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Die Trophäe

Heute war Alfredo Moros großer Tag. Heute würde er Unsterblichkeit erlangen, wenn er das nicht schon längst gewesen wäre. In einer Stunde würde seine Privataudienz beim Papst beginnen. Eine unglaubliche Ehre für einen einfachen Priester.
Doch Alfredo Moro war kein einfacher Priester. Man konnte den gutaussehenden gebräunten Mittdreißiger mit den pechschwarzen nach hinten gekämmten Haaren und dem gewinnenden Lächeln getrost als höchst außergewöhnlich bezeichnen.
Das außergewöhnlichste an ihm war, dass von seinem Werdegang vor diesem denkwürdigen Tag, dem Samstag, den 6. Juni nichts bekannt war. Man wusste nur durch entsprechende Aufzeichnungen, dass Alfredo Moro bis vor vier Jahren das Priesterseminar in Augsburg besucht hatte. Niemand aus seinem Jahrgang konnte sich später an den Mann erinnern, obwohl sein angenehmes, verbindliches Auftreten eigentlich hätte im Gedächtnis bleiben müssen.

Er selbst gab an, nach seiner Weihe mehrere Jahre durch das Heilige Land gepilgert zu sein, um an den Orten, an denen Jesus gewirkt hatte, in tiefer Ehrfurcht und Dankbarkeit zu beten.
Nun ja…, für einen polizeilichen Ermittler sicherlich nicht gerade befriedigende Auskünfte, aber für die Boulevardpresse genügend Stoff für Schlagzeilen wie:
Alfredo Moro: der Musketier des heiligen Vaters…
Der schöne Schutzengel des heiligen Vaters…
Engel des Herrn fängt die für den Papst bestimmte Todeskugel…

Was war wirklich passiert? Der Abschluss des Besuches von Papst Calixtus IV. in Jerusalem sollte ein Gebet in der Grabeskirche sein. Der Heilige Vater ließ es sich nicht nehmen, trotz Sicherheitsbedenken der Israelis den Weg zu Fuß über die Via dolorosa zurückzulegen. Die feierliche Prozession führte durch eine Menschenmenge von Gläubigen, die das Oberhaupt der katholischen Kirche sehen wollte. Alles verlief planmäßig, bis die Kreuzung mit der Al-Wad-Straße erreicht wurde. Plötzlich – es war exakt sechs Minuten nach Sechs – öffnete sich die Tür des Oratoriums des Franziskanerklosters gegenüber und eine Gestalt in schwarzer Kutte, dessen Gesicht unter einer Kapuze verborgen war, stürmte hervor. Er rannte schnurstracks auf den Papst zu. Die überraschten Bodygards erkannten die Gefahr zu spät. Der Kapuzenmann zog eine Pistole und feuerte ohne zu zögern auf Calixtus, einmal und dann noch einmal. Die Kugeln hätten den Papst mit Sicherheit niedergestreckt, wenn nicht … Ja. Wenn nicht ein junger Mann im Priestergewand wie aus dem Nichts aufgetaucht wäre und sich zwischen Calixtus und die Projektile geworfen hätte.

Dann, Stille. Nicht lange, höchstens für eine Sekunde. Doch in dieser kurzen Zeit schien die Welt still zu stehn. Der entsetzte Blick des Papstes auf die vor seinen Füßen zusammengebrochene Gestalt. Der ausgestreckte Waffenarm des Attentäters. Die gaffende Menge. Die alte Frau, die das Kreuzzeichen schlägt. Der kleine Junge, der auf der Schulter seines Vaters sitzt und traurig in der Nase bohrt.

Kurz darauf brach die Hölle los. Die Sicherheitskräfte erwachten aus ihrer Trance und zogen ihre Waffen. Zwei Männer sprangen vor und rissen den Papst zu Boden. Die anderen schossen auf den Kuttenmann, der daraufhin tödlich getroffen wie zum Gebet auf die Knie sank, bevor er mit dem Gesicht auf das Pflaster der Via Dolorosa schlug. Die Masse der Schaulustigen geriet in Panik und versuchte, unter Geschrei vom Schauplatz des Schreckens zu entkommen. Wie bei einer Stampede stoben die Leute auseinander und trampelten in der engen Straße alles nieder, was im Wege stand. Und das waren meistens Alte, Schwache und Kinder. In den Zeitungsberichten vom nächsten Tag war schließlich von vier Toten und 14 Verletzten die Rede. Den Attentäter und den Priester natürlich nicht mitgezählt.

