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Schreiben wie Lovecraft

Der Originalartikel ist erschienen im Nightmare Magazine; übersetzt und editiert von Michael Perkampus

Im Juni 2013 bekam ich per Post die neueste Ausgabe von Famous Monsters of Filmland, die ich mir bestellte, weil S.T. Joshi zwei Artikel dafür geschrieben hat. Ich war erstaunt darüber, dass kein einziger Artikel von einer Filmadaption eines Lovecraftschen Themas handelte. Zwei Artikel (“Lovecraft’s Acolytes,” von Robert M. Price und “The New Mythos Writers,” von S. T. Joshi) behandelten jene Schriftsteller, die von seiner Arbeit beeinflusst wurden und unter diesem Einfluss selbst schrieben, angefangen von der Zeit, als Lovecraft noch am Leben war, bis heute; und ein Artikel (“The Language of Lovecraft,” von Holly Interlandi) sah sich Lovecrafts Stil und Satzstruktur etwas näher an! Dass Lovecrafts Einfluss gegenwärtig reiche Blüten treibt, kann anhand solcher großartigen Anthologien wie Lovecraft Unbound (herausgegeben von Ellen Datlow), Black Wings (aka Black Wings of Cthulhu, herausgegeben von S. T. Joshi), New Cthulhu: The Recent Weird (herausgegeben von Paula Guran) und The Book of Cthulhu (herausgegeben von Ross E. Lockhart) abgelesen werden.

Wenn wir von Lovecraftschem Horror reden, oder vom Lovecraft-Mythos (wie er allein in Lovecrafts Werk existent ist), sollten wir diese Erzählungen von jenen unterscheiden, die unter dem Begriff „Cthulhu-Mythos“ bekannt wurden, ein Begriff, den August Darleth eingeführt hat. Lovecraftscher Horror beinhalten Aspekte des Cthulhu-Mythos (der sich von Lovecrafts Einfluss fort entwickelte), aber Lovecratfs Horror besteht aus mehr als kosmischen Entitäten, die auf unseren Planeten sickern, um unsere Träume und unsere geistige Gesundheit negativ zu beeinflussen.

Tatsächlich forderten Datlow und Joshi in ihren Anthologien, dass die Bestandteile des Cthulhu-Mythos nicht Teil der eingereichten Geschichten sein sollten. Black Wings, um ein Beispiel zu nennen, hat den vorsichtig gewählten Untertitel: „Neue Geschichten des Lovecraftschen Horrors“. Das Word „neu“ ist dabei genauso wichtig wie die Bezeichnung „Lovecraftscher Horror“. Es scheint schwer zu sein, sich zu vergegenwärtigen, dass dieses Subgenre das Licht der Welt in den 20er Jahren erblickte, um die Zeit herum, da sich das Radio als neues Unterhaltungsmedium gerade durchsetzte. Als er sich selbst als Schriftsteller entdeckte, war Lovecraft von vielen Einflüssen umgeben. Poe war allgegenwärtig; Dunsany und die Dichter der Dekadenz zogen sein Interesse für einen Augenblick auf sich; und das aufkommende neue Genre, das als Science Fiction bekannt werden sollte, färbte Lovecrafts Vorstellungskraft, vielleicht auch deshalb, weil er sich überlegte, ob er nicht für die neuen SF-Pulp-Magazine schreiben sollte, wo doch seine eigentlichen Geschichten wiederholt von seiner bevorzugten Plattform, dem Weird Tales Magazine, abgelehnt worden sind. Die beiden Erzählungen „Berge des Wahnsinns“ und „Der Schatten aus der Zeit“ wurden in solchen Science Fiction Magazinen veröffentlicht (eingereicht nicht von ihm, sondern von Freunden, denen er Kopien seiner Geschichten geliehen hatte).

Eine der von Fan-Kritikern gegen Datlows exzellentes Lovecraft Unbound geäußerte Aussage ist: „Diese Geschichten sind nicht von Lovecrafts Art!“ Was also ist “Lovecraftscher Horror”? Einige von denen, die dieses Subgenre belächeln, mögen ihre Stimmung in einer Aussage in Das Grauen von Dunwich wiederfinden: „Als eine Verderbnis sollt ihr sie betrachten.“  Das war die vorherrschende Meinung von Joshi, bis er, als Verleger, der ständig neues Material für Hippocampus Press und andere Häuser suchte, feststellte, dass sich Bücher im Dunstkreis des Cthulhu-Mythos sehr gut verkauften. Joshi stellt diese eigentliche Frage in seiner Einleitung zu Black Wings II: „Was definiert eine ‘Lovecraftsche’ Erzählung? Was wie eine einfache Frage aussieht, ist in Wirklichkeit verwirrend, voller Mehrdeutigkeiten und Widersprüche, denn der Begriff kann alles enthalten, angefangen vom sklavischem Flickwerk (meist wenig erfolgreich), bis hin zur Nachahmung des satten Tons und der extravaganten Prosa Lovecrafts …“

