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Die Berge, die Stadt, die Leere

Meine allererste Erinnerung ist die an meinen Vater, wie er im Vorgarten unserer gelben Hütte in Tacoma, Washington steht und Blumen in die Erde setzt. Dabei beobachtete ich ihn. Es war ein warmer Frühlingstag im Jahre 1966, und ich trug ein plissiertes Kleid und Mary Jane-Schuhe. Ich erinnere mich, wie ich über unseren immergrünen Garten hinweg blickte, die hohen Telefonmasten und ihre langen Drähte betrachtete, die überall im Himmel kreuz und quer gingen. Überall große Weite und mürrisches Schweigen in den Zweigen, die Massen grauer Wolken, die lange Schatten über den smaragdgrünen Rasen warfen. Der Garten war aufgeräumt und die Häuser in unserer Nachbarschaft waren hell und ordentlich, aber gleich hinter den geraden Hinterhofzäunen und beschnittenen Rhododendren kehrte das Land zu seiner natürlichen Ursprünglichkeit zurück, explodierte in einem dunklen Gewirr von vorsintflutlich-großen Bäumen und Farnen, um sich in der Höhe zu sammeln, bevor sie sich in der Kaskadenkette und dem Mount Rainier auf der einen Seite, und dem Olympic Mountain Range auf der anderen ergossen.

In der ersten Hälfte meines Lebens verging kein Tag, an dem ich diese zackigen schneebedeckten Gipfel nicht gesehen hätte, dass ich mich nicht von einer geologischen Präsenz umgeben fühlte, die schlief, aber empfindungsfähig war, in jeder Sekunde bereit dazu, unsere kleinen Autos und Häuser durchzuschütteln und sie in die schwarzen Gewässer des Puget Sound zu werfen.

Mein Leben war so bedeutsam wie das aller anderen Mädchen, die in einem Vorort lebten – das heißt, es war nur gewöhnlich und erfüllt mit all den oberflächlichen Details und Geräuschen und dem Geröll des menschlichen Lebens. Es war belanglos und winzig und leicht auszulöschen: irgendwo in den unzugänglichen Windungen meines Seins, tief unter meiner Oberfläche, hatte mich das Land infiziert, umgewandelt, hatte mich dazu gebracht, mein eigenes Leben zu leben. Ich bemerkte, dass es da einen Teil von mir gab, der zu etwas anderem gehörte – einen Teil meiner Selbst, den ich niemals entdecken oder wiederfinden würde können, den ich nicht kannte.

Wenn mich die Leute fragen, wie lange ich schon in der Gegend von NYC lebe, sagte ich ihnen immer: seit 1994, als ich Tacoma verließ und mit meinem Studium an der New York University begann. Die Jahreszahl stimmt in gewisser Weise – ich lebe seit diesem Zeitpunkt kontinuierlich an der East Coast, und obwohl ich keine richtige New Yorkerin mehr bin (Jersey City ist trotz seiner Nähe und der Beteuerungen seiner gentrifizierten Einwohner nicht der sechste Stadtbezirk), beschreibe ich mich noch immer mit den Worte Arthur Rimbauds: „Ein kurzlebiger und nicht all zu unzufriedener Bürger einer Metropole, die als modern angesehen wird.“ Ein halbes Leben in der Stadt ist lang genug für mich, um mich radikal in etwas verwandelt zu haben, das weit von dem entfernt ist, was ich einst gewesen bin, als ich den pazifischen Nordwesten verließ. Diese einfache Betrachtung hat das Ausmaß einer bestimmten Wahrheit. Sechsundzwanzig Jahre lang schlief ich unter einem sternlosen Himmel ein, erwachte mit dem konstanten Dröhnen der Maschinen. Sechsundzwanzig Jahre lang gab es keinen einzigen Augenblick, in dem ich nicht im Kielwasser von zwölf Millionen anderer Leben schwamm. Hier ist die Naturlandschaft von dem unbändigen Willen und dem Werk der Menschheit völlig zerstört und ausgelöscht worden, es ist eine Kathedrale gegen die Wildnis, ein Stahl- und Fleischbienenstock. Ich sehe nirgends eine Steigung, die nicht von Architekten und Ingenieuren geplant wurde, keinen Ausläufer von Felsen oder Büschen, der noch nicht von Menschenhand umgestaltet worden wäre. In der Stadt gibt es nichts Unentdecktes, jede Ecke ist kartographiert, bekannt; und ich kenne meinen Platz in all dem. Instinktiv kenne ich den Kreislauf, in dem ich zu und von der Arbeit pendle, ich kenne die Gewohnheiten und Routinen, die mich durch den Tag bringen, ich kenne all die Grausamkeiten und Schönheiten und Monstrositäten, die diese Metropole zu bieten hat. Ich bin kurzlebig und nicht all zu unzufrieden: Ich kenne mich selbst.