Die Ermittlungen der Polizei ergaben, dass der Mann mit der schwarzen Kutte ein geistig verwirrter Franziskaner-Mönch gewesen war. Der Abt des Klosters sagte aus, dass Bruder Ignatio bereits seit Monaten von Alpträumen geplagt wurde, in denen ihm Luzifer erschien, der ihm befahl, den Stellvertreter Petri auf Erden zu töten. Er habe daraufhin bereits zwei Selbstmordversuche unternommen, sodass er schließlich seit Wochen in seiner Zelle eingeschlossen wurde, vor der seine Mitbrüder abwechselnd Wache hielten.

Wie Ignatio an den Schlüssel seiner Türe gekommen war und vor allem an die Waffe, – eine Walther P99 – blieb rätselhaft. Der israelische Erkennungsdienst fand heraus, dass die Pistole aus dem Einbruch in einer Polizeiwache in Düsseldorf stammte.

Und unser heldenhafter Priester? Er wurde schwerverletzt in ein Krankenhaus in Jerusalem gebracht. Die beiden Kugeln steckten in seiner rechten Herzkammer und im Spinalkanal der Brustwirbelsäule. Eine Operation erschien zu risikoreich und vor allem – sinnlos. Eigentlich hätte Alfredo Moro tot oder zumindest querschnittgelähmt sein müssen. Doch es traf weder das eine noch das andere zu. Am nächsten Tag erwachte er aus seinem Koma, als habe er nur ein kurzes Nickerchen gehalten und bat darum, aufstehen zu dürfen, da es ihm peinlich sei, die Bettpfanne zu benutzen. Trotz massiver Proteste und Warnungen der Ärzte verließ Moro drei Tage später das Krankenhaus.

Und heute, knappe vier Wochen nach diesem Ereignis, erschien der Priester zu einer Privataudienz beim Papst in Rom, weil der Heilige Vater sich persönlich und unter vier Augen bei seinem Lebensretter bedanken wollte.

Soweit die bekannten Fakten. Die Gläubigen auf der ganzen Welt sprachen von einem Wunder, dass Calixtus IV. und sein Schutzengel aus Fleisch und Blut den Anschlag überlebt hatten. Gott der Gütige hatte die Gerechten vor dem Wirken des Teufels bewahrt. Nun ja, die vier niedergetrampelten Pechvögel waren leider zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Kollateralschaden, sozusagen…
Der ein oder andere Ungläubige und die vielen armen Heidenkinder auf Erden hatten allerdings das Gefühl, dass an der Geschichte etwas faul war. Doch was?

Während Moro geduldig im Zimmer des Sekretärs des Papstes darauf wartete, zu seiner Heiligkeit vorgelassen zu werden, grinste der Priester in sich hinein. Diese Narren! Schon bald hatte er sein Ziel erreicht. Er würde den Vatikan mit dem wertvollsten Schatz verlassen, den die Erde zu bieten hatte. Und mit dieser unvergleichlichen Trophäe würde er seinem Herrn gegenübertreten. Welch ein Triumph! Nicht mehr lange, und…
Cut!

Ich glaube, bevor wir uns gemeinsam in das allerheiligste Zimmer im allerheiligsten Vatikan zum allerheiligsten Vater begeben, sind ein paar aufklärende Worte zu unserem Freund Moro zu verlieren.

Selbstverständlich ist dieser Priester nicht das, was er vorgibt zu sein. In Wahrheit heißt Alfredo Moro nämlich Verrier und ist ein Dämon der zweiten Kategorie. Seine Aufgabe ist es eigentlich, Zwietracht unter den Menschen zu säen. Doch längst hat unser subversiver Freund andere, höhere Ziele. Er möchte einer der sieben Dämonen der ersten Kategorie werden und sozusagen in die upper class der höllischen Gesellschaft aufsteigen.
Aber dazu muss er einen der sieben Alten aus seinem Rang verdrängen. Er war zwar nicht so vermessen, mit den Altmeistern Beelzebub, Leviathan oder Satan zu konkurrieren. Aber was zum Beispiel war so besonderes an Belphegor, dem Dämon der Faulheit und Trägheit? Der fette Kerl wandte offenbar seine schwarze Magie bevorzugt an sich selbst an und leistete gar nichts im Dienste der Hölle. Oder Asmodeus, dieser schmierige Dämon der Lust. Dessen Ressort hätte Verrier übrigens liebendgern übernommen. Das Arbeitsgebiet würde ihm liegen, dachte er mit einem lüsternen Glitzern in den Augen.

