Fünf Mal Peter Parker: Die großen Spider-Man-Serien im Vergleich

Amazing Spider-Man — Der Ursprung aller Dinge

Amazing Spider-Man
© Marvel

Wer über Spider-Man-Serien sprechen oder schreiben möchte, kommt an Amazing Spider-Man nicht vorbei – dem Herzstück, aus dem alle anderen Geschichten rund um den beliebtesten Netzschwinger der Welt hervorgegangen sind. Im März 1963 erblickte die erste Ausgabe dieser Serie das Licht der Welt und folgte damit der bahnbrechenden Debütgeschichte aus Amazing Fantasy #15, die bereits im August 1962 erschienen war. Stan Lee und Steve Ditko schufen mit ihrer Zusammenarbeit nicht weniger als eine Revolution im amerikanischen Mainstream-Comic-Genre. Zum ersten Mal war ein Teenager nicht bloß der Sidekick eines erwachsenen Helden, sondern die zentrale Figur seiner eigenen Geschichte. Das mag aus heutiger Sicht selbstverständlich erscheinen, doch damals war es bahnbrechend. Superhelden waren bis dahin meist überlebensgroße Figuren – Erwachsene, Kriegsveteranen, Halbgötter. Und dann kam Peter Parker: ein unsicherer Teenager aus Queens, geprägt von seinem Alltag in der Highschool und dem tragischen Verlust seines Onkels – ein Verlust, den er sich selbst zuschreibt und dessen Schuld er sein Leben lang mit sich trägt. Dieser neue Ansatz veränderte 1963 nicht nur eine Comicserie, sondern das gesamte Genre.


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Daredevil – Der Mann ohne Furcht

Ein Junge und ein Unfall

Daredevil 1964
© Marvel 1964

Matt Murdock verliert sein Augenlicht in jungen Jahren, als ein mit radioaktivem Material beladener Lastwagen verunglückt und ein Kanister ihn direkt ins Gesicht trifft. Als er wieder zu sich kommt, wird ihm klar: Die Dunkelheit ist nun sein ständiger Begleiter. Auf den ersten Blick wirkt diese Tragödie wie der Beginn einer typischen Superhelden-Geschichte – ein schicksalhafter Unfall, der außergewöhnliche Fähigkeiten freisetzt und zur Lebensaufgabe wird. Doch was Autor Stan Lee und Zeichner Bill Everett 1964 aus dieser Prämisse schufen, übertraf die Konventionen des Genres mit einer beeindruckenden Finesse. Die Strahlung, die Matt die Sicht nahm, verstärkte im Gegenzug all seine anderen Sinne ins Übermenschliche. Sein Gehör ist so sensibel, dass er selbst das leise Pochen eines Herzschlags durch eine massive Betonwand wahrnimmt. Seine Zunge erkennt den Geschmack von Adrenalin in der Luft, wenn jemand vor Angst zittert. Sein Tastsinn ist so geschärft, dass er selbst die feinsten Vertiefungen auf einer Visitenkarte ertasten kann, die anderen verborgen blieben. Und dann ist da sein bemerkenswerter Radarsinn, der ihm eine mental-kartografische Wahrnehmung seiner Umgebung verschafft – eine weitaus präzisere Art des „Sehens“, als es jeder Mensch mit gesunden Augen je erleben könnte. Mit diesen Fähigkeiten formt sich Matt Murdock zu Daredevil, einem Helden, der mit Geschick und Mut in eine Welt eintaucht, die sowohl düster als auch voller Möglichkeiten ist. Es ist die Kombination aus Tragik, Eleganz und Innovation, die diese Figur bis heute zu einer Ikone unter den Superhelden macht.

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Chris Claremont & die politische Imagination des Superheldencomics

Suffolk, New York und die Herkunft eines politischen Auges

Christopher Simon Claremont wurde am 25. November 1950 in Bury St Edmunds, Suffolk, England, geboren und immigrierte als Kind mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten. Das Gefühl, fremd zu sein, sollte sein ganzes späteres Werk prägen. Er wuchs in New York auf, studierte am Bard College und arbeitete in den 1970er Jahren als Redaktionsassistent bei Marvel Comics. 1975 übernahm er die Serie Uncanny X-Men, die damals nicht mehr gut lief. Doch er schrieb sie bis 1991, ohne eine Pause zu machen. Das ist in der Geschichte des amerikanischen Seriencomics fast ohne Beispiel

Chris Claremont während der Galaxy Con Richmond in Richmond, VA im März 2026
Chris Claremont während der Galaxy Con Richmond in Richmond, VA im März 2026

Um die Tragweite dieser Leistung zu verstehen, muss man wissen, wie es um die X-Men stand, als Claremont 1975 die Serie übernahm. 1963 von Stan Lee und Jack Kirby begründete wurde die Serie nach zwölf Jahren eingestellt, da sie sich nicht verkaufte. Sie erschien nur noch in Reprint-Heften. Die Figuren – Cyclops, Marvel Girl, Iceman, Beast und Angel – waren freundliche, generische Teenager, deren mutante Andersartigkeit kaum mehr als ein dramaturgisches Mittel war. Claremont übernahm, im wahrsten Sinne des Wortes, eine tote Serie und verwandelte sie in das kulturell bedeutsamste Superheldencomic des letzten Viertels des 20. Jahrhunderts.

