Die Spur des Hexers

Die Spur des Hexers, von Wolfgang Hohlbein (Der Hexer von Salem, Buch 1)

Heute geht es in den Pulp-Sektor, der bei uns eher als Groschenroman bekannt ist und insbesondere zu Wolfgang Hohlbein und seinen Hexer von Salem. Das war eine Roman-Serie, die von 1985 bis 1987 im Bastei-Verlag erschien, vorher aber schon im legendären Gespenster-Krimi startete, auch wenn es dort nur zu sechs Ausgaben kam. Später wurde die Serie im Taschenbuch weitergeführt und zum Schluss wurden 24 überarbeitete Bücher daraus. Hohlbein musste sich in vielen kindischen Kommentaren der Kritik aussetzen, dass er sich ordentlich bei Lovecraft bedient hat. Interessanterweise ist das genau der Sinn der Sache, aber im Gegensatz zu den Abertausend Schreibern, die heutzutage versuchen, wie Lovecraft zu klingen oder sogar Lovecraft zu sein, spinnt Hohlbein eine ganz eigene Variante im kosmischen Horror zusammen, die natürlich auf Unterhaltung abzielt – auf was denn sonst? Ich möchte mir an dieser Stelle die Serie eine Zeitlang anschauen und beginne mit dem Buch Die Spur des Hexers.

Hohlbein hat erst 1990 den eigentlichen Beginn seiner Geschichte veröffentlicht. In diesem Prequel treffen wir Robert Craven nur am Rande an, denn er ist dort erst drei Jahre alt. Hauptakteur ist demnach dessen Vater Roderick Andara.

Der Name “Andara” ist ein Begriff aus der Welt der Kristalle. Besser gesagt handelt es sich dabei um Lava-Glas, genauer: um einen vulkanischen Obsidian. Gefunden wurden diese Steine im Gebiet der Choctaw-Indianer in Nordkalifornien, die ihnen besondere Heilkräfte nachsagen. Das interessanteste Phänomen der Steine dürfte sein, dass sie ihre Farben verändern können. Der altgermanische Vorname “Roderick” ist ebenfalls gut gewählt. Einige legendäre und historische Persönlichkeiten trugen ihn. Dass Wolfgang Hohlbein sich von dem 1983 erschienenen SciFi-Abenteuer “Roderick” von John Sladek hat inspirieren lassen, ist ebenfalls nicht ausgeschlossen, gehört das Buch doch zu den 100 besten Romanen der Science-Fiction, und es tauchen, wie in der Folge noch zu sehen ist, nicht wenige bekannte oder verdrehte Namen in der ganzen Geschichte auf (Bella Lugosi ist ein Beispiel; bei Hohlbein ist er eine Sie und seine Gastgeberin in Arkham und natürlich nicht der zukünftige Dracula-Darsteller).

Salem

Die Geschichte beginnt in Salem, und das ist weder eine Erfindung H. P. Lovecrafts noch Wolfgang Hohlbeins, sondern geht auf das tatsächliche Salem, Massachusetts – einem damaligen Dorf in der Nähe von Boston – zurück. Die dortige – und heute noch immer rätselhaft erscheinende – Massenhysterie führte zu einigen schauerlichen Hexenprozessen, so dass man heute durchaus behaupten kann, Salem ist für die mythologisierten Hexen das, was Transsylvanien für Vampire darstellt: ein unverrückbares Symbol.

Roderick Andara befindet sich seit zehn Jahren auf der Flucht vor einem namenlosen Grauen, das ihn, einen Abkömmling der Hexen von Salem, nicht zur Ruhe kommen lässt. Als Jahrmarktsmagier verdingt er sich, um seine Identität zu verschleiern und um ständig in Bewegung zu bleiben und doch seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Seine Frau Jenny – und Mutter des jungen Robert Craven – ist vor wenigen Jahren bei einem rätselhaften Schiffsunglück ums Leben gekommen. Weil er seinem Sohn die strapaziösen Reisen einerseits, und die Gefahr andererseits, nicht mehr zumuten will, bringt er Robert nach Walnut Falls zu einer Pflegemutter, die er in einem einjährigen Briefkontakt auf Herz und Nieren abgeklopft hatte. Bevor Roderick sich wieder auf und davon macht, nimmt er seinem Sohn Robert die Erinnerung an eine Identität als Robert Andara. In einer Retrospektive erfahren wir, wie es zu Rodericks Flucht kam, auch wenn die einzelnen Details noch unklar bleiben. Da wird das Dorf Salem von einem aufgebrachten Mob dem Erdboden gleichgemacht, und jeder, der dort lebt, umgebracht. Der Hexenkreis um Andaras Mutter versucht sich, da liegt das Dorf bereits in den letzten Zügen, an einem Ritual, mit dem Roderick sich nicht einverstanden erklärt. Dabei fällt einer der Anwesenden negativ ins Gewicht. Es handelt sich um den Magier Necron, mit dessen Anwesenheit Roderick ebenfalls nicht einverstanden ist. Ein Entkommen scheint es für niemanden zu geben, sie alle haben bereits mit dem Leben abgeschlossen und der Hexenkreis führt – das unbestimmte – Ritual nur noch aus, um die Rache vorzubereiten. Weder ist in dieser Passage klar, warum Roderick verschwunden war und erst im letzten Augenblick auftauchte, um mit Jenny zu fliehen, noch, warum man ihm die Schuld gab, dass man dieser Hölle nicht entkommen konnte. Roderick seinerseits beteuert, dass er sie alle schließlich gewarnt habe. Sie hätten “damit” aufhören müssen. Was immer dieses “damit” ist.

