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Das Dilemma der Phantastik

Ein Gespräch zwischen Tobias Reckermann und Carl Nymphenbad

TR: Man hat sich lange sehr gewundert und viel darüber spekuliert, warum im deutschsprachigen Raum was man als Fantastische Literatur bezeichnet so einen schlechten Stand habe, dass sie samt und sonders in das Reich des Trivialen abgeschoben wird, und dabei doch mancher über die Genregrenzen hinaus angesehene Klassiker der Fantastik aus den Federn deutschsprachiger Autoren stammt. Erwähnen wir Hoffmann, Kafka, zum Beispiel, denkt niemand an schundverpackte Taschenbücher mit reißerischen Titeln, die im Sortiment eines Zeitungsstands besser aufgehoben wären, als in den Regalen der Hochliteratur – keineswegs! Und anderswo, im Angelsächsischen, Spanischen, Frankophonen etwa, ist man diese vehemente Abkehr des Feuilletons, der Akademiker und der anspruchsvollen Autoren selbst von dem Fantastischen nicht gewohnt. Woran liegt es also bei uns? Was ist mit der deutschsprachigen Fantastik geschehen, dass sie nun ein Schmuddelkinddasein fristet? Und noch vorneweg: ist das denn überhaupt so?

MP: Ich glaube, dass es sich bei dem von dir angesprochenen Phänomen um ein Politikum handelt, und ja, dem ist leider wirklich so. Politikum deshalb, weil man bei uns die Phantastik in ihrem Ursprung mit der Romantischen Schule verknüpft. Das ist sicher nicht ganz falsch, trifft aber auch nicht ins Schwarze. Nun, diese Verknüpfung im deutschen Denken gibt es aber. Und wenn man nun weiß, dass besagte Romantische Schule – so wie Nietzsche auch – als theoretischer Wegbereiter des Nationalsozialismus kolportiert wird, hat man vielleicht eine Vorstellung der rasenden Angst der Deutschen vor der Phantastik und vor allem, was nicht die Konsensrealität abbildet, oder besser: es versucht.

TR: Oh, schön, da haben wir ja gleich ein ganz heißes Eisen angefasst. Und ja, Trommelschritt, Walkürenritt – Wagner fällt da gleich ins Auge – da ist sicher etwas dran und darauf kommen wir noch. Aber ein einfaches „ja, es ist so“ reicht mir nicht ganz. Wie ist es denn wirklich?

Die Ästhetik des Schunds

MP: Die phantastische Szene in Deutschland hat sich um die 70er Jahre herum in den Groschenroman-Sektor zurückgezogen und das hat das öffentliche Bild der Phantastik natürlich wesentlich mitgeprägt. Und dass man hierfür nicht notwendigerweise philosophische Fragen zu stellen brauchte, liegt auf der Hand. Die etwas ernsthafteren Autoren konnten nach dem Krieg kaum mit Spekulationen aufwarten, die von der Gesellschaft anerkannt worden wären. Die Literatur war in der BRD ganz allgemein in der Krise, um nicht zu sagen: Literatur war überhaupt verdächtig, wenn es keine Aufarbeitungs-Literatur war. Das meinte ich oben mit Politikum. Als dann die Amerikaner mit ihrer Phantastik kamen, hatte man einen Ausgleich (und wir sollten daran denken, dass selbst Lovecraft bei uns sehr spät rezipiert wurde), man konnte sich zurücklehnen und seine Phantastik genießen, ohne sich verurteilen zu lassen, selbst mit „Spinnereien“ zu hantieren. Wir haben bis heute den internationalen Anschluss verpasst und das ist im Laufe der Zeit natürlich nicht besser geworden, weil auch das Selbstvertrauen nicht vorhanden sein kann. Den Rest erledigen bis heute die Medien, die bei uns viel mehr Einfluss haben als in einem anderen Land.

