Julio

Eine Silbermond Geschichte

Elaines Gesicht brannte. Gut, Marlene, ihre Schwester, die war so eine. Machte mit einem Revolvermann rum und kam nie darüber hinweg.
Diese dumme Schlampe!
Hatte es nicht besser verdient. Aber sie? Elaine Rosenberg, Lieblingstochter von Ariel Rosenberg, ja genau, von dem Rosenberg, hatte das nicht nötig.
„Marianna! Schnell, ich brauche was zum Anziehen.“
Sie schaute an sich herunter. Bequeme Stoffhose, ein zu großer Pullover, der angenehm warm hielt, das war das richtige für zu Hause, aber nicht für den Anlass, der ihr bevorstand.
Immer noch wallte die Wut in ihr auf wenn sie an das Telefonat mit Medina dachte. Die ihr so frank und frei zu verstehen gegeben hatte, das sie einen Hurenbock in ihr Bett gelassen hatte.
Marianna kam und erkannte schnell die Verfassung, in der sich ihre Herrin befand. Hurtig huschte sie zum Kleiderschrank und zeigte ein Kleidungsstück nach dem anderen.
„Hier, das dunkelrote Abendkleid! Darin siehst du immer hinreißend aus. Die Männerherzen werden dahin schmelzen.“
„Nein, das erinnert mich an den gestrigen Abend mit IHM. Und wage es nicht, seinen Namen zu erwähnen.“
Das Gesicht rot, stand Elaine kurz davor zu platzen. Und je knallroter ihr Kopf wurde, desto bleicher wurde Marianna, die weiter hin und her huschte, um das passende Kleidungsstück herauszusuchen.
„Ja, genau das ist es. Das werde ich tragen. Das Grün passt sehr gut zu meiner Stimmung und wird mein rotes Haar noch betonen. Und jetzt lade bitte Joel Bahrensow. Die Leiterin unserer Musikabteilung wird heute ihr blaues Wunder erleben.“
Die Bahrensow würde es büßen, ihr zusammen mit Sven, diesem Ekelpaket, die Hörner aufgesetzt zu haben.

Joels Hand zitterte. Hätte sie doch nicht. Sven, dieses dämliche Arschloch. Dieser abgehalfterte Schlagersänger. Warum um alles in der Welt musste sie sich unbedingt mit ihm einlassen? War es der Wein oder das Maron? Oder einfach die Tatsache, dass sie sich in letzter Zeit verletzlich und einsam fühlte und Sven, die Stimme. genau den richtigen Ton angeschlagen hatte? Konnte er nicht einfach seine große Klappe halten und wie ein Gentleman genießen, statt seine Bettgeschichten überall herumzuerzählen?
Sie zuckte zusammen, als die Tür mit einem Ruck aufsprang, gegen die Wand prallte und die Bombe namens Elaine in ihr Büro schoss.
„Hallo Elaine…“, weiter kam sie nicht.
„Du verdammte Schlampe. Was bildest du dir ein? Dich mach ich fertig. Ein für alle Mal. Diesmal wird mich dein Vater nicht schützen. Diesmal bist du eindeutig zu weit gegangen. Ich werde dich zerquetschen wie eine Fliege. Ich…“
„Elaine, warte doch. Es tut mir Leid…“
„Es tut dir Leid? Ja, und ob es dir noch leidtun wird.“
„Er sagt, du hättest dich von ihm getrennt und er war so am Boden zerstört, da habe ich mich…“
„Waaaaasssssss? Ich hätte mich von ihm getrennt? Dieses Arschloch….“
„Eben!“
„…werde ich fertig machen.“
„Das geschieht ihm Recht. Er bricht dir und mir das Herz, dieses Schwein.“
„Was….du meinst, er hat dich genauso reingelegt wie mich?“
„Genauso war es. Er sagte, er hätte dich nur benutzt. Er hat auch mich nur benutzt.“
Stille! Man hätte eine Stecknadel fallen hören. Joel wagte nicht zu atmen.
