Todd McFarlane: Im Tempel des Spektakels

Die Energie des Außenseiters

Todd McFarlane von Gage Skidmore
Todd McFarlane © Gage Skidmore

Todd McFarlane wurde am 16. März 1961 in Calgary, Alberta, geboren und verbrachte seine Kindheit teils im kanadischen Westen, teils im amerikanischen Spokane, Washington. Seine Jugend spielte sich weit entfernt von den kulturellen Knotenpunkten ab, in denen üblicherweise die Geschichte des amerikanischen Comics geschrieben wurde. Und so wuchs er in einer bodenständigen Mittelschichtfamilie auf, die Wert auf harte Arbeit statt auf Träumereien legte. Während seiner Schulzeit war er ein begeisterter Baseballspieler. Diese Erfahrung prägte sein späteres Wirken als Unternehmer und Innovator weitaus stärker als theoretische Überlegungen zur Kunst.

Trotz allem hielt er an seinem Traum fest, Comiczeichner zu werden. Von Anfang an war das seine größte Leidenschaft. Über sieben Jahre hinweg schickte McFarlane wieder und wieder Bewerbungsmappen mit seinen Zeichnungen an die großen Verlage, bekam unzählige Absagen und ließ sich dennoch nicht entmutigen. Diese unerschütterliche Beharrlichkeit ist ein wesentliches Merkmal seines Charakters. Für ihn ist Erfolg keine Frage von Inspiration, sondern das Ergebnis von Ausdauer und harter Arbeit. Als es ihm 1984 schließlich gelang, seine ersten Arbeiten an DC Comics zu verkaufen, hatte er bereits eine Haltung zur Branche entwickelt, die ihn von vielen seiner Kollegen unterschied. Er war sich der Mühe und des Durchhaltevermögens bewusst, die nötig gewesen waren, um Fuß zu fassen, und er war entschlossen, diesen Platz nie wieder aufzugeben.

Der junge McFarlane, der seine Karriere zunächst bei DC und später bei Marvel begann, galt als Zeichner mit beeindruckendem, wenn auch noch unausgereiftem Talent. Seine Werke zeichneten sich durch eine eindringliche Energie aus, die jedoch gelegentlich in überladenen Kompositionen endete, getrieben von einer visuellen Unruhe, die eher von seinem Ehrgeiz als von einer klaren ästhetischen Vision zeugte. Was ihn allerdings schon früh von der breiten Masse der Zeichner abhob, war seine rohe, ungefilterte Ausdruckskraft. Jede Seite sprühte vor ungezähmter Dynamik, auch wenn es ihm zu diesem Zeitpunkt noch nicht immer gelang, diese Kraft gezielt zu lenken. In einer Branche, die hohe Produktivität honorierte, fiel er schnell auf, denn er zeichnete mit einer nahezu besessenen Intensität.

Spider-Man – Überwältigung als Methode

Spidey von McFarlane, Marvel
Spidey von McFarlane, © Marvel

McFarlane gelang der Durchbruch schließlich mit seiner Arbeit an The Amazing Spider-Man (Marvel, 1988–1990) und der darauffolgenden Solo-Serie Spider-Man (1990), bei der er sowohl als Zeichner als auch als Autor verantwortlich war. Die erste Ausgabe von Spider-Man erreichte Verkaufszahlen, die je nach Quelle zwischen 2,5 und 3 Millionen Exemplaren lagen. Das war ein absoluter Rekord im Bereich des amerikanischen Comichefts und zweifellos ein Höhepunkt seiner Karriere.

Schon früh erkannte McFarlane etwas, das der Comic-Industrie erst Jahre später vollständig bewusst wurde: Anfang der 1990er-Jahre rückte die visuelle Kunst für die Leser zunehmend in den Vordergrund und übertraf in ihrer Bedeutung die erzählte Geschichte. McFarlane hatte nicht nur ein Gespür für diese Entwicklung, sondern auch die außergewöhnliche Fähigkeit, Bilder zu schaffen, die im Gedächtnis blieben. In seinen Zeichnungen für Spider-Man setzte er Maßstäbe, indem er eine eindrucksvolle visuelle Ästhetik entfaltete, die in ihrer Wirkung geradezu überwältigend war. Bereits Ende der 1980er-Jahre lag diese kreative Richtung in der Luft, doch niemand hatte sie so konsequent umgesetzt wie er. McFarlanes Spider-Man verkörperte eine unglaubliche Symbiose aus Schwindel erregender Dynamik und Spinnweben, die mit einer ornamentalen Detailfülle gestaltet waren, wie sie bisher noch nie bei diesem Charakter zu sehen war. Sein Ansatz führte zu einem stilistischen Markenzeichen, das nicht nur ihn selbst prägte, sondern auch zu einem der einflussreichsten grafischen Elemente im amerikanischen Superheldencomic jener Zeit avancierte.

