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Karl Edward Wagner – Der Blutstein

golkonda1Der zweite Roman um Kane ist für viele auch der be­s‍te. Golkonda beginnt das Triptychon (der dritte Teil erscheint im Herbst 2016) vielleicht nicht ganz unbegründet mit diesem Buch. Wir begegnen Kane hier voll und ganz mit seiner Schurken-Rolle beschäftigt. Er selbst ist der Schlüssel zur Wiedererweckung einer gigantischen außerirdischen kristallinen Intelligenz, die bis in die Morgendämmerung der Menschheit zurückreicht (dem Blutsein). Was macht er damit? Im Grunde das Gleiche wie in jedem Roman: er will die Welt erobern.

Die er­s‍te Hälfte des Buches beschreibt, wie Kane versucht, den Blutsein zu erreichen, der in der Mitte eines von echsenhaften Kreaturen verseuchten Sumpfes, in der niedergegangenen Stadt Arellarti ver­s‍teckt liegt. Die Protgoni­s‍tin der zweiten Hälfte des Buches ist mehr oder weniger Teres, Tochter des Herrschers einer jener Stadt­s‍taaten der südlichen Länder, die Kane zu manipulieren versucht. Teres ist eine Krieger-Prinzessin mit der scharfen Intelligenz eines Grauen Mauser, der Kampfkraft einer Jirel of Joiry, und dem sexuellen Hunger einer Belit (aus Conan).

Wagner handhabt Teres‘ Sexualität auf zweierlei Weise: sensibel und vorsichtig auf der einen Seite, roh und ein wenig albern auf der anderen. Wir lernen Teres zunächst als eindeutige Lesbierin kennen. Wir erfahren das aus einer Szene, in der sie ein Glücksspiel mit ihrem Vater darum spielt, wer denn nun das neue Sklavenmädchen zuerst be­s‍teigen darf. In dieser Szene wie auch in einigen anderen zu Beginn der Geschichte scheint Teres sämtlichen Stereotypen zuwiderzulaufen. In den er­s‍ten Kane-Büchern waren die weiblichen Figuren nur als Schmuckwerk vorhanden, Weibchen in Not oder Köder für eine mögliche Vergewaltigung. Aus diesem Grunde wirkt Teres genau wie das Gegenteil aller von Wagner gewohnten weiblichen Protagoni­s‍ten. Bis Wagner diese Figur (im Roman) weiterzuentwickeln gedenkt, erscheint sie jedoch wie eine Karikatur.
Ab der zweiten Hälfte des Buches schläft sie also mit Kane, nachdem sie in der labyrinthischen Stadt von ihm unter seine Fittich genommen wurde. Allerdings ist das keine Version von „sie dachte, sie wäre eine Lesbierin, bevor die Liebe zu einem Mann sie davon heilte“; auch zwingt sie Kane nicht dazu. Kane erklärt ihr lediglich, was er mit dem Blut­s‍tein vorhat und bittet sie um ihre Unter­s‍tützung. Teres wird also von den Verlockungen der absoluten Macht angezogen als auch von Kane selbst, was sie durchaus verwirrt. Das mag auf die fiebertraumartige Atmosphäre der Stadt in den Sümpfen zurückzuführen sein, auf den Reiz der Weltherrschaft oder das Stockholm Syndrom, oder auch ganz einfach darauf, daß Kane einer der wenigen Männer in ihrem Leben ist, der sich nicht von ihrer weiblichen Schlagkraft beeinflußt zeigt. (Kane ist immerhin un­s‍terblich und war schon auf der Welt, als es die herkömmlichen Geschlechterrollen noch nicht gab). Nachdem sie geflohen und in Sicherheit gelangt ist, denkt sie darüber nach, ob ihre Gefühle für Kane echt waren (abgesehen davon, schläft sie weiterhin mit Frauen). Sie kommt zu dem Schluß, daß ihre Gefühle zwar echt waren, aber daß Kane schreckliche Dinge getan hat, die sie ihm nicht verzeihen kann. Man kann leicht fest­s‍tellen, daß Wagner während des Schreibens bemerkt haben muß, wie viel Potential in der Figur der Teres steckt. Möglicherweise hätte er danach die unglücklichen Szenen zu Beginn noch einmal überarbeiten sollen, um das Bild anzugleichen.

Zurück zu Kane, der in diesem Roman ein wirklich unsympathischer Charakter ist. Wahrscheinlich wurde die Figur des Kane als Anti-Elric konzipiert, so wie Michael Moorcock seinerseits Elric als Anti-Conan ver­s‍tehen wollte. Kane hat, wie auch Elric, eine entscheidende Schwach­s‍telle in seiner Persönlichkeit, aber während Elric durch diese Schwäche zum typischen Antihelden gedeiht, machen Kanes Fehler ihn zu einem echten Schurken. Elrics Probleme basieren auf der völligen Abhängigkeit von äußeren Dingen: sein Pakt mit Arioch, dem Gott des Chaos, und der Besitz seines Dämonenschwertes Sturmbringer verleihen ihm große okkulte und martialische Kräfte, aber beide manipulieren ihn letzten Endes auch; die Beziehungen zu einigen Freunden halten ihn gesund, enden allerdings in einer Tragödie, weil er unfähig ist, seine Macht zu kontrollieren. Kane ist natürlich das Gegenteil. Er ist einerseits un­s‍terblich, und andererseits ein mei­s‍terhafter Schwertkämpfer, als auch ein Zaubergelehrter, der seine Gesetze selbst auf­s‍tellt. Das Problem, das ihm anhaftet, ist seine ihm angeborene Unfähigkeit, irgendetwas oder irgendjemanden außer sich anzuerkennen. Alle Bündnisse, die er eingeht, dienen nur ihm selbst. Obwohl er die Menschheit aus der Knechtschaft seines wahnsinnigen Schöpfers befreit hat, kümmert er sich ausschließlich um seine eigene, persönliche Freiheit und denkt gar nicht daran, sich um andere zu kümmern. Nur einige wenige Frauen – wie Teres – können ihn überhaupt emotional erreichen. Dennoch sind solche Verbindungen zum Scheitern verurteilt, denn es sind dann doch ein paar Jahrhunderte Altersunterschied.

Nirgendwo im Kane-Kanon wird das moralische Scheitern Kanes so intensiv darge­s‍tellt wie im Blut­s‍tein. Gleichzeitig ist dieses Buch ein herausragendes Sword and Sorcery-Abenteuer. Wagner hatte wohl eine Menge Spaß dabei, die Zeile zu Papier zu bringen, streute kleine Hinweise aus Alarm im Weltall und Pink-Floyd-Songtiteln ein. In anderen Arbeiten spürt man durchaus die Mühe, die er beim Schreiben hatte, manche seiner Kurzgeschichten schienen sogar eindeutig nur Füllmaterial für seine Fanzines gewesen zu sein. Hier aber feuert Wagner aus allen Rohren, und zeigt, zu was er eigentlich fähig ist. Der Blut­s‍tein ist tatsächlich der be­s‍te Ein­s‍tieg in die Serie, essentielle 70er-Fantasy, schwer zu empfehlen. Will man einen Wermutstropfen hinzufügen, dann den, daß Wagner nie ein Spin-Off über die phanta­s‍tische Teres verfaßte.

 

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