Doch zuvor hatte Verrier noch eine klitzekleine Aufgabe zu erfüllen. Er musste den Papst küssen, um damit dessen Seele aus dem Leib zu saugen. Und das würde nicht besonders schwer sein, denn er brauchte nur statt des Rings dieses lächerlichen Popanz seine fahle, greise Hand zu küssen. Das zählte auch! Schlau wie er war, hatte er zuvor seinen Diener Furcas danach gefragt. Der listige Höllenkobold kannte sich im Regelwerk der Unterwelt aus wie kein anderer. Und diesen Seelenschatz würde er Luzifer zu Füßen legen, der ihn daraufhin befördern würde.

Klappe! Nächste Szene und Show down: Allein mit dem Papst…

Die Tür zum Arbeitszimmer von Calixtus IV. öffnete sich. Der Sekretär des Papstes sah ihn mit arroganter Miene von oben herab an, als er Verrier ansprach.

„Eure Heiligkeit lassen bitten, Bruder Alfredo.“ Mit einer auffordernden Handbewegung wies er dem angeblichen Priester den Weg.
Wenn ich mit deinem Boss fertig bin, dann stecke ich dir seinen Krummstab tief in den After. Aber wahrscheinlich bist du an diese Behandlung schon längst gewöhnt, dachte er und warf dem Sekretär einen hasserfüllten Seitenblick zu, als er an ihm vorbei ging. Kurz darauf hatte er den Lakaien wieder vergessen und starrte nur noch auf die Gestalt, die keine drei Meter vor ihm auf einem Stuhl hinter einem großen Schreibtisch aus Eiche saß. Der Sekretär war mittlerweile nach einer kurzen, ehrfürchtigen Verbeugung wieder verschwunden und hatte die Tür hinter Verrier verschlossen.
Calixtus war letzten Monat 80 Jahre alt geworden. Und jedes Jahr war tief in sein runzliges mit Altersflecken übersätem Gesicht eingegraben. Der Pontifex war dick, eher fett und sein Atem klang japsend wie ein Karpfen, dem man aus dem Teich geangelt hatte. Ein verächtlicher Zug umspielte Verriers Mundwinkel. Es wurde endlich Zeit, dass er diese traurige Existenz vom Erdboden tilgte. Nur noch wenige Augenblicke, dann war es soweit. Er ging schweigend und mit gesenktem Haupt auf die Knie und sagte: „Eure Heiligkeit, es ist mir eine Ehre.“

Stöhnend und keuchend erhob sich der Fettkloß mühsam aus seinem Stuhl und näherte sich Verrier mit schlurfenden Schritten. Der Dämon hielt in gespielter Demut den Kopf weiter gesenkt, als Calixtus direkt vor ihm stehen blieb. Diese widerlich roten Lackschuhe von Prada!, schoss es ihm durch den Kopf. Nun musste es gleich soweit sein. Der Papst würde ihn auffordern aufzustehn und ihm die Hand mit seinem Ring zum Kuss reichen. Aber weit gefehlt! Calixtus tätschelte ihm mit einer gutmütigen Geste den Kopf und schlurfte weiter zu einer Couch neben dem prächtig verzierten Marmorkamin.

„Erhebt Euch, Bruder Alfredo und nehmt neben mir Platz. Macht es Euch gemütlich. Wir beide haben doch vieles miteinander zu bereden, oder?“ Täuschte er sich, oder hörte er leisen Spott aus dem Lachen des Heiligen Vaters heraus?

Langsam stand Verrier auf, klopfte sich imaginären Staub von den Knien und ging zu der Couch, auf dem sich der Papst bereits niedergelassen hatte und seinen Gast interessiert musterte. Er hielt den Blick gesenkt und setzte sich neben Calixtus, wobei er seine Beine fest zusammenkneifen musste, da der Pontifex mit seinem breiten Hintern dreiviertel der Sitzfläche des Sofas eingenommen hatte. Ein süßlicher Geruch nach Schweiß und Eau de Toilette strömte in Verriers Nase. Ihm wurde übel.

