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Schusters Gespenster

1978 war die Fernsehwelt noch in Ordnung, und das lag vor allem am sogenannten “Zeitgeist”. Zugegeben, es ist ein schwieriges Unterfangen, zu erklären, was Zeitgeist eigentlich bedeuten soll, obwohl doch jeder zu verstehen scheint, was damit gemeint ist. Manche bezweifeln sogar, dass es ihn überhaupt gibt oder jemals gab. Vielleicht gab es ihn und er ist jetzt verschwunden, aufgesplittert in unzählige gesellschaftliche und mediale Strömungen. Die Älteren erinnern sich noch an so etwas wie Jahrzehnte, besser gesagt: an das typische Erscheinungsbild dieser Jahrzehnte. 50er, 60er, 70er, 80er … da hat jeder die Musik, die Mode, und den ein oder anderen stilprägenden Film vor Augen. Auch das scheint es heute nicht mehr zu geben, wir leben in einem Facettenbrei. Historiker sprechen gar von einem “Ende der Geschichte”.

Was das alles mit “Schusters Gespenster” zu tun hat? Nicht wirklich viel. Würde man diese 5teilige Fernsehserie heute jemanden zeigen, der sie nicht aus ihrer Ursprungszeit kennt, würde dieser wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Da gibt es keine Möglichkeit zur Identifikation mehr, keine Brücke, die geschlagen werden kann. Unsere heutige Zeit ist diesbezüglich leer und viel zu schnell unterwegs. Und … ja, es fehlt wahrscheinlich das Verständnis des “Zeitgeists” dieser Jahre. Vor allem, wenn das Zielpublikum, wie hier, eindeutig in der Kindheit der 70er und frühen 80er Jahren zu finden ist. Gespenster, die im klassischen Bettlaken erscheinen und auf dem Dachboden leben, dürfte unsere heutige Jugend nur albern und langweilig finden. Interessanterweise hat man in den damaligen Kinderserien aber perfekt verstanden, Geschichten zu erzählen, die für die damaligen Zuschauer zwischen 6 und 12 relevant erschienen. Entweder gab es (wie in “Neues aus Uhlenbusch”) eine Blaupause für nahezu jedes Dorf mit seinen korrekt dargestellten Verhalten, und wenn nicht (wie eben in “Schusters Gespenster”) ein völlig übereinstimmendes Verhältnis zwischen dem, was man als Kind selbst erlebte, und dem, was man daraus ableiten konnte. Dabei war es völlig irrelevant, ob man wusste, dass Kurt Schmidtchen als Vampir in ein Faschingskostüm gezwängt war. Die Gestaltung des Hauses und die Interaktion der Familie war derart realistisch dargestellt, dass es eigentlich ganz klar war, dass ein Vampir als Postbote für drei Bettlakengespenster agierte.

Kurt Schmidtchen als Dracula

Neben dem Begriff Nostalgie gibt es noch einen anderen: Naivität. Und tatsächlich konnte man sich in den 70er und 80er Jahren noch eine Naivität leisten, die bereits in den 90ern zu bröckeln begann. Das wird auf alle in dieser Artikel-Serie aufgeführten Klassiker zutreffen. Für uns, die wir zu dieser Zeit unsere Kindheit erlebten, traf genau das zu: wir er-lebten. Entweder waren wir draußen oder wie fanden in den äußerst gut gemachten Kinderserien Gleichaltrige, die an unserer statt er-lebten. Das nämlich erlebten, was wir selbst kannten oder fantasierten. Merkwürdigerweise lagen die Macher dieser Serien und Filme nie falsch, auch wenn jeder seine eigenen Favoriten hat.

Was aber dennoch gesagt werden kann: Viele der alten Serien und Filme funktionieren ausschließlich bei einen grundsätzlich mit Nostalgie beschlagenem Klientel. Ihnen haftet nichts Zeitloses an (wie etwa Charlie Chaplin oder Alfred Hitchcocks Filme auch in 50 Jahren noch funktionieren werden). Irgendwann werden sie nur noch ein obskures Zeitdokument sein, aber eben eines, das aus einer Zeit stammt, in der man einen soziologischen Einblicke in die Kindheit dieser Epoche bekommen kann. Das gab es weder davor noch danach in dieser Genauigkeit. Und das wird es auch nie wieder geben.

Wenn “Schusters Gespenster” hier fast schon für etwas herhalten müssen, das noch gar nichts von der Handlung erzählt, dann ist das natürlich Zufall. Es hätte auch den “Fliegenden Ferdinand” oder “Das Haus der Krokodile” treffen können.

Wenn eine erste Folge “Der Zinksarg, die merkwürdige Villa, eine Mitternachtsüberraschung” heißt, dann verspricht das alles. Der Tod (in diesem Fall von Opa Weber) spielt gleich in der ersten Folge eine Rolle, die Familie beerdigt einen Sarg, der im Verdacht steht, leer zu sein. Die Familie Schuster erbt dadurch eine Villa, in der es nicht mit rechten Dingen zugeht. Auf dem Dachboden lebt nämlich eine Gespensterfamilie. Vater, Mutter, Kind. Sie haben den Charm eines Puppentheater-Stücks. Man möchte fast selbst Gespenst sein. Wer da einhakt, kann von der Phantastik im Alltäglichen gar nicht mehr lassen. Die Villa war selbst für die damalige Zeit mit allerhand Plunder vollgestopft. Es gibt ein Musikzimmer, ein Arbeitszimmer, ein chemisches Labor (das Sohn Pit natürlich magisch anzieht), und einen erlesenen Weinkeller. Die Familienkonstellation – Mutter, Vater, Bruder des Vaters, Sohn, Tochter und Großmutter – wirkt nicht nur aus der Zeit gefallen, sondern ist es natürlich auch. Was hier gerade mal vierzig Jahre her ist, wirkt so weit entfernt wie das alte Rom. Und die Familie ist laut, was sogar die Gespenster bemerken.

Als dann in Folge 2 (Schusters Einzug, die geheimnisvolle Kiste und ein anstregender Spuk) auch noch eine geheimnisvolle Kiste geliefert wird, ist das Setting perfekt. Geheimnisse sind am besten, wenn sie archetypisch sind. Eine Kiste mag heute keine große Vorstellungskraft mehr auslösen, aber in dieser Zeit hatten Kisten durchaus eine Bedeutung. Und es war selbstverständlich, dass der Dachboden bevölkert war. Schon alleine aus diesem Grund war es wertvoll, endlich zu erfahren, wie sich eine Gespensterfamilie gebärdet. Das waren unbezahlbare Einblicke. Ein Dokument. Dass hier alles etwas überdreht ist, liegt vielleicht daran, dass der Autor Klaus-Dieter Lang unter anderem auch einige Episoden für “Nonstop Nonsens” schrieb. Kurt Schmidtchen spielte in dieser Slapstick-Reihe ja neben Dieter Hallervorden ebenfalls mit.

Es ist völlig ersichtlich, dass derartige Fossilien der Fernsehgeschichte nur ein besonders kleines Klientel ansprechen – und nicht mal jeden, der das noch von früher kennt. Eine Empfehlung ist deshalb schwer auszusprechen, denn hier geht es um eine besondere Form der Zeitreise. Davon werden wir in dieser Artikel-Serie aber noch mehr bekommen. Der Kontrast zu unseren herkömmlichen Artikeln ist natürlich gewollt und lässt sich auch gar nicht vermeiden.

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