Stephen King Re-Read: Carrie

Der Archetyp

Vielleicht mag man sich fragen, was an Stephen Kings Erstlingswerk Carrie so besonders sein könnte, dass es überhaupt zu seinem Erstling werden konnte. Der Großteil der Legende liegt in der Tatsache begründet, dass dieser Roman bereits Kings vierter war, den er an Verlage geschickt hatte. (Bei den ersten drei Büchern handelt es sich um Amok, Todesmarsch und Qual, die alle in späteren Jahren unter dem Pseudonym Richard Bachmann veröffentlicht wurden). Gerne wird auch die Geschichte erzählt, dass King den einzigen Entwurf in die Mülltonne warf, bis ihn seine Frau davon überzeugen konnte, ihn doch bitte wieder herauszuholen und ihn fertigzustellen. Tatsächlich hatte er nicht nur das Manuskript in den Papierkorb geworfen, er wollte das Schreiben überhaupt an den Nagel hängen.  King konnte einfach nicht glauben, dass eine Geschichte über ein dünnes blasses Mädchen mit Menstruationsproblemen die Leute interessieren könnte. Das wäre auch sicherlich die richtige Einschätzung gewesen, aber Carrie passte völlig zum damaligen Zeitgeist. Der Roman erschien etwa zur gleichen Zeit wie Rosemary’s Baby und Der Exorzist, und in den Kinos lief Wenn die Gondeln Trauer tragen und The Wicker Man. Es war die Zeit, in der sich die Leute mehr für die seltsame, paranormale Seite der menschlichen Existenz zu interessieren begannen und nichts mehr mit Gespenstern und Spuk anfangen konnten.

Was sie wohl nicht wussten, ist die Tatsache, dass es sich hier um ein archetypisches Motiv handelt, das uns durch Märchen transportiert wird. Unsere Romane wimmeln davon, ob sie nun als Horror empfunden werden oder nicht. Carrie erinnert an Elemente aus Aschenputtel und Rapunzel. Darauf wies zuerst der Professor für Orientalistik und klassische Studien Alex E. Alexander im Jahre 1979 in seinem Essay „Stephen King’s Carrie – A Universal Fairy Tale hin“. Er zitiert dort Schiller mit den Worten:

Tiefere Bedeutung liegt in den Märchen meiner Kinderjahre als in der Wahrheit, die das Leben lehrt.

Alexander veranschaulicht in dieser Arbeit die Merkmale mancher Märchen und wie Carrie diese Merkmale nachahmt. Ähnlich wie Aschenputtel durchläuft die Protagonistin Carrie einen Ritus des Übergangs, der Reifung. Dieser Übergang wird ihre übernatürliche Kraft hervorbringen, ein Element, das in Rapunzel offensichtlich ist.

Auch ist Kings Carrie eine düstere Modernisierung von Cinderella, mit einer bösen Mutter, grausamen Geschwistern (Mitschüler), einem Prinzen (Tommy Ross), einer Patin (Sue Snell) und einem Ball. Kings Umkehrung des Happy Ends steht eigentlich im Einklang mit den Brüdern Grimm; sie erinnert an die volkstümlichen Originale des Märchens, in dem in blutigen Bildern Rache genommen wird: Den Stiefschwestern werden Fersen, Hände und Nasen abgeschnitten, und eine weiße Taube pickt ihnen die Augen aus. Wie King weiß, fließt in der mündlichen Überlieferung das Blut reichlich. Warum sollte das bei ihm anders sein?

Das Stephen King-Phänomen

Wohin hätte es den arbeitslosen Englischlehrer gebracht, der Nachts in einer Industriewäscherei arbeitete und zusammen mit seiner Frau und zwei Kleinkindern in einem Wohnwagen hauste, wenn nicht so etwas wie ein Wunder geschehen wäre? Diese Frage wird er uns in Shining beantworten, aber noch war es nicht so weit. Dass King quasi im Alleingang ein völlig neues Marktsegment schuf, das in dieser Zeit mit Bloch, Matheson und Bradbury vor sich hin dümpelte, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen. Es klingt noch heute regelrecht absurd.

Manchmal jedoch reihen sich die Dinge so aneinander, dass man gemeinhin vom Zufall spricht. Dem jungen Bill Thompson, Redakteur bei Doubleday,  gefiel das, was er da las und er setzte sich massiv dafür ein, das Buch zu verlegen. Vorher lag bereits Amok auf seinem Schreibtisch, das er mit sanften Worten ablehnte. Aber auch für Menschenjagd und Sprengstoff sah Thompson zu diesem Zeitpunkt bei Doubleday keine Möglichkeit der Veröffentlichung. Für Carrie aber kämpfte er innerhalb des Verlagshauses, die für einen Anfänger nicht mehr als 5000 verkaufte Exemplare erwarteten.

Carrie erschien am 5. April 1974 dann aber in einer Auflage von 30 000 Exemplaren. Davon wurden 13 000 verkauft, was dann doch recht beachtlich war. