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Die Wahl grausiger Themen

Das Original erschien im Nightmare Magazine; übersetzt und editiert von Michael Perkampus

Dass ich Horrorgeschichten schreibe ist nichts, das meine Frau jemals in Frage gestellt hat. Auch meine Söhne haben nie darum gebeten, ich möge ihnen doch erklären, was ich da schreibe. Es war meine Mutter, die mich nach meiner Literatur fragte, obwohl sie das erst vor kurzem zum ersten Mal tat. Wir waren auf einer Dinner-Party, gemeinsam mit einem anderen Horrorautor, und als die Platten für den Hauptgang geleert waren, wendete sich meine Mutter ihm zu und fragte ihn, woher er seine Inspiration bekäme. Als er gerade zu antworten begann, bemerkte ich, wie ihre Blicke kurz zu mir herüber huschten, leicht in Alarmbereitschaft versetzt, als sie bemerkte, dass sie ihm eine Frage gestellt hatte, die sie mir selbst nie gestellt hatte. (Sie ist eine gute Mutter und gewissenhaft in diesen Dingen.) Als mein Freund geantwortet hatte, drehte sie sich zu mir und wiederholte ihre Frage. Ich murmelte eine Antwort, an die ich mich wirklich nicht mehr erinnern kann, und alles andere, an das ich mich erinnere, ist nicht interessant.

Es war nicht das erste Mal, dass ich gefragt wurde: „Warum schreibst du dieses Zeug?“ Es ist die typische Frage von Leuten, die freundlich zu mir sein wollen, aber mir nicht besonders nahe stehen: Kollegen in der Schule, wo ich unterrichte; die Eltern der Mitschüler meines jüngsten Sohnes; Leute, die mir in Buchläden, Bibliotheken oder nach einer Lesungen begegnen, wenn ich Bücher signiere, oder wenn ich an einer Podiumsdiskussion teilnehme. Nach all den Jahren habe ich noch immer keine gute Antwort.

Natürlich sagt niemand, dass man eine bräuchte. Wie ein Freund von mir, mit dem ich dieses Thema diskutierte, es ausdrückte: „Wen interessiert, warum du das schreibst? Die Leute wollen das lesen, das ist alles, was zählen sollte.“ Vielleicht sollte es das.

Ich komme nicht umhin, diese Frage als die Hälfte einer anderen zu betrachten, die regelmäßig online kursiert, nämlich die nach der Natur (und den Zweck) der Horrorliteratur. (Vor kurzem hat Richard Gavin sich auf seinem Blog The Teeming Brain dieser Frage angenommen.) Wenn wir daran interessiert sind, was Horrorliteratur tut, dann macht es einen gewissen Sinn, dass wir auch daran interessiert sind, woher das kommt.

Während ich über diese Frage nachdachte, ging ich zu meinem Bücherregal und stellte fest, dass wieder einmal Stephen King der erste war. Im Vorwort seiner Sammlung von 1978, Nachtschicht, schrieb er über die Frage, die ihn als Horrorautor regelmäßig gestellt wird: „Warum haben Sie sich dazu entschieden, über solche grauenvollen Themen zu schreiben?“ Er beantwortete diese Frage mit einer eigenen: „Warum gehen Sie davon aus, ich hätte eine Wahl gehabt?“ So wie er es sieht, ist Schreiben eine Art von obsessivem Verhalten, und Obsessionen liegen, ihrer ursprünglichen Natur nach, jenseits unserer Kontrolle. King schreibt über grauenvolle Themen weil sie das sind, worüber er schreibt – oder, so ist es vielleicht besser ausgedrückt, über das, worüber er schreiben kann – oder sogar. diese Themen sind das, worüber er schreiben muss, wenn er schreibt.

