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Den Horror nach Hause bringen

Vergiss die Blutflecken auf dem Flur zum zweiten Schlafzimmer – das war nur ein Mythos, erfunden von meinem sadistischen Onkel, um mich und meine Schwester mit schlaflosen Nächten zu peinigen. Niemand ist je in diesem Schlafzimmer gestorben, ganz egal, was er behauptete. Nein, der wirkliche Spuk hat seine Wurzeln tiefer in dieser Geschichte, eine wahre Geschichte, die auf das Jahr 1912 zurückzuführen ist, ein Datum, das in den aufwändigen Eisenklopfer an der Tür geätzt ist.

Meine Eltern hatten das Haus von Mr. Davis gekauft – ich kannte seinen Vornamen nicht – und Mr. Davis hatte es von Mr. Armstrong, der es gebaut hatte, quadratisch, kalt und stark, mit kunstvollen Stuckdecken und glänzenden Eichenholzarbeiten, wie man sie heute in keinem Haus mehr haben will.

Aber Davis war – meiner Ansicht nach – das Problem, im Leben wie im Tod. Meine Eltern wurden zu dem Zeitpunkt die Mieter dieses Hauses, als Davis in ein Pflegeheim kam. Sie endeten als Käufer – des Hauses mit allem, was sich in ihm befand – also konnten seine Töchter ihm den Aufenthalt dort ermöglichen. Der Spuk begann nicht lange nach seinem Tod, als mein Vater, spät an diesem Morgen, an seiner Dissertation arbeitete, die Temperatur in unirdische Tiefen sank und etwas den Raum betrat, eine unsichtbare Präsenz, wachsam und besitzergreifend. Das geschah drei mal, und bald darauf begab sich mein Vater mit uns allen früh zu Bett. Das konnte jedoch das Flüstern nicht beenden. Nur am Rande konnte man in der Stille der Nacht wahrnehmen, dass es schwach und aus weiter ferne kam, die Worte waren nicht voneinander zu unterscheiden, wie sie da über den weiten Ozean der Unendlichkeit drangen (um Lovecrafts Sprache zu verwenden, wenn auch nicht dessen Bedeutung), um sich an dem festzuhalten, was sie verloren hatten.

Nichts konnte es aufhalten, solange nicht, bis meine Eltern Jahre später die letzten Möbel von Mr. Davis entfernten und sich so von seiner letzten Verbindung mit dem Haus trennten, zumindest dachte ich das immer. Bis auf wenige Ausnahmen – Anne Rivers Siddons Das Haus nebenan ist das beste Beispiel – dreht es sich bei einem Spukhaus, und bei anderer Schauerliteratur ebenfalls, hauptsächlich um eine Verbindung der Vergangenheit mit der Gegenwart; der schwere Verlust, der aus der Ewigkeit herausgreift, um sein Eigentum zurückzufordern. Das ungesühnte Verbrechen, das die Gegenwart überschattet und seine schreckliche Rache fordert. Der Kanon ist voll davon, von Hawthornes Haus mit den sieben Giebeln und Poes Haus Usher bis zu Henry James’ Das Durchdrehen der Schraube und Shirley Jacksons Hill House.

In Danse Macbre, seiner nahezu klassischen Abhandlung über den Horror im 20. Jahrhundert, gibt uns Stephen King drei Archetypen an die Hand, von denen er glaubt, dass sie das moderne Genre beherrschen: den Vampir, den Werwolf, und das namenlose Ding. Doch er unterschlägt uns etwas: das Spukhaus, und er erklärt uns nicht, warum diese übernatürliche Mythe bei ihm keinen Kredit genießt. Aber das Spukhaus der amerikanischen Gothic – und das Spukschloss als dessen europäische Wiege – ist, so würde ich meinen, der wichtigste Archetyp der gesamten Schauerliteratur.

Von hier aus attackiert Dracula, der bahnbrechende Vampir, mit seinen drei Bräuten den Helden des Romans, Jonathan Herker, und von hier aus – in der besser bekannten Filmversion – ruft Frankenstein das Feuer vom Himmel herab, um seinen namenlosen Horror zu animieren. Von hier geht die Europäische Tradition der Schauergeschichte den institutionalisierten Sünde aus (Aristokratie und Geistlichkeit), die sich in der amerikanischen Tradition mehr zu einer persönlichen Sünde der puritanischen Kolonialisten entwickelt. Das Schloss wurde zum Haus: das sind nur zwei Seiten der gleichen Medaille. Im Werwolf-Mythos allein spielt die Örtlichkeit eine untergeordnete Rolle, weil sich das Bild mehr nach innen richtet, sich mit dem geteilten Zustand der Seele befasst, anstatt mit der Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart – doch selbst hier hat das verfallene gotische Herrenhaus seinen Auftritt, wie zB. In der Filmversion von Der Wolfsmensch.

Kurz gesagt, der Ort – oder wie King sagt, der „böse Ort“ – ist nicht zuletzt das Herz dessen, was moderne Horrorschriftsteller und ihre Vorläufer beschäftigt.

Allerdings ist der „böse Ort“ beides, weniger und mehr als ein Spukhaus. Es ist mehr in dem Sinne, dass dieser Ort von Tolkiens Fangornwald bis hin zu dieser (scheinbar) friedlichen Bucht, wo der namensgebende Schrecken des Amazonas schwimmt. Kurz gesagt: der „böse Ort“ kann jeder Platz sein – und oftmals ist es genau das, was ziemlich unheimlich ist. Es ist wie mit einer unerwünschten Person: du weißt nie, wann sie auftaucht (oder schlimmer, wann du zu dieser unerwünschten Person wirst).