Man muss hier allerdings fair bleiben. Todds Beitrag zur Welt der Comics lag vorrangig in seinem zeichnerischen Können. Als Autor war er solide, gelegentlich sogar wirkungsvoll, doch er erreichte nie ein außergewöhnliches Niveau. Die Geschichten seiner Spider-Man-Phase besitzen weder die literarische Tiefe eines Alan Moore bei Swamp Thing, noch die psychologische Feinheit eines Garth Ennis bei Hellblazer und erst recht nicht die visionäre Originalität von Grant Morrisons frühen Werken. Stattdessen sprudeln sie vor visueller Energie, die das Medium Comic als Unterhaltungsform auf einen Höhepunkt führte, der bis heute kaum übertroffen wurde.

Das mag zunächst nach einer Geringschätzung klingen. Doch man sollte nicht vergessen, dass es eine authentische künstlerische Leistung erfordert, Bilder zu erschaffen, die sich für immer ins Gedächtnis einprägen – etwas, das nicht jedem gelingt. In diesem Bereich war McFarlane ein wahrer Meister. Er verkörperte das grundlegende Versprechen des Superhelden-Comics – die Darstellung des physisch Unmöglichen – mit einer Konsequenz und Intensität, wie sie vor ihm niemand erreicht hatte.

Image Comics – Der Aufstand der Zeichner

Im Februar 1992 schlossen sich sieben der erfolgreichsten Zeichner des amerikanischen Comicmarktes zusammen, um Marvel zu verlassen und Image Comics zu gründen. Dieser Verlag basierte auf einem ebenso einfachen wie bahnbrechenden Prinzip. Die kreativen Köpfe sollten die Rechte an ihren eigenen Werken behalten. Das geistige Eigentum der Künstler blieb unangetastet; es gab weder Eingriffe in die Gestaltung der Charaktere noch in die Entwicklung der Geschichten. Zu den Gründern gehörten Todd McFarlane, Jim Lee, Rob Liefeld, Marc Silvestri, Jim Valentino, Erik Larsen und Whilce Portacio.

Die Gründung von Image war das aufsehenerregendste Ereignis in der amerikanischen Comicgeschichte seit der Einführung des Comics Code im Jahr 1954. Dieser historische Moment war jedoch weniger durch die künstlerische Qualität der frühen Veröffentlichungen von Image geprägt – die insgesamt eher durchschnittlich war – als durch die weitreichenden Folgen für die Comicindustrie. Die Gründung hatte gezeigt, dass Leser nicht unbedingt an Figuren hängen, sondern tatsächlich den Künstlern folgen. Obwohl diese Erkenntnis theoretisch längst bekannt war, wurde sie durch Image erstmals direkt und mit beeindruckenden wirtschaftlichen Auswirkungen unter Beweis gestellt.

Der Urheberrechtsstreit

Die Diskussion um Urheberrechte im Comicgeschäft hat eine lange Vorgeschichte. Ein herausragendes Beispiel dafür ist Jack Kirbys langjähriges Ringen um die Rückgabe seiner Originalzeichnungen, das sich durch die 1970er- und 1980er-Jahre zog. Dieser Fall steht exemplarisch für eine tief verwurzelte systemische Ungerechtigkeit, die das amerikanische Comicmodell von Anfang an geprägt hat. Bereits in den 1970er-Jahren begannen Künstler wie Neal Adams und andere, sich öffentlich für bessere Arbeitsbedingungen und faire Vergütungen einzusetzen. Kleinere Verlage wie Eclipse Comics experimentierten zu dieser Zeit mit dem Creator-Owned-Modell, das Künstlern mehr Kontrolle über ihre Werke geben sollte. Der bahnbrechende Schritt von Image Comics im Jahr 1992 bestand jedoch darin, diese Forderungen mit erheblicher kommerzieller Schlagkraft zu verbinden. Erstmals konnten die erfolgreichsten Künstler der Branche kollektiv eigene Bedingungen diktieren.

Todd McFarlane spielte bei der Gründung von Image Comics eine zentrale Rolle als Anführer und Organisator. Er war weniger ein Ideologe als ein Pragmatiker, mehr ein Macher als ein Visionär. Er organisierte die Gespräche, überzeugte seine Mitstreiter und präsentierte den Weg in die Unabhängigkeit als ein kalkulierbares Risiko. Diese Eigenschaften spiegelten dann auch seinen Charakter wider. Obwohl es ihm nicht um politische Aspekte der Urheberrechtsfrage ging, war ihm klar, dass ohne eindeutige Rechte an den eigenen Werken der Aufbau eines erfolgreichen Unternehmens unmöglich gewesen wäre.

