Ein historisches kriminalistisches Abenteuer in der bayerischen Metropole: Uta Seeburg: Der falsche Preuße

Uta Seeburg - Der falsche Preuße
Harper Collins

Uta Seeburgs Debüt um den Preußischen Sonderermittler Gryszinski, den es in die Landeshauptstadt Bayerns verschlagen hat, erschien im August und es ist davon auszugehen, dass die Autorin gegenwärtig an ihrem zweiten Roman dieser überaus genussvollen neuen Reihe arbeitet. Historische Kulissen sind bei Weitem nichts neues in der Literatur, aber in den letzten zehn Jahren ist das Genre regelrecht explodiert und während angelsächsische Erzähler an ihrem viktorianischen London arbeiten, Franzosen ihr pittoreskes Paris auspacken und auch in der Fantasy immer mehr auf historische Schlachten Bezug genommen wird, können deutschsprachige Autoren natürlich ebenfalls auf eine sehr erlebnisreiche Zeit zurückgreifen. Neben dem offensichtlichen Magneten zwischen den beiden Weltkriegen, hat sich Uta Seeburg für den nahenden fin de siecle entschieden, ein neunzehntes Jahrhundert, das mit reichlichen Innovationen zu Ende geht, die Elektrizität gerade auf dem Vormarsch ist und so eine Epoche des Übergangs markiert. Natürlich sieht diese Zeit, in der Sherlock Holmes gerade druckfrisch aus England herüberschwappt, in den deutschen Metropolen mit ihrer Volkstümlichkeit noch ganz anders aus. Und darin liegt eine der Stärken des vorliegenden Romans, denn die Autorin ist selbst eine sogenannte Zugereiste, die ihren Weg von Berlin nach München machte. Dass ihre literarische Vorliebe dann auch genau in jener Zeit anzusiedeln ist, die sie da beschreibt, verleugnet der Text zu keiner Zeit. Überhaupt ist das mysteriöse Gebaren um Bayern und Preußen eines, das man sich genauer anschauen sollte, und während man das tut, stößt man auf eine große Lücke in den Veröffentlichungen. Uta Seeburg hat sie gefunden und es ist ein Gewinn für jene, die gerne kopfüber die die Vergangenheit springen, um dort eine lebendige und skurrile Erfahrung zu machen, die einer üppigen Geschichte; nicht etwa verschnörkelt und überladen, sondern die eines prallen Lebens in einer Metropole, in der es natürlich sehr um den Genuss geht, der so eigenwillig ist, dass er Weltgeschichte schrieb. Die Epoche, in der es vor kurioser Figuren nur so wimmelte, vor Entdeckungen, Erfindungen und Abnormitäten wird von der Autorin nicht nur aufgesetzt, sondern so lebendig geschildert, als käme sie selbst aus dieser Zeit; ein ganzes Kuriositätenkabinett kommt hier zusammen. Und so ist dann auch der Mordfall, in dem er Preuße Gryszinski ermittelt, kein gewöhnlicher: Ein Bierbeschauer wird mit weggeschossenem Gesicht und gekleidet in ein Federkostüm an der Isar aufgefunden. Nicht weit von ihm entfernt findet man noch den einzelnen Abdruck eines Elefanten, aber keine weitere Spuren von diesem doch eher ungewöhnlichen Tier. Zur Verfügung stehen dem preußischen Reserve-Offizier zwei Wachtmeister, die er wie Flügelspieler auf seinem unterhaltsamen Weg durch diese spezielle Zeit und ihren speziellen Raum einsetzt.

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Montagsfrage: Welches (Cover-)Design eines Buches hat euch in letzter Zeit besonders gefallen?

Montagsfrage

Heute stellt sich die Montagsfrage von Lauter & Leise für mich etwas schwierig dar. Nicht, weil ich kein visueller Mensch wäre, sondern weil ich da in manchen Punkten doch eher ziemlich harsch bin.