„Ich bring ihn um!“
„Ich war nicht die einzige!“
„Ich weiß!“
„Es tut mir leid.“
„Ich tu mir auch leid. Warum falle ich nur immer auf die größten Schürzenjäger rein. Er hat doch gesagt, er liebt mich. Er war so unglaublich zärtlich, so einfühlsam und so sanft.“
„Ja, er beherrscht diese Masche.“
Schluchzen auf der anderen Seite. Joel reichte ihr ein Taschentuch, nahm ihre Hand und drückte sie sanft.
„Du Arme!“
„Ich Arme!“
„Ich weiß was, das hilft vielleicht.“
Weiteres Schluchzen.
„Willst du es nicht wissen?“
„Doch!“
„Du kennst doch Julio, den Rocksänger.“
„Ja!“
„Er gibt ein kleines Konzert in Weststadt. Das erste seit drei Jahren. Er will, dass du mit ihm ein Duett singst. Nachher feiern wir im kleinen Kreis. Was hälst du von der Idee?“
Aus rotgeränderten Augen schaute sie Elaine an.
„Wirklich?“
„Wirklich!“
Ein letztes Schluchzen, dann wusste Joel, sie hatte gewonnen. Elaine war so einfach zu manipulieren.
„Oh, wann ist der Auftritt. Ich muss ja noch proben.“
„In einer Woche!“
„Was? Kann man das nicht verschieben? Eine Woche! Das schaff ich nie. Das ist viel zu knapp.“
„Du schaffst das. Und sieh mal, je länger es bis zum Auftritt ist, desto nervöser wirst du. Weißt du noch, damals, das Duett mit Lem?“
Joel dachte schaudernd an Elaines Performance. So schlimm würde es dieses Mal hoffentlich nicht sein. Sie musste unbedingt dafür sorgen, dass ihre Leute im Publikum waren. Ausgepfiffen zu werden war für eine Rosenberg undenkbar. Und Elaine würde dann mit Sicherheit noch wütender sein als dieses Mal.
„Okay, ich schaff das. Und Julio wollte unbedingt mich?“
„Und ob er das wollte!“
Das würde sie ihm auf jeden Fall eindringlich zu verstehen geben. Julio würde alles andere als begeistert sein.
„Ja, dann machen wir es so.“
Elaine strahlte über beide Backen. Sie brachte ihr Gesicht in Ordnung, umarmte Joel innig, und dampfte dann durch die immer noch offene Tür davon.
Joel fiel eine Last von den Schultern. Sie griff zum Hörer und bestellte ihr Gefolge. Julio wusste noch nichts von seinem Glück. Und die Zeit rannte für einen Rockstar, der die letzten drei Jahre nicht in der Verfassung gewesen war, öffentlich aufzutreten.

„Ich bin Julio und ich lass es richtig krachen. Jungs, die Runde geht auf. Auf einem Bein steht es sich schlecht“, rief die abgerissene Gestalt. Sein Schmerbauch ragte über die Theke, während er mit verdreckten Händen nach dem Kellner griff. Der schlug geistesgegenwärtig einen Haken, griff vier Flaschen aus dem Kühlschank, entkronte und brachte sie dem grölenden Rockstar.
Julio ist wieder kurz davor, dachte der Kellner frustriert. Ein letztes Aufbäumen, eine Prise Maron und danach konnte er sehen, wie er ihn nach Hause brachte.
Die Rosenbergs zahlten gut und so kümmerte Sergio sich, als wäre Julio sein Vater. Aber oft genug ekelte ihn dieser versoffene Bastard einfach nur an. Man musste ihn sich nur anschauen.
Flankiert wurde er von drei abgehalfterten Schlägern, die sich immer noch in dem Ruhm sonnten, die Leibgarde des berühmtesten Rocksängers außer Dienst zu sein.
Julio wurde dick, sein Gesicht war aufgedunsen vom ewigen Alkohol und der Verstand hatte sich im Laufe der Zeit dem Maron geschlagen gegeben.
„Es war in einer Sommersnacht, am Rande der Prärie“, sang er aus voller Kehle, die Stimme immer noch kräftig und sonor. Was hätte Julio noch alles erschaffen können. Tolle Songs wie Lehyn Rock oder Silencium führten die ewige Bestenliste an und landeten regelmäßig auf den vorderen Plätzen der Charts.