Diese Erinnerung spult sich etwas konfus vor uns ab; auch wenn sich Details später noch ergeben werden, sind die Motive unklar. Es gibt der Andeutungen viele, die allerdings nichts zur Befriedigung unserer Neugier beitragen. Die gilt jedoch dem, was Rodericks Flucht betrifft. Und so hat Hohlbein gut daran getan, diese Skizze des Untergangs Salems eingebettet in eine Handlung zu präsentieren.

Die Entführung Robert Cravens

Wir befinden uns in der spätviktorianischen Epoche des späten 19ten Jahrhunderts, aber auf das Flair der damaligen Zeit verzichtet Hohlbein bis auf wenige Ausnahmen. Dafür gelingt es ihm, das schleichende Unbehagen zu schildern, das in Rodericks Umgebung herrscht. Nachdem er Walnut Falls verlassen hat, gerät er in eine Falle, die seinem Kutscher mitsamt dem Gefährt und den Pferden zum Verhängnis wird, während er selbst entkommt. Nun plagt ihn aber das schlechte Gewissen, seinen Sohn quasi schutzlos bei Maude Craven zu wissen. Als er zu ihrem Haus eilt, findet er es verlassen vor. Maude und Robert sind entführt worden.

Das bringt nun eine wichtige Figur ins Spiel, die sich im Haus aufhält und vorgibt zu wissen, wo sich Rodericks Sohn befindet. Es handelt sich um H.P. … Schelte gab es auch hierfür aus dem Lovecraft-Lager, denn dieser H.P. sei kein angemessener H.P. Lovecraft, so hörte man es läuten. Natürlich nicht! Es handelt sich ja gerade nicht den Autor Lovecraft, sondern um die Figur Lovecraft, und für den Zweck des Zyklus’ hat Hohlbein das Problem der Verquickung mit dem Cthulhu-Mythos dadurch sogar sehr gut gelöst, denn er umgeht damit die Erzähltechnik, das Wissen um die Großen Alten einem allwissenden Autor in den Mund legen zu müssen. Eine Figur darauf zu verwenden, deren Kosmos man bedient, ist so einfach wie sinnig. Aber eben: es handelt sich nicht um Lovecraft, und deshalb gibt es keinen Grund, sich darüber zu beklagen, dass dort etwa Lovecraft mitspielen würde. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass man etwa Kai Meyer vorwarf, die Gebrüder Grimm als Detektive durchs Land zu schicken und darob die Tatsachen um Goethe und Schiller zu verdrehen (so geschehen in “Kai Meyer – Der Geisterseher” von 1995). Geradezu grotesk erschiene es, wollten wir der Fiktion vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen habe.

In einer nächtlichen Unterredung kann H.P., der stets von seinem Diener Rowlf umgeben ist, Rodericks Misstrauen zerstreuen und ihn davon überzeugen, dass sie sich gegenseitig helfen können. Natürlich ist auch der Name von H. P.’s Diener kein Zufall. Es lohnt sich nämlich durchaus, auf die Namen zu achten. Hätte Hohlbein nicht “Rowlf the Dog” gemeint, hätte er den Namen auch anders schreiben können, so aber bleibt keinem Leser der Querverweis zu einem der wunderbaren Muppets erspart.

Nach Arkham

H.P. und Roderick finden also heraus, dass sie gemeinsame Interessen im Kampf gegen ein Grauen haben, das hier als Tiefe Wesen geschildert wird, im Wasser lauernde Kreaturen, Abkömmlinge (oder Diener) des Cthulhu und eigentlich Wächter der Stadt R’lyeh. Aber womit H. P. zunächst punktet, ist, dass er weiß, wo Robert und Maude hingebracht wurden. Nach R’lyeh, in die versunkene Stadt, die (nach Lovecraft) Cthulhu und die Seinen vor Millionen Jahren erbauten, um dort die “Älteren Götter” zu bekämpfen. Die Informationen werden von Hohlbein zwar alle gestreut, aber für jemanden, der den Cthulhu-Mythos nicht kennt, sind das einfach nur Begriffe. Auf der einen Seite setzt Hohlbein das Wissen um das Werk Lovecrafts zwar voraus, benutzt es aber dennoch willkürlich, so dass es immer wieder zu Irritationen kommt. Man darf also nicht den Fehler machen, zu sehr auf den eigentlichen Mythos zu beharren.

Roderick und H.P. reisen getrennt nach Arkham, nur dass Roderick H.P. unter der Adresse einer Pension, in der sich die beiden treffen wollten, nicht antrifft. H. P. scheint einfach wie vom Erdboden verschluckt und Roderick führt seine Recherchen alleine durch. Das ist im Grunde der langweilige Hauptteil, bevor es zu einem Showdown kommt, der auch nur der Schatten eines Schattens von dem ist, was man hätte daraus machen können. Ob Hohlbein in solchen Fällen nicht kann oder nicht will, das ist die eigentliche Frage.

Im Grunde ist das Buch nur für Sammler und Komplettisten interessant. Es plätschert die meiste Zeit unaufgeregt vor sich hin und man merkt ihm an, dass es einfach nur nachgeschoben wurde. Für den eigentlichen Hexer-Zyklus ist es eher nicht von Belang. Hohlbein gelingt es zu keinem Augenblick, den Leser zu packen und die Begebnisse so darzustellen, dass man sich fragt, wie das wohl weitergehen mag. Selbst in seine Enwor-Saga gelang es ihm wesentlich besser, eine Lovecraft’sche Atmosphäre zu erzeugen, obwohl es dort gar nicht darum ging. Die Entstehungszeit verlief allerdings weitgehendst parallel zum Hexer.

Michael Perkampus

Michael Perkampus

Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber des Phantastikon.

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