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Drachen

aus "Game of Thrones" © HBO

Großer Drache von der Insel Rhodus (aus Athanasius Kirchers “Mundus Subterraneus”, 1665)

Diese seit menschengedenken in allen Kulturkreisen bekannten Wesen, die die Länder und Lüfte spielend eroberten wie kein anderes, sind in den Köpfen der Menschen, besonders in Literatur und Film, bis heute existent. Faszinierende Mischwesen mit einem großen langen Schwanz, die manchmal ihren Gegnern sogar vielköpfig Feuer unter’m Hintern machten. Manchmal mit einem Löwenkopf, manchmal mit einem Krokodils-, Panther- oder Wolfskopf. Einem Vogel gleich seien sie, da sie Flügel (häufig Flughäute) hätten, mit denen sie fliegen könnten. Schuppige Reptilien seien sie, die einer Schlange sehr ähnlich sähen. Ebenso aber seien sie Raubtiere mit riesigen greifartigen Klauen oder Tatzen an den Vorder- und Hinterbeinen, die verspeisen würden, was sie fassen könnten. In Klassen unterteilt wurden sie. Und so gab es auch jene, die man zu den Wyvern zählte, die vor allem in der Heraldik Einzug hielten, die nur zwei Vorderbeine, Flügel und einen schlangenartigen Unterleib hatten. Als auch jene, die man den Kriechdrachen zuordnete, die ganz ohne Füße auskommen mussten.

Im Lateinischen draco genannt, im Altgriechischen δράκων, was häufig mit ‘Schlange’ übersetzt wird, jedoch streng genommen ‘der starr Blickende’ bedeutet. Also dem Blick einer Schlange verwandt. So will man uns weismachen. Jedoch ist bedenkenswert, dass das, was uns den Blick einer Schlange als ‘starren’ erscheinen lässt, auch von einer anderen Tatsache herrühren könnte, der Tatsache nämlich, dass sie über keine Augenlider verfügt, die sie vor ihrer Umwelt schützen. Weshalb wir uns überlegen können, ob dem so ist oder war. Oder ob es nicht durch viele Zeiten hindurch unserem Blick zuzuschreiben ist, der starr erblickte, was er, mindestens seit den Babyloniern, erblicken wollte.

Quetzalcoatl als gefiederte Schlange im Codex Telleriano-Remensis

Ein Sinnbild des Chaos seien sie. Verderbnis und Tod brächten sie. So jedenfalls sahen das lange Zeit besonders westliche, aber auch orientalische Kulturen. Im asiatischen Raum hingegen, besonders im Osten Asiens, standen sie für die kaiserliche Macht. Und gelten dort bis heute als Glücks- und Regenbringer, die Fruchtbarkeit verheißen. Bei den Mayas, Tolteken und Azteken sehen wir den Drachen Quetzalcoatl als gefiederte Schlange dargestellt, als eine synkretistische Gottheit dieser Kulturen, die ihn teilweise auch in menschlicher Gestalt beschrieben. Aus der nordischen Mythologie kennen wir ihn als Nidhöggr, eine schlangenartige Drachengestalt, die am Weltenbaum Yggdrasil nagt. Und sogar im Alpenraum lebt einer ihrer kleineren Vertreter. Der Tatzelwurm, der unter anderem auch Springwurm oder Steinkatze genannt wird.

