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Dario Argentos Suspiria

Titelbild © Gloria

Im August dieses Jahres jährte sich die Veröffentlichung von Dario Argentos bahnbrechendem Film Suspiria zum 40. Mal. Während gegenwärtig ein Remake in Arbeit ist, glauben viele, dass das Original ein heiliges Kunstwerk ist, dem man nicht das Wasser reichen kann. Die satten Farben, die höhlenartigen Sets, der haarsträubende Soundtrack und der erschreckende Ton des Films machen ihn zum Zentrum eines wahrhaftigen Kults.

Drehbuchautor und Regisseur Dario Argento hat, um es gelinde auszudrücken, eine ungewöhnlich entsetzliche Lebenseinstellung, und die kraftvollsten Momente seines Films lassen einen über eine Operation am offenen Herzen nachdenken.

© Gloria

Erstens ist der visuelle Charakter des Films unglaublich. Die lebendigen Farben sind weit entfernt von den üblichen dunklen und düsteren Szenen, die wir aus vielen Horrorfilmen gewohnt sind. Jedes Set ist üppig und hell ausgeleuchtet, aber die verwendeten Farben sind meist beunruhigende Schattierungen der Grundfarben – tiefe Rottöne, dunkles Gelb und sattes Blau.

Da nur Primärfarben enthalten sind, überwältigt diese fette Palette die Sinne. Die Verwendung von Sekundärfarben würde ein Gefühl der Ausgeglichenheit erzeugen, da auf uns aber nur die Farben Rot, Blau, Gelb, Schwarz und Weiß einwirken, fühlen wir uns überwältigt. Das ist ein subtiler Weg, um eine Reaktion im Publikum zu erzeugen, und er ist äußerst effektiv.

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Die Szenen, die in diesem Farbschema aufgenommen wurden, befinden sich normalerweise in engen Gängen oder geschlossenen Räumen. Infolgedessen fühlt sich jeder Raum, jede Szene an, als würden sich die Wände um den Betrachter hinweg zuziehen. Wenn hellere Farbtöne verwendet werden, sind die Räume offen gehalten, aber mit der Kamera aus der Ferne eingefangen. Das Gezeigte erscheint dann klein und unbedeutend und deutet Verzweiflung in einem Raum an, der normalerweise hell und ruhig erscheint.

Die Architektur ist atemberaubend und traumähnlich konzipiert. Muster und Akzente werden großzügig verwendet, um eine Szene lebendig erscheinen zu lassen, selbst wenn die Kamera nicht bewegt wird.

Was aber wäre ein genialer Film ohne die entsprechende Musik?

Goblins hartnäckiger Soundtrack reizt mit körnigem, kaum hörbarem Flüstern, das über eine repetitive, einfache Melodie gelegt wird. Der Effekt macht schier wahnsinnig und erzeugt Spannungen, wie es viele moderne Filmemacher nicht hinbekommen.

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Als Susy Banyon (in der unantastbaren Performance von Jessica Harper) die Schule auf dem Höhepunkt des Films erkundet, ist die Musik permanent vorhanden. Sie ist unnachgiebig. Manchmal ist weniger mehr, aber in Suspiria straft Argento diese Regel Lügen, er fügt mehr und mehr hinzu, bis man unter dem Druck erstickt.

Der Duktus des Films selbst ist der einer verträumten Verwirrung. Da einige der Schauspieler Englisch, andere Italienisch oder Deutsch sprachen, wurden alle Sätze auf Englisch überspielt. In der synchronisierten Fassung spielt das zwar keine Rolle, wenn man sich den Film jedoch mit Originalton ansieht – und sich der Sprachbarriere nicht bewusst ist – fühlt man sich, als würde man ein bisschen verrückt bei dem Versuch herauszufinden, warum einige der Lippen der SchauspielerInnen nicht mit dem Dialog übereinstimmen, andere aber schon. Durch die Synchro ist man das bei uns, wie gesagt, ohnehin gewöhnt.

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In Suspiria ist die junge Susy in einem Rätsel gefangen und rührt in ihren Erinnerungen, um das Puzzle zusammenzufügen. Als sie in diese spezielle Tanzschule kommt, sieht sie sich einer äußerst fremden Umgebung ausgesetzt. Das Publikum versteht ihren Kampf, muss gleichzeitig aber daran arbeiten, die aufgezeigte Situation selbst zu verstehen.

Die Spannung kriecht durch den Film, während Schüler, deren Mitgefühl füreinander zu wünschen übrig lässt, auf extreme und gewalttätige Weise getötet werden. Diese Morde wandern auf einen Höhepunkt zu, der förmlich über den ganzen Bildschirm explodiert. Noch durch die Schlusscredits hinweg hören wir die sterbenden Schreie derer, die in der Schule gefangen sind. Der Horror bleibt bis zum Ende bestehen – es gibt kein Entkommen, bis der Film wirklich vorbei ist.

Suspiria beweist, dass der Horror nicht nur durch Kettensägen, dunkle Räume und Folterpornos interessant ist. Er ist ein fein gestricktes Kunstwerk. Alle Elemente des Films vereinen sich zu einem unvergleichlichen Klassiker, der noch 40 Jahre danach Bestand hat.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller und Übersetzer, Studium der Psychologie in München. Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Stories im IF #666: “Dorothea”, Stories im Phantastikon: “Der Tod des Sardanapal”, “Der surreale Jahrmarkt”, “Das blaue Kleid”, “Die Gasse der sprechenden Häuser”, “Die Straße Malheur“, “Der Elvegust”.
Projekt Hypnos: Der Bienenstock

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