„Mein Lebensretter!“, deklamierte Calixtus abrupt mit einem grölenden Ausruf, sodass Verrier erschrocken zusammenzuckte. Die kleinen Schweinsäuglein des Papstes fixierten lauernd sein Gegenüber. Den Priester überfiel ein leichtes Unbehagen, ihm wurde warm unter seiner Soutane. War das wirklich das Benehmen eines Papstes? Er schluckte.

„Heiliger Vater, ich bin nur ein demütiger Diener der Kirche und habe das getan, was Gott von mir erwartet hat.“ Damit sank Verrier wieder auf die Knie und wollte in einer Überrumplungsaktion Calixtus fleischige Pranke ergreifen, um sie zu küssen. Das unwürdige Spiel sollte endlich ein Ende finden!

„Aber, aber, mein Bruder. Nur nicht so bescheiden!“ So rasch, wie der Dämon es diesem senilen Fleischberg niemals zugetraut hätte, kam der Papst wieder auf die Beine und eilte zu einem antiken Beistelltisch, auf dem neben ein paar Kristallgläsern ein Fläschchen mit einer bernsteingelben Flüssigkeit stand.

„Darf ich Euch ein Gläschen Cognac anbieten, mein Bruder?“ Verblüfft stellte Verrier fest, dass er schon zum zweiten mal auf seinen Knien herumrutschte, ohne dass es ihm gelungen wäre, dem alten Widerling einen Kuss zu verpassen. Hastig stand er auf und schaute vor Scham und Wut errötend zu, wie Calixtus zwei Gläser füllte.

Verriers Getränk bedeckte vielleicht anderthalb Querfinger seines Behältnisses, während Calixtus selbst weniger bescheiden war und das Trinkgefäß bis zum Rand füllte. Irritiert sah der Dämon, wie der Papst den hochprozentigen Cognac in einem Zug herunterkippte. Anschließend seufzte er wohlig und murmelte leise ein paar Worte, als er das Glas wieder abstellte.

„Ol sonf vorsg, gohó Iad balt lansh calz vonpho…“, glaubte Verrier zu verstehn. Doch das war kein Latein! Es klang eher wie Henochisch, der Sprache der Engel und bedeutete soviel wie: Ich herrsche über euch!, spricht der gerechte Gott.

„Was meintet Ihr, Heiliger Vater? Ich hatte Euch nicht ganz verstanden“, stammelte Verrier verwirrt. Ihm war unbehaglich zumute und griff sich an den Kragen seiner Soutane. Er schwitzte. Calixtus sah ihn mit einem unangenehm breiten Grinsen an, das seine gelben Zähne sichtbar werden ließ.
„Nur ein Trinkspruch aus meiner alten finnischen Heimat. Er bedeutet soviel wie: Mögest du an deiner eigenen Gier nicht ersticken!“ Der Alte brach wieder in ein brüllendes Gelächter aus, so, als habe er einen prächtigen Witz gemacht.

„Ja, ja, mein Freund… Die Skandinavier sind ein trinkfreudiges Volk und dem ein oder anderen Schluck gegenüber nicht abgeneigt. Doch so manch einer hat den Mund schon mal zu voll genommen, nicht wahr, mein Bruder?“ Er hatte sich Verrier ganz dicht genähert und zischte seine Worte förmlich in dessen Ohr. Der Atem des Papstes stank nach Tod und Verwesung. Zu guter letzt drang ein lautes Rülpsen tief aus seiner Kehle.
Das war zuviel! Mit vor Ekel verzerrtem Gesicht sprang Verrier hastig einen Schritt zurück und starrte Calixtus entgeistert an.

„Nun reichen mir deine sonderbaren Possen, du widerlicher, fetter Greis!“ Mit einem hasserfüllten Knurren in seiner Stimme packte er den Papst bei den Schultern und wollte ihm einen Kuss auf die Wange geben. Doch als Verrier ihn mit den Händen berührte, durchschoss es seinen Körper wie einen Blitzschlag. Es wurde förmlich nach hinten gerissen und schlug mit dem Rücken auf das kostbare Eichenparkett. Verrier blieb einige Augenblicke benommen liegen und stöhnte leise, weniger vor Schmerz als vor maßloser Verblüffung. Was war da soeben mit ihm passiert?