Aber sein letzter Song? In fünf Jahren drei Lieder und die waren bestenfalls Durchschnitt. Julio sollte für zwei Monate aufs Trockendeck und dann Sergios Komposition Männertraum spielen. Das würde die erstarrte Musikwelt Silbermonds revolutionieren. Er konnte förmlich die Schlagzeilen des Rosenberg Echos lesen: Alternder Rockstar Julio gibt furioses Comeback. Seine neue Band um Leadgitarrist und Songwriter Sergio Leone haben ihm neues Leben eingehaucht und mit Männertraum und dem zugehörigen Album Männersache sofort die Charts A Day At The Races und A Night At The Opera erobert. Das ist ihm seit seinem Hit Silencium vor mittlerweile fünf Jahren niemand mehr gelungen. The King is back!
Die Tür sprang auf und brachte ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. Was um alles in der Welt machte die Bahrensow samt ihrem engsten Stab hier?
Julio nuckelte gemächlich an seinem Bier und blickte die Bahrensow mit einer Mischung aus Arroganz und Trunkenheit an, die einerseits frech, andererseits einfach nur peinlich war.
„Julio! Die Party ist vorbei. Es gibt Arbeit! Du hast nächste Woche einen Auftritt und dafür müssen wir dich in Form bringen.“
Verächtlich sah sie an ihm herunter. Dann schaute sie in die Runde.
„Wo ist der Rest deiner Band?“
„Wen meinst du?“
„Na, Julio und die Einzelgänger. Wo um alles in der Welt sind die Einzelgänger?“
„Oh. Für die hat sich schon lange niemand mehr interessiert. Aber ich weiß zufällig, was die treiben. Daniel, der Schlagzeuger sitzt. Sven, der Bassist, verkauft in einem Kiosk Zeitungen. Und Mehmed schaut sich die Radieschen von unten an.“
„He?“
„Er hat das Zeitliche gesegnet.“
„Oh! Daniel und Sven bekommen wir. Aber Mehmed, das ist ein Problem. Die Seele der Einzelgänger. Ohne ihn wird der Band was fehlen. Elaine wird enttäuscht sein. Wirklich!“
Elaine? Was hatte Elaine Rosenberg mit all dem zu tun? Sergio zauderte nicht lange und ergriff die Gelegenheit.
„Ich könnte Mehmeds Rolle einnehmen. Ich hätte auch den passenden Hit, um Julios Comeback zu vergolden.“
Alle Augen richteten sich auf den Kellner. Sergio schluckte schwer. Julio sah ihn zweifelnd an, die Bahrensow verächtlich. Sie musterte ihn von oben nach unten und plötzlich hellte sich ihre Miene auf. Ein wenig verheißungsvolles Lächeln stahl sich in ihr Gesicht.
„Warum eigentlich nicht! Schließ ab, wir haben keine Zeit zu verlieren.“

Elaine hatte natürlich kalte Füße bekommen. Sie hatte Schreikrämpfe, ihre Launen wechselten wie das Wetter im April und ihr Umfeld war hochgradig genervt. Joel hatte die rettende Idee und so wurde das Konzert um sechs Wochen nach hinten geschoben und fand wie zufällig an Elaines Geburtstag statt, was natürlich reine Berechnung war. Elaines Lampenfieber stieg zwar dadurch ins Unermessliche, aber sie hatte ein Ziel und probte fleißig.
Gleiches vollbrachten Julio und die Einzelgänger. Daniel und Sven mussten ebenso auf Entzug gesetzt werden wie Julio. Und Sergio erlebte ein Wechselbad der Gefühle. Euphorie, Versagensangst und Selbstherrlichkeit, er ließ nichts aus und war zwischenzeitlich am Ende seiner Nerven und wollte schon alles hinwerfen.
Doch die Gruppe fand sich, spielte ein paar Gigs in kleinen Clubs und Männertraum kletterte als Vorabveröffentlichung in die Weststadt-Charts A Night At The Opera. In Rekordzeit spielten sie das Album Männersache ein.
Dann war es soweit. Elaine hatte Geburtstag und Julio und die Einzelgänger ihren Auftritt.