Und es ist weniger in dem Sinn, dass die Abgründe des Schreckens, die mit dem fahlen Spukhaus einhergehen ausgerechnet auch in einem völlig herkömmlichen Haus zu finden sein sollen, das wir gewöhnlich als unser geheiligtes Zuhause betrachten. Ein Haus ist, wie das Sprichwort es will, eines Mannes Schloss. Die Gegenüberstellung dieser beiden Begriffe legt nahe, dass dies der Ort ist, wo sich die Europäische und die Amerikanische Schauertradition vermischt, während das Sprichwort behauptet, dass das Haus jener Platz ist, und vermutlich der einzige Platz, an dem wir die Herrschaft über wie auch immer geartete äußeren Einflüsse, die uns bedrohen, besitzen.Wir sperren uns selbst ein und sperren damit die Welt aus, angefangen von den bürokratischen Bedrohungen bis hin zu Hannibal Lecters Schrecken.

Wie stark ist ein Haus als Bild? Zunächst einmal ist es mehr als nur bloße Struktur. Es ist ein Heim, ein Zentrum der Wärme und Sicherheit im Schoße der Familie – der Ort, wie Robert Frost uns erklärt, wo man dich einlassen wird. „Es braucht eine Menge Leben in einem Haus, um es zu einem Heim zu machen“, springt Edgar Guest bei, und statistische Erhebungen bestätigen den Amerikanischen Traum mit einem Haus, einem Auto und 2.4 Kindern. Das ist die Marke unserer primären Ziele als zivilisierte Menschen. Die Familie Lutz, in Amityville Horror, kauft das Haus, in dem Ronald Defeo seine ganze Famile ermordet hat (das zumindest entspricht den Tatsachen), und damit erfüllen sie sich ein Stück des Amerikanischen Traums. Als sie den Zahlungen nicht nachkommen können und die Wände beginnen, zu bluten, finden sie sich direkt im Amerikanischen Alptraum wieder. Den vielleicht symbolisch gesehen gewichtigsten Beitrag liefert Stephen King in seinem berühmten Roman The Shining.

Das in den Rockies von Colorado gelegene Overlook Hotel, in dem Jack Torrance und seine Familie den Winter über als Hausmeister fungieren, birgt zwei Geschichten. In seiner Eigenschaft als Hotel wäre da die öffentliche (wenn auch nicht veröffentlichte) Geschichte, darunter eine Mafia-Vergangenheit, finanzielle Vergehen und Kurzbesuche von vier Präidenten, darunter auch der Korrupteste von allen, Richard Nixon. Es ist ein flackernder, kurzer Ausschnitt der Schattenseiten amerikanischer Geschichte.

Und dann ist es, wenn auch nur für eine kurze Zeit, das Zuhause von Jack Torrance und seiner Familie. Es sind die Geister von Kindesmissbrauch und Alkoholismus, die Jack Torrance in sich trägt, die ihn letztlich für die übernatürlichen Kräfte, die im Hotel schlummern, anfällig machen. Die Schnittpunkte von zwei Geschichten – nationale und persönliche – führen zur Zerstörung der Torrance-Familie, es handelt sich dabei um eine Zerstörung, die ein Echo in uns allen hinterlässt, weil wir uns davor fürchten: nationale, finanzielle und familiäre Katastrophen.

Was mich wieder zum Schandfleck meiner Familiengeschichte zurückbringt. Eines nachts, als ich ein Junge war (ich muss neun oder zehn gewesen sein, Jahre bevor wir die letzten Überbleibsel von Mr. Davis aus dem Haus schafften) erwachte ich in einem kalten Zimmer und sah eine dunkle Gestalt im Türrahmen stehen. „Dad,“ sagte ich, aber die Gestalt antwortete nicht, und ich lag schweißgebadet da, mein Atem breitete ich in der Dunkelheit aus, bis mich der Schlaf erneut übermannte. Erst viele Jahre später fragte ich mich, ob die Gestalt nicht Mr. Davis gewesen war – jener Mr. Davis, der im Amerikanischen Traum ebenso lebte wie in seiner dunklen Gegenseite, der knauserte und sparte, um sich sein Traumhaus leisten zu können, um es am Ende doch zu verlieren – an das Alter, an die finanzielle Zwangslage, an den Tod. Das gleiche scheint jetzt mit meinen Eltern zu geschehen, wo sie tiefer in ihre 80er eintreten, und eines Tages, so glaube ich, wird es auch mir geschehen.

Und Ihnen.

Was schrecklich ist an Spukhäusern ist, dass sie den Horror nach Haus bringen.

Dale Bailey

Dale Bailey schreibt Weird Fiction, SciFi, Dark Fantasy und Horror. Er wurde 1968 in West Virginia geboren. Er hat den Horror Guild Award gewonnen und war Finalist für den Nebula und den Shirley Jackson Award. Nach einer Vorlage von ihm entstand Showtimes “Master of Horror”. Er lebt in North Carolina.

1 Kommentar zu Den Horror nach Hause bringen

  1. So und nicht anders. Stark gesprochen.

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