Montsegur (en prose)

In dieser Nacht wird sie das Leben verlassen, es wird ihnen aus den Höhlen gerissen, die unter ihren Gärten lagen.
Der Teer des Harzbaumes, die Pechtröge der Hölle entsprangen hier. Aufgrund der wenigen Zeit, die den Verteidigern zur Verfügung stand, war es noch stark terpentinhaltig und somit dünnflüssig, auch ging das Brennholz zur Neige. Man schaffte bereits die Linnenkleidung heran, zunächst das, was man nicht am Leibe trug. Als aller Brennstoff verbraucht war, legte man schließlich Hand an sich und rieb, da man nun nackt zu kämpfen bereit war, die Muskeln aber in der Kälte nicht starr werden durften, den Körper mit dem nicht mehr wehrfähigen, bereits in den Gießpfannen angetrockneten Resten des Pechs ein. Auch deshalb ging das Gerücht durch die Jahrhunderte, die Mohren hätten den Heiligen Gral entführt. Wahr ist hingegen, dass er an diesem denkwürdigen Tag, dem 16. März 1244, das Castrum Montsegur verließ und nie mehr gefunden werden konnte. Sechs von pechschwarzer Gestalt wagten sich hinaus in die Mördergrube aus Piken, Schwertern, Rammböcken, den Katapulten der königlichen Armee, entkamen ungesehen, weil die Nacht sie als die ihren erkannte, ihnen anbot, von nun an Schatten zu sein, aber Schatten bleiben zu müssen. Tief ins Blut taucht ein Zahn, betrinkt sich, gerinnt Blut im Castrum Montsegur. Aus dem Burggraben kriecht ein schwarzes Reptil, nimmt die legendäre Schale für immer in seinen Magen, während die Katharer auf dem Feld des Vorgebirges brennen. Und die Sonne verdunkelt sich und auch die Nebel werden schwarz. Die Register der Orgelpfeifen werden später erfunden und später verstummen. Das Blut hat die Möglichkeit genutzt, sich mit dem edelsten der Metalle zu verbinden und ein neues Element sickert durchs Geröll, der Reptilienhain verschwindet geschützt vom Aschefall. Nur wenige Gewänder blähen sich auf und stoßen gegen den Wind. Kein Körper ziert die Nahten, die im Hitzewall zerschmelzen. Die Vortex-Reise hat begonnen.

Aus der Essenz des Gedichts.

Das Unendlichkeitsprinzip

Mallarmé hat das Lesen immer wieder in ganz prägnanter Weise zum Thema gemacht. Er hat für die Poesie demonstrativ ein Geheimnis reklamiert und ihre Rezeption einer Extensivierung und Beschleunigung der Lektüre gegenübergestellt. Mallarmé kämpfte als Dichter auf verlorenem Posten um Resonanz bei einem bürgerlichen Publikum, das er bereits zu einem großen Teil an die Massenpresse und die wohlfeile Feuilletonliteratur verloren hatte. Er wies darauf hin, dass die Zweckorientiertheit eine ganz spezifische Lesehaltung einübe: die Sprache wird nur mehr als Instrument wahrgenommen und die Texte auf ihren Informationsgehalt reduziert. Dadurch würden Lesetechniken und Lesehaltungen verdrängt, die poetische Texte eigentlich fordern: ein Lesen, das den Zeitaufwand der Lektüre und ihren Nutzwert nicht gegeneinander aufrechnet, das das Geschriebene nicht auf einen konkreten Sinn hin festzunageln sucht und das einen gewissen Respekt der Sprache und dem eigenwilligen oder abseitigen sprachlichen Ausdruck gegenüber voraussetzt. Wer die Poesie liebt, könnte man folgern, hat Zeit.
Von hier aus gelängen wir schnell zu Borges, der einmal sagte, dass man sich ein Buch wie die Ilias oder die Komödie hernehmen und allein ein Leben mit der Lektüre dieses Buches zubringen könnte, weil darin alles enthalten sei. Das gilt natürlich insbesondere für die Lyrik Mallarmés. Das Unendlichkeitsprinzip weiterlesen

Octavio Paz: Das fünfarmige Delta

Meine Schritte in dieser Straße
Hallen wider
In einer anderen Straße
Wo
Ich meine Schritte
Durch diese Straße gehen höre
Wo
Nur der Nebel wirklich ist.

