Arthur Conan Doyle: Eine Studie in Scharlachrot

Fischer

Lange Zeit musste man in Sachen Sherlock Holmes mit der Übersetzung von Heinrich Darnoc, H. O. Herzog und Margarete Jacobi auskommen, die nicht nur hölzern, sondern auch ungenau ist. Ich empfehle also für das Lesevergnügen die Neuübersetzung von Hening Ahrens im Fischer-Verlag, nur für den Fall, dass jemand nicht das Original lesen möchte.

Auch wenn dieser erste Sherlock-Holmes-Roman nicht der beste der vier auf uns gekommenen ist, steht er am Beginn einer denkwürdigen Genreentwicklung. Dass Arthur Conan Doyle sich bei Edgar Allan Poe bedient hat, weiß man, nur darf man das in diesem Fall nicht zu hoch hängen, denn Doyle hat aus der Idee des Detektivs etwas völlig anderes gemacht. Eine Studie in Scharlachrot wurde erstmals 1887 von Ward Lock und Co. im “Beeton’s Christmas Annual” unter dem Titel “A Tangled Skein” (etwa: Ein verheddertes Knäuel) veröffentlicht. Eine Ausgabe dieser Zeitschrift, die “A Study in Scarlet” beinhaltet, ging 2007 bei Southeby’s für 15.600 US-Dollar über den Ladentisch. Mit solchen Summen können ansonsten nur seltene Comics konkurrieren. Bedenkt man, dass ohne Sherlock Holmes’ Einschlag in die die Literaturgeschichte, dieses Magazin heute ganz und gar vergessen wäre (anders wie “The Strand”, das es noch heute gibt und wo Doyle ab 1891 regelmäßig veröffentlichte), ist das eine nette Verewigung.

Zu Beginn des Romans kehrt Dr. John Watson frisch nach London zurück, nachdem er als Arzt beim Militär in Afghanistan tätig war. Er ist auf der Suche nach einer Wohnung und einem Mitbewohner. Ein Freund stellt ihm Sherlock Holmes vor, der ebenfalls einen Mitbewohner sucht. Schon bald nehmen beide Quartier in der wohl berühmtesten Adresse der Literaturgeschichte: 221B Baker Street. Watson wird schnell klar, dass Sherlock Holmes in der Tat eine Figur von epischer Größe ist, die über profunde Kenntnisse in Chemie, Geologie, Botanik und einer Reihe anderer wichtiger Fächer verfügt, aber nur wenig über Literatur, Astronomie, Philosophie und Politik weiß; und sein Interesse an Holmes wird noch weiter geweckt, als Holmes einen Brief von Tobias Gregson von der Polizei erhält, in dem er ihn bittet, seine Meinung zum mysteriösen Tod von Enoch Drebber zu äußern.

Der erste dokumentierte Fall des Detektivs ist ungewöhnlich gewalttätig: Zwei Amerikaner werden ermordet – der eine in einem leeren Haus, der andere in seinem Hotelzimmer; die Tatorte sind übersät mit Beweisen – ein Ehering, eine Pillendose, Zigarrenasche, Fußabdrücke und das deutsche Wort RACHE, das mit Blut an die Wände gekritzelt ist. Scotland Yard ist ratlos; Holmes’ Dienste werden in Anspruch genommen.

Zuerst wird Arthur Charpentier, dessen Mutter die Pension unterhält, des Mordes verdächtigt; Drebber hatte Arthurs Schwester recht unsittliche Annäherungsversuche gemacht und sich als ein sehr unangenehmer Untermieter gezeigt. Doch dann wird auch Drebbers Sekretät Stangerson ermordet, und es wird bald klar, dass die beiden Todesfälle miteinander in Verbindung stehen. Da sich Arthur Charpentier zum Zeitpunkt des Mordes in Polizeigewahrsam befand, ist es unmöglich, dass er das Verbrechen begangen haben könnte. Eine andere Theorie zu Drebbers Mord verdächtigt Stangerson, aber auch diese Theorie wird durch dessen Tod zunichte gemacht.