Spawn – Ambition und ihre Grenzen

Spawn ist Todd McFarlanes eigene Schöpfung für Image Comics, entstanden im Jahr 1992. An diesem Werk werden seine Stärken und Schwächen als kreativer Kopf wohl am deutlichsten sichtbar. Die Ausgangslage könnte kaum packender sein: Ein ermordeter CIA-Attentäter kehrt als dämonischer Krieger aus der Hölle zurück, während sowohl die Mächte des Guten als auch des Bösen versuchen, ihn auf ihre Seite zu ziehen. Doch Spawn verweigert sich beiden und schlägt seinen eigenen Weg ein. In dieser Grundidee steckt eine mythologische Kraft, die enormes erzählerisches Potenzial bot, das McFarlane jedoch nicht voll ausgeschöpft hat.

Spawn von McFarlane
Spawn-Prototyp von McFarlane

Das visuelle Design von Spawn gehört dann aber zweifellos zu den eindrucksvollsten Errungenschaften der amerikanischen Comicgeschichte seit den 1980er-Jahren. Der schwarze Umhang, der eine eigene Dynamik besitzt, die leuchtend grünen Augen in der martialischen Maske sowie die gewaltige physische Präsenz der Figur verleihen Spawn einen unverwechselbaren Look. Auf diesem Gebiet ist McFarlane ein Meister seines Fachs. Er besitzt die außergewöhnliche Fähigkeit, auf Anhieb ikonische und komplexe Charaktere zu gestalten, die im Gedächtnis bleiben . Das ist eine äußerst seltene Gabe.

Doch dem visuell beeindruckenden Design stehen erhebliche erzählerische Defizite gegenüber. McFarlane scheint dermaßen auf die ästhetische Inszenierung fixiert, dass Handlung, Plot und die psychologische Entwicklung der Figuren oft zu improvisierten Nebensächlichkeiten verkommen. Besonders deutlich wird dies an den frühen Ausgaben von Spawn, bei denen Gastautoren wie Alan Moore oder Dave Sim kurzzeitig einsprangen. Ihre Geschichten heben sich durch ihren narrativen Reichtum ab und machen klar, welches brachliegende Potenzial in McFarlanes Grundkonzept eigentlich schlummert.

Trotz dieser Kritik bleibt Spawn jedoch eine bemerkenswert beständige Figur. Der Comic erscheint bis heute und zählt zu den am längsten laufenden unabhängigen Superheldenreihen überhaupt. Über drei Jahrzehnte hinweg einen loyalen Leserkreis zu halten, zeugt davon, dass Spawn nach wie vor funktioniert und eine starke Verbindung zu seinem Publikum hat – auch wenn die Qualität einzelner Geschichten schwankt. Mit Spawn hat McFarlane eine Figur geschaffen, die für viele Menschen von Bedeutung ist. Und das ist keinesfalls gering zu schätzen.

McFarlane Toys und die Markenphilosophie

In den späten 1990er-Jahren vollzog Todd McFarlane eine bedeutsame Neuausrichtung seiner kreativen Arbeit. Während viele Kritiker dies als Abkehr von seinen künstlerischen Ambitionen betrachteten, war es in Wahrheit die konsequenteste Ausprägung seiner grundlegenden Überzeugungen. Mit der Gründung von McFarlane Toys begann er, extrem detailreiche Actionfiguren zu entwickeln, die den Spielzeugmarkt dieser Zeit revolutionieren sollten.

Die ab 1994 produzierten Figuren von McFarlane Toys, die zunächst auf Charakteren aus seinem Comic Spawn basierten und später durch eine Vielzahl lizenzierter Themen erweitert wurden, setzten in puncto Detailgenauigkeit und künstlerischer Gestaltung neue Maßstäbe. Noch nie hatte es im Massenmarkt derartige Sammlerstücke gegeben. Für McFarlane waren diese Figuren weit mehr als bloßes Spielzeug – er verstand sie als künstlerische Skulpturen, als dreidimensionale Erweiterung seiner Zeichnungen. Diese Objekte sollten denselben visuellen Anspruch erfüllen wie seine aufwändig gestalteten Panels. Anders als herkömmliche Spielzeuge zielten sie dabei nicht vorrangig auf Kinder ab, sondern auf erwachsene Sammler – eine Zielgruppe, die McFarlane frühzeitig ins Visier nahm und bediente, lange bevor der Begriff „Collector’s Market“ für Spielwaren gebräuchlich wurde.