Der Wandaplatz lag am Mohyn und damit in Hörweite Oststadts. Es war die einzige Gegend, in der man ein Konzert durchführen konnte, zu dem auch Besucher aus dem in Weststadt verhassten Stadtteil erschienen.
Die Rosenbergs hatten für hohe Polizeipräsenz gesorgt, damit bei der Präsentation von Männersache es auch ja nicht zum Eklat kam. Vor allem hatte Ariel Rosenberg wohl Angst um seine Tochter.
Die Menge feierte als wäre es ihr letztes Mal. Drei Vorgruppen heizten die Stimmung an und die letzte näherte sich gerade dem Finale.
Julio schluckte. Seine Kehle brannte, doch Bier und Schnaps blieben ebenso tabu wie Maron. Die Bahrensow hatte ihm versprochen, nach dem Auftritt würde sie ihm eigenhändig einen riesigen Beutel des Pulvers überreichen, aber vorher musste er trocken sein. Er wusste nicht, ob er es ohne diese Aussicht überstanden hätte. Sieben qualvoll lange Wochen. Himmel und Hölle zugleich.
Ja, es waren nicht nur schlimme Tage gewesen. Am Anfang dachte er, er müsse sterben. Doch je länger der Entzug dauerte, desto öfter erlebte er lange vermisste Sternstunden. Er vergaß den Text nicht dauernd, seine Stimme erholte sich vom permanenten Suff und er spielte immer sicherer mit der Tonleiter.
Und nicht nur das. Er wurde kreativ. Wie lange war es her, dass er den letzten Song komponiert hatte? Es musste Jahre her sein. Silencium, wenn er sich richtig erinnerte. Alles was danach kam, erledigte die Rosenbergschmiede. Alles was danach kam, versank in einer Mischung aus Bier und Maron.
„Geb mir ´ne Chance und was kommt dann“, trällerte er beschwingt, tänzelte durch ihre Garderobe. Sergio nervte schwer. Seit Stunden übte er ihr komplettes Album, als hätte er die letzten sieben Wochen auf der faulen Haut gelegen und müsste jetzt alles nachholen.
„Hey Serge, bleib locker“, unterbrach er ihn bei seinem Spiel. „Hör auf ´nen alten Deppen wie mich. Du hast genug geübt. Ruh´ dich aus und komm runter. Das bringt jetzt nichts mehr.“
„Aber was ist, wenn ich gleich versage? Da sind Tausende auf dem Wandaplatz. Die werden mich fertigmachen. Auspfeifen. Das wird übel. Ich hab´s einfach nicht drauf.“
„Schwätz nicht! Was bist du? Ein Angstschisser, der beim ersten Gegenwind zusammen bricht? He?“
Julio ging ganz nah an den Jungen ran und rüttelte ihn an den Schultern.
„Hör gut zu! Und ich sag es dir nur dieses eine Mal. Ich bin schon verflixt lange in dem Geschäft. Das ist weder mein erster Auftritt noch meine erste Band, geschweige denn bist du der erste Gitarrist, mit dem ich zusammen arbeite. Und du bist gut. Du bist wirklich gut! Eine Granate! Einer der besten…nein, der beste Gitarrist, mit dem ich jemals zusammengearbeitet habe. Du gehst da jetzt raus, verjagst alle Zweifel aus deinem Kopf und spielst die Menge so dermaßen an die Wand, dass die noch in zehn Jahren davon sprechen. Mensch, wir rocken die Welt! Also, Abmarsch, hinter die Bühne. Ich komm gleich nach.“
Der Junge lächelte. Erleichtert trank Julio ein Schluck Wasser und sah, wie Sergio beschwingt die Garderobe verließ. Ja, er konnte es noch. Seine Mannen motivieren. Und auch er würde da raus gehen, alle Zweifel in diesem Raum zurücklassen und den Wandaplatz rocken, wie es vor ihm noch niemand geschafft hatte.
Ein wenig Maron würde helfen…
Julio knirschte mit den Zähnen. Der Anfall kam ohne Vorwarnung und traf ihn umso härter. Sieben Wochen war er jetzt clean. Sieben lange und harte Wochen. Er musste durchhalten. Den einmal beschrittenen Weg weitergehen und nicht kurz vor dem Ziel einknicken.