So unterschiedlich die Drachen in den einzelnen Kulturen und ihren Epochen in Erscheinung treten und traten, so unterschiedlich sind die Niederschriften und Sagen über sie. Und doch, obwohl ihre von uns erschriebene ‘Genese’ eine beachtliche und vielseitige ist, gibt es nichts bis kaum etwas, das als Beweis gelten könnte, der uns etwas über ihren tatsächlichen Ursprung, ihre Werdung erzählt: woher sie wirklich kamen, was sie wollten, wohin sie gingen. Zumindest nicht, was Fakten anbelangt. Kein fossiler Fund, der ihre Existenz ein für alle Mal bestätigt. Und doch gab es mit den Dinosauriern – und gibt es bis heute – existierende Vertreter ihrer Art, denken wir z.B. an den sog. ‘Gemeinen Flugdrachen’ (Draco volans), oder an die ‘Grüne Wasseragame’ (Physignathus cocincinus), die auch ‘Grüner Wasserdrache’ genannt wird, und an mehr dergleichen Tiere. Besonders die Echsenarten aus der Familie der Agamen scheinen sich in ihren phänotypischen Erscheinungen und teilweise auch in ihren Fähigkeiten an ihre großen Ahnen zu erinnern. Wir finden sie zu Wasser, an Land, ja sogar in der Luft, wenn auch nur in gleitender Weise. Nur zu einer Fähigkeit sind offenbar absolut nicht mehr vermöge: der Fähigkeit, Feuer zu speien. Ein Feuer, das sogar Stein schmelzen ließ, das dem Feuer des Hephaistos, dem Gott der Schmiede und Handwerker, mindestens ebenbürtig war.

Siegfried trinkt Fafners Blut, Illustration von Arthur Rackham (1867-1939)

Besonders in der Antike dienten sie als Schreckensbild wie auch als Herrschaftssymbol. Sie schmückten Wappen, Fahnen und Schilde, aber auch kirchliche Gegenstände wie Taufbrunnen. Im Mittelalter waren sie vor allem ein Synonym für den Teufel, das Böse, das Dämonische. Und es gab, wie wir wissen, im Laufe der Jahrhunderte nicht wenige Mannsbilder, die sich als Drachentöter einen Namen gemacht hatten. Da wären z.B.: Kadmos, der Ares’ Drachen getötet haben soll, bevor er Theben gründete. Und dies sei ihm auch nur mit der Hilfe von fünf Kriegern gelungen, die aus den von ihm gesäten Zähnen des getöteten Drachen gewachsen waren. Dann gibt es freilich noch Siegfried aus der Nibelungensage, den wohl bekanntesten Lindwurmtöter (von ahd. lint: Schlange), der sogar in dessen Blut badete und doch eine verletzliche Stelle beibehielt, die Hagen von Tronje so raffiniert auszunutzen wusste. Oder Beowulf, der Dänemark gleich von mehreren Drachen befreite. Auch Marduk, der Stadtgott der Babylonier, will erwähnt sein, der im sog. ‘Chaosdrachenkampf’ Tiamat (Mutter aller Götter, die häufig als Drachenwesen dargestellt wurde) in zwei Hälften spaltete, um aus ihr die Erde und den Himmel zu formen. Ebenso erinnert uns die Legenda aurea an den heiligen Georg, der eine jungfräuliche Königstochter aus den Klauen eines Drachen barg. Und nicht zu vergessen: Erzengel Michael, der den Teufel in der Gestalt eines Drachen in die Hölle stürzte, während er rief: “Wer ist wie Gott?” (Oder einfach nur seinen eigenen Namen lauthals verkündete. Was aufs selbe hinauslief.). Doch es gab auch weibliche Drachenbezwinger wie die Jungfrau und Märtyrin Margareta von Antiochia, die, als sie von einem Drachen verschlungen wurde, das Kreuzzeichen schlug und ihn somit zerspringen ließ. Sowie die heilige Martha von Bethanien, die den Drachen Tarasque mit ihrer lieblichen Stimme in den Schlaf sang.