Und doch.

Die Frau, die vor zehn Jahren in dieses Mietshaus gezogen ist, diese Frau mit einem anderen Job, einem anderen Körper, einem anderen Namen, gibt es nicht mehr. Die Darstellerin, die vor sechzehn Jahren in einer weitläufigen Inwood-Block-Wohnung lebte, die in völliger Stille an der U-Bahn-Plattform gemeinsam mit zehntausend anderen New Yorkern stand, die alle den Rauch und die Asche rochen, ist verschwunden. Die Näherin, die in den frühen 90ern einen Sommer lang in einer kleinen Stadt bei New Jersey bei Tag Kostüme für Shakespeare-Darsteller nähte und in der Nacht Hexenzirkel und magische Sexrituale in den alten Wäldern abhielt, wurde weit in der Dunkelheit zurückgelassen, so weit, dass ich sie nicht mehr sehen kann.

Und es gibt noch andere, ältere Permutationen meiner Selbst, ganze Jahre, die nicht mehr sind als dunkle Flecken in meinem Geist, Schichten geologischer Ablagerungen, die mir so fremd vorkommen, dass ich diese Frau nicht kennen würde, befände sie sich in dieser Sekunde in meiner Nähe. Und all die Leute, die mich einst kannten, Freunde und Bekannte und Liebhaber, sind verschwunden. Niemand, der diese Versionen von mir kannte, existiert mehr. Mein Leben ist ein Frankenstein-Puzzle verlorener Augenblicke und Erfahrungen. Die Freuden, die Triumphe, das Schweigen, die Stürme, die Liebe, die Gewalt, die Schande, die Gefechte, die Vergnügungen, die Trauer, die Schönheit, die Monstrositäten: Die Art, wie ich mich durch mein Leben bis zum Tode vorgearbeitet habe, hat all das ausgelöscht, Jahr folgte methodisch auf Jahr. Ich weiß gar nichts.

Außer wenn ich schreibe.

Ich wünschte, ich könnte euch – und mir selbst – eine Definition dessen geben, was Horror ist, oder eine Beschreibung meiner Beziehung zum Horror in ein paar wenigen, gut durchdachten Sätzen darlegen, geistreich und zitierfähig. Ich wünschte, ich könnte über de Zukunft des Genres sprechen, so als ob der Akt des Schreibens mich mit der Gabe einer Seherin versehen hätte. Und ich wünschte, ich könnte in Worte packen, so dass meine Leser und ich daran glauben könnten, der Horror, den ich schreibe sei universal, gehe jeden an, dass er Teil einer gemeinsamen Erfahrung wäre, ein Fluss oder eine Straße, die wir Leser und Schriftsteller gemeinsam entlang reisten. Eine kollaborative Gemeinschaft auf dem Weg zu einer Veranstaltung, die hoffentlich unser Leben übersteigt und weiterlebt für all die, die nach uns kommen.

