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Murakami Haruki – Wilde Schafsjagd

WildeschafsjagdEine der wirklich gelungenen Überraschungen des Buchjahres 1991 war für mich der Roman Wilde Schafsjagd von Murakami Haruki (Jahrgang 1949). Dieses Buch hat mir deutlich gezeigt, dass man inzwischen durch die Schwemme amerikanischer Literatur viel zu abgestumpft für das Kulturgut anderer Nationen geworden ist. Hätte mir nicht ein glücklicher Zufall diesen Band in die Hände gespielt, wäre mir mit Sicherheit eines der bemerkenswertesten Werke der jüngeren modernen Phantastik entgangen. Somit sehe ich meine Aufgabe darin, Sie davon zu überzeugen, sich unbedingt auch mal einen so exotischen Namen wie Murakami Haruki vorzunehmen, denn wer sich Japan insgeheim immer noch als eine mythische Stätte der Samurai und des Harakiri vorstellt, wird sich bereits nach den ersten Sätzen arg getäuscht sehen. Murakamis Prosa ist frisch und gewitzt, sein Japan so modern wie es nur sein kann.
Sollte ich Wilde Schafsjagd näher beschreiben, würde ich es so versuchen: Wenn Sie sich vorstellen können, John Irving hätte statt Laßt die Bären los! Jonathan Carrolls Das Land des Lachens geschrieben, dann haben Sie in etwa eine Vorstellung von Murakami Harukis Roman.
Zentrum des Buches ist der namenlose Erzähler, nach außen hin ein unbeschwerter Luftikus, zwischen den Zeilen betrachtet jedoch bereits durch einige Kratzer auf der Seele geprägt. Lesen Sie, wie er selbst sich sieht: „Von meiner Frau bin ich geschieden, und in der Firma werde ich heute kündigen. Meine Wohnung ist gemietet, und Hausrat habe ich nur wenig. Alles, was ich besitze, sind knapp zwei Millionen Yen an Ersparnissen, ein gebrauchtes Auto und ein alter Kater. Meine Kleider sind alle aus der Mode, selbst meine Schallplatten haben bestenfalls Kuriositätenwert. Ich genieße weder hohes Ansehen noch das Vertrauen der Gesellschaft, habe auch keinen Sex-Appeal. Ich bin ohne Talent und nicht einmal mehr sehr jung. Ich gebe stets Belanglosigkeiten von mir und bereue sie anschließend. Ich bin mit einem Wort […] ein mittelmäßiger Mensch. Was sollte ich schon zu verlieren haben? Was? Verraten Sie es mir, wenn Sie können!“
Dieser Mann bekommt eines Tages Besuch in seiner Werbeagentur. Der geheimnisvolle Fremde eröffnet ihm, er werde seine Agentur in den Ruin stürzen. Schlüssel zu allem ist ein altes, zu Werbezwecken veröffentlichtes Foto, das bei genauem Hinsehen inmitten einer Schafsherde im Hinterland von Hokkaido ein besonderes, mit einem dunklen Stern gezeichnetes Schaf erkennen lässt, das für den Besucher und seinen schemenhaften, im Hintergrund agierenden Chef von herausragender Bedeutung zu sein scheint. Unser Protagonist steht vor der Wahl – dem absoluten Ruin oder der Suche nach dem Schaf. Er entschließt sich für letzteres und macht sich gemeinsam mit seiner neuen Liebe auf die Reise.
Das Buch ist in höchstem Maße unterhaltsam, erzählt eine fesselnde Geschichte und ist doch weit mehr als nur ein Unterhaltungsroman. Die gar nicht so tiefe Kluft zwischen Komik und Tragik berührte mich zutiefst, gerade weil Murakami sich trotz des aberwitzigen Plots noch einen Blick für die Menschen bewahrt hat.
Ist dieser Quasi-Erstlingsroman (die beiden vorangegangenen Romane Wenn der Wind singt [1979] und Pinball 1973 [1980] hat der Autor wegen mangelnder Qualität aus seinem Gedächtnis gestrichen und für Übersetzungen gesperrt) auch zuweilen in seiner gewöhnungsbedürftigen Absurdität noch in hohem Maße von seinen Vorbildern Kurt Vonnegut und John Irving gezeichnet, so stellt er doch eine bewegende Leistung dar, die – da bin ich mir ganz sicher – in den kommenden Jahren einen der großen Romanciers unserer Zeit hervorbringen wird. Dies untermauert auch die Tatsache, dass Murakami Haruki sich in seinen nachfolgenden (noch nicht ins Deutsche übersetzten) Romanen nicht auf ein Klischee hat festnageln lassen: Hardboilded Wonderland und das Ende der Welt (1985) bietet Science Fiction in Reinkultur, Norwegian Wood (1987) eine traditionelle Liebesgeschichte und Tanz mit dem Schafsmann (1989) die Fortsetzung zu Wilde Schafsjagd. Dazwischen lenkte sich Murakami mit zahlreichen Kurzgeschichten ab, die auch gesammelt in fünf Bänden vorliegen.
Es ist deshalb unbedingt zu begrüßen, dass Murakami auch in der westlichen Welt (in seiner Heimat genießt er Bestsellerstatus) entdeckt wird. In den USA ist sein Name inzwischen schon ein Begriff, bei uns darf man nur hoffen, dass der Insel Verlag nach diesem ersten Vorstoß dranbleiben und seine Leser weiterhin mit solch exquisiten Übersetzungen verwöhnen wird.

Originalausgabe: Hitsuji wo meguru boken (1982)
Übersetzt von Annelie Ortmanns-Suzuki und Jürgen Stalph
Frankfurt am Main: Insel, 1991

Erstveröffentlichung dieser Rezension in: science fiction media, Nr. 91, Dezember 1991

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