Nur ein klein wenig von dem wundersamen Pulver. Eine Prise Glückseligkeit. Er wusste, wo welches steckte. Zwei Schritte und all die Zweifel, die ihn befielen, wären wie weggewischt.
Julio würde eine Show der Superlative bieten, berauscht von der Droge. Julio würde wieder im Sumpf von Bier und Maron versinken, ein Schatten seines Selbst. Oder würde er es im Griff haben? Eine kleine Prise…
„Argh!“, schrie er seinen Frust raus und hämmerte heftig gegen ein Regal. Von oben löste sich eine Glasampulle, die mit einer milchig blauen Flüssigkeit gefüllt war, und zersplittere auf dem Boden in tausende Scherben. Der Trank breitete sich zu einer Lache aus, während sie gleichzeitig langsam im Untergrund versank.
Eine unheimliche Präsenz ging von der Flüssigkeit aus und brachte ihn zum Schauern. Ihm schien ein dunkler Schatten aus der milchig blauen Flüssigkeit aufzusteigen.
Benommen schüttelte er den Kopf. Kein Maron, kein Bier. Er sah schon so genügend Gespenster.
Die Tür ging auf und die blasse Elaine Rosenberg, Alptraum seiner schlaflosen Nächte trat ein, sah erst ihn verwundert an, dann die Bescherung am Boden und schrie sofort:
„Was um Himmelswillen habt ihr mit meinem Geburtstagsgeschenk gemacht? Manfred Eisenschmidt hat sie mir persönlich überreicht um mir Glück zu meinem Auftritt und zu meinem Ehrentag zu wünschen. Diese Ampulle ist das Destillat aus Schweiß, Freudentränen und Lustflüssigkeit und soll demjenigen, der es zu sich nimmt, Erfolg und Leidenschaft verleihen. Manfred hat mir hoch und heilig versprochen, mit diesem besonderen Saft würde ich den Gesang meines Lebens hervorbringen.
Ihr Versager!
Und was mache ich jetzt? Ich bin ein nichts, ich werde versagen. Elendig und jämmerlich versagen.“
Elaine sackte auf den nächstbesten Stuhl und brach in Tränen aus. Mit dem Kopf in den Händen und anhaltendem Schluchzen tat sie Julio einfach nur Leid.
Das verzogene Weibsbild war eitel, arrogant und unverschämt, andererseits verletzlich und unsicher. Er setzte sich zu ihr, streichelte beruhigend ihre Hand und versicherte ihr immer wieder, wie melodiös sie doch sang und wie sehr er darauf vertraute, dass sie einen überwältigenden Auftritt haben würde. Er nahm sie in den Arm, streichelte ihre Schultern, ihren Hals und ihre Wangen. Aus verheulten grünen Augen sah sie ihn erwartungsvoll an. Er überwand sich, drückte seine Lippen auf die ihren und küsste Elaine leidenschaftlich.
Die beiden Verzweifelten knutschten wie wild, kanalisierten ihre Angst in Leidenschaft. Sein Körper stand unter Strom und nur mit großer Mühe löste er sich von Elaine.
„Ich gehe schon vor. Bring dich in Ordnung, dann kommst du raus und wir werden ein Duett zelebrieren, von dem Silbermond noch Generationen später schwärmen wird.“
Er küsste sie zum Abschied. Dann trat er hinaus, der aufgepeitschten Menge entgegen.
Der Mob tobte. Die Vorgruppe hatte ganze Arbeit geleistet. Vielleicht war es aber auch sein Ruf, der trotz der letzten Jahre die zahlreichen Fans elektrisierte.
Aber jetzt das war egal. Er zeigte sich kurz am Rand und sofort ging ein Aufschrei durch die Menge. Er trat wieder zurück, dehnte seine alten Knochen ein wenig. So ein Auftritt war Hochleistungssport und er hoffte, seine Kondition würde ausreichen.
Die Band betrat die Bühne, führte einen kurzen Soundcheck durch, dann startete der erste Song, ein Instrumental.
Sergio war wirklich ein begnadeter Gitarrist. Julios Blut kam in Schwung und mit selbigen enterte er die Bühne.
Der Lärm war ohrenbetäubend. Er schritt über die Bühne, ohne sonst irgendetwas zu tun, doch der Mob war außer sich. Julio kam zu seinen Fans wie das Maron zu den Süchtigen und wurde aufgenommen wie der lang ersehnte Erlöser.
Er machte ein paar Faxen, die Menge rastete aus und er spürte eine Welle an Glückseligkeit durch seinen Körper pochen.
„Ich bin der König dieser Welt“, grölte er ins Mikro. Die Gitarre setzte ein, spielte eine feine Weise, um unmittelbar in grobe Dissonanz überzugehen. Dem Solo folgte die Rhythmussektion mit einem Donner, als würde sich der Lehyn über die Menge ergießen.
Das erste Lied verging wie im Flug und Julio war pures Adrenalin. Was auch immer er die letzten Jahre gemacht und gefühlt hatte, nichts reichte auch nur annähernd an das heran, was er in diesem Moment erlebte. Kein Maron, kein Bier, keine Weiber konnten die Gefühle in ihm wecken, die aus ihm hervorbrachen als die Band Silencium zelebrierte und er wie in seinen besten Zeiten über die Bühne rockte und den Mob kontrollierte, als hielte er eine Fernbedienung in den Händen.
Wenig später spielten sie Lehyn Rock und die Menge stand kurz davor, in Ekstase zum Himmel zu fahren.
Eine kurze Pause, ein letztes Durchschnaufen vor dem großen Finale. Da stand sie, verloren, vollständig von Zuversicht verlassen. Blass und niedergeschlagen, mit jeder Faser ihres Seins verströmend, dass sie der Aufgabe nicht gewachsen war.
Julio sah das anders. Er würde ihr auf den Thron helfen. Glockenhell würde ihre Stimme erklingen, der vollendete Gegensatz zu seinem tiefen Reibeisen.
Und backstage würden sie sich lieben, sie eine erotische Fackel dank dieses unheimlich einmaligen Erlebnisses auf dem Wandaplatz.
„Und hier, die einzigartige, die unwiderstehliche und bezaubernde Elaine Rosenberg, die sich an ihrem Geburtstag bereit erklärt hat, mit mir meinen neusten Song als Duett darzubieten.
Hier ist sie!“
Ein Schauer durchlief die Menge, durchlief Elaine, die mit unsicherem Schritt auf die Bühne trat.
Julio fackelte nicht lange, nahm ihre Hand und zerrte sie an die Front.
Sergio setzte zum Solo an, sie begannen die ersten Zeilen:
„Bist du bereit, so stehe auf.
Die Zeit ist gekommen.
Niemand kann dich hindern,
niemand steht dir im Weg,
nur du bist dein Hindernis,
auf der letzten Strecke zum Glück.“
Mit jedem Ton wurde Elaine sicherer, ihr Lächeln weniger schüchtern, ihre Bewegungen graziler.
Der Mob geriet in Rage. Wellen breiteten sich von hinten nach vorne, von links nach rechts. Der Wandaplatz geriet zur Quelle der Inspiration und sie improvisierten. Julio, Elaine und die Einzelkämpfer wuchsen über sich heraus, kitzelten das allerletzte aus sich und den Zuschauern heraus.
Im Hintergrund wuchs eine milchig blaue Flüssigkeit, genährt von dieser ganz speziellen Energie zu einem orgastischen Gemisch und explodierte in lautloser Ekstase.
Der Himmel donnerte zum Weltuntergang, öffnete wenig später seine Schleusen und schickte das Wasser in Sturzbächen auf die Erde hinunter.
Bläuliche Blitze erhellten das Firmament und schlugen in die Menge ein. Im Sekundentakt trafen sie Zuhörer und verwandelten sie in brennende Fackeln, die wenig später als verkohlter Pygmäe gen Boden sanken.
Als Daniel und Sven dieses Schicksal teilten, war der Moment der Flucht für den Rest der Band gekommen. Hals über Kopf stürzten die drei von der Bühne direkt in die panisch schreiende Menge. In genau diesem Moment endeten Blitz und Donner.
Und statt der panischen Menge umringte sie ein Heer von Beutelleuten. Karikaturen der Beutelleute. Von ihren riesigen Nasen tropfte schwarzes Blut gen Boden und verdampfte mit einem Zischen. Ihre Augen waren kohlrabenschwarz und erdolchten ihr Gegenüber förmlich. Ihr verwachsener Leib endete in einem gewaltigen Buckel, unter dem sich unheilvolle Bewegungen abspielten.
Unsanft packte Julio sich Elaine und stürmte durch dieses Kabinett des Grauens. Er versicherte sich, dass die Gestalt die ihm auf Schritt und Tritt folgte, sein junger Gitarrenheroe war, ansonsten vermied er es, sich lange umzuschauen und überquerte den Platz, umso schnell wie möglich die Mischanlage zu erreichen.
Hastig schaute er sich um. Auch die Tontechniker waren von dem Beutelleutevirus befallen, verharrten aber ebenso regungslos auf der Stelle wie ihre Kumpels in der Menge.
Julio war nicht dafür bekannt, zu zaudern und zu zögern. Der Rockstar war ein Mann der Tat und dieses Mal würde es ihn retten, da war er sich sicher. Geschwind zog er Elaine zu einer im Boden eingelegten Klappe, die er mit einem Ruck aufriss. Er schob die Rosenberg runter, wartete, bis Sergio ebenfalls den Weg in die Unterwelt angetreten hatte, dann folgte er den beiden und schloss die Klappe umgehend. Mit einem lauten Schnappen rastete der innen angebrachte Riegel ein.
„Vorerst gerettet! Aber ich weiß nicht, wie lange die Luke hält. Sollten diese Wesen sich in Bewegung setzen, ist es ratsam, dass wir Land gewonnen haben. Folgt mir wenn euch euer Leben lieb ist.“
Er wartete gar nicht erst ab, ob sie ihm folgten oder widersprachen. Julio nahm sich eine der bereitliegenden Fackeln, zündete sie an und schritt wortlos in die Dunkelheit.

Das Leben ist hart. Gestern war er noch ein Nichts. Das Kindermädchen mit dem zweifelhaften Versprechen, damit seiner Karriere den entscheidenden Schub zu geben.
Er war ehrlich zu sich: Keinen Pfifferling hätte er bis vor wenigen Wochen darauf gesetzt, einer der neuen Stars Silbermonds zu werden.
Dann kam es doch anders und die härteste Zeit seines Lebens brach an. Wochen knochenharten Probens an der Seite eines abgehalfterten Rockstars, der zwischen Himmel und Hölle schwankte, je nachdem, welche Seite der Entzug in ihm hervorbrachte.
Zu allem Überfluss gesellte sich von Zeit zu Zeit Elaine Rosenberg zu den Proben. Ein blasses Mauerblümchen, das weder singen konnte, noch eine besondere Ausstrahlung besaß. Aber sie war die Lieblingstochter von Ariel Rosenberg, dem Kopf der Familie, die das Musikgeschäft in Oststadt und in weiten Teilen Weststadts kontrollierte.
Er hätte sie flachgelegt für die Chance, ganz groß rauszukommen, da bestand kein Zweifel dran. Aber es hätte ihm mit Sicherheit keinen Spaß bereitet.
Endlich kam der Abend und sie spielten vor ausverkauftem Haus, boten einen wahnsinnig guten Gig.
Und was passierte, verdammt nochmal?
Die Welt spielte vollkommen verrückt und sie mussten fliehen. Jetzt hetzten sie schon Stunden durch die düstere Unterwelt Silbermonds und nur Julio wusste, wohin die Reise ging.
„Sag schon! Wohin gehen wir? Und wie lange zum Teufel dauert es noch?“, nölte er zum wiederholten Male.
„Wir sind auf dem direkten Weg in die Hölle“, ätzte Elaine, die mit jedem Schritt unerträglicher wurde.
Plötzlich wirbelte Julio herum, griff Elaine am Kragen und brüllte: „Schnauze!“
Die Rosenberg wurde noch weißer als sie sowieso schon war und verstummte abrupt in ihrer dauerhaften Nörgelei.
„Willst du zurück? Zu den Entarteten?“
„Nein! Nein! Natürlich nicht. Aber ich kann nicht mehr. Ich bin total fertig. Ich habe Durst. Ich habe Hunger. Und ich bin total am Ende.“
Umgehend brach Elaine in Tränen aus und löste sich von dem Rockstar. Aus einem Impuls heraus nahm Sergio sie in den Arm. Julio zog sie wieder zu sich zurück, presste seine Lippen auf ihre und wie durch ein Wunder beruhigte sich die Frau.
Grinsend sah er Sergio an. „Ich weiß, wie man mit hysterischen Frauen umgeht. Wenn du sie tröstest, wird alles nur schlimmer. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Der nächste Ausgang nach Oststadt ist weit und ich möchte ehrlich gesagt keinen anderen wählen. Wer weiß, ob sich dieses ominöse Beutelleutevirus nicht in ganz Oststadt ausbreitet.“
Schweigsam stapften sie weiter, jeder seinen eigenen Gedanken, seiner eigenen Hölle nachhängend.
„Julio?“
„Ja!“
„Kennst du dieses Virus?“
„Hm!“
„Was heißt Hm!?“
„Ein Freund von mir, aus vergangenen Jahren. Der erzählte mir irgendwann im tiefsten Maronrausch eine Geschichte. Auch da kamen Beutelleute vor. Jasper erzählte etwas von Baliol, der Stadt Silencium und der vollkommenen Stille.
Seine Erzählung inspirierte mich zu einem meiner größten Songs. Und ich erblickte die Stadt. In einer Nacht mit zu viel Maron und zu viel guter Musik. Seitdem fürchte ich mich. Seitdem gebe ich mich dem Suff hin, aber nicht mehr der Musik. Jeder hat sich gewundert, warum ich von einem auf den anderen Tag meine Magie verloren habe.
Jetzt wisst ihr es.
Und kaum stehe ich wieder auf der Bühne, kaum fühle ich diesen besonderen Moment, schon ist Silencium wieder da. Ich sehe die Stadt, mal schärfer, mal weniger scharf. Aber sie kehrt wieder zurück. Das ist der Grund, warum ich nicht so schnell nach oben möchte. Vielleicht haben wir Glück und in Oststadt ist es besser. Aber ich gebe ehrlich zu, ich habe wenig Hoffnung.
Baliol ist wieder da und es brauchte nicht einmal Maron, um die Wand zwischen den Welten nieder zu reißen. Unsere einzige Chance ist es, Oststadt zu erreichen und zu fliehen.“
Stille antwortete Julio. Stille, die bezeugte, dass seinen Worten Glauben geschenkt wurde. Sergio wurde schwer ums Herz. So absurd Julios Rede klang, etwas in ihm wusste, dass jedes Wort der Wahrheit entsprach.
Wortlos marschierten die drei weiter.
Dann war es soweit. Sie hatten ihr Ziel erreicht.
Mit einem kräftigen Ruck katapultierte Julio die Klappe nach oben, stieg ohne jegliches Zögern nach oben und zog die beiden hinterher.
Sie hatten ihr Ziel erreicht. Das Zentrum von Oststadt stand vor ihnen. Am Rande des Rosenbergplatz thronte die Heraldkirche.
Doch ihre Hoffnung wurde zerschlagen. Sie waren nicht gerettet. Sie waren mittendrin. Und wie ein Orkan kamen die Beutelleute über sie und nichts war mehr wie es vorher war.

(Übersicht aller Silbermondgeschichten auf DerErnstFall

Michael Schmidt

Michael Schmidt

Michael Schmidt wurde 1970 in Koblenz geboren. Er veröffentlichte bisher über 60 Kurzgeschichten, die sich quer durch alle Genres bewegen und oft den Rahmen des Gewöhnlichen sprengen.
Als Herausgeber zeichnete er schon für diverse Anthologien verantwortlich. Zwielicht gewann dabei dreimal in Folge den Vincent Preis.
Seine Kurzgeschichtensammlungen sind bei Create Space Publishing erschienen.

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