Zu sagen, dass Buchcover in den heutigen Zeiten eine einzige Katastrophe darstellen, wäre richtig und falsch zugleich. Im Allgemeinen wird da kein großer Aufwand betrieben, längst ist man vom individuellen Cover zum Genre-Cover übergewechselt, wo meistens der vermeintliche Marktführer visuell den Ton angibt und das Design das immer gleiche darstellt, in kleinen Variationen, versteht sich. Im Grunde ist das nichts anderes als gar kein Cover zu haben, sondern nur eine Farbe, den Titel und den Autor (wogegen ich gar nichts habe). Aber es ist eben nicht ganz das gleiche, weil manche Cover so schrecklich sind, dass man sie am liebsten wegreißen oder überkleben würde, obwohl der Inhalt gut ist, wie ich immer wieder herausfinde. Und während ich das schreibe und anprangere, weiß ich, dass ich gleichzeitig all das, was mir ein großer Kritikpunkt ist, in gewisser Weise sogar gut heiße. Da wären die sogenannten Live-Action-Szenen, die auf einem Buch eigentlich gar nichts zu suchen haben, aber benutzt werden, um sie mit der eventuell existierenden Verfilmung zu verquicken oder um das Buch zumindest visuell in die Nähe eines Films zu rücken, obwohl Filme für mich gegenüber der Literatur nach wie vor ein untergeordnetes Medium sind. Das trifft nicht auf alle Filme zu und auch nicht auf alle Ver=filmungen, aber auf die meisten. Dann aber sind es genau diese Live-Action-Szenen, die auch mich ansprechen, nämlich immer dann, wenn eine gut gewählte und historische Fotografie die Atmosphäre des Inhalts wiederzugeben versucht. Da ist natürlich viel Psychologie im Spiel. Sehe ich mir die Gereon-Rath-Reihe oder die August-Emmerich-Reihe an, dann interessieren mich die Romane bereits aufgrund des Covers; ich weiß, was ich bekomme. Im Umkehrschluss heißt das natürlich, dass es nicht nur mir so geht und nur, weil ich eine Covergestaltung nicht mag, bedeutet das nicht, dass sie nicht grundsätzlich auch auf mich eine Wirkung hat. Aber das beantwortet die Eingangs gestellte Frage kein bisschen.

Auch hier machen kleinere Verlage vieles besser, vor allem auch deshalb, weil sie sich um ihr Produkt grundsätzlich mehr bemühen als die großen Platzhirsche, denen es nur um die größtmögliche Gewinnspanne geht (und auch hier möchte ich nicht behaupten, dass es dort keine Menschen gibt, die Literatur und Bücher lieben). Oft gestalten tatsächlich Künstler das Cover und wirken so an einem Produkt mit, das in seiner Gänze besticht. Und jetzt sind wir beim eigentlichen Design. Wie lässt sich der Inhalt so transportieren, dass er auch als das wahrgenommen wird, was er ist, und nicht nur die Klischees eines Genres transportiert, sondern tatsächlich den Autor mit seinem Inhalt? Aber diese Art der Gestaltung richtet sich dann auch mehr an den Sammler (der nicht mit dem Bibliophilen verglichen werden darf, denn der interessiert sich ganz und gar nicht für irgendein Buch, das nach 1950 herausgekommen ist). Viele Jahrzehnte lang interessierte ich mich tatsächlich auch bei der Covergestaltung für Sammlerobjekte, doch das hat aufgehört. Das Buch als reines Objekt interessiert mich nicht mehr, aber auch das tut hier nichts zur Sache. Ich laviere nur aus einem bestimmten Grund so unspezifisch herum: Mir hat in letzter Zeit kein einziges Coverdesign wirklich so gefallen, das ich es besonders erwähnen müsste, auch wenn ich mich an die moderne Optik von Büchern mittlerweile gewöhnt habe.

Montagsfrage: Welche kleinen Verlage kennt ihr eigentlich und mögt ihr gern?

Montagsfrage

Auf “Lauter & Leise” gibt es heute die Frage nach kleinen Verlagen. Wenn man ehrlich ist, sind gerade sie das Salz in der Suppe, denn für meine Begriffe gleichen große Verlagshäuser eher Industrieunternehmen, bei denen das Produkt, das sie verkaufen, austauschbar ist.  Als Autor sieht man die Dinge noch einmal etwas anders wie als Leser, aber die Erfahrungswerte dürften sich in vielen Punkten gleichen, und ich sehe und erkenne auch, wie kleine Verlage für ihre Leidenschaft kämpfen. Tatsächlich sähe ohne sie unsere Verlagslandschaft erbärmlich aus, man kann es nicht anders benennen. Aufgrund meiner Tätigkeit kenne ich einige davon persönlich, andere nur aus reinem Leseinteresse heraus.

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Montagsfrage: Wie wichtig sind euch Book Awards?

Diesmal möchte ich wieder einmal an der Montagsfrage von Lauter & Leise teilnehmen. Es ist das erste Mal nach dem Crash des alten Phantastikon.