TR: Es ist ja aber nicht so, dass wir keine Übersetzungen aus dem Ausland bekämen. Eine ganze Reihe Verlage, auch große, publiziert Fantastik, es gab in den Siebzigern, Achtzigern und frühen Neunzigern laufende Magazinreihen im Taschenbuchformat, die Hobbit-Presse bringt schon seit langem Gebundenes heraus und mancher angelsächsischer, spanischer, französischer Autor kommt bei uns an, ohne als Fantastik oder im Besonderen als Horror, SF oder Fantasy deklariert zu werden. Rezeption, abgesehen vom Feuilleton, ist also nicht das Problem.

Phantastischer Welterfolg

MP: Deutschland hat einen großen Markt für Phantastika. Das Problem der Spaltung zwischen der Rezeption und dem eigenen Schreiben liegt aber meines Erachtens in besagtem Politikum. Hinzu kommt, dass sich die Autoren darauf eingestellt haben, für einen „zweitklassigen“ Literaturmarkt zu schreiben, der die Unterhaltung präferiert. Da gibt es keine literarische Debatte von Seiten der Künstler, die seltsamerweise den Status Quo einfach so hinzunehmen scheinen. Eine Ausnahme war da Patrick Süskind, der 1988 als einziger deutschsprachiger Autor den World Fantasy Award gewann. Da hätte man einhaken müssen, denn der Erfolg war kein geringer. Das hat man versäumt, denn schon zu dieser Zeit zogen sich die hiesigen Phantasten in die Unterhaltungsbranche zurück. Und betrachtet man Süskind, dann war dieser Erfolg eben eher ein „Unfall“. Süskind schrieb bis dahin Satiren fürs TV. Die Überlegenheit der angloamerikanischen Literatur hat sich im Laufe all dieser Jahrzehnte quasi konkurrenzlos ausbilden können.

TR: Auf Anraten unseres Kollegen Björn Bischoff habe ich letztens einen Roman von Georg Klein gelesen, Buchpreis-, Grimme- und Bachmann-Preisträger, dessen Langprosa durchweg fantastisch ist. Hier scheint es mir wie bei Süskind nicht möglich, den Autor von hochliterarischer Seite aus zu ignorieren, interessanterweise. Das heißt natürlich nur, es gibt Ausnahmen, und das heißt eigentlich nichts.

MP: Da greift aber dann das, was ein weiteres Phänomen zu sein scheint: Kommt man im Feuilleton nicht an einem Buch vorbei, ignoriert man einfach die Tatsache, dass es sich um einen phantastischen Text handelt. Das geschieht wieder und wieder. Ein prominentes Beispiel ist Mitchells „Wolkenatlas“, der ja durchaus im Feuilleton Furore machte. Das gilt also nicht nur für deutsche Autoren, die Phantastik schreiben. Man wehrt sich nämlich sogar gegen den Begriff der Phantastik bei Autoren, die unmöglich zu ignorieren sind, ganz allgemein. Ein weiteres Phänomen gibt es, das mit der lateinamerikanischen Literatur zu tun hat, die ja per se phantastisch ist. Auch hier fand eine deutsche Rezeption relativ spät statt. Als dann der „Boom“ ausgebrochen war, hatte man seine liebe Mühe und war versucht, zu sagen: „Phantastisch, ja… aber der Realismus überwiegt.“ Und das ist nur mit Angst zu erklären. Man darf auch nicht vergessen, dass die Deutschen ein ängstliches Völkchen sind. Und daraus wurde eben eine literarische Tugend gemacht.

TR: Jetzt stellt sich aber die Frage, was von Literatur eigentlich erwartet wird, um als ernsthaft, relevant, nichttrivial gelten zu können.

MP: Das ist einfach: sozialkritsch soll sie sein, sich mit aktuellen Problemen auseinandersetzen dann bekommt sie den Stempel „Mehrwert“. Ich weiß … das Paradox liegt eben gerade in dieser Auffassung.

TR: Nun ist ja gerade SF ein seit den Sechzigern, der New Wave, ein fast schon per se sozialkritisches Genre, angekreidet wird der Mangel an Innovation im Erzählerischen Sinn, der Schwerpunkt auf Handlung, anstatt Sprache. Germanistische Stilkritik etwa beschäftigt sich gerne mit Werken, die stilbildend oder normbrechend sind. Zu einem gewissen Grad kann man den fantastischen Genres hier tatsächlich vieles absprechen. Du hast bereits angemerkt, dass literarische Qualität in diesem Sinn nicht unbedingt ein Merkmal neuerer deutscher Fantastik ist. Der Groschenroman, die Serienliteratur, die Unterhaltungsliteratur begnügen sich schon gerne mit dem geringen Anspruch an sprachlich-erzählerische Neuerung.

