolportierte Unterschied zwischen Literatur und Trivialliteratur. Seine Studien über das Schreiben im Mittelalter und in der Renaissance hatten ihm gezeigt, dass Leser und Gelehrte während des größten Teils der Geschichte des geschriebenen englischen Wortes keine solche Unterscheidung getroffen hatten. Der Glaube, dass ein kommerziell erfolgreicher Autor auch künstlerisch verdächtig sein müsse, war ein ziemlich neues Konstrukt. Wir haben es vorhin von Charles Dickens gehört, aber Collins behauptet in einem seiner Artikel sogar, Shakespeare sei der König seiner Zeit gewesen. Das war natürlich ein starkes Stück für die Fundamentalisten, die nicht verstehen, wie Literatur wirklich funktioniert und was sie wirklich ist.

Collins ist es zu verdanken, dass King zu einer Institution mit einem eigenen wissenschaftlichen Gerüst wurde. Heute kann jeder fortgeschrittene College-Abschlüsse in spekulativer Literatur erwerben, oft mit dem Schwerpunkt King.

Doch nicht nur Collins allein ist zu erwähnen, sondern auch eines der ersten Bücher, die Kings Werk mit frühen Meistern vergleicht: Tony Magistrales einflussreiches „Landscape of Fear“ aus dem Jahre 1988. Dieses Buch trug dazu bei, King in das Gespräch der Hochkultur mit einzubeziehen. Auch Verlage wie Cemetery Dance haben eine lange Tradition der King-Kritik und – in jüngerer Zeit – Pennywise Dreadful (eine professionell betriebene Online-Präsenz mit King-Exegesen) haben sich Magistrales Erbe zu eigen gemacht. Alle diese King-Chronisten haben bewiesen, dass King mehr Fleisch an den Knochen hat, als Ignoranten glauben. Mit Hilfe literarischer und linguistischer Theorien wollte Magistrale beweisen, dass Kings Werk einen Grad an sprachlicher Komplexität aufweist, der ihm oft nicht zugestanden wird.

King machte es sich selbst nicht immer leicht, vom bürgerlichen Establishment ernst genommen zu werden, etwa wenn er in einem albernen Werbespot für American Express als er selbst auftrat und in einer rauchverhangenen Jacke in einem Geisterhaus herumturnte. Bis zur Jahrhundertwende hatte King Alkoholismus, Drogenabhängigkeit und einen beinahe tödlichen Unfall im Jahr 1999 überlebt, als er bei einem Spaziergang auf der State Route 5 in Maine von einem Lieferwagen angefahren wurde.

Im Jahr 2000 erschien mit „Das Leben und das Schreiben“ eine reifere und nüchternere Version des Mannes, der seine Bücher einmal mit Big Macs verglichen hatte. Diese Memoiren waren eine Beichte und eine Anleitung zum Schreiben, vielleicht eines der besten Werke über das Schreiben neben Mario Vargas Llosas „Briefe an einen jungen Schriftsteller“. Selbst der hartnäckigste Kritiker des Kings konnte nicht leugnen, dass es darin auch kluge Ratschläge gab. Es war auch unmöglich, so zu tun, als sei King nicht in der Lage, in mehr als einem Genre einen Beitrag zu leisten. King wurde von Präsident Obama mit der National Medal of the Arts 2014 ausgezeichnet, was gut zu seinem National Book Award 2003 passt (eine Seltenheit für einen „populären“ Schriftsteller), seinem O. Henry Award 1996 und einer langen Liste weiterer literarischer Auszeichnungen. „King hat das erreicht, was ich die Trilogie des Erfolgs als Schriftsteller in Amerika nenne“, sagt der langjährige King-Kritiker Stephen J. Spignesi, der Kings Karriere mit der von John Steinbeck vergleicht:

„Er ist erfolgreich im akademischen Bereich, im populären Bereich und begehrt bei den Sammlern“.