– Octavio Paz

Octavio Paz führte eine von Walt Whitman über Ezra Pound und Pablo Neruda bearbeitete Tradition der Moderne produktiv fort: die des hymnischen Gedichts, Anrufung des Lebens, Evokation des erfüllten Augenblicks.

Das Gedicht wird zu einer „Folge intensiver Momente, die nicht so sehr durch das Erzählte verbunden werden als vielmehr durch das Schweigen, die Auslassungen.” In “Das fünfarmige Delta”, das als sein lyrisches Vermächtnis betrachtet werden kann, finden sich die fünf langen Poeme, die durch ihre schiere Schönheit den Atem stocken lassen. Octavio Paz hat nicht wenig Einfluss auf mein eigenes lyrisches Schaffen gehabt, mehr noch als der große Mallarmé. Selbstverständlich: auch er atmete das große Paris und fand den Geist des Surrealismus dort. Als ich 1993 in Mexiko lebte, dem Land, das diesen poetischen Menschen heranwachsen ließ, wurde auch ich gepackt von dieser nimmermüden Sonne, die sich, wenn sie sich mit einer Pariser Intellektualität paart, zu einem unlöschbaren Fieber entwickelt. Und immer hat man das Gefühl, man humpelt der Fülle hinterher.

Und mein Denken, das galoppiert und galoppiert und kommt nicht vom Fleck…
es erhebt sich wieder
und stürzt sich erneut in die stockenden Wasser der Sprache…

Lauwarmes Geschoss

In vielerlei Hinsicht stoppt uns das Maß
der Dinge, wildgeworden von Peitschenhieben
und einem Surrogat aus plüschähnlichen
Pantoffeln. Es wurden Abdrücke
hinterlassen, die wie Geisterschwämme
vor allem Nachts für Furore sorgten.
Nichts davon ist tagsüber noch übrig,
nichts davon deutet auf jene Ausgiebigkeit
hin, mit der sich ein fleischiger Nacken
aufdrängt. Der Besitzer tut gut daran,
eine Nummer in die Wählscheibe zu
legen, die er gerne hat. Sie mag ihn
an etwas erinnern, das ihm nie
widerfahren ist, lauwarmes Geschoß,
noch nicht zu einer allgegenwärtigen
Hitze aufgestiegen.

Der Kreis wird von einer Nabelschnur
geschlossen, einer Brosche, die tiefer reicht
als mit technischen Hilfsmitteln erkannt
werden kann. Trotzdem darf ein
Strich im Kalender nicht zu der irrigen
Annahme führen, die Kessel verlören
ihren Druck nur vom Hinsehen.
Ein großer Albtraum nährt unsere Binsen-
weisheiten, er bleibt zum Essen und
verändert sich nur durch ein spanisches
Pfeffergericht, aus dem die Pilze
entfernt wurden. Stillstand legt man
sich danach äußerst selten wieder
aufs Brot.

Telefon

still, weil kein Wind das Boot aus dem Klee hebt,
rostig schmatzend, Lavendelburschen hinter Ginster
hervor beobachten nicht eine Bewegung, ihre
Gestalten grünen durch das Licht, Speerspitzen
auf das bewegungslose Schiff gerichtet, damit es
sich auch fürderhin nicht bewege, in mir brennt
dieser Sud und stößt auf, alles läuft über,
köpft die Töpfe, schäumt die Deckel weg, ich werde
geboren, klebrig, an mir der Schleim aus
Kacke, Pisse, Muttersaft, die Schnur
ins Universum, die Leitung steht,
es klingelt, ich geh ran