MP: Die Germanistik hat sich lange geweigert, mit dem Phantastik-Begriff zu arbeiten und ist durchaus dafür bekannt, sich nahezu inzestuös mit sich selbst zu beschäftigen. Das hat schon etwas typisch beamtenstaatliches. Denn auch sprachliche Neuerungen werden da eher unter den Tisch gekippt. Dabei hatte die experimentelle Literatur in den 50er, 60er und 70er Jahren bei uns einen großen Stellenwert, der ebenso eingestampft wurde wie andere Innovationen. Ich hatte das ja selbst in aller Regelmäßigkeit erfahren dürfen: unsere Sprache ist im Niedergang begriffen, ganz allgemein. Und es schaut so aus, als würde das sogar forciert. Es ist nicht verwunderlich, dass man der deutschen Sprache heute fast hilflos gegenüber steht, was ihre Möglichkeiten betrifft. Aber das liegt eben auch an den Autoren, die viel zu selten bis gar nicht eine Debatte auslösen. Das wäre aber ihre Aufgabe. Es ist löblich, einfach nur schreiben zu wollen, aber das führt dann auch zu inflationärem Schrott, der zurecht außerhalb einer Szene nicht wahrgenommen werden wird. Man zieht sich auf seine Pfründe zurück und ist selig, dass man heute problemlos ein Buch nach dem anderen veröffentlichen kann, egal welchen Inhalts oder welcher Qualität.

Franz Kafka

TR: Auch in der inzwischen als klassisch zu nennenden Germanistik bricht die Auseinandersetzung mit der Fantastik nach Klassikern wie den oben genannten ein. Zum einen galt hier die eigentliche Klassik, die deutsche Klassik also, mit ihrem Repertoire an wiederum klassisch-antikem Material als sozusagen legitime Fantastik, danach die Romantik natürlich und im Anschluss die moderne Fantastik mit Perutz, Kafka, Meyrink. Ich habe dich vorhin vorpreschen lassen, wegen des Politikums, jetzt hake ich da noch einmal selbst ein: Meiner Auffassung nach ist nicht nur alles richtig, was Du dazu gesagt hast, darüber hinaus muss man wohl auch sagen, die deutschsprachige Fantastik wurde von zwei Weltkriegen geradezu mit Realitätsbewusstsein überrollt. Nach dem WK2 ist vielleicht wirklich die Realitätsverantwortung und Aufarbeitung in der Literatur wichtiger gewesen. Das sehe ich durchaus so, allerdings herrscht nun spätestens heute für meine Begriffe ein krankes Verhältnis zur Literatur selbst, denn Literatur ist an sich schon fantastisch oder, wie Uwe Durst es deklariert, wunderbar. Das Wunderbare/Fantastische lässt sich gar nicht ausgrenzen. In diesem Sinn unterliegt der deutsche Gegenwartsrealismus einem absoluten Irrglauben.

MP: Wir gehen geisteswissenschaftlich tatsächlich nach meiner Auffassung einen Irrweg. Der zunehmende Irrsinn des Zweckrationalismus tötet schleichend aber ganz gewiss unser ganzes Menschsein. Es ist auch hier die Frage zu stellen: Cui bono? Die Literatur ist längst ein Produkt geworden, das losgelöst von geistiger Erfahrung diesem Konsumdenken untergeordnet wurde. In unseren Verlagen sitzen Leute, die Wirtschaft studiert haben und nicht Literatur (ich rede von der Mehrheit). Unser Bildungssystem ist in einem katastrophalen Zustand. All diese gesellschaftlichen Belange darf man nicht außer Acht lassen, um auf einen Punkt zu kommen, von dem aus diskutiert werden kann und muss. Das Bedürfnis nach Traum und Fantasie steigt aber exponentiell an.

