Biogramme

Der Jazz-Stilist der Literatur: Peter Straub

Peter Straub genießt hierzulande – wie könnte es anders sein – nicht den Bekanntheitsgrad, den er etwa in Amerika hat. Das mag an seiner literarischen Klasse liegen (von jeher tut sich das deutsche Publikum mit einem gewissen Niveau innerhalb der Phantastik schwer). Straub ist vornehmlich jemand, der hohe Literatur schreibt, ohne jemals die dunklen Impulse und Ängste hinter sich zu lassen, die sein Werk so mächtig machen, konstatierte ihm ein anderer Gigant – John Crowley. Und überhaupt ist Peter Straub in literarischen Kreisen ein angesehener Autor, auch Carlos Fuentes bewunderte ihn und hat ihm mit “Die schlafende Schöne” aus seinem Band “Unheimliche Gesellschaft” eine Geschichte zugeeignet. Dass es so still um diesen Meister geworden ist, liegt nicht an ihm selbst. Der Boom der 80er Jahre, wo man ihn aufgrund seiner Freundschaft mit Stephen King auch in dessen Reichweite verpflanzte, ist vorbei. Und schon das sorgte für Irritationen beim lesenden Volk, was man den durchwachsenen Kooperationen “Der Talisman” und “Das schwarze Haus” zuschreiben kann, wo weder so richtig King noch Straub drin steckt, und nicht etwa das Beste beider Autoren, wie es sich manche gewünscht hätten.

Natürlich gibt es nach wie vor die Tendenz, Horrorliteratur als literarisch wenig wertvoll zu betrachten, so armselig sich das heute auch anhören mag, dabei erkennt man Autoren von Weltrang gerade daran, dass sie mindestens einen Abstecher in die Phantastik – mit Gewinn – absolvierten. Schließlich ist der Horror die einzige adäquate Beschreibung unserer Realität. Wenn es jedoch je einen Autor gab, der dieses abweisende Schubladendenken ad absurdum führte, dann ist es der Gewinner von 10 Bram Stoker Awards und den World Fantasy Award für sein Lebenswerk.

Straub lernte früh, dass die Welt ein gefährlicher Ort ist: Er verlor ein Schuljahr, nachdem er in der ersten Klasse von einem Auto angefahren wurde, ein Trauma, das er später einem seiner Protagonisten, Tom Pasmore, zufügte. Dieser beinahe tödliche Unfall plagte ihn mit Albträumen, bis es ihm gelang, sie durch das Schreiben von Geschichten mit Horrorelementen auszutreiben. Einmal teilte uns Straub mit, was ihn an Horrorromanen reizt:

“Mir gefällt die Erkenntnis, dass das Leben eine zwielichtige und unsichere Angelegenheit ist und dass der Schrecken mit einem lächelnden Gesicht direkt nebenan leben oder arbeiten könnte. Verstörung ist zentral, ebenso wie der Verlust. Verlust befällt uns alle; Verlust macht die Hälfte der menschlichen Geschichte aus. Meistens erleben wir Momente der Freude und der Transzendenz ein paar Sekunden, nachdem sie bereits begonnen haben, zu verblassen, und unser Wissen über solche erhabenen Zustände besteht weitgehend darin, dass wir ihre Existenz in Erinnerung behalten. Erwachsene Menschen leben mit der Gewissheit der Trauer, die uns Tiefe verleiht und uns für andere Menschen, die das gleiche erlebt haben, öffnet”.

Diese Betonung der Reaktionen seiner Figuren auf Trauer und Verlust hat Straubs Fiktionen über jene erhoben, die das Beschwören von Gewaltfantasien oder Ekel in den Vordergrund stellen. Sein Ansatz steht in krassem Gegensatz zu der Position, die ein Verleger ihm einst mitteilte: dass es in Horrorgeschichten immer nur um Gut gegen Böse geht.

Als Straub in den 1970er Jahren mit dem Schreiben begann, zeigte er schnell eine Begabung für subtiles Grauen. Er wollte dem Leser “immer und immer wieder den Teppich unter den Füßen wegziehen, um eine tiefgreifende Destabilisierung herbeizuführen”. Straub tat dies zum Teil,  indem er “unerklärliche Veränderungen in der Landschaft oder der Topographie einführte, so dass die vertraute Straße vom Bahnhof den zurückkehrenden Pendler nicht zu seinem Haus führt, sondern zu einem Stadtteil, den er noch nie zuvor gesehen hatte. Doch warum kamen ihm die Namen der kleinen gewundenen Straßen so vertraut vor? Diese kunstvolle Herangehensweise ist das Gegenteil der populären Schreibweisen dieses Genres, die ohne Gore, monströse Wesen, gotische Villen und dunkle und stürmische Nächten nicht mehr auszukommen scheinen.