Claremont hatte kein Talent fürs Zeichnen, weil er ausschließlich Autor war. Auch technisch war er nicht besonders versiert. Aber erbrachte eine politische Vorstellung mit und ein Gespür dafür, dass die Geschichte der X-Men eine Allegorie der amerikanischen Bürgerrechtsgeschichte ist.

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Silver Surfer – Norrin Radd von Zenn-La

Ungeplant

Fantastic Four #50

Die Entstehung des Silver Surfer ist eine der schönsten Schöpfungsgeschichten des amerikanischen Comics, weil es nämlich keine gab. Jack Kirby zeichnete im Frühjahr 1966 die dreiteilige Galactus-Geschichte für Fantastic Four #48–50. Plötzlich, ohne Absprache mit Stan Lee und ohne entsprechende Anmerkung im Skript, erschien auf einer Seite eine neue Figur. Ein silberfarbenes, nacktes Wesen auf einem kosmischen Surfbrett, das durch die Sterne reitet und dem unvorstellbar mächtigen Galactus vorausgeht wie ein Herold dem König. Als Lee das fertige Artwork öffnete und die Figur sah, war er, nach eigener Aussage, sofort überwältigt.

Kirby erklärte später, dass der Herold als dramatisches Konzept notwendig war. Galactus brauchte jemanden, der seine Ankunft ankündigt und zwischen dem Kosmischen und dem Menschlichen vermittelt. Warum dieser Herold jedoch genau so aussah – also silbern, glatt, und ohne Gesicht im eigentlichen Sinne, auf einem Brett wie ein einsamer Surfer auf einem Ozean ohne Ufer, kam aus einer Intuition, die Kirby nicht in Worte fassen konnte. Es war das Bild, das einfach entstehen musste. Und es war von Anfang an mehr als nur eine Nebenfigur.

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Brian Michael Bendis und die Revolution der Comicsprache

Cleveland und der Weg durch den Noir

Brian Michael Bendis

Brian Michael Bendis wurde 1967 in Cleveland, Ohio, geboren, einer Stadt, die in der amerikanischen Kultur eine besondere Rolle spielt. Die älteste Industrieregion der USA, Nachkriegsverfall, das langsame Verschwinden wirtschaftlcher Gewissheiten, und gleichzeitig eine jüdische Gemeinschaft, deren Kulturleben eine eigene Dichte und Wärme besitzt. Man erkennt diese Herkunft in Bendis‘ Werk, genauso wie man sie in Stan Lees Tonfall oder Garth Ennis‘ nüchterner Art erkennt. Sie zeigt sich in der Bodenhaftung, im Sinn für das Konkrete und in der Abneigung gegen das Abstrakt-Heroische. All das hat Bendis‘ Zugang zum Superhelden-Genre von Beginn an geprägt.

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Tom King und die Poetik des traumatisierten Helden

Langley und die andere Art des Wissens

Bevor Tom King Comicautor wurde, war er CIA-Agent. Diese Tatsache wird in nahezu jeder Rezension seiner Werke erwähnt – und unterschätzt. Es ist verlockend, das als biografische Würze zu behandeln, als exotisches Detail, das die übliche Karriere des Comicautors, der im Keller sitzt, umgeben von Stapeln alter Hefte und davon träumt, selbst etwas zu erschaffen, erheblich aufpeppt. Wer Kings Werk aufmerksam liest, erkennt sofort: Diese Biografie ist das Fundament, auf dem all seine Themen mit dieser charakteristischen Tonlage basieren.

King wurde 1978 in Washington, D.C. geboren. Er studierte Englische Literatur an der Columbia University und trat nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in den Dienst der CIA ein – eine Entscheidung, die er selbst als Reaktion auf das Trauma jenes Tages beschreibt. Er arbeitete als Counterterrorism Operations Officer und war unter anderem im Irak und in Afghanistan stationiert. Seine Aufgaben beschrieb er in Interviews mit der typischen Mischung aus Offenheit und professioneller Auslassung. Er hat Menschen rekrutiert, Menschen gefährdet und Menschen verloren. Er operierte in Zonen, in denen die Grenzen zwischen Schutz und Schaden routiniert überschritten wurden. Diese Erfahrung ist zwar so nicht in die Sprache des Comics übertragbar, hinterlässt jedoch eine Art moralisches Grundrauschen in jedem Text, den King seither geschrieben hat.