“Angelika, von einem Drachen bewacht” von Arnold Böcklin, um 1873

Waren es nicht all jene, die sich dem Drachen mutig gegenüberstellten, war es Christus selbst, der ihn bezwang. Wir wissen, der Drache hatte es viele Jahrhunderte, besonders im Christentum nicht leicht, verkörperte er doch das Heidentum (den Teufel selbst) und die damit einherhgehende Sünde. Er galt als die ultimative Städte und Dörfer niederbrennende Bestie, aus deren Fängen man nicht selten auch eine Jungfrau befreien musste. Sollst keine schlafenden Drachen wecken, könnte damals ein mahnender Ausspruch gewesen sein. Wir können nur spekulieren wie es dazu kam, dass die Drachen derartig mit dem Bösen belegt wurden, dass sie selbst zu einem Synonym für das Ungeheuer, die Bestie wurden. Vielleicht war es ihr teilweise unbestimmbares Äußeres, dass die Menschen erschreckte, sahen sie in ihnen Wesen, die die Gestalt und die Fähigkeikeiten von vielen verschiedenen Tieren vereinten und sich daher in allen Elementen gleichermaßen wohlfühlten. Denn nicht nur das Land und die Lüfte waren ihr Herrschaftschaftsgebiet, auch das Wasser stellte eines ihrer Reiche. Sagen und Märchen bezeugen dies. Als Bewacher von Flüssen und Quellen sorgten sie entweder für eine Überschwemmung oder die Dürre eines Landes. In Heldenepen bewachten Drachen häufig einen Schatz, den sog. ‘Drachenhort’, bei dem es sich zumeist um Gold handelte. Als Verstecke dienten Höhlen, Meeresgründe, Brunnen und verborgene Landstriche.

Vieles hat durch die Zeiten hindurch im Kampf gegen Drachen geholfen. Mal waren es Gebete und Kreuzzeichen, mal waren es Waffen. Und war es keines von beidem, gab es ja noch immer die List, die einen Sieg herbeiführte. Anerkennung und Ruhm erntete der Held. Darüber hinaus bot sich ihm nicht selten die Aussicht auf Unbesiegbarkeit, verspeiste er z.B. das Herz des getöteten Drachens oder badete er in dessen Blut. Ein gewissermaßen ritualisches und offenbar zutiefst menschliches Verhalten, sich die Kraft des getöteten Gegners einzuverleiben. Es mag an ihrer Autarkie, Stärke und Potenz gelegen haben, dass wir sie zu bekämpfen versuchten und töteten, waren und sind sie doch in allen Elementen zuhause wie kein anderes Wesen es ist und jemals war.

Der Drache Ouroboros in dem alchemistischen Werk “De Lapide Philosophico” (herausgegeben von Lucas Jennis, 1625)

Drachen haben seit jeher die Phantasie der Menschen beflügelt, im Guten wie im Bösen, da mag es nicht verwundern, dass wir ihnen in allen Künsten begegnen, heute nicht weniger als in vergangenen Zeiten. Speziell in der Literatur gibt es einen Sektor, den sie besonders bevölkern, der geradezu von ihnen wimmelt, aus dem sie kaum mehr wegzudenken sind. Es ist jenes Genre der Phantastik, das in den Mythen und Sagen dieser Welt wurzelt, seine eigenen entwirft, gar ganze Welten gebiert. Es ist die Fantasy, die diesen Wesen die größte Herberge bietet. Die viele, heute berühmte Drachen in ihren Landen und Lüften aufnahm, wie: Smaug, den Schatzhüterdrachen aus Mittelerde, oder die drei Drachen, die Daenerys Targaryen im Feuer ausbrütete, ohne dabei selbst zu verbrennen, oder jene berittenen Drachen, die den Planeten Pern zu schützen versuchen, um nur einige zu nennen … Ganze Imperien werden den Drachen mittlerweile in der Fantasy zugedacht. Nicht wenige der erschriebenen Abenteuer titeln sogar mit ihnen. Majestätisch magische Tiere sind sie, die wir uns heute auch zum Freund gemacht haben, mit denen wir Seite an Seite kämpfen, statt gegen sie, um gegen das wirklich Böse in die Schlacht zu ziehen.

Weise und erhaben sind sie uns geworden. Mit ihrer Haut dem Teufel längst nicht mehr dienlich. Archaisch und phantastisch waren sie seit jeher. Sie erscheinen uns als Wesen einer längst untergegangen Welt, die immer schon der unseren vorauslief. Sie sind die Bewahrer eines tiefen und alten Wissens von Raum und Zeit, von Geburt und Leben, Tod und Wiedergeburt. Ihre Mythen und Topoi stehen jenen der Götter in nichts nach. Sie erscheinen mir sogar älter als diese, und ich finde mich bestätigt, denke ich allein an Tiamat und Marduk oder den Ouroborosdrachen.

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