Stephen King – Revival

revStephen Kings großartiger neuer Roman, „Revival“ bietet das atavistische Vergnügen, in der Dunkelheit näher ans Lagerfeuer rücken zu wollen, um eine Geschichte von jemandem zu hören, der ganz genau weiß, wie man seinen Zuhörern eine Gänsehaut verpasst, indem er flüstert: „Schau nicht hinter dich.“

King war schon immer großzügig darin, jene Autoren zu nennen, die ihn inspirierten. Diesmal nennt er Arthur Machens The Great God Pan (1894) (dt. Der große Gott Pan) , eine der besten phantastischen Geschichten, die jemals geschrieben wurden.

Es mag schwierig erscheinen, im Vorneherein abzuschätzen, was man neuerdings von King geboten bekommt. Wurde er in den 70ern noch mit dem Meister-des-Horrors-Etikett versehen, hat er dies längst an eine jüngere Generation abgegeben und wird allgemein als der „Chronist des amerikanischen Alltags“ anerkannt. Die Groteskereien, die übersinnlichen Spinnereien usw. hat man ihm dabei längst verziehen. King ist eindeutig Mainstream geworden, erhält nun den Applaus des literarischen Establishments, das er gern verspottet. Grund dafür war zwar nicht allein der große amerikanische Roman 11/22/64, aber er hat geholfen. Eindeutig geht die Meinung der literarischen Torwächter dahin, dass King, wenn er doch nur auf seine exzentrischen Ausfälle verzichten könnte, einer der ganz großen amerikanischen Erzähler wäre. Im Umkehrschluss bedeutet das natürlich nichts anderes, als dass er es längst ist. Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Harold Blooms unablässiger und scharfer Kritik, Kings Sprache betreffend, und den feierlichen Adjektiven, die in den letzten zehn Jahren angehäuft wurden, um Kings Bedeutung als Schriftsteller zu beschrieben.

Beides führte dazu, dass die Torwächter widerwillig anerkannt haben, den Kerl nicht einfach aussperren zu können.
King hatte schon immer mehr mit Ray Bradbury gemeinsam als mit Chuck Palahniuk, und er sitzt trotzdem komfortabel im Kanon der „amerikanischen Verrückten“ wie etwa David Lynch, hat indes eben wenig gemein mit dem einfach gestrickten Ergüssen eines Dean Koontz oder Wes Craven.

In Revival aktualisiert King Machens fin-de-siecle-Setting und den erotischen Subtext, in dem ein 17-Jähriges Mädchen aufgrund einer primitiv ausgeführten Lobotomie die Befähigung erhält, in die erschreckenden Abgründe zu blicken, die unserer Welt zugrunde liegen. „Revival“ öffnet sich an einem Ort, der unserer modernen Welt beinahe so fern ist wie Machens gaslichtbeschienenes London: dem ländlichen Harlow, Maine, in den frühen 60er Jahren. Jamie Morton, der Erzähler des Romans, erinnert sich an einen Vorfall, der geschah, als er sechs Jahre alt war, das jüngste von fünf Kindern einer ausgelassenen, großherzigen Kinderschar. Er ist draußen, spielt mit seinen Spielzeug-Soldaten, als ein Fremder auftaucht.

Der Fremde ist Charles Jacobs, der neue Geistliche Harlows, glücklich verheiratet mit einer hübschen Frau und Vater eines Kleinkindes. Jacobs freundet sich schnell mit Jamie an (King lenkt hier sofort irgendwelche Andeutungen von Kindesmissbrauch ab – darum geht es nämlich nicht). In seiner Garage zeigt er dem Jungen ein Wunder: ein realistisches Tischmodell der Umgebung, wie es scheint mit einem echtem Miniatursee und mit Strommasten. Mit einer Handbewegung illuminiert Jacobs die Aussicht. Straßenlaternen leuchten auf, eine Jesus-Figur wandelt über die Oberfläche des Sees.

