Schatten einer Beichte

Wenn ich auf diese Frage schau, juckt es mich in den Fingern. Immer. Was ist Horror?

Ich könnte jetzt einfach loslegen und schreiben, und bevor jemand mich darauf aufmerksam machen würde, dass ich das bitte besser lassen sollte, hätte ich es getan.

Das könnte passieren. Vermutlich würde ich von meiner ersten Beichte erzählen. Die war wenig spektakulär. Interessanter ist, dass meine erste Beichte eine Vorgeschichte und einen Schatten hat. Der Schatten hängt seitdem an mir wie eine Klette. Seit Jahrzehnten schleppe ich ihn mit mir herum, er spricht, bockt und treibt mich. Seine Asche wird wohl bei meiner in der Urne landen. Sein Name ist Horror.

Erst krieg ich Dich, dann fress ich Dich!

Ich hatte schon als Kind immer Angst davor, nicht schnell genug zu sein. Zu langsam für den schwarzen Mann. Den Bi-ba-butzemann. Den Bullemann. Buhmann. Kornmann. Wassermann. Ich hatte auch Angst davor, auf der Aschenbahn überholt zu werden. Dass ich beim Völkerball auf dem Feld erstarren und tödlich getroffen würde. Als Letzte eine Treppe hinauf zu steigen. Zu stolpern, wenn andere schreiend fliehen.

Kann es mich erschrecken?

Orrin Grey ist der Autor mehrerer gruseliger Bücher, darunter „Guignol & Other Sardonic Tales“ und „Painted Monsters & Other Strange Beasts“, beide erhältlich bei Word Horde.

Seine Geschichten über Monster, Geister und manchmal die Geister von Monstern wurden in Dutzenden von Anthologien veröffentlicht, darunter „Ellen Datlows Best Horror of the Year“, und er schreibt regelmäßig für „Unwinnable, Signal Horizon“, „The Pitch“, „The Lineup“, „Weird Horror“ und andere. Er ist Filmredakteur bei Exploits, einer Veröffentlichung von Unwinnable.

Er hat für Tabletop-Spiele wie „Warmachine“, „Hordes“ und das „Iron Kingdoms Role Playing Game“ geschrieben, und seine Essays über altes Horrorkino wurden in zwei Bänden gesammelt, die beide bei Innsmouth Free Press erhältlich sind.

Der Historiker / Elizabeth Kostova

Der in Schäßburg (wo man heute noch sein Geburtshaus besichtigen kann) geborene Vlad Tepes war bereits zu seinen Lebzeiten eine Legende. Über seine Grausamkeiten kursieren im Westen die unterschiedlichsten Geschichten (während im Osten ganz andere Variationen kursieren), und nicht zuletzt lieferte er einen Teil der Blaupause zu Bram Stokers “Dracula”. Aufzeichnungen vermuten sein erstes Grab in der Kirche des Klosters einer Insel im Snagov-See. Als man es öffnete, fand man es allerdings leer. Das passt als Grundlage für den Vampirmythos recht gut ins Bild, denn wenn er nicht in seinem Grab liegt, könnte das durchaus bedeuten, dass er noch lebt. In Elizabeth Kostovas vielgerühmten Roman tut er das tatsächlich.

Die „Seltsame Geschichte“

Wir hören in letzter Zeit viel über die steigende Popularität der Weird Fiction.(Anm. Ich behalte hier die Originalbezeichnung bei, weil der Begriff in seiner eigentlichen Bedeutung nicht ins Deutsche übertragen werden kann, ohne fälschlich behandelt zu werden. Die häufigen und gebräuchlichen Übersetzungsfehler „Literatur der Angst“, „Unheimliche Literatur“ usw. führen hierbei nur in eine Sackgasse.)

Das leere Bett

In einem Film von David Lynch, den jeder hasst außer mir – Twin Peaks: Fire Walk With Me – gibt es einen der verstörendsten Momente des ganzen Horrorfilm-Genres (in Cannes buhte das Publikum bei der Premiere den Film aus, aber was wissen die schon). Für sich selbst genommen ist der Film nicht nur ein unterschätztes Juwel über die letzten tragischen Tage einer jungen Frau, sondern auch einer der furchterregendsten Filme der 90er Jahre. Ohne den schrulligen Humor der Serie betrachtet ist er ein geradlinig erzählter Alptraum, in dem alle gesunden Facetten des kleinbürgerlichen Amerikas durch und durch dunkel und verrottet sind.

Das Gelächter des Teufels

Wenn es den Teufel wirklich gibt, dann lauert er weder in dunklen Ecken, noch lauert er den Unvorsichtigen auf, noch heckt er unvorstellbar böse Pläne aus. Wenn es den Teufel wirklich gibt, dann lacht er. Er bietet ein pikantes Geheimnis an und wartet nicht darauf, ob Sie in Versuchung geraten, sondern will wissen wie sehr. Er will sehen, ob dies die eine Versuchung ist, die sich schließlich als unwiderstehlich erweist. Was auch immer nötig ist, damit Sie der Versuchung nachgeben, was auch immer den Wendepunkt markiert – das ist der Teufel.

Den Horror nach Hause bringen

Vergiss die Blutflecken auf dem Flur zum zweiten Schlafzimmer – das war nur ein Mythos, erfunden von meinem sadistischen Onkel, um mich und meine Schwester mit schlaflosen Nächten zu peinigen. Niemand ist je in diesem Schlafzimmer gestorben, ganz egal, was er behauptete. Nein, der wirkliche Spuk hat seine Wurzeln tiefer in dieser Geschichte, eine wahre Geschichte, die auf das Jahr 1912 zurückzuführen ist, ein Datum, das in den aufwändigen Eisenklopfer an der Tür geätzt ist.

Das Scheitern der Furcht

Die Protagonisten sind weder angehende Hollywood-Größen noch durch Gymnastik gestählte Körper, die im Film in unterschiedlichen Phasen der Nacktheit gezeigt werden: es sind alltägliche Leute, die den Hauptteil des Films in Parkas rumlaufen. Das Dokumentarfilm-Motiv ist mittlerweile selbst zu einem Klischee verkommen, aber wir sehen noch immer die gleichen jungen Stahlkörper, die in Scheiben geschnitten und zu Würfeln gepresst werden, auf ihrem unvermeidlichen Weg in das nächste Sequel. Nicht wirklich beängstigend. Genauso wenig wie die literarische Seite der Gleichung – selbst durch die versiertesten Händen (und ich glaube, dass wir eine kleine Renaissance des Genres erleben) – gelingt es kaum, mich zu verunsichern.

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