London After Midnight

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Episode 22: London After Midnight
byMEP

Die wahre Macht des Films wird wohl ein Rรคtsel bleiben, denn die letzte bekannte Kopie wurde 1967 bei einem Brand in den Metro-Goldwyn-Mayer-Gewรถlben zerstรถrt.ย Doch eine aus Fotografien rekonstruierte Fassung ist noch zu sehen.

Lon Chaney war nicht nur ein Schauspieler, sondern auch ein Meister des Make-up. Er revolutionierte dessen Verwendung im Film, indem er komplizierte und transformative Looks kreierte, die es ihm ermรถglichten, eine breite Palette von grotesken Charakteren darzustellen, vor allem in Filmen wie Der Glรถckner von Notre Dame, Das Phantom der Oper und Die unheiligen Drei. Sein Koffer, gefรผllt mit Schminke, Werkzeugen und Schnรผren, wurde legendรคr.

Lon Chaney in London After Midnight

In London After Midnight schlรผpfte Chaney gleich in mehrere Rollen; in einem Stummfilm aus dem Jahr 1927, geschrieben und inszeniert von Tod Browning, mit Lon Chaney in der Hauptrolle. Die Geschichte handelt von Inspektor Edward Burke (gespielt von Chaney), der in London den Mord an Sir Roger Balfour untersucht. Nachdem er einen Abschiedsbrief gefunden hat, wird der Fall zu den Akten gelegt und scheint vergessen zu sein, doch fรผnf Jahre spรคter wird Balfours Haus von einem Mann mit Biberfellmรผtze, dunklen, eingefallenen Augen und ReiรŸzรคhnen wieder bewohnt. Die Leute fragen sich, ob es sich dabei um den von den Toten auferstandenen Balfour handelt, aber in Wirklichkeit ist es Inspektor Burke selbst, der sich verkleidet hat, um den Mรถrder zu fassen.

Der Film zeigt einen der besten Make-up-Looks von Lon Chaney, mit einem Mund voller Haifischzรคhne und Drรคhten, die seinen Augen einen hypnotischen, aber versunkenen Blick verleihen.

Die wahre Macht des Films wird wohl ein Rรคtsel bleiben, denn die letzte bekannte Kopie wurde 1967 bei einem Brand in den Metro-Goldwyn-Mayer-Gewรถlben zerstรถrt. Doch eine aus Fotografien rekonstruierte Fassung ist noch zu sehen. Einer der Grรผnde fรผr ein Wiederaufkeimen des Interesses an diesem Films ist auch, dass Chaney die Rolle des Dracula in dem Film von 1931 spielen sollte, aber vor Beginn der Dreharbeiten starb und Bela Lugosi dadurch seinen groรŸen Auftritt bekam.

Die ersten Jahrzehnte des Kinos waren im Wesentlichen der Wilde Westen. Es war eine Zeit des Experimentierens und wenig bis gar keiner Reglementierung, die Filmfans bis heute fasziniert – vor allem, wenn man bedenkt, wie viele dieser frรผhen Stummfilme durch Vernachlรคssigung oder Feuer verloren gegangen sind. Der Horror-Mystery-Film galt schon bei seiner Verรถffentlichung als umstritten. Berรผhmt wurde der Film jedoch durch einen Mord im Jahr 1928, bei dem der Mรถrder behauptete, er habe Visionen von Lon Chaneys Figur gesehen, die ihm angeblich befohlen habe, eine Frau mit einem Rasiermesser zu zerstรผckeln. Dieser Mord sorgte fรผr Schlagzeilen und trug zum dรผsteren Charme des Films bei. War in London After Midnight eine bรถse Macht am Werk? War es ein verfluchter Film oder nur eine bequeme Ausrede fรผr einen geistesgestรถrten Verbrecher?

Am 23. Oktober 1928 wurde im Londoner Hyde Park ein blutbesudelter, verwirrter Mann namens Robert Williams gefunden. Neben ihm lag ein blutverschmiertes Rasiermesser und der leblose Kรถrper einer Frau, Julia Mangan. Als die Polizei eintraf, zeigte Williams auf Mangan und schrie: „Ich war’s, sie hat mich geรคrgert.“ Williams wurde verhaftet und spรคter im Old Bailey vor Gericht gestellt. Er behauptete, er und Mangan seien Freunde gewesen und er habe sie heiraten wollen, aber sie habe abgelehnt. Williams sagte, das Letzte, woran er sich in jener Nacht erinnere, sei, dass er Mangan pfeifen hรถrte:

„Dann fรผhlte ich mich, als wรผrde mein Kopf explodieren, als kรคme Dampf aus beiden Seiten. Alles Mรถgliche ging mir durch den Kopf. Ich dachte, ein Mann hรคtte mich in die Enge getrieben und schnitt Grimassen. Er drohte mir und schrie mich an, und sagte mir, was ich tun sollte!“

Wer war dieser Mann? Kein anderer als der Schauspieler Lon Chaney, den Williams kรผrzlich in London After Midnight gesehen hatte. Williams behauptete, Chaneys unheimlicher Charakter habe irgendwie von ihm Besitz ergriffen und ihn zum Mord getrieben. Die Geschworenen konnten kein Urteil fรคllen, aber in einem Wiederaufnahmeverfahren 1929 wurde Williams fรผr schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Im letzten Moment wurde er jedoch dazu verurteilt, den Rest seines Lebens in einer psychiatrischen Anstalt zu verbringen.

Schon vor dem Mord von 1928 erregte London After Midnight Aufsehen. Denn darin ging es auch um Selbstmord, ein Thema, das in der hรถheren Gesellschaft im Allgemeinen nicht erwรคhnt wurde. Nachdem Williams sein Verbrechen begangen hatte, wurde der Film mit unaussprechlicher Gewalt assoziiert.

London After Midnight war dann auch nicht gerade ein Kritikerliebling. Es wurde bemรคngelt, dass die Zusammenarbeit zwischen Lon Chaney und Regisseur Tod Browning nicht ihre beste war. AuรŸerdem ergebe die Handlung einfach keinen Sinn. Warum sollten schaurige Freaks plรถtzlich ein Haus bewohnen, in dem ein Mann ermordet worden war? Das Kinopublikum war, wie so oft, ganz anderer Meinung als die Kritiker. Der Film spielte fast 1 Million Dollar an den Kinokassen ein, eine beeindruckende Zahl fรผr die damalige Zeit. Es war der erfolgreichste gemeinsame Film von Chaney und Browning.

Aus der Stummfilmzeit sind nicht viele Filme erhalten; die Library of Congress schรคtzt, dass nur 14 % dieser Filme in ihrem Originalformat erhalten sind. Ein Teil davon ist auf die Praktiken der Studios zurรผckzufรผhren, die die Filme nach ihrem kurzen Kinostart oft zerstรถrten. Und dann gab es da noch die unglรผcklichen Unfรคlle – Zelluloid ist leicht entflammbar, und Brรคnde vernichteten hรคufig die gelagerten Filmrollen. So auch das Schicksal von London After Midnight. Die Popularitรคt von London After Midnight stieg noch weiter an und wird heute von einigen als der „Heilige Gral“ der verlorenen Filme angesehen.


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RED.

รœbersetzer, Autor und Redakteur im Phantastikon. Host im Podcast.

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