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Im Tempel des Spektakels: Todd McFarlane

Calgary und die Energie des Außenseiters

Todd McFarlane von Gage Skidmore

Todd McFarlane wurde am 16. März 1961 in Calgary, Alberta, geboren und wuchs in Spokane, Washington, auf. Seine Kindheit zwischen dem kanadischen Westen und dem amerikanischen Nordwesten verlief fernab der kulturellen Zentren, in denen die amerikanische Comicgeschichte traditionell geschrieben wurde. McFarlanes stammt aus einer bodenständigen Mittelschicht, wo man sich durch harte Arbeit und nicht durch Träumereien zu beweisen hatte. In seiner Jugend war er ein leidenschaftlicher Baseballspieler und machte dabei eine Erfahrung, die seine spätere Karriere als Unternehmer und Innovator mehr prägte als jede kunsttheoretische Überlegung.

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Der Architekt des Traums: Stan Lee

Die Bronx und die Geburt eines Namens

Stanley Martin Lieber wurde am 28. Dezember 1922 in New York City als Sohn jüdisch-rumänischer Einwanderer geboren, die in der Bronx eine bescheidene Existenz führten. Nach der Großen Depression fand sein Vater, ein Kleiderschneider, kaum noch regelmäßige Arbeit, sodass die Familie mehrfach umzog, aber immer innerhalb des gleichen Milieus blieb. In dicht bewohnte Mietskasernen mit der Geräuschkulisse der Stadt als permanente Begleitung und dem Bewusstsein, dass Aufstieg zwar möglich, aber keineswegs garantiert war. In diesem Umfeld entwickelte Lieber früh eine Leidenschaft für das Kino, für Literatur, für Errol Flynn und für die Idee, dass Geschichten Menschen aus ihrem Alltag herausheben können, wenn auch nur vorübergehend und illusorisch. Manche überleben seelisch allerdings nur deshalb.

via Stan Lee Legacy

Mit siebzehn Jahren begann er als Assistent bei Timely Comics, einem kleinen Verlagshaus, das Comichefte produzierte, was damals noch ein kaum ernstzunehmendes Medium war, das sich in den Kioskregalen zwischen Groschenromanen und Pulp-Magazinen behaupten musste. Er brachte Kaffee, löschte Tintenflecken und erledigte Botengänge. Dass er schon bald selbst schreiben würde, war weniger seinem Talent als der Gelegenheit geschuldet. Der Betrieb war klein, der Bedarf groß und er war vor Ort. Sein erster Text war eine zweiseitige Füllgeschichte in einem Captain-America-Heft, die er unter einem Pseudonym veröffentlichte: Stan Lee. Er wollte, so sagte er später, seinen richtigen Namen für die große Literatur aufheben, die er noch zu schreiben beabsichtigte. Die große Literatur kam nie. Stan Lee blieb, wo er war. Und wurde unsterblich.

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Der Ketzer aus Belfast: Garth Ennis

Belfast und die Formung eines Blicks

Garth Ennis via Marvel Fandom

Garth Ennis wurde 1970 in Holywood im County Down in Nordirland geboren und wuchs in Belfast auf, einer Stadt, die in den 1970er- und frühen 1980er Jahren buchstäblich im Krieg mit sich selbst lag. Der jahrzehntelang andauernde bewaffnete Konflikt zwischen republikanischen und unionistischen paramilitärischen Gruppen sowie der britischen Armee prägte den Alltag Belfasts mit einer Intensität, die für Außenstehende kaum vorstellbar ist: überall musste man Checkpoints passieren, Bombendrohungen und die allgegenwärtige Präsenz des Todes als politisches Instrument waren an der Tagesordnung. Ennis hat in Interviews stets betont, dass er sich an diese Kindheit nicht bewusst erinnert, und gerade diese scheinbare Beiläufigkeit ist dann doch recht aufschlussreich. Man wächst nicht in einem Kriegsgebiet auf, ohne eine bestimmte Beziehung zur Gewalt zu entwickeln, und sei es ein nüchternes Wissen darum, was Gewalt ist und was sie mit Menschen macht.

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Doctor Strange – Hüter der Realität

Ein Sturz in die Tiefe

Strange Tales #110
Strange Tales #110

Es gibt eine sehr kleine Kategorie von Comicfiguren, bei denen man sagen kann: Ohne eine bestimmte Persönlichkeit hinter dem Zeichentisch wäre die Figur buchstäblich undenkbar. Doctor Strange gehört eindeutig in diese Kategorie, und die Persönlichkeit ist Steve Ditko. Als Stan Lee und Ditko die Figur im Juli 1963 in Strange Tales #110 debütieren ließen, war das Marvel-Universum gerade dabei, sich mit einer Geschwindigkeit zu erfinden, die selbst Beteiligte später kaum fassen konnten. Innerhalb von drei Jahren hatte Jack Kirby die Fantastic FourThor und die New Gods mitaufgebaut, während Lee und Ditko den Spider-Man erschufen. Doctor Strange war ganz anders als die anderen. Er war so leise wie ein Kammermusikstück in der Bigband-Ära.

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