Jamie ist begeistert, selbst als Jacobs das Geheimnis des scheinbaren Wunders enthüllt: „Elektrizität“, sagt der Geistliche später „ist eine von Gottes Pforten zur Unendlichkeit.“ Jamie wird für Jacobs ein Ersatzsohn, eine Rolle, die Jamie auch nach der Tragödie und dem Verschwinden Jacobs beibehält.

Alle Themen des Romans sind in dieser frühen Szene angelegt: das Tauziehen zwischen Wissenschaft und Glauben; die Fähigkeit eines guten Krämers, ob Prediger oder Schausteller, eine Menschenmenge mit dem Versprechen nach Heilung in der Hand zu halten. Vor allem aber untersucht der Roman die Natur des Machtmissbrauchs, ob es sich um Liebe handelt, Religion oder um Jacobs lebenslange Besessenheit: Elektrizität.

King entwickelt die Geschichte, wie so oft, schleichend und mit großem Gefühl für seine Figuren. Viele von ihnen sind von Trauer und Verlust gezeichnet, von Sucht und Enttäuschung. Der Zahn der Zeit hinterlässt seine Spuren, nagt an der Jugendliebe ebenso wie an irgendwelchem Ehrgeiz, den man einst hegte. Der Detailreichtum von Jamies Kindheit in den 60ern  – Vanille-Schoko-Erdbeer-Eiscreme, der Geruch eines Regenwurms, ein halb gerauchter Joint, versteckt in einer Zuckerdose – die Freuden, das Spielen einer elektrischen Gitarre zu erlernen, als Jamie sich auf eine Karriere als Sessionmusiker vorbereitet – ist wie immer bei King außergewöhnlich liebevoll gestaltet.

Glück ist bekanntermaßen schwer literarische interessant darzustellen. Idyllen werden einzig zu dem Zweck aufgestellt, um sie zu zerstören. Aber Kings Erzählung gibt die Nostalgie nicht der Verachtung einer zerbrochenen Welt wegen auf, in der Jamie, wie der Rest von uns, leben muss.

Jahrzehnte nach Jacobs Verschwinden aus Maine, begegnen sich er und Jamie auf einem Jahrmarkt wieder. Der ehemalige Prediger überrascht seine Zuschauer dort mit elektrischen Kunststücken. Später, in seiner Garage, benutzt Jacobs seine geheime Elektrizität, um Jamie per Elektrokrampftherapie von seiner Heroinsucht zu heilen. Aber die beiden trennen sich, als Jamie die wahren Absichten seines ehemaligen Freundes erkennt. „All deine Kunden sind nichts weiter als Versuchskaninchen“, sagt Jamie. „Sie wissen es nicht. Ich selbst war ein Versuchskaninchen.“

Aber das war noch nicht ihre letzte Begegnung. Jamie findet sich in Jacobs bösartige Umlaufbahn gezogen. Er findet immer mehr heraus, was mit den Menschen geschah, die sich von Jacobs „heilen“ ließen, denn es kam zu verheerenden Nebenwirkungen.

Und hier beginnt sich der Roman mit Machens Meisterwerk zu verzahnen. Kings zurückhaltende Prosa explodiert förmlich in ein Ende, das modernen Realismus mit dem kosmischen Schrecken, der an H.P. Lovecraft und an den Filmklassiker „Das grüne Blut der Dämonen“, erinnert. Die quälende Beziehung zwischen Jamie Morton und Charles Jacobs erreicht die Trauerschattierung einer großen Tragödie.

Was dem Buch ebenfalls gut bekommt, ist, dass man, wie bei den letzten King-Veröffentlichungen, den Originaltitel beibehalten hat anstatt wie in der Vergangenheit puren Schwachsinn zu fabrizieren.

Originaltitel: Revival
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 512 Seiten
ISBN: 978-3-453-26963-7
€ 22,99 [D]

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: „Equipe Propheta“ (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: „Die Geschichte des Uhrenträgers“ (2007), „Guckkasten“ (2011), „Entropia“ (2014); Story im IF #666: „Dorothea“. 2018 Herausgeber der „Miskatonic Avenue“, mit der Story „Der Gehenkte“ vertreten.