Kings Antwort hat was. Die Texte,die ein Schriftsteller produziert, müssen nicht notwendigerweise die sein, die er oder sie gerne liest. (Ich denke da an Philip Pullman, der sich trotz seiner beachtlichen Erfolge im Fantasy-Genre als frustrierten Realisten bezeichnete.) Eine der Aufgaben,mit der sich angehende Autoren konfrontiert sehen, ist jene, herauszufinden, welche Arten von Literatur sie selbst schreiben können. Zwar gibt es keine Verpflichtung, ein Autor der Phantastik zu werden, wenn man absolut keine Fantasy schreiben will, beim schreiben fordert dich dein Talent bei einer bestimmten Art von Literatur jedoch dazu heraus, es einmal zu versuchen. Haben diese Geschichten in diesem Genre dann Erfolg, bist du wesentlich mehr dazu bereit, damit weiterzumachen. Das ist ziemlich einfach.

Es sei denn, das stimmt nicht. Der Reiz, diese Fähigkeit zu besitzen, umgeht geschickt die zusätzliche Frage, die Kings Antwort aufwirft, nämlich, dass, wenn deine Texte – deine Obsession – in eine dunkle Richtung tendiert, warum das so ist? Was ist mit dir geschehen – welche Erfahrungen brachten dich auf diesen Weg?

Um fair zu sein, das ist eine Frage, die wir jedem stellen, der eine Karriere außerhalb des (eingebildeten Normalen) anstrebt, ob es sich dabei um ein gewähltes Amt handelt oder darum, Arzt werden zu wollen, oder ob man einer religiöse Berufung folgt. Ich denke, unsere Neugier rührt daher, dass es sich dabei um Karrieren handelt, die nicht nur damit zu tun haben, möglichst viel Geld zu verdienen, dass es da noch andere Ziele gibt. (Immerhin, wann war es das letzte Mal, dass ich mich über Freunde gewundert habe, die eine Karriere in der Unternehmenswelt einschlugen? Ob nun richtig oder falsch, nehme ich an, dass ihre Entscheidung davon abhing, was ihnen den dicksten Gehaltsscheck versprach.) Sicher sind wir von Künstlern aller Couleur fasziniert. Für den betreffenden Künstler ist ein wenig mehr Sorge über das Warum begründet. Diese Sorge wird wohl noch stärker bei jenen vorhanden sein, die mit Formen und Themen arbeiten, die von der Hauptströmung ihrer Kunst abweichen (eine Gruppe, zu der ich die Horrorautoren zähle). Ramsey Campbell brachte es auf den Punkt, als er sagte, dass es nur ein kleiner Schritt ist von: „Ah, das ist es also, worüber Sie schreiben,“ zu: „Ah, das ist also alles, worüber Sie schreiben.“

Horrorautoren sind in dieser Hinsicht nicht einzigartig. Als sich die Schlinge des Lebens für Scott F. Fitzgerald immer enger zusammenzog, weigerte er sich, irgendwelche therapeutischen Maßnahmen in Anspruch zu nehmen, weil er glaubte, dass das Aufspüren der Ursachen seiner Kreativität sie vergiften könnte. Rainer Maria Rilke war fasziniert von den Möglichkeiten, die Freuds Sicht auf die Psyche offerierte, aber er misstraute ihrer Auswirkung auf seine Kreativität. Natürlich, die spätere Karriere Fitzgeralds hielt dem Versprechen seiner jungen Jahre nicht stand, während Rilkes Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse ihm zu einigen der wichtigsten Momente seiner Duineser Elegien verhalf. Um zu dem zurückzukommen, wovon wir sprechen: Peter Straubs Beschäftigung mit der Psychoanalyse trug Früchte in seinen Blaue-Rose-Romanen und Erzählungen. Ich finde die Beispiele Rilke und Straub deshalb so interessant, weil sie zeigen, dass die Untersuchung des kreativen Impuls ihre Arbeit nicht behindert hat, sondern ihnen die Türen zu neuen Möglichkeiten an die Hand gab.

