From Hell

Es wurde einst behauptet, dass Comics als Kunst ihr wahres Potential noch nicht ausgeschöpft hätten, und dass der Citizen Kane der Comics noch auf sich warten ließe. Das bedeutet, solange in dieser Kunstform noch nicht jenes Werk produziert ist, das sämtliche Meinungen darüber, was ein Comic sein sollte oder nicht sein sollte, aufhebt und allgemein als oberster Markstein auf diesem Gebiet anerkannt wird, werden Comics in der Öffentlichkeit wohl für immer als für Kinder oder Subliterate geschaffene Werke wahrgenommen werden.

Seit Erscheinen des gewaltigen und epochalen From Hell von Alan Moore und Eddie Campbell ist diese Diskussion ein für allemal vorbei.

Dieses Buch ist schwierig und komplex. Schwer zu lesen, schwer einzuordnen, und es ist unwahrscheinlich, dass man es je ganz verstehen kann. Jede Art einer Inhaltsangabe würde dem vollen Umfang dieses Werkes nicht gerecht, und alle bisherigen Versuche sind kläglich gescheitert. Angeblich – so schallt es überall – sei das hier eine Studie über Jack the Ripper, seine Legende und sein Ursprung. Tatsächlich aber ist From Hell etwas ganz anderes, und das ist so groß, dass Jack selbst eher ein sekundäres und geringes Problem darstellt.

Es ist kein Kriminalfall im herkömmlichen Sinne, obwohl es Polizisten und Detektive gibt und obwohl Mordfälle zu klären sind. Der Leser weiß gleich nach den ersten paar Kapiteln, wer der Mörder ist; und die letzte Tat geschieht etwa in der Hälfte des Buches. Es ist auch kein Thriller, der Spannung vermitteln will, denn die Geschichte dreht sich nicht um die Bemühungen der Behörden, den Fall aufzuklären und den Mörder zu fassen, bevor er wieder zuschlagen kann. Trotzdem gibt es natürlich Elemente der Jagd. Als der Ermittler, der den Ripper verfolgt, ihn schließlich einholt, ist das Ergebnis, gelinde gesagt, antiklimaktisch.

In From Hell geht es mehr als um alles andere um Struktur. Trotzdem geht darin auch thematisch einiges vor, gar keine Frage: die Rolle der Frau in der viktorianischen Gesellschaft spielt ebenso eine Rolle wie die kollektive Neurose einer Kultur, die überhaupt erst einen Killer wie Jack hervorbringen konnte. Auch geht es um den Einfluss des Rippers auf das zwanzigste Jahrhundert, beginnend beim Aufstieg der Serienkiller zur Sensationslust der Medien, wie sich das Sexualverhalten unter den Geschlechtern verändert hat; und es wird ein Blick von der Gegenwart auf den Beginn der Zeit der Moderne geworfen. Ganze Bücher könnten mit der Analyse eines dieser Themen gefüllt werden, und das zu Recht. Aber am Ende dreht sich alles um Struktur.

Am Anfang steht da die komplizierte Organisation der Geschichte selbst, in der unzählige Figuren die Bühne für einige wenige Panels betreten, die jeweils einen einzelnen Ziegelstein in die Wand des Werkes einbringen. Moore macht das äußerst geschickt und es scheint ihm mühelos zu gelingen, aber das täuscht nicht über die komplizierte Organisation seiner Arbeit hinweg.

Dann da gibt es noch die Struktur, mit der die Figuren selbst geführt werden. In einem frühen Kapitel nimmt eine der Charaktere eine andere mit auf eine Rundreise durch London, um ihm die Orte und Gebäude zu erklären, die sie passieren. Das überwältigt den so Belehrten dermaßen, dass er vor Ekel und schon fast katatonisch auf die Tatsache reagiert, einen flüchtigen Blick auf die der Stadt zugrunde liegende Struktur geworfen zu haben, mit der er jeden Tag seines Lebens verbracht, die er aber nie gesehen hatte. Dann, am Ende der Geschichte, wird der Reiseleiter selbst auf eine ähnliche Reise mitgenommen, aber er muss nicht die physische Struktur Londons erkennen, sondern seine Architektur und wie sie sich durch den Lauf der Zeit windet. Das ist ein schwer zu erklärendes Konzept, aber im Grunde läuft es darauf hinaus: So wie der physische Raum Londons in komplexen Strukturen organisiert ist, so ist die Geschichte der Stadt in derselben Richtung organisiert. Auf diese Weise dienen die Ereignisse der Geschichte als Ecksteine einer sich ausbreitenden Architektur, die sich sowohl physisch als auch zeitlich über ganz London erstreckt.