„Was bist du doch für ein armseliger Wurm?“ In Verriers Brust schien plötzlich ein Dolch zu stecken. Grauen erfasste ihn, als er begriff, dass diese tiefe, heisere Stimme zu Calixtus gehörte. Doch wie hatte er sich plötzlich verändert!

Er war immer noch fett, in der Tat. Vielleicht hatte sein Körperumfang sogar noch zugenommen. Doch beeindruckend war vielmehr die Veränderung seiner Gesichtszüge. Die Falten fingen an, sich immer mehr zu straffen und zu glätten. Die Haut sah aus wie Schlangenleder und nahm eine grünblaue Farbe an. Die Augen wurden zu breiten Schlitzen und die grünen Pupillen funkelten ihn böse an. Auch die Hände des Papstes machten eine schauerliche Metamorphose durch und wurden zu vierfingrigen Klauen mit fürchterlichen Krallen.

„Erkennst du mich jetzt, mein Bruder?“ Während er sprach, stieß eine dünne, gespaltene Zunge vor und zurück. Von den Rändern des Maules troff gelber, klebriger Speichel zu Boden. Verrier drohte, die Besinnung zu verlieren. Sein Gesicht war bleich, Gänsehaut bedeckte seinen Körper. Das Blut schien in seinen Adern zu gefrieren.

„Du bist Belphegor, einer der sieben Fürsten der Finsternis“, flüsterte Verrier mit zitternder Stimme. Dann war es mit seiner Beherrschung vorbei. Er musste sich im Schwall übergeben. Ein grüner, stinkender Sud platschte auf das Parkett. Belphegor lachte brüllend vor Vergnügen.

„So ist es, Sherlock! Es hat ja auch lange genug gedauert, bis bei dir der Groschen fiel.“ Langsam gewann Verrier einen Teil seiner Fassung zurück. Dennoch traute er sich nicht, Belphegor in die Augen zu sehen, als er sprach.

„Erlaubt mir die Frage, Meister, was Ihr hier an der Stelle des Papstes zu suchen habt. Was habt Ihr mit Calixtus IV. gemacht?“ Wieder das ohrenbetäubende, spöttische Lachen. Als Belphegor sich wieder beruhigt hatte, klang seine Stimme wie ein leises, raubtierhaftes Knurren.

„Ich bin Calixtus IV., du Narr! Glaubst du etwa, dass Luzifer eine solch wichtige Position wie die des Papstes nicht mit seinen eigenen Leuten besetzt? Seit Jahrhunderten lässt sich einer der sieben Fürsten der Unterwelt zum Heiligen Vater wählen.“ Verrier konnte zunächst die Bedeutung von Belphegors Worten nicht fassen. Ungläubig hob er seinen Blick, doch als er in das grässliche Antlitz schaute, senkte er zitternd den Kopf und starrte lieber in sein eigenes Erbrochenes.

„Und das lässt Gott einfach so geschehen?“, stammelte Verrier. Mit einem hämischen Schnaufen winkte der mächtige Dämon ab.

„Was bleibt ihm anderes übrig? Zudem gibt es klare Absprachen zwischen den Fronten.“

„Absprachen?“ Verrier verstand nicht, wovon Belphegor redete.

„Ganz genau: Absprachen. Gottes Team übernimmt den amerikanischen Präsidenten und wir den Papst. Gott kriegt den Weltbankpräsidenten und wir den Uno-Präsidenten. Gott nimmt den FC Barcelona und wir ManU!“ Wieder dieses grölende Lachen. „Ist fast wie bei Monopoly, die Einen kriegen die Schlossallee, die anderen die Parkstraße.“ Seine letzten Worte gingen in einem amüsierten Husten und Prusten fast unter.
Es dauerte fast zwei Minuten, bis sich der Dämon wieder beruhigt hatte. Dann wurde es still im Raum. Nachdenklich musterte Belphegor sein Gegenüber.

„Du siehst, mein Freund. Für dich gibt es hier nichts zu tun.“ Eifrig nickte Verrier zustimmend. Er kroch langsam auf allen Vieren zurück Richtung Ausgang. Er wollte diesen Ort so schnell wie möglich wieder verlassen. Als er mit den Füßen gegen die Tür stieß, stand er hastig auf und wollte verschwinden.