TR: Ja natürlich, das ist bei dem Zustand kein Wunder.

MP: Und die Attacke folgt auch hier auf dem Fuß: der Vorwurf des Eskapismus. Man ignoriert ja nicht nur die Tatsache, dass, wie du sagst, Literatur a priori phantastisch ist. Diese Ignoranz ist ja auf allen Gebieten zu sehen. Bedenkt man, dass der Konstruktivismus, die Quantenmechanik usw. überhaupt keinen Einfluss auf unser falsches Weltbild gehabt zu haben scheinen.

TR: Die Auswirkung des Perspektivismus wird man vielleicht jetzt noch nicht richtig beurteilen können. Meiner Meinung nach stecken wir da mitten drin und sehen noch gar nicht ab, was sich gerade alles verändert. Als Schriftsteller bin ich davon natürlich sehr beeinflusst. Ich sehe mich ja auch in der Tradition jener von Realitätsbewusstsein überrollten Fantastik. Für mich heißt das, gerade das Realitätsbewusstsein in die Fantastik zu integrieren und die Realität somit um das Notwendige, nämlich die Fantastik zu erweitern, ohne die sie überhaupt nicht existieren könnte. Fantastik ist daher für mich auch kein Eskapismus sondern Expansion.

MP: Da bin ich vollkommen deiner Meinung. Mein Phantastikbegriff ist eben auch nicht der eines „Risses“, sondern der eines grundsätzlichen Satzes. Ich sehe das, was wir als „Realität“ bezeichnen, als das eigentlich Obskure, ein Kunstbegriff, den man nie wird fassen können. Mir sind keine Monster interessant, sondern das feine Garn unserer Existenz. Man könnte sagen: die „Realität“ ist phantastisch, und man muss sie, will man sie erfassen, in ihrer Gänze untersuchen, um zu verstehen, was wir damit eigentlich meinen.

TR: Daran wird nun das Feuilleton wohl auf ewig vorbeigehen, aber in meinen Augen ist das auch kein Verlust.

MP: Nein, ist es nicht. Ich finde, es bräuchte eine starke, eigene Tendenz, tatsächlich eine Gruppe, die auch diskussionsfähig ist und das lautstark vermeldet. Wir sind ja alle Lämmer geworden.

TR: Du Michael, das tun wir gerade!

MP: Ja, irgendwie schon, nicht?

Reckermann/ Nymphenbad

Tobias Reckermann * 1979, lebt und schreibt in Darmstadt und arbeitet als Maschinist bei Whitetrain (www.whitetrain.de). Er ist Redakteur und Herausgeber des IF Magazin für angewandte Fantastik. Als Schriftsteller widmet er sich neben anderen Zweigen der Fantastik im Besonderen der Weird Fiction und chinesischer Wuxia-Literatur. Seit 2014 erschienen sind seine Romane „Das Schlafende Gleis“, „Langfaust und Die zwei Schneiden des Glücks“, außerdem die Erzählbände „Venom & Claw“ und „Graund“, sowie mehrere Beiträge in Magazinen und Anthologien. Seit 2017 ist er Mitherausgeber des Phantastikon.
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Carl Nymphenbad * 1969 im Fichtelgebirge als Geisterseher geboren. Davor langjährige Freundschaft mit Robert Schumann. Studium der Psychologie, (Psychodynamik, experimentelle Psychologie), abgebrochen, Gründer der ehemaligen Lärmenden Akademie (2004 – 2007). Vor dem Rausschmiss aus der Schweiz Moderator der Literatursendung „Seitenwind“ (Winterthur 2009). Zuletzt unter „Michael Perkampus“ erschienen: „Entropia, oder Die Hochzeit auf dem Lande“ (Edition Taberna Kritika, 2014). Herausgeber des Phantastikon (gemeinsam mit Karin Reddemann und Tobias Reckermann), Übersetzer, Musiker. Gegenwärtige Arbeit am „Deutschen Buch“, der ästhetischen und postmodernen Romantik verpflichtet, genannt Quantenpoesie. Kulturanthropologe u. Mythenforscher. Sammler von „Phantastika“.