Maurizio De Giovanni: Der Winter des Commissario Ricciardi spielt sich in der Oper ab

Suhrkamp-Verlag

“Ich will Blut, mein Zorn soll wirken, im Hass wird all meine Liebe enden.”

Das sind die letzten Worte, die der 31-jährige Luigi Ricciardi, Kommissar der Questura im faschistischen Neapel des Jahres 1931, von dem großen Tenor Arnaldo Vezzi hört. Sie stammen aus der Oper Pagliacci. Das wesentliche Detail, das die Fälle des Commissario Ricciardi seit Jahren in Italien zu einem großen Erfolg gemacht haben, besteht darin, dass der Tenor bereits tot ist, als Ricciardi diese Worte vernimmt, vorgetragen vom blutüberströmten und betäubten Geist des Opfers, der im Augenblick seiner Ermordung wie in einem Spuk gefangen ist. Ricciardi hat diese beunruhigende und unerwünschte Gabe seit seiner Kindheit: Die gespenstischen Bilder der Toten zu sehen. Nicht alle – nur die gewaltsam Verstorbenen, und nicht lange – nur in der Zeitspanne der extremsten Emotionen, in der die plötzliche Energie ihre letzten Gedanken offenbart.

Maurizio de Giovanni schafft eine meisterhaft düstere Atmosphäre dieser unwiderstehlichen Prämisse, so dass selbst die Fantasielosen an sie glauben können. Tatsächlich ist der Roman ein durch und durch italienischer Vertreter, nicht nur weil der Tatort eine Oper ist, sondern weil der Roman selbst wie eine Oper erscheint. Hier wird aufgetreten und abgetreten, Neapel und die Zeit des Duce wird zwar in wenigen Szenen spürbar, fungiert aber doch eher wie eine Kulisse, während den Figuren das ganze Augenmerk gilt.

Wie das Land, so die Leute lautet ein altes Sprichwort, das so einfach wie wahr ist. Wenn schon nicht auf der Straße, dann merkt man das hauptsächlich an der Literatur, und noch deutlicher in den jeweiligen Rätselgeschichten eines Landes. Der skandinavische Kriminalroman zeigt ganz andere Figuren als der amerikanische oder der englische. Das mag sich nach einer Binsenweisheit anhören, und das ist es natürlich auch, bestärkt im Nachgang aber immer wieder die Tatsache, dass die Kriminalliteratur die größte Vielfalt unter allen Literaturen bietet, wenn man von der Art und Weise, wie jemand getötet, das Verbrechen vertuscht wird und der Detektiv schließlich zur Lösung gelangt, außer acht lässt und stattdessen auf die länderspezifischen Eigenschaften achtet. Das ganze wird noch verstärkt, wenn es sich um einen historischen Kriminalroman handelt. Und so werden diejenigen Fans von Stieg Larssons Mikael Blomqvist und Jo Nesbos Harry Hole in Maurizio De Giovannis Baron Luigi Alfredo Ricciardi, dem neapolitanischen Sonderling, eine ganz andere Figur vorfinden. Weder ist Commissario Ricciardi so abgebrüht wie Blomqvist noch so durch Alkohol und seine Nebenwirkungen geschädigt wie Hole, und in seiner Trauer und seinem Schmerz von ganz anderer Qualität.

Ricciardi, heute dreißig Jahre alt und Waise, hat keine Frau und kein Familienleben, obwohl er die unsterbliche Unterstützung seiner Tata, Rosa Vaglio, genießt, einer siebzigjährigen Frau, die seit ihrem vierzehnten Lebensjahr bei der Familie angestellt ist. Er arbeitet mindestens zwölf Stunden am Tag, um die schwierigsten Morde in Neapel zu untersuchen, und er leidet offensichtlich immer noch an einem Trauma, das sich in seiner Kindheit ereignete und das erste Aufkeimen seiner “Gabe” beschreibt.

Als Mann mit tiefen Gefühlen ist Ricciardi übernatürlich sensibel und auf die innere Natur derer, die gewaltsam sterben, eingestimmt. Er sieht die Geister diese Opfer tatsächlich in ihren letzten Momenten und leidet intensiv unter den okkulten Erfahrungen, die er mit ihnen “teilt”, indem er ihre letzten Worte oder Gedanken zum Zeitpunkt ihres Todes belauscht. Oft sieht er Gespenster, manchmal die Gespenster derer, denen er nicht helfen konnte, und jedes Mal wiederholen sie ihre selben letzten Worte – darunter ein Mann, der von einem Taschendieb getötet wurde, und der seinen Besitz nicht hergeben wollte, einen unter einem Weinstock sitzenden Bauern, der erstochen wurde und in eben seinen letzten Worten bekräftigt: “Bei Gott, ich habe deine Frau nicht angerührt”.

Diese Vorfälle hatten ihn gelehrt, dass Hunger und Liebe die Quelle aller Gräueltaten sind, welche Formen sie auch annehmen mögen: Stolz, Macht, Neid, Eifersucht. In allen Fällen sind Hunger und Liebe die Quelle aller Gräueltaten. Sie waren in jedem Verbrechen präsent. Und so arbeitet er dann auch:

“Er entwarf ein Schema, eine Art Landkarte der Emotionen der Menschen, die er verhörte, die Verwunderung, den Schrecken der Anwesenden. Dann versuchte er, die Seele des Opfers zu erforschen.”

Es gibt jedoch noch ein weiteres Geheimnis um den Commissario, das hier noch sehr flüchtig eingebaut ist. In den kurzen Momenten, wo er einmal zuhause ist, beobachtet er die Dame, die dort wohnt und einfache Handarbeiten verrichtet. Er glaubt, sie weiß nicht, dass er sie – nicht wie ein Spanner, sondern von zärtlichen Gefühlen beherrscht – beobachtet.  Enrica aber weiß es nicht nur, sondern teilt diese kurzen, distanzierten und nie zur Sprache gebrachten Heimlichkeiten, indem sie sich sorgen macht, wenn der Commissario einmal spät nach Hause kommt, und sich erst dann leicht der Vorhand bewegt. Vielleicht ein kleiner Trost, der in der gequälten Seele des Kommissars lebt.