Scott Snyder und die Mythologie des Schreckens

Scott Snyder wurde 1976 in New York City geboren und wuchs in einem Umfeld auf, das seine Entwicklung zu einem der literarisch anspruchsvollsten Comicautoren seiner Generation förderte. Er studierte Kreatives Schreiben an der Brown University und der Columbia University und gab mehrere Jahre lang selbst Schreibkurse. Diese akademische Prägung unterscheidet ihn deutlich von seinen Kollegen und verleiht seinem Werk innerhalb des Genres eine außergewöhnliche Note. Mit einem reflektierten Ansatz über das Schreiben verbindet Snyder theoretisches Denken mit seinen Comics, ohne dabei jemals in eine kühle, distanzierte Akademik abzudriften.

Micky Maus als Ermittler

Micky Maus war ursprünglich gar nicht als Detektiv vorgesehen. Als Walt Disney sie 1928 ins Leben rief, war sie als freche und anarchische Figur ausgelegt. Steamboat Willie zeigt uns einen ungestümen Abenteurer, der ein Dampfschiff kapert und Tiere auf kreative Weise in Musikinstrumente verwandelt. In den frühen Kurzfilmen der späten 1920er- und frühen 1930er-Jahre verkörpert Micky eine impulsive, fröhliche und einfallsreiche Persönlichkeit, die an Figuren wie Charlie Chaplin oder Buster Keaton erinnert, also weit entfernt ist von einem Sherlock Holmes.

Der Macbeth-Fluch, dem kein Theater entkommt

Macbeth, eines der populärsten Stücke Shakespeares, weist eine bizarre und gefährliche Vergangenheit auf, die bis zu seiner Uraufführung Anfang des 16. Jahrhunderts zurückreicht. Die Behauptung, dass es einen Macbeth-Fluch gebe, ist eine auffallende Anomalie. In dem Stück wird Macbeth von Schlaflosigkeit geplagt, und seine Frau, Lady Macbeth, neigt zum Schlafwandeln. Im Verlauf des Stücks manifestiert sich bei Macbeth zunehmend eine paranoide Symptomatik, die durch die Besorgnis motiviert ist, seine Verfehlungen könnten ans Licht gebracht werden. Der Geist Banquos, den Macbeth hat töten lassen, kehrt zurück, um ihn heimzusuchen und symbolisiert sein schlechtes Gewissen.

Spider-Man – Die Last der Verantwortung

Auch nach über fünfzig Jahren macht sich Spider-Man als Außenseiter immer noch recht gut. Man versucht immer wieder, ihn zu verfilmen, und er schafft es irgendwie, sowohl bei Kindern als auch bei seinen langjährigen Fans authentisch zu bleiben. Spidermans anhaltender Erfolg hat allerdings wenig mit seiner Fähigkeit zu tun, Wände hochzukrabbeln, seinen übermenschlichen Kräften oder seinem coolen Kostüm. Die Fans lieben Spiderman, weil er Probleme damit hat, seine Miete zu bezahlen. Er war nicht gerade der beliebteste Kerl in der Schule und hatte auch nicht immer Erfolg bei Mädchen. Comicleser (oder „die wahren Gläubigen“, wie Stan Lee sie nannte) folgen dem Netzschwinger wegen seines menschlichen Alter Egos Peter Parker, der mit den gleichen täglichen Herausforderungen zu kämpfen hat wie sie selbst.

Die Inszenierung des Unbewussten: Juan Carlos Onettis „Ein verwirklichter Traum“ (Un sueño realizado).

Juan Carlos Onettis Erzählung „Ein verwirklichter Traum” (1941) zählt zu den rätselhaftesten und atmosphärisch dichtesten Kurzgeschichten der lateinamerikanischen Literatur. In dieser meisterhaft komponierten Erzählung verschwimmen die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit, Theater und Leben, bis sie vollständig verwischen. Die Geschichte einer namenlosen Frau, die den gescheiterten Theaterunternehmer Langman beauftragt, ihren Traum auf der Bühne zu inszenieren, wird zu einer tiefsinnigen Meditation über Sehnsucht, Selbsterkenntnis und Tod.