Straub wurde 1943 in Milwaukee geboren und lebte dort, bis er 18 Jahre alt war. Nach dem College und der Graduiertenschule kehrte er zurück, um an seiner High School Alma Mater Englisch zu unterrichten. Danach schrieb er sich am University College, Dublin, ein, um zu promovieren. Aber anstatt seine Doktorarbeit über D.H. Lawrence zu schreiben, schrieb er in einem Sommer seinen ersten Roman, Die fremde Frau (1973), und hatte das Glück, dass er vom ersten Verleger, an den er ihn schickte, angenommen wurde. Nachdem sein Agent einen Wechsel zum Horror vorgeschlagen hatte, produzierte er Julia (1975), gefolgt von Wenn du wüsstest (1977).

Straubs bahnbrechender Roman war jedoch Geisterstunde (1979). Der Roman erzählt von einem Club, bestehend aus vier Männern, die sich regelmäßig treffen, um Geistergeschichten auszutauschen, aber schließlich von einem Rachegeist bedroht werden. Stephen King nannte ihn eines der besten Horrorwerke des 20. Jahrhunderts, und auch wenn der King heutzutage für viele zweifelhafte Werke seine Stimme hergibt, irrte er in diesem Falle nicht.

 

 

1984 arbeitete Straub dann auch mit King an Der Talisman, einer epischen, dunklen Fantasy, die die Suche des 12-jährigen Jack Sawyer beschreibt, der versucht, das Leben seiner Mutter zu retten, und die ihn in ein Parallelreich führt, das von Doppelgängern bevölkert ist. Straub war seit mehreren Jahren ein Fan von King und bewunderte seine Wiederbelebung des Vampirromans durch Brennen muss Salem sehr. King schlug vor, dass die beiden zusammen einen Roman schreiben sollten, nachdem ihre Familien in Straubs Haus in London zu Abend gegessen hatten. Siebzehn Jahre nach dem Erscheinen von Der Talisman schlossen sich die beiden für eine Fortsetzung zusammen, Das schwarze Haus. In einer Rezension von hieß es:

“Seite für Seite liest sich der Roman zu gleichen Teilen wie King und Straub, wobei der Überschwang des Meisters aus Maine und sein Hang zum Exzess durch Straubs allgemein elegantere Herangehensweise gebremst wird.”

Obwohl noch kein Erscheinungsdatum bekannt gegeben wurde, ist ein drittes Buch in dieser Reihe geplant.

Straub ist mehr als ein Meister des Grauens und der dunklen Phantasie: Seine Trilogie um die Blaue Rose (Koko, 1988; Mystery, 1990; und Der Schlund, 1993), die zu seinen persönlichen Favoriten zählen, besteht aus überlegenen Kriminalromanen ohne übernatürliche Elemente. Jedes Buch funktioniert sowohl eigenständig als auch als Kapitel in einer zunehmend komplexer werdenden Geschichte über Mord und Wahnsinn. Es beginnt mit einem typisch straubischen Blickfang: “Ein alkoholkranker Detektiv in meiner Heimatstadt Millhaven, Illinois, William Damrosch, starb, um dafür zu sorgen, so könnte man sagen, dass dieses Buch nie geschrieben werden würde”.

 

 

Straub war verblüfft, als die Bücher der Blauen Rose als Horrorromane eingestuft wurden:

“Die Rezensionen begannen mit Sätzen wie: ‘Der jüngste Horrorroman des Schriftstellers Peter Straub gibt uns…’. ”

Letztendlich betrachtete er dies als “einen großen Gefallen”, indem er dadurch die Definition der Horrorliteratur neu formulierte und erweiterte, so dass er große Teile des fiktionalen Territoriums einnahm, die ihm zuvor verschlossen waren. Er stellt fest:

“Als Genre war Horror erwachsen geworden und wurde hauptsächlich durch den Standpunkt des Autors definiert.

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