Aber nichts davon kann ich euch erzählen. Ich schreibe über mich und für mich selbst als eine Form obszöner chirurgischer Selbsterfahrung, als einen verzweifelten archäologischen Versuch, ein paar Spuren dieser Frau zu finden, die ich einmal war, und um herauszufinden, was geschehen ist, was schief gelaufen ist. Ich öffne mein Fleisch und betrachte meine Innereien, wühle in ihnen herum und ordne sie auf Papier. Ich warte auf Signale und Zeichen. Ich bestehe aus einem Haufen zerfallener Fragmente und muss daher egoistisch sein, was mein Schreiben betrifft. Jeden Tag erwache ich und weiß noch weniger, weniger von meinem letzten Selbst, weniger von meinem Ur-Selbst als am Tag zuvor: die Berge sind die gleichen und die Stadt ist die gleiche, aber die Leere in meinem Innern ist angewachsen.

Was ist Horror? Was ist er für mich? Es ist: Ich weiß es nicht. Eine Leere in der Mitte meines Seins, die ich verzweifelt versuche zu füllen. Alle die verlorenen Versionen von mir bin ich, trotzig gegen die Ordnung aller Dinge und Versuche, ein letztes Mal lebendig zu werden. Die Mitte einer toten Zivilisation, umgeben von einer lange schon verlorenen Sprache, die ich einst kannte, die ich einst erschuf und die ich jetzt nur noch zufällig entziffern kann. All die besseren und schlechteren Versionen von mir selbst, die ich vernachlässigt und aufgegeben habe. Muscheln und Felle. Der Titel, den ich ursprünglich für diesen Aufsatz ausgewählt hatte, wurde bereits für einen Roman von mir verwendet, der euch mehr darüber erzählen kann, wie ich durch die Dunkelheit und Tiefe navigiere, als es diese wenigen Absätze jemals könnten. Alles was ihr über meine Beziehung zum Horror in meinem Werk wissen müsst; und eines Tages werdet ihr mehr darüber wissen als ich es vermag, ich werde dann woanders sein, noch immer auf der Suche nach der Mitte, dem intakten und unverminderten Wissen, von dem ich mir selbst einrede, es existiert hinter den Grenzen dessen, was wir glauben zu wissen. Und dann, eines Tages, werden sogar die Geschichten und Gespräche verschwunden sein. Und ihr alle mit ihnen. Und alles, was wir kennen.

Übersetzt von Michael Perkampus
Das Original erschien im Nightmare Magazine
Livia Llewellyn
Über Livia Llewellyn (1 Artikel)
Livia Llewellyn schreibt Dark Fantasy, Horror und Erotika. Ihre Kurzgeschichten erschienen in über 40 Anthologien und Magazinen. Ihre erste Sammlung, "Engines of Desire: Tales of Love & Other Horrors" (2011, Lethe Press), wurde in zwei Kategorien für den Shirley Jackson Award nominiert, einmal für "Beste Sammlung", und für "Bester Kurzroman" (Omphalos). Ihre Geschichte "Furnace" erreichte 2013 eine Shirley Jackson Award Nominierung für die "Beste Kurzgeschichte". Ihre zweite Sammlung, Furnace (2016, Word Horde Press), erblickte im letzten Jahr das Licht der Welt.
Kontakt: Webseite

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2 Kommentare auf "Die Berge, die Stadt, die Leere"

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Karin Reddemann
Webmaster

Das ist eine Schreibe, die mich umhaut.

Michael Egino
Webmaster

Mich hat das Übersetzen auch schon davon überzeugt, dass man eigentlich endlich einmal etwas von ihrem Werk ins Deutsche übertragen müsste. Aber das wird den meisten schon wieder zu schwere Kost sein, schätze ich. Ich bin mir nicht sicher, ob ich irgendwann dazu komme, zumindest eine Geschichte für das Phantastikon zu angeln. Reizen würde es mich und ich bleibe am Ball.

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