Grendel – Das Böse wählt

Unter den Figuren dieser Dokumentationsreihe ragt Grendel als das wohl radikalste konzeptionelle Experiment hervor. Grendel ist mehr ein Prinzip als eine Person, verkörpert weder den Helden noch den Schurken, sondern erscheint als eine Art Geist des Bösen, der von Mensch zu Mensch und von Epoche zu Epoche wandert. Dabei prägt er nicht nur jene, die ihn aufnehmen, sondern wird gleichzeitig auch von ihnen geprägt. So entfaltet sich eine Erzählung, die sich über Jahrtausende hinweg spannt, von der Gegenwart bis in eine ferne und düstere Zukunft.

Wer war das Vorbild für Dracula?

Wollen wir doch mal damit beginnen, einige Punkte der Verschwörung und des Skandals zu setzen. Von Anfang an entbinde ich mich von der journalistischen Integrität und der üblichen Notwendigkeit, Beweise für meine Behauptungen vorzulegen, oder – was in vielen Fällen noch wichtiger ist – Beweise, die meine Behauptungen widerlegen. Jeder, der in diesen Skandal verwickelt war, ist schon lange tot, und echte Wissenschaftler haben über dieses Thema geschrieben und es untersucht. Im Sinne einer Person, die sich der Wahrheitsfindung verschrieben hat, bin ich in diesem Moment weder eine Journalistin noch eine Wissenschaftlerin, sondern biete lediglich ein wenig literarischen Klatsch und Tratsch, und ich liebe einen guten Skandal.

Der Narrentanz zu Strasbur

In den Annalen der Geschichte gibt es einige Ereignisse, die sich einer rationalen Erklärung entziehen. Überhaupt scheinen wir nicht weit gelangt zu sein, wenn wir uns um die Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen konzentrieren. Ein solches Ereignis ist die Tanzwut von 1518. Mehrere Menschen begannen in Strasbur aus heiterem Himmel unkontrolliert zu tanzen, so als sei etwas in sie gefahren, das nie wieder hinaus möchte. In den Chroniken wird eine Frau namens Troffea genannt, aber sie könnte genauso gut auch Baldegunde heißen.

Jeff Lemire: Der Kartograph der Einsamkeit

Jeff Lemire wurde 1976 in Essex County, Ontario, geboren, jenem flachen, weitläufigen und wenig glamourösen Landstrich am Nordufer des Lake Erie in Kanada, der geprägt ist durch Weite, Stille und der spezifische Melancholie kleiner Gemeinschaften, in denen alle einander kennen. Essex County ist ein gewöhnlicher Ort, doch in Lemires künstlerischem Schaffen steht genau diese Gewöhnlichkeit als unerschöpfliche Quelle von Tiefe und Bedeutung im Mittelpunkt.

Die Alchemie des Oscar de Muriel

Es gibt Autoren, deren Biografie sich wie ein Laborprotokoll des Unwahrscheinlichen liest. Oscar de Muriel, 1983 in Mexiko-Stadt geboren – ausgerechnet in jenem Gebäude, in dem sich heute das Ripleys Believe it or Not Museum befindet – ist einer von ihnen. Er ist promovierter Chemieingenieur, Geigenspieler, Übersetzer und schließlich Chronist viktorianischer Verbrechen geworden. Heute (ich nehme an, dass er es heute noch tut) pendelt der Autor zwischen Manchester und Mexiko-Stadt, aber sein literarisches Schaffen entsteht in einem Gartenschuppen im Norden Englands.

Zurück nach oben

Inhalte, Illustrationen, dargestellte Bilder & Fotos sind urheberrechtlich geschützte Werke ihrer jeweiligen Eigentümer*innen.

© 2026 DIE VERANDA | Alle Rechte vorbehalten.