Jack the Ripper

Originalzeichnung von 1888. Anlass dazu gab der sogenannte “Doppel-Event”. Jack hatte innerhalb von einer Stunde zwei Opfer gefunden.

Mehr als 125 Jahre nach den Geschehnissen sind Jacks Morde noch immer faszinierend und nicht aus dem kollektiven Unterbewusstsein zu tilgen, und es wäre schwierig, jemanden zu finden, der nicht zumindest davon gehört hat. Der Mörder wurde nie identifiziert, und die Zeit hat aus ihm einen unvergleichlichen Mythos gemacht, der kaum mehr etwas mit einem Menschen zu tun hat. Bis heute werden weiter Filme und Bücher über ihn veröffentlicht, “Ripperologen” in aller Welt versuchen noch immer, das Rätsel zu lösen, so als gäbe es überhaupt noch eine Chance, den Täter jemals zu ermitteln. Verschwörungstheorien gibt es zuhauf, und sie beziehen sämtliche Gesellschaftsschichten der damaligen Zeit mit ein. Nichts davon ist oder war jemals faszinierender als die Spur, die Alan Moore verfolgt und anbietet.

Die Fakten sind schnell zusammengetragen (lesen Sie hierzu auch unseren Serien-Killer-Artikel “Jack the Ripper” von Karin Reddemann): Da gab es die als “kanonisch” bezeichneten fünf Morde. Das sind jene, die ihm zugeordnet werden. Wie viele es tatsächlich waren, ist eines der vielen ungeklärten Rätsel.

Mary Ann Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddowes und Mary Jane Kelly – allesamt Prostituierte – wurden zwischen August und November 1888 in oder um die Londoner Gegend Whitechapel ermordet. Außer Elizabeth Stride wurde allen Opfern die Kehle aufgeschlitzt, die Morde immer grausamer und grotesker. Allerdings glaubte man bei Stride, dass der Mörder gestört wurde, bevor er seine Aufgabe erfüllen konnte. Hunderte von Briefen kamen bei Polizisten, Reportern und verschiedenen Beamten an, die behaupteten, selbst der Mörder zu sein. Die meisten von ihnen wurden als Falschmeldungen entlarvt. Einer der Chefermittler bei den Morden war Inspektor Frederick Abberline, der den Fall allerdings nicht lösen konnte.

From Hell wurde zuerst unregelmäßig von 1989 bis 1996 in Serie herausgegeben, bevor das Comic in einer gesammelten Ausgabe erscheinen konnte. Moores Geschichte ist aus jener Ripper-Theorie hervorgegangen, die Stephen Knight 1976 in seinem Buch Jack the Ripper: The Final Solution dargelegt hat. Seit der Veröffentlichung dieses Buches sind viele Aspekte von Knights Theorie widerlegt worden, aber Moore hat bekanntgegeben, dass er es nie als Tatsache angesehen hat, sondern eben als Ausgangspunkt für seine eigene Fiktion.

Das bedeutet, dass man From Hell nicht nach seinem Verdiensten als historisches Dokument beurteilen kann – es ist schließlich eine phantastische Erzählung von Ereignissen, die vielleicht stattgefunden haben, wahrscheinlich aber nicht – sondern eher als ein überragendes Kunstwerk.

20th Century Fox

Wäre die Geschichte von jemand anderem als Alan Moore geschrieben worden, wäre das Buch wahrscheinlich ein einfacher Verschwörungsthriller (wie es ja auch der etwas lahme Film mit Johnny Depp in der Hauptrolle dann wurde. From Hell war das erste Werk von Alan Moore, das für einen Film infrage kam, und obwohl er sich völlig von dem Projekt distanzierte, nahm er doch das Geld von 20th Century Fox und erlaubte dem Studio, mit dem Material zu machen, was sie wollten, damit es für die Masse infrage taugte).

Moore bringt die Dinge jedoch immer an einen Punkt, der weit über das hinausgeht, was man erwartet. Die kleinen Details wurden sorgfältig recherchiert und vermitteln einen starken Realismus, auch wenn sich die Ereignisse drastisch dem Metaphysischen zuneigen.

Michael Perkampus

Michael Perkampus

“Ich bin mehr daran interessiert, meinen Geist unterschiedlichen Situationen auszusetzen, als meinen Körper.” — Alan Moore

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