News Ticker

Kane – Ein Erbe Conans

Karl Edward Wagners einflussreiche Figur


Lesen Sie auch: Karl Edward Wagner; von Ingo Löchel


Die besonderen Merkmale der Low Fantasy, die von Fans Sword and Sorcery genannt werden, drehen sich hauptsächlich um den Protagonisten. Pioniere des Genres, wie etwa Clark Ashton Smith, hatten kein Interesse daran, mit wiederkehrenden Figuren zu arbeiten, sondern legten den Schwerpunkt auf die Wiederholung des Settings, der sonderbaren Atmosphäre oder auf die Kreativität fremdartiger Landschaften, bis Robert E. Howard seinen einflussreichen Conan-Geschichten veröffentlichte. Seitdem ist eine gut ausgearbeitete Hauptfigur zum wesentlichen Merkmal des Genres avanciert. Fast alle der folgenden Protagonisten waren der Reaktion auf Conan geschuldet. Howards Zeitgenosse, C.L. Moore, wollte über einen weiblichen Helden schreiben und erfand Jirel of Joiry. Fritz Leiber begann 1939 mit den Geschichten über Fafhrd und dem Grauen Mauser, die allerdings erst ende der 60er das Licht der Welt erblickten, und die ein etwas feineres Gespür für die schönen Dinge des Lebens präsentierten als etwa Conan. Die vielleicht bewussteste Umkehrung des Conan-Archetyps gestaltete Michael Moorcock durch seinen Elric, dessen körperliche Schwäche, emotionale Zerbrechlichkeit und Abhängigkeit von Zauberei im krassen Gegensatz zu allem, was Conan repräsentierte, stand.

Der Blutstein

Der Blutstein

Und dann, in den 70ern, kam Kane – mehr eine Antwort auf Elric als auf Conan. Kane benötigte die Magie und das Übernatürliche nicht so wie Elric (und in geringem Maße auch der Graue Mauser), weil er selbst ein übernatürliches Wesen ist, ein unsterblicher Krieger, dazu verdammt, durch die Welt zu streifen. Kane ist einer der ersten Menschen, die je erschaffen wurden. Unzufrieden damit, der Prototyp einer Sklavenrasse zu sein, führte er eine Rebellion gegen den Gott, der ihn und den Rest der Menschheit erschaffen hatte. Dabei ermordete er seinen Bruder, der auf der anderen Seite stand. Hier sind die Parallelen zum biblischen Kain offensichtlich, aber Kanes Schöpfer ist keineswegs der Gott der Bibel, sondern ein “älterer” Gott, der möglicherweise (hier gibt es keinen klärenden Hinweis) sogar zum Pantheon des Cthulu-Mythos gehört. Dieser “ältere” Gott zeichnet Kane nicht nur so, dass alle erkennen, er ist ein Mörder – in seinem Fall ist das Zeichen: Kanes Augen wirken extrem verstörend; es ist unmöglich, seinem Blick länger stand zu halten – sondern gibt ihm auch die Unsterblichkeit, so dass er, viele Jahrhunderte später, nachdem die Alten Götter der alten Erde alle bereits tot sind, schlafen oder zu den Sternen flohen, immer noch da ist, jung wie zu der Zeit, als er rebellierte. Getötet werden kann er nur durch Gewalt. Und da er von jeher den Menschen die Gewalt nahe brachte, ist er selbst verdammt gut darin.

Obwohl Kane auf vielen Buchumschlägen mit einem Lendenschurz bekleidet dargestellt wird (was wohl der Popularität Conans geschuldet ist), ist er nur darin ein Barbar, dass er älter als jegliche Zivilisation ist, und einen Hang dazu hat, Dinge zu zerstören. Tatsächlich aber trägt er Kleidung – Rüstung, wenn er in die Schlacht zieht. Er hat mehr von einem Gelehrten und einem Zauberer, was seinem intelligenten und forschenden Geist entspricht. Es ist dies die Erfahrung seines langen und abenteuerlichen Lebens. Er kam gar nicht umhin, zu einem wandelnden Lexikon zu werden. Er war Dieb, Söldner, Räuberbaron, Herrscher – in der Hauptsache jedoch ist er stets allein (und hält sein Auge nach Möglichkeiten offen, sich an seinem Schöpfer zu rächen). So stellt er sich nicht selten in den Dienst der Schurken – oder ist sogar selbst dieser Schurke, der Held seiner Geschichten ist er kaum. Dennoch hat er Grenzen, auch wenn diese etwas locker gesteckt sind. So hat er zum Beispiel kein Interesse an wahllosen Massakern gegen Unschuldige, und ist unglaublich Vorsichtig im Umgang mit dämonischen Wesen und jenen der älteren Erde. Trotzdem besitzt er ein schlechtes Urteilsvermögen und handelt sich dadurch den meisten Ärger ein.

Titelbild: Karl Edward Wagner Org.
Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung “Seitenwind” (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: “Equipe Propheta” (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: “Die Geschichte des Uhrenträgers” (2007), “Guckkasten” (2011), “Entropia” (2014); Storie im IF #666: “Dorothea”.

9 Kommentare zu Kane – Ein Erbe Conans

  1. Kane, ich bin sehr spät auf ihn gekommen, erst in den letzten Jahren und durch eine Story – The Gothic Touch -, in der er auf Moorcocks Elric trifft. Wo Elric tragisch ist und seine Welt gewaltig, aber nicht wirklich rau, ist Kane rau und seine Welt höchst gewalttätig. Tragik verwandelt sich hier in Härte. Sehr froh bin ich, dass mit Golkonda ein Verlag existiert, der sich solcher Erzjuwelen aus der Backlist annimmt.

  2. Kane ist für mich große Jugend-Liebe neben Corum und Elric. Als Anekdote: ich habe damals die große Michael-Kane-Saga von Moorcock (Mars-Krieger) verzweifelt nach dem grobschlächtigen, zynischen Unsterblichen mit den vielen Narben durchsucht und nicht gefunden. Ich habe in meiner Kindheit ja quasi nur träumerisch den Ankündigungen im Werbeteil der Bücher hinterhergeschwelgt und musste froh sein, wenn der Buchladen in der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, zufällig was davon hatte. Bestellen konnte man nicht. Und diese Michael-Kane-Saga habe ich bei Entdeckung regelrecht aus dem Bücherkorb gerissen und nach Hause geschleppt. Und ich habe wirklich bis auf die letzte Seite die Hoffnung nicht aufgegeben, dies wäre vielleicht nur eine Vorgeschichte oder ein seltsamer Seitenstrang des Ewigen Helden und der Unsterbliche würde sich noch zeigen. Ich glaube, ich habe das Buch dann eh gemocht, war aber halt sehr enttäuscht, dass es mit DEM KANE nix zu tun hatte.

Kommentar verfassen