Der erste und wichtigste Jünger, der versuchte, Lovecrafts Stil nachzuahmen, war August Darleth, aber er tat das aus einem bestimmten Grund. Darleth stand im Schatten Lovecrafts, solange dieser lebte, und er schickte HPL seine frühen Versuche Lovecraftschen Horrors. Was immer man von Darleths Erfolg als Mythos-Schreiber halten mag, seine anfänglich ehrliche Aufrichtigkeit kann nicht in Zweifel gezogen werden. Er liebte H.P. Lovecraft. Er brachte viel Geld auf, um gemeinsam mit Donald Wandrei Arkham House zu gründen, einen Verlag mit der einzigen Absicht, die seltsamen Geschichten und Gedichte Lovecrafts in einer besonderen Hardcover-Edition herauszugeben. 1943 veröffentlichten Darleth und Wandrei ihre zweite Lovecraft-Sammlung, Beyond the Wall of Sleep, in die sie “The Commonplace Book” integrierten, bestehend aus Notizen, in denen Lovecraft Träume und Einfälle für zukünftige Geschichten festhielt.

Diese Notizen, inklusive jene, die Darleth schließlich unter dem Titel „Der Nachkomme“ zusammenfasste, sowie die beiden Textteile, die dabei halfen, Das Grauen vor der Tür zu formulieren, inspirierten Darleth zu dem, was dann als „posthume Kollaboration“ unter der Co-Autoreenschaft H.P. Lovecraft und August Darleth das Licht der Welt erblickte. Darleths Ansatz beim Verfassen dieser Texte war der Versuch, den Prosastil Lovecrafts nachzuahmen. Wie er verkündete, war das nicht einfach, und er fügte hinzu: „Ich muss es schließlich wissen“, um damit zu suggerieren, er hätte mit seinem Vorhaben Erfolg gehabt und es sei ihm gelungen. In Wirklichkeit stimmte das jedoch nicht. Viele Rezensenten von Das Grauen vor der Tür waren der Meinung, dass diese Publikation das Schlechteste war, das sie je unter dem Label Lovecraft gelesen hatten. Man sprach davon, dass es offensichtlich sei, dass die ersten zwei Drittel von Lovecraft selbst waren, während das letzte Drittel von Darleth stammte. Das Buch wurde oft nachgedruckt ohne Darleths Namen auf dem Cover, obwohl Lovecraft selbst nichts damit zu tun hatte, da das Buch nach seinem Tod geschrieben wurde. Diese „posthume Kollaboration“ wurde von Lovecraft-Jüngern lange stark angegriffen, die aus unterschiedlichen Gründen darin einen kriminellen Akt sahen. Ich beschloss, die erste Sammlung dieser Geschichten, The Survivor and Others, zu lesen und einen Story-by-Story-Kommentar auf YouTube zu verfassen; und ich fand, dass diese Erzählungen, wenn auch nicht in allen Fällen, nicht weniger gut oder originell waren als Lovecrafts eigenes Werk, und dass einige von ihnen (besonders „Der Nachkomme“) in Ton und Substanz eindeutig Lovecraftschen Charakter aufwiesen.

Ich wurde ein obsessiver Autor Lovecraftschen Horrors; es wurde zu meiner gewählten Berufung. Ein Teil der Methode, diese Art von Geschichten zu schreiben, besteht darin, Lovecrafts Originalarbeiten zu lesen, um mit ihnen vertraut zu werden und diese Erzählungen tief in das eigene Selbst eindringen zu lassen. Das zeigte mir, dass Lovecrafts Werke eine Tiefe und Einzigartigkeit besitzen, die regelrecht dazu geschaffen ist, die Inspiration derart anzufachen, dass man seine eigene Geschichten schreiben kann. Es ist fruchtlos, wie „Lovecraft schreiben“ zu wollen, und warum sollte jemand so etwas langweiliges tun ? Wir huldigen dem Gentleman aus Providence, indem wir Geschichten schreiben, die seinen Genie beschwören, ohne uns an seinen Ideen zu vergehen, die unsere Erzählungen aber stark mit HPLs Originalen verbinden. Während wir „wie Lovecraft“ sind, können wir trotzdem Horrorgeschichten schreiben, die auf kühne Weise unsere eigenen sind. Und das ist verdammtnochmal Klasse.

 

W.H. Pugmire

W.H. Pugmire schreibt „Lovecraftian Weird Fiction“ seit den frühen 70ern, entschlossen zu zeigen, dass man in Lovecrafts Tradition schreiben und trotzdem originell und einzigartig bleiben kann. Von seinen zahlreichen Büchern liegt bisher kein einziges in deutscher Sprache vor.

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