Als ich noch ein junger Autor war, dachte ich nicht selten daran, wie es sich wohl ausmachen würde, den ein oder anderen Preis einzuheimsen. Heute, als Leser und Autor, der sich nicht sehr um Veröffentlichungen kümmert, hat sich das Blatt gewendet. Vor allem, wenn man weiß, dass Deutschland die höchste Dichte an Stipendien und Buchpreisauszeichnungen weltweit hat, fragt man sich schnell nach dem Sinn des Ganzen. Es ist als Autor fast unmöglich, keinen Preis zu bekommen und sei es eine regionale Auszeichnung oder die eines ansässigen Buchclubs. Dabei muss man jedoch unterscheiden zwischen solchen Preisen, die dem Autor für kurze Zeit ein finanzielles Auskommen gewährleisten und ihm etwas Schwung für die Zukunft mitgeben, und jenen, die dazu gedacht sind, den Leser zu ködern – wovon der Autor natürlich dennoch etwas hat.

Der Preis, der noch immer die meiste Aufmerksamkeit bekommt, ist der Nobelpreis. Tatsächlich ist das für mich als Leser der uninteressanteste, und es gibt nicht wenige, die der Auffassung sind, dass dieser Preis einem Schriftsteller für immer das Stigma der Mittelmäßigkeit verpasst. Da dieser Preis kein literarischer sondern ein politischer ist, schreckt er mich insoweit ab, dass er mich ein Buch eher nicht kaufen lässt, es sei denn, ich kenne den Autor bereits und der Preis kann ihm deshalb nichts anhaben. Da wären vor allem lateinamerikanische Autoren (wie etwa Vargas Llosa) zu nennen, die ich immer schon gelesen habe.

Mehr von Interesse sind die genreorientierten Preise wie der World Fantasy Award, British Fantasy Award, Nebula, der Edgar Award. Da nämlich gibt es Weltweit eine große Zahl und man kann sich mehr oder weniger darauf verlassen, dass dort die Experten sitzen, wenn auch die Vergabe eines fast jeden Preises viel mit Seilschaften zu tun hat. Mit deutschsprachigen Preisen hingegen kann ich gar nichts anfangen, aber das ist nicht besonders überraschend. Ebenso interessieren mich Short- und Longlisten nicht im geringsten, und gleiches gilt für deutsche Bestseller-Listen. Dort findet man eher selten Qualität. Das ist im englischsprachigen Raum etwas anders, aber darum geht es hier ja nicht.

Vielleicht ist es für unerfahrene Leser ein erster Wegweiser, sich mit den Preisen, die das eigene Leseinteresse wiedergeben, auseinanderzusetzen. Irgendwann folgt man aber einer gewissen inneren Struktur – so zumindest ist es in meinem Fall. Und es gibt natürlich auch jene, die ganz und gar auf Listen und Preise setzen, ähnlich wie jene, die sich nur auf Neuerscheinungen stürzen. Aber das ist ein ganz anderes Leseverhalten, eines nämlich, das mir völlig fremd ist. Mehr oder weniger dienen Preise immer als Geschäftsmodell, einmal der Marke des Autors, der sich schön geschmückt in neue Gefilde aufmachen kann, und einmal des Buchhandels, der damit seinen Eventcharakter bekommen. Für das, was man lesen sollte und das, was man lesen möchte, ist das alles ganz unerheblich.

Anthony Ryan: Das Lied des Blutes (Rabenschatten #1)

Klett-Cotta

Auch wenn mir nicht alles zusagt, was bei Klett-Cotta und der Hobbit-Presse erscheint, bin ich doch immer wieder angetan von den meist geschmackvollen Aufmachungen des Verlags. Leider haben wir hier in Deutschland in den wenigsten Fällen Hardcover im Fantasy-Bereich, oft geht es um das schnelle Geld, und die Verlage werfen auf den Markt, was gerade dem Hype entspricht. Bei der Hobbit-Presse muss man sich nur mal die liebevollen und geschmackvollen Aufmachungen ihres Kerngeschäfts, die Werke von J.R.R. Tolkien, ansehen, um den Unterschied zu erkennen.

Anthony Ryans “Lied des Blutes” kommt also im Hardcover (und natürlich im Paperback); es stellt den Auftakt zu einer großartigen Geschichte, die zwar zu Beginn kein Action-Spektakel abfeuert, dafür aber herausragend erzählt ist. Gegenwärtig geht die Serie in eine neue Runde und “Das Lied des Wolfes” ist bereits erschienen. Tatsächlich ist es so, dass hier allgemein bekannte Zutaten miteinander vermischt werden, ein Preis an Innovation ist hier nicht zu erwarten. Dennoch sind diese bekannten Rezepte hier so gut umgesetzt, dass dies eigentlich keine Rolle spielt und sogar über die zahlreichen angestrengten Versuche, Dinge auf Biegen und Brechen anders zu machen, triumphiert. Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte. Das war früher so und das ist heute so. Und morgen wird es genauso sein. Es kommt nicht darauf an, ob man auf bekannte Muster zurückgreift, sondern wie man das macht. (mehr …)