„Willst du mir nicht noch zum Abschied die Hand küssen, mein Lebensretter?“ Verrier erstarrte. Langsam drehte er den Kopf. Nun stand wieder die Gestalt von Calixtus IV. vor ihm, der ihm auffordernd die Hand entgegenstreckte.

Verrier schlich mit gesenktem Kopf und eingezogenen Schultern näher. Schließlich blieb er vor dem Papst stehen, ergriff ehrfürchtig dessen Hand und küsste sie. Er wollte sein Gesicht schnell wieder abwenden. Doch was war das? Seine Lippen schienen förmlich am Handrücken des Papstes festzukleben. Er konnte seinen Mund nicht mehr lösen. Calixtus lächelte grausam, als er auf den hilflosen Verrier hinabblickte.

„Weißt du mein Freund, ich bin nicht so faul und träge, wie du von mir glaubst. Im Gegenteil bekleide ich im Reiche der Finsternis ein weiteres wichtiges Amt.“

Verrier wurde von Panik erfasst. Wie mit einem enorm leistungsstarken Staubsauger wurden seine Lippen festgesaugt. Er hatte ein Gefühl, als ob seine Gedärme und der gesamte Körper in die Hand von Calixtus gezogen werden sollten.

„Als geheimer Direktor für innere Angelegenheiten der Hölle habe ich überall Informanten, die mich über Regelverstöße illoyaler Mitarbeiter unterrichten. Schon lange weiß ich von deinem Diener Furcas, dass du umstürzlerische Pläne hast.“ Verriers Kräfte erlahmten. Er konnte sich nicht mehr gegen diesen übermenschlichen Sog wehren. Wie ein Ballon, der seine Luft verlor, schrumpfte seine Gestalt mit einem Quietschen und Furzen zusammen.

„Aber mach dir keine Sorgen, mein Freund. Der gute Furcas wird von mir zum Dämon zweiter Klasse befördert und von nun an deine Aufgaben übernehmen.“ Verriers Lippen klebten noch immer an der Hand des Papstes. Allerdings war er mittlerweile auf die Größe einer Wollsocke geschrumpft und genauso schlaff und weich hing er dort herum.

„Und nun zu dir, Bruder.“ Mit einem festen Griff packte ihn Calixtus ziemlich unsanft am Kopf, drehte ihn kurzentschlossen einmal gegen den Uhrzeigersinn und zog ihn wie eine Zecke mit einem „Plop“ von seiner Hand.

Leise vor sich hinsummend trug er Verrier, dessen Kopf zwischen Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand haltend, zu einem hohen, dunklen Eichenschrank. Er öffnete dessen beiden Flügeltüren. Dahinter kamen Dutzende von Einmachgläsern zum Vorschein, die auf sechs Regalen übereinander standen. Nur am Rande erkannte der völlig apathische Rest, der von Verrier übrig geblieben war, dass in den Behältern keinesfalls Pflaumen- oder Erdbeermus gelagert war. Ganz eindeutig konnte er schwache Bewegungen hinter dem Glas wahrnehmen.

Calixtus nahm das unterste, letzte Behältnis heraus,öffnete den Deckel und legte Verrier hinein. Dann verschloss er das Glas wieder sorgfältig und stellte es zurück an seinen Platz.

Zufrieden seufzend betrachtete der Papst seine Trophäen.

„Beim haarigen Hintern des Meisters! Niemand sonst besitzt eine so schöne Kuriositäten-Sammlung.“ Dann verschloss er wieder die Schranktür, schlurfte zum Beistelltisch und genoss ein gut gefülltes Glas Cognac.

Abel Inkun
Über Abel Inkun (1 Artikel)
Abel Inkun wurde am 8.9.1958 in Köln geboren. Von Beruf ist err Arzt für Neurochirurgie und Spezialist für Wirbelsäulen-Operationen. Er ist in Aachen in eigener Praxis niedergelassen. Er lebt mit seiner Frau und den drei erwachsenen Kindern in Köln. Seine erste Buchveröffentlichung ist der Kurzgeschichtenband "Abgründe", der 2010 im Pia Bächtold Verlag, Wangen, erschienen ist. Sein erster Roman "Der Tod aus einer anderen Welt" wurde im Noel-Verlag publiziert. Im Jahr 2012 erschien sein Krimi "Brutus und der Rotlicht-Kolibri" im Sarturia-Verlag.
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