McFarlane Toys des DC-Multiversums
McFarlane Toys des DC-Multiversums

McFarlane Toys ist das zentrale Zeugnis von McFarlanes Verständnis der Verbindung zwischen Comics und Markenbildung. Für ihn hatten Comicfiguren von Beginn an eine physische, greifbare Existenz – Charaktere, die nicht auf das Medium Papier beschränkt blieben, sondern auch in der realen Welt verortet werden konnten. Dieses Prinzip unterscheidet ihn grundlegend von Visionären wie Alan Moore, Grant Morrison oder Garth Ennis, für die Comics vor allem ein textbasiertes Medium darstellen. Stattdessen reiht sich McFarlane ein in die Tradition von Stan Lee, einem weiteren prägenden Architekten des Marvel-Universums.

Eigentum und kreative Würde

McFarlanes Sichtweise auf die Welt spiegelt die Mentalität eines Unternehmers wider. Zwar haben manche diesen Ansatz kritisch betrachtet, doch dabei übersehen sie, dass Kunst nicht immer nur einer reinen Philosophie folgen kann. McFarlanes Perspektive ist zielgerichtet, folgerichtig und innerhalb ihres Kontextes außergewöhnlich einfallsreich. Für ihn sind kreative Würde und Besitz untrennbar miteinander verbunden. Ein Künstler, der seine eigenen Werke nicht besitzt, ist nach seinem Verständnis bloß ein Handlanger. Ebenso ist derjenige, der keine Kontrolle über die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen seiner Arbeit hat, unfähig, seine künstlerische Vision vollständig zu steuern. Diese Überzeugung wurzelt tief in der amerikanischen Unternehmerideologie, doch McFarlane hat sie in der Welt der Comics konsequent und mit einer Entschlossenheit verkörpert, die Respekt verdient.

Allerdings offenbart diese Grundhaltung auch eine andere Seite. McFarlanes geringe Wertschätzung für die künstlerische Tiefe seiner Figuren. Er hat wenig Interesse daran gezeigt, welches Potenzial Spawn entfalten könnte, da Erfolg für ihn primär in Kontrolle und Besitz begründet liegt, nicht in ästhetischer Virtuosität oder dem Erzählen einer großartigen Geschichte. Für ihn zählt, dass die Figur existiert, sich erfolgreich verkauft und ihm gehört. Das ist es, was in seiner Logik Erfolg bedeutet. Dass Spawn dabei weder die erzählerische Höhe eines Preacher noch die Tiefgründigkeit eines Watchmen erreicht, spielt aus seiner Perspektive keine Rolle.

Diese Einstellung macht ihn jedoch keineswegs zu einem schlechteren Menschen. McFarlane repräsentiert eine Künstlerfigur, die in der Kritik oft unbeleuchtet bleibt: den Pragmatiker, der lieber Neues erschafft als Bestehendes zu verfeinern. Er ist ein Initiator, der Institutionen ins Leben ruft, anstatt Meisterwerke zu schaffen. Sein Beitrag liegt darin, Bedingungen für andere zu verbessern, wobei er selbst die Früchte seines Schaffens am besten zu nutzen weiß.

Was bleibt, wenn das Spektakel verblasst?

Unter den bisherigen Autoren dieser Reihe ist Todd McFarlane wohl derjenige, dessen Bedeutung für die Comicgeschichte am meisten davon abhängt, aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet. Als Zeichner gehört er zweifellos zu den prägendsten seiner Generation. Mit einer unverwechselbaren, kraftvollen Bildsprache hat er das Superheldengenre maßgeblich beeinflusst und den visuellen Stil der 1990er-Jahre für Comics nachhaltig geprägt. Zahlreiche Künstler der nachfolgenden Generation führten seine Stilmittel weiter.

Als Autor hingegen bleibt McFarlane eine eher randständige Figur. Seine wahre Strahlkraft zeigt sich jedoch in seiner Rolle als Verleger und industriepolitischer Akteur. Hier nimmt er eine Schlüsselposition in der Geschichte des englischsprachigen Comics ein. Ohne seinen Einsatz gäbe es die heutige Creator-Owned-Bewegung in ihrer etablierten Form vermutlich nicht.

Diese dreigeteilte Betrachtung lässt sich schwer in eine einfache Würdigung fassen, doch sie spiegelt die Wahrheit wider. McFarlane gehört nicht zu jenen Genies, die das Medium selbst grundlegend transformiert oder in eine völlig neue Richtung geführt haben. Er ist kein moralischer Erzähler wie Garth Ennis und auch kein Schöpfer mythischer Narrative im Stil von Stan Lee. Aber durch seinen unermüdlichen Antrieb und seine geschäftlichen Fähigkeiten hat er die Comicbranche nachhaltig verändert und eine Figur geschaffen, die einen festen Platz im Pantheon amerikanischer Comics gefunden hat.