Holmes setzt seine deduktiven Fähigkeiten ein und findet heraus, wer Enoch Drebber und Josepth Stangerson getötet hat. Es stellt sich heraus, dass die Morde mit Ereignissen in ihrer Vergangenheit zusammen hängen. Man könnte sogar sagen, dass ihre Vergangenheit sie eingeholt hat.

Mehrere wichtige Elemente ziehen sich durch diesen Roman. Allen voran natürlich Holmes’ Ansatz zur Aufklärung von Verbrechen. Arthur Conan Doyle hatte einst bemerkt, dass die Detektive seiner Zeit fast wie durch ein Wunder zu ihren Schlussfolgerungen kamen. Doyle aber wollte einen Detektiv, der Verbrechen tatsächlich aufklärt und mit wissenschaftlichen Mitteln zu seinen Schlussfolgerungen kommt. Durch den ganzen Roman hindurch sehen wir diese Art von Schlussfolgerungen, die allein auf Holmes’ Beobachtungen beruhen. Das war seinerzeit innovativ, und die kriminalpolizeiliche Untersuchung hat sich seither dieser Art von Logik angenähert und bedient sich ihrer noch immer, auch wenn die technischen Möglichkeiten unvorstellbar komplex geworden sind.

Ein weiteres Element ist die Reihe von Figuren, die später integraler Bestandteil der Holmes-Geschichten werden. Da sind natürlich Holmes und Watson selbst. Es gibt aber auch die Londoner Detektive Lestrade und Gregson, die Holmes als “…die Wahl eines schlechten Loses” beschreibt und die Baker Street Irregulars, eine Gruppe zerlumpter Kinder unter der Leitung des Ältesten, Wiggins, der Holmes direkt unterstellt ist. Diese Kinder kennen die Stadt sehr gut, da sie hauptsächlich auf der Straße leben. Sie sehen alles, was passiert, und was sie nicht sehen, können sie oft herausfinden, ohne auf sich aufmerksam zu machen. All diese Figuren verleihen den Holmes-Geschichten eine gewisse Tiefe, und sie alle spielen in dieser Geschichte eine Rolle. Und dann ist da noch London selbst, das, so klischeehaft es auch erscheinen mag, wirklich zu einer wichtigen Figur in diesem Roman wird (obwohl interessanterweise etwa die Hälfte der Handlung nicht dort stattfindet). Conan Doyle beschreibt die Gassen, Stadtviertel, Hauptstraßen und Sehenswürdigkeiten der Stadt anschaulich, so dass der Leser eine starke Verbundenheit mit der Stadt verspürt, auch wenn man sagen muss, dass Doyle längst nicht der beste Autor ist, wenn es um die Londoner Atmosphäre geht.

Um die Morde zu erklären, blickt Doyle etwa zwanzig Jahre zurück auf die frühe mormonische Besiedlung des Utah-Territoriums. Der Übergang vom spätviktorianischen London zu den großen Alkaliwüsten des nordamerikanischen Westens kommt ruckartig und man wähnt sich plötzlich in einem ganz anderen Buch. Ausgehend von voreingenommenen, den Mormonen feindlich gesinnten Quellen skizziert Doyle eine “historische” Romanze, in der die Heiligen als blutrünstige weiße Sklavenhändler dargestellt werden, die von der kriegerischen Figur des Brigham Young dominiert werden. Doyles Geschichte windet sich einige Kapitel lang auf dieser Tangente ab, bis wir plötzlich wieder im Salon der Baker Street 221B sind, wo das Rätsel gelöst, aufgearbeitet, neu erzählt und unbeholfen zu Grabe getragen wird.

Trotz mancher Mängel ist “Eine Studie in Scharlachrot” natürlich Pflichtlektüre für jeden Sherlock-Holmes-Fan. Die Begegnung mit Holmes in all seiner Schrulligkeit ist die manchmal etwas unangenehme Mühe wert, mit der man sich durch den zweiten Teil der Erzählung quält.