Hol euch allesamt der Teufel!

Gott hat die Schlange verflucht, Noah den Enkelsohn, die böse Fee das Dornröschen. Und mit Zigeunerflüchen erstmal vernünftig klar kommen müssen Christine Brown in Drag me to hell und Billy Halleck in Thinner. Desweiteren zahlreiche unbekannte Verdammte, die in speziellen Internet-Foren Stein auf Bein und Spucke neben der Katze schwören, schon einmal verflucht worden zu sein. Oder eine gewisse Person zu kennen, die jemand kennt, der gehört hat, was beim Leben der irgendwann untergetauchten Urmutter und des verfressenen Gatten wahr ist: Dass was dran ist am Verfluchen. Dreimal auf Holz geklopft und Maria geküsst, bevor der Teufel kommt und alle holt.

„Fluche einem Nachbarn, und du gräbst zwei Gräber.“ (Japan)

Bevor das passiert, sei angemerkt: Ursprünglich sollte an dieser Stelle ein Artikel über einen durchaus klassischen Unheilboten in der geheimnisvollen Welt der Magie, Phantastik, Schauergeschichten stehen. So war es gedacht und nochmals durchdacht. Dann betreten verworfen. Zigeuner, – korrekter: Sinti und Roma – , als mysteriöse, Unbehagen und Angst bewirkende „Horror“-Gestalten in Literatur und Film definieren zu müssen und ihnen dabei einen passenden, ergo fairen Rahmen zu geben sprengt ganz klar die Grenze. Die Bilder, die einstmals gemalt und im positiven Fall mit echter Moral übermalt wurden, sind zu bunt und lügen. Die anderen Bilder sind so finster, dass man die Kerze entzündet. Damit sei es genug.

Korrekt geflucht (Drag me to Hell,Foto copyright: Universal Pictures, Ghost house Pictures)

Freilich kann man nicht einfach die Kreide von der Tafel wischen, wenn da steht, dass Zigeuner halt doch recht oft und gern als geheimnisvoll exotische Akteure in schaurig-spannende Handlungen eingebaut werden. Mit durchaus tragenden Rollen, die selten unschuldig maßgeschneidert sind wie die der schönen Esmeralda. Erotisch ist die typische Film-Zigeunerin nicht, das muss ehrlich gesagt sein. Sie ist alt und runzlig, manchmal blind, kann hellsehen, redet zweideutig daher und ist in der Lage, jeden zu verfluchen, der ihr oder ihrer Familie schadet. Ihr Wort ist mächtig. Das kann nicht mal eben so wieder zurückgenommen werden. Einmal ausgesprochen steht es mit all seinen Folgen. Mögen die noch so fatal sein…wer auch immer wen und warum verflucht, – ob Medizinmann, Mumie, Dämon, Zigeuner oder Spinner – , ist auf jeden Fall Garant für bestes Gänsehaut-Entertainment. Darauf kommt es (auch) an. Zumindest (und Gottlob) in unserer Zeit.

Das Verdammen ist ein falsch Geschwätz. (Jakob Böhme,1575- 1642)

In Drag me to hell (2009, Regie: Sam Raimi) hext eine greise Zigeunerin der jungen Bankangestellten Christine aus Enttäuschung und Wut über einen nicht gewährten Kredit einen Dämon an den Hals, der sie innerhalb der nächsten drei Tage packen und in die Hölle ziehen soll. Christine versucht alles, um mit heiler Haut davon zu kommen, und am Ende…nun, das Ende ist so richtig fies gemein. Reicht.

In Roadkill (2011, Regie: Johannes Roberts) verursachen sechs Freunde auf einem Trip durch Irland einen Unfall, bei dem eine Zigeunerin schwer verletzt wird. Während sie im Sterben liegt, verwünscht sie die Truppe. Ihr Fluch: Ein monströser, blutrünstiger Horror-Vogel, der Jagd auf die jungen Leute macht.

„Fluchen läutet den Teufel zur Messe.“ (Sprichwort)

Solch ein böser Fluch kann gebannt, mit Magie gedämmt, auch auf ungutem Weg zum Fluchenden zurückkehren, aber so richtig weg ist er nicht. In Der Wolfsmensch (1941, Regie: George Waggner) offenbart eine Zigeunerin Larry Talbot, unter dem Fluch des Werwolfs zu stehen. Sie gibt ihm ein Amulett mit dem Werwolfssymbol, dem Pentagramm, und beschwört ihn, es zum Schutz zu tragen. Sie sagt ihm auch, dass nur Silberkugeln ihn töten können. Larry hält das für Hokuspokus, er verschenkt das Amulett. Gerettet hätte es ihn aber wohl eh nicht. Verflucht ist verflucht, egal, von wem für was und wie.

Tatsächlich munkelt man, es gäbe keine Regeln für Flüche, und jeder, der glaubt oder zweifelt, könnte das Verfluchen getrost versuchen: Aus Wut, Neid, Eifersucht, Hass. Profaner Gedankenlosigkeit gar. Entweder funktioniert es mit sämtlichen (un-)denkbaren Konsequenzen oder eben nicht. Einmal Verfluchte,- die das beteuern und wild Asche streuen -, geben gewissenhaft an, sich wie Marionetten vorzukommen, die an zentnerschweren Fäden hängen, zudem das Gefühl zu haben, da würde jemand in ihrem Nacken sitzen und sich dort festkrallen. Unkommentiert sei ein wenig fröstelnd bemerkt: Das muss wahrlich unangenehm sein.

„Die Katzen sterben nicht daran, dass die Hunde sie verfluchen. “ (Arabien)

Eine Geschichte will unbedingt noch erzählt sein, sie drängelt fürchterlich: In Stephen Kings Thinner, 1996 verfilmt von Tom Holland, überfährt der Anwalt Billy Halleck eine Zigeunerin und wird im Prozess von einem befreundeten Richter freigesprochen. Daraufhin belegt Tadzu Lempke, der Vater der Getöteten, Billy, Richter Rossington und Polizeichef Hopley, der die Zigeuner aus der Stadt gejagt hat, mit Flüchen: Billy wird immer dünner und hysterischer, Rossington verwandelt sich nach und nach in eine Echse, und Hopley hat eitrige Geschwüre im ganzen Gesicht.

Billy sucht verzweifelt das Zigeunerlager auf, wird nur beschimpft und droht seinerseits mit einem eigenen „Fluch“: Er schickt eine Schlägertruppe. Lempke lenkt ein und bannt den Billy-Fluch in einen Kuchen, den jemand essen soll bzw. muss, um den bösen Zauber von Billy auf sich selbst zu übertragen. Hinterhältig gibt Billy den Kuchen seiner Frau Heidi als Überraschungs-Mitbringsel, weil er annimmt, sie hätte ein Verhältnis mit Hausarzt Dr. Houston. Und immerhin wollte sie ihn, gemeinsam mit ihrem (vermeintlich?!) Geliebten, in eine Nervenklinik schaffen, weil er den Eindruck gemacht hatte, ob seiner unfreiwilligen Diät wahnsinnig zu werden.

Heidi isst von dem Kuchen, und am nächsten Morgen liegt sie tot und fürchterlich entstellt neben ihm im Bett. In der Küche stellt Billy panisch fest, dass auch seine Tochter davon probiert hat. Es klingelt, Dr. Houston steht vor der Tür, Billy bittet ihn hinein, drückt ihm in alter Freundschaft die Hand und bietet ihm Kuchen an. Irres Gelächter. Ende.

So kann’s auch kommen. Diese Flüche…und überhaupt:

„Solange einer flucht, kann er wenigstens nicht singen.“ (Schottland)

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Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)