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Eine Dame verschwindet

(c) Concorde

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Hitchcock und Eisenbahnen gehören zusammen wie eine Lokomotive und ihr Tender. Er liebte sie, sie sind prominent in seinem Werk, am wichtigsten jedoch in Eine Dame verschwindet. Vieles von dem, was hier passiert, kann nur auf einer Eisenbahnfahrt passieren – Passagiere, die gemeinsam durch einen Lawinensturz aufgehalten werden, unterschiedliche Klassen, die voneinander getrennt sind, Fremde, die sich begegnen, während sie unterwegs sind, ein Lokführer, der im Kreuzfeuer stirbt, ein Waggon, der auf einen Nebengleis geleitet wird, ein unerschrockener Held, der sich außerhalb eines schnell fahrenden Zugs von einem Wagen zum anderen kämpft, während andere Lokomotiven an ihm vorbeirasen, Hinweise in Form eines Namens, der durch den Dampf auf einem Fenster sichtbar wird, und einem Etikett auf einer Teepackung, die kurz an einem anderen Fenster klebt, und vor allem die erzwungene Intimität auf dieser rhythmischen Reise, die sich in ihrer eigenen Welt abspielt, unabhängig von der sich verändernden Landschaft draußen.

Ein Film aus der goldenen Ära

Eine Dame verschwindet (The Lady Vanishes) ist einer der größten Zugfilme aus der goldenen Ära des Genres, der nur von dem Meisterwerk „Der unsichtbare Dritte“herausgefordert wird, wenn es darum geht, den besten Comedy-

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Thriller, der je gedreht wurde, zu bestimmen. Mit Ausnahme der Eröffnungssequenz in einem Gasthaus in einem mitteleuropäischen Dorf findet die ganze Handlung in einem Schnellzug statt, der auf seiner Reise durch das autoritäre mitteleuropäische Land Banrika nur zwei offizielle Stationen hat. Während dieser spannenden Reise wird eine britische Spionin mittleren Alters, die sich als Miss Froy – eine exzentrische Gouvernante – ausgibt und die den MacGuffin des Films trägt, von ausländischen Agenten entführt, und ihr Verschwinden wird vertuscht. Mit einem bescheidenen Budget hauptsächlich im kleinen Gainsborough-Studio in Islington gedreht, wirkt der Film nie eng oder kantig und wird mit der gleichen Geschwindigkeit vorwärtsgetrieben wie der Eurostar. In seinem Buch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ von 1966, sagte Truffaut dem Meister, dass er jedes Mal, wenn er den Film sah, die Bewegung des Zuges, den Schnitt und die Spezialeffekte studieren wollte,

„aber jedes Mal hatte ich mich so sehr in die Geschichte vertieft, dass ich die Mechanik dieses Films noch immer nicht verstanden habe.“

Die Geburt eines Comedy-Duos

Zunächst sollte Eine Dame verschwindet (nach dem Roman von Ethel Lina White; The Wheel Spins) von Roy William Neill inszeniert werden, einem amerikanischen B-Movie-Spezialisten, der heute nur noch bekannt für die Sherlock Holmes-Serie mit Basil Rathbone und Nigel Bruce ist. Aber die zweite Unit des Films geriet bei der Aufnahme von Hintergrundmaterial mit der jugoslawischen Polizei in Schwierigkeiten und der Filmt wurde auf Eis gelegt. Als das Projekt wiederbelebt wurde und Hitchcock die Leitung übernahm, war das Drehbuch, das deutlich besser war als der Roman, ziemlich gut vorbereitet. Die Drehbuchautoren Frank Launder und Sidney Gilliat, beide stark von Hitchcock beeinflusst, hatten die Handlung und die Charaktere radikal überarbeitet und vor allem die harmlosen cricket-liebenden Engländer Charters und Caldicott erfunden. Von Basil Radford und Naunton Wayne gespielt, sollten sie das größte Comedy-Duo werden, das je aus dem britischen Kino kam, nationale Archetypen, die sich bei mehreren Generationen von Kinobesuchern durchgesetzt haben.

Charters und Caldicott
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Das Casting, an dem Hitchcock eng beteiligt war, kann man nur als perfekt bezeichnen, vor allem das von Margaret Lockwood und Michael Redgrave als Iris und Gilbert, dem attraktiven romantischen Paar, das sich wunderbar zankt und einen herrlich britischen Sinn für Humor teilt. Beide wurden zu Stars in diesem Film und bewiesen sich auf der gleichen Höhe wie so anspruchsvolle Hollywood-Paare wie Powell und Loy, Grant und Hepburn, Lombard und Gable. Aber obwohl Eine Dame verschwindet immer wieder erfrischend anzusehen ist, ist das ein Film, der seine Tiefe und Eindringlichkeit aus den schwierigen Zeiten bezieht, in denen er entstanden ist.  Iris und Gilbert sind dann auch Passagiere auf einem Narrenschiff, einem Abteil britischer Clowns, die in einem feindlichen Europa treiben, umgeben von feindlichen Fremden in einer Welt am Rande des Krieges.

Gilbert ist ein politisch naiver Musikwissenschaftler, der Volkslieder auf dem Balkan sammelt. Iris ist eine verwöhnte Erbin, die nach England zurückkehrt, um einen kinnlosen Aristokraten wegen seines Titels zu heiraten. In den angrenzenden Abteilen befinden sich ein aufgeblasener Anwalt (Cecil Parker) und seine Geliebte (Linden Travers), die beide ihre Ehepartner betrügen und sich mehr um ihren sozialen Status und ihre berufliche Zukunft sorgen als um ihre moralische und bürgerliche Verantwortung.

Ebenso werden die engstirnigen Charters und Caldicott nicht zulassen, dass es irgendetwas gibt, das sie zu spät zu ihrem Cricketspiel in Old Trafford kommen lässt. Nur Miss Froy (Dame May Whitty), die mutige kleine alte Dame, ist da, um die Fackel für Großbritannien zu tragen und den lebenswichtigen MacGuffin (in Form eines Staatsgeheimnisses, das in einem Stück Volksmusik kodiert ist) zu tragen, der die Nation retten kann.

Eine Dame vesrchwindet war Hitchcocks vorletzter Film, der in der Vorkriegeszeit in Großbritannien gedreht wurde und bis dahin sein größter Kassenerfolg.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.