Wenn es eine Gefahr hinter solchem Bemühen gibt, dann liegt sie darin, die Dinge zu vereinfachen. Freud prägte den Begriff der „Überdeterminierung“, um den Überschuss an Motivationen zu beschreiben, der unseren Aktionen anhängt. Jede dieser Ursachen könnte als eine ausreichende Erklärung herhalten – das ist alles, was wir von einem fiktionalen Werk erwarten – aber unsere Psyche ist verschwenderisch, tischt uns eine Begründung nach dem nächsten auf. Die Versuchung eines solchen Reduktionismus ist der Teufel im Detail etwa beim studieren einer Autorenbiographie, ganz besonders dann, wenn sich ein verlockendes Ereignis als völlig auf der Hand liegend erweist. Lovecrafts Vater wurde verrückt aufgrund einer tertiären Syphilis und musste in eine Anstalt eingewiesen werden als Lovecraft drei Jahre alt war? Alles klar! Stephen Kings Vater verließ die Familie als King zwei Jahre alt war? Bingo. Peter Straub wurde von einem Auto erfasst und beinahe getötet als er sieben war? Die Akte ist geschlossen.

Und doch gibt es mehr im Leben eines jeden dieser Männer als diese Details, auch wenn sie unzweifelhaft eine wichtige Rolle in ihrer Entwicklung spielten. Und wenn wir erkennen können, dass das Leben anderer aus mehr besteht, wie viel mehr hat es dann wohl mit unseren eigenen Erfahrungen auf sich?

Ich versuche, eine dünne Linie entlang zu laufen, indem ich dafür argumentiere, die Quelle unserer Kreativität zu untersuchen und gleichzeitig dazu auffordere, nicht zu viel Wert auf einzelne Details zu legen. Diese besonderen Lebensumstände haben ihren Nutzen. Sie können als Linsen funktionieren, die einige Aspekte im Werk eines Autors zu Tage fördern. Die Figur des abwesenden geisteskranken Vaters taucht in unterschiedlichen Gestalten in Lovecrafts Werk auf, angefangen bei „Die Ratten im Gemäuer“ über „Cthulhus Ruf“ bis zu „Der Schatten aus der Zeit“. In Stephen Kings Werk gibt es sprichwörtlich und metaphorisch verlassene Kinder, angefangen bei Carrie bis zu Es und Atlantis. Traumata und Unfälle verfolgen Peter Straubs Werk, von Julia über Koko bis zu Okkult. Wenn diese Linsen sich jedoch festfressen, hindern sie uns daran, noch mehr im Werk eines Schriftstellers zu sehen und werden somit zum Nachteil.

Ich muss gestehen, ich bin am Ende dieses kurzen Aufsatzes angelangt, ohne eine klare Vorstellung davon, was ich demnächst antworten werde, wenn mich jemand fragen sollte, welches Ereignis in meinem Leben mich dazu veranlasst hat, Horror zu schreiben. Ich denke an den frühen und unerwarteten Tod meines Vaters als ich 23 war; ich denke an einige Herzinfarkte, die ihn fast umgebracht hätten als ich 13 war; ich denke an die Operation an meinem rechten Auge als ich zweieinhalb war, weil sich ein Stückchen Metall in meiner Hornhaut festgesetzt hatte und herausgebohrt werden musste. Ich erinnere mich daran, auf der Intensivstation neben dem Körper meines stillen Vaters zu stehen; ich erinnere mich, wie ich gemeinsam mit einem Freund auf Neuigkeiten aus der Klinik wartete. Ich erinnere ich (vage), wie ich in meinem Kinderbett in der Dunkelheit stehe, weinend, mein rechtes Auge verbunden, meine Arme von Schienen zurückgehalten, damit ich mir das Pflaster nicht abreiße. Jede dieser Erinnerungen fühlt sich so an, als wäre sie die Kraft, die die schwarze Tinte über die Seiten schüttet. Jede von ihnen fühlt sich so an, als könnte sie mir etwas Neues über die Geschichten, den Roman sagen, die ich geschrieben habe. Gemeinsam sind sie ein Anfang.

 

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