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Fritz Leiber – Hexenvolk

Wenige Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts führten ein bewegteres Leben als Fritz Leiber.
Er war ein brillanter Schachspieler, Prediger, Lehrer, ein Meister im Fechten, Theaterschauspieler (vornehmlich für Shakespeare-Rollen), und hatte sogar einen Film mit Greta Garbo zusammen gedreht. Der große Wurf allerdings gelang ihm im Zusammenhang mit einem Spiel: Dungeons & Dragons, dem Klassiker des Rollenspiels, für das die bahnbrechende epische Heldengeschichte von Fafhrd und dem Grauen Mausling Pate stand. Bis heute sind deren Abenteuer die bekanntesten Geschichten des großen amerikanischen Autors.

Dabei legte Leiber den Fokus gar nicht so sehr auf das Schreiben, begann damit erst in seinem dreißigsten Lebensjahr, freilich unter dem Einfluss von Autoren wie Lovecraft (der sein Mentor wurde), Carl Jung, Robert Graves oder Joseph Campbell.
Sein Debut, Conjure Wife (Die zaubernde Ehefrau; übersetzt mit “Hexenvolk”, ungekürzt erschienen in der Edition Phantasia – siehe Artikelende) erblickte 1943 das Licht der Welt, und gilt heute als eines der einflussreichsten Werke moderner Horror-Literatur. Alle paar Jahrzehnte kommt es zu einer filmischen Adaption (1944, 1961 u. 1980). United Artist hat sich die Rechte an einer vierten Variante gesichert.
Der Roman beginnt mit John Saylor, einem Professor an einem kleinen College in New England, der sich, eher spontan und zufällig, etwas im Ankleidezimmer seiner Frau umsieht. Zwischen allerlei kosmetischen Artikeln findet er Friedhofserde, Paketchen voller Haar oder abgeschnittenen Fingernägeln, Beschwörungsformeln, die in ein Buch gekritzelt wurden, Hufnägel, ungewöhnliche Pflanzenextrakte … und noch einiges mehr. Kurz gesagt: Tansy Sailor ist eine Hexe.
Sailors Frau überrascht ihn mitten in seiner Entdeckungsreise durch ihre magischen Utensilien. Während der nachfolgenden Konfrontation gibt sie ihre Besessenheit von Zauber und Magie zu. Die Ironie an der Sache ist, dass ihr Mann, Professor für Soziologie, ein engagierter Rationalist ist, der seine Karriere dem Entlarven primitivehexenvolkn Aberglaubens gewidmet hat, und der jetzt erfahren muss, dass seine Frau seine Forschungen und Exkursionen dazu in Anspruch genommen hat, ihr Arsenal an magischen Praktiken zu entwickeln. Die Gegenüberstellung verschiedener Versionen einer Wirklichkeitsauffassung ist eine der Freuden konzeptioneller Literatur (jene Non-realistische Tradition der Literatur), und Leiber macht in diesem Roman wirklich eine Menge aus den widersprüchlichen Welten. Die Überlagerung der wissenschaftlichen Methode mit der grassierenden Zauberei in der gleichen Erzählung, lässt die Darwin-versus-Kreationismus-Debatte wie einen Kaffeehaus-Streit wirken. Und obwohl sich Meister der Pulp Fiction wie Leiber in der Regel mehr mit Handlung als mit philosophischen Resonanzen beschäftigen, gelingt ihm die Überraschung, beides in einem kompakten Roman unterzubringen.

Unter dem Druck ihres Ehemanns, akzeptiert Tansy ihr Verhalten als pathologisch und stimmt der Vernichtung ihrer Utensilien zu. Eine schlechte Entscheidung! Gleich nach der flammenden Reinigung geschehen Professor Sailor die merkwürdigsten Dinge. Falsche Anschuldigungen werden vorgebracht, neue Gegnerschaften entstehen, alte Geheimnisse werden aus der Versenkung geholt. Noch schlimmer aber: das tödlichste Spiel von allen – Fakultätspolitik – richtet sich nun gegen ihn. Hat er einen Fehler bei der Beseitigung des ganzen Schutzzaubers begangen? Oder hat sein tadellos rationelles Denken Schaden durch die verrückten Überzeugungen seiner Frau genommen? Mittlerweile scheint sie glücklich ohne ein Leben mit Magie zu sein, und würde er mit ihr über seine zunehmenden Probleme sprechen, könnte sie das wieder zu ihrem ungesunden Verhalten zwingen. Aber trotzdem …

Leiber entwickelt die Geschichte mit viel Geschick, hält in diesem Drama die Waage zwischen Humor und Ironie. Vierzig Jahre vor Updikes “Hexen von Eastwick” – das wie Leibers “Hexenvolk” in schöner Regelmäßigkeit für andere Genres bearbeitet wurde – fängt Leiber die pikanten Details einer Geschichte über Zauberei ein, die in einem modernen New England spielt. Fern also von jedem “Gothic-Touch” und 19. Jahrhundert-Geisterei.
Der Erfolg solcher Geschichten ist kaum verwunderlich, denn der Aberglaube hat unsere Welt nie wirklich verlassen. Fast zur gleichen Zeit mit dem Erscheinen von Updikes Buch, erklärte ein US-Gericht “Wicca” zu einer Religion, was “Hexerei” zu einer interessanteren Geschichte machte als andere New-Age-Bewegungen.

Erschienen ist dieses Buch in Joachim Körbers Edition Phantasia. Und dort natürlich auch die wirklich überragenden Abenteuer von Fafhrd und dem Grauen Mausling.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung “Seitenwind” (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: “Equipe Propheta” (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: “Die Geschichte des Uhrenträgers” (2007), “Guckkasten” (2011), “Entropia” (2014); Storie im IF #666: “Dorothea”.

3 Kommentare zu Fritz Leiber – Hexenvolk

  1. Es ist natürlich unbestritten, welch enormen Einfluss dieser Roman hatte (und wahrscheinlich noch hat). Unbestritten ist auch, dass es ein wirklich guter, gekonnter und in Teilen sogar genialer Roman ist. Trotzdem mag ich ihn lange nicht so gern wie andere Werke Leibers. Was mir an “Hexenvolk” fehlt, ist die menschliche Wärme, die sich in manchen anderen Werken Leibers ausbreitet. Tansy und John sagen sich zwar, dass sie sich lieben, aber man spürt es nicht. Dadurch fehlt mir etwas Entscheidendes.

    • Das stimmt allerdings auch, die Beziehung zwischen Tansy und John ist als sehr unterkühlt zu bezeichnen. Wobei ich persönlich das schon als gewollt und Spiegel für das Ehebild in den 50er Jahren begriffen habe. Vielleicht sogar als Proklamation ebendieser, ohne mit dem Finger zeigen zu wollen. Vor allem, die bedingungslose Unterwürfigkeit Tansys ihrem Mann gegenüber war für mein heutiges, modernes Rollenverständnis unangenehm zu sehen. Obwohl sie eigentlich soviele Mittel und Macht zur Verfügung hatte, wurde sie von dem kühlen Wissenschaftler und Haushaltsvorstand dominiert. Aber, wie gesagt, ich glaube, dass dies ein durchaus gewolltes Detail der Geschichte war.

  2. Das war sein Debüt, wirklich? War gleichzeitig auch mein erster Roman von Leiber und blieb auch nicht mein Letzter. Ich mag seinen ganz persönliche Art, Geschichten zu erzählen sehr.

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