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Der Poltergeist-Fluch

Flüche sind so alt wie die Zeit selbst – wir haben genügend Beweise dafür, dass die ersten Zivilisationen, wie die Ägypter, Griechen, Römer, Perser oder sogar Mesopotamier, durch die Verwendung verschiedener Rituale und Gegenstände wie etwa Amulette und speziell konstruierte Gräber versuchten, ihre Toten daran zu hindern, den Lebenden etwas anzutun. Völlig unabhängig voneinander, Hunderte von Jahren und Tausende von Kilometern voneinander entfernt, hatte doch jede Zivilisation irgendwie die gleiche Idee: Wenn du die Toten nicht respektierst, werden sie für deinen Untergang sorgen.

Es ist eigentlich ein faszinierendes Phänomen, aber vielleicht kann es mit der allgemeinen Angst vor dem Tod erklärt werden, oder noch wichtiger, vor der Angst, was uns nach dem Tod widerfährt. Wir haben keine Kontrolle darüber, was mit unseren Körpern geschieht, nachdem wir diese Erde verlassen haben, und so müssen wir unseren Familien eine Warnung hinterlassen, um sicherzustellen, dass sie unsere Überreste nicht einfach irgendwo hinwerfen und die ganze Sache vergessen.

Sie von jenseits des Grabes heimzusuchen, um sie zu warnen, ist sicher der effektivste Weg, nicht wahr?

Im Laufe der Entwicklung haben wir allmählich gelernt, dass es keine Flüche gibt und dass wir unsere Toten aus einem rein menschlichen Anstand und nicht aus Angst angemessen pflegen sollten. Aber genau das macht die wirklichen, echten und verbürgten Beispiele von Flüchen so viel erschreckender.

Die meisten unserer Leser haben zumindest von dem Film „Poltergeist“ aus dem Jahr 1982 gehört, der neben „Der Exorzist“ eine Renaissance des modernen Horrors einleitete, von der wir bis heute zehren. Zu sagen, dass der Film gedreht wurde und herauskam wie jeder andere, würde allerdings den Tatsachen nicht gerecht werden. Die Filmemacher waren ziemlich beunruhigt, nur mit einem Budget von etwa 10 Millionen Dollar auskommen zu müssen. Das war nicht annähernd genug, um den Film so werden zu lassen, wie sie es sich erhofft hatten.

Echte Leichen in „Poltergeist“ (Warner Home Video)

Infolgedessen musste einiges gekürzt werden, und leider wurden während dieses Prozesses nicht immer die besten Entscheidungen getroffen. Diejenigen von euch, die den Film gesehen haben, erinnern sich zweifellos an die ekelhafte Pool-Szene, in der Diane in einen Pool voll verrotteter Skelette geworfen wird. Was ihr vielleicht nicht gewusst habt, ist, dass, obwohl es unglaublich klingt, die fraglichen Skelette völlig echt waren. Tatsächlich fanden es die Produzenten wesentlich billiger, mehrere echte Skelette zu „erwerben“ als Gummirequisiten in Auftrag zu geben, und so wurden die Überreste mehrerer menschlicher Leichen in den Pool geworfen. Am Set wusste das keiner. Die Schauspieler wurden erst viel später darüber informiert.

Weniger als fünf Monate nach dem Erscheinen des Films wurde Dominique Dunne, eine der Schauspielerinnen, in einem blinden Wutanfall von ihrem Freund vor ihrer eigenen Auffahrt erdrosselt. Besagter Freund, John Sweeney, stellte sich sofort den Behörden und gab ein vollständiges Geständnis ab. Nach seiner Aussage erinnerte er sich nicht an die Tat – das Einzige, an das er sich erinnern konnte, war, dass er sich plötzlich auf sie stürzte und seine Hände um ihren Hals legte. Zur Besinnung gekommen, war der Schaden allerdings schon angerichtet und Dunnes lebenserhaltende Maschinen wurden fünf Tage später abgeschaltet.

Drei Jahre später, im Jahr 1985, verstarb Julian Beck – eine Schauspielerin der Fortsetzung „Poltergeist II: Die andere Seite“ – unerwartet an Magenkrebs. Im Jahr 1987 starb Will Sampson, ein weiterer Schauspieler der Fortsetzung, plötzlich an Unterernährung und Nierenversagen. Aber das tragischste Beispiel für den „Poltergeist-Fluch“ ist das von Heather O’Rourke, die erst sieben Jahre alt war. Sie spielte die jüngste Tochter der heimgesuchten Familie. Fünf Jahre später starb das Kind aufgrund eines Herzstillstandes aufgrund eines falsch diagnostizierten Darmproblems. Aber die Stars waren nicht die einzigen, die einer nach dem anderen starben – Lou Perryman, der nur die kleine Rolle von Pugsley spielte, wurde von einem Axt schwingenden Ex-Sträfling in seinem eigenen Haus getötet.

Heather O’Rourke in „Poltergeist“ (Warner Home Video)

Man kann natürlich argumentieren, dass jedes Franchise, das so alt ist wie „Poltergeist“, einen natürlichen Anteil an Tragödien haben wird … Aber andererseits hört man nicht viel über den „Ghostbusters-Fluch“ oder den „Zurück in die Zukunft-Fluch“. Wie man es auch betrachten mag, es scheint doch ziemlich eigenartig zu sein, dass so viele seiner Darsteller in so einer relativ kurzen Zeit unter diesen mysteriösen Umständen ums Leben gekommen sind. Wer weiß, vielleicht ist alles nur ein Zufall … Oder vielleicht hatten alte Zivilisationen doch Recht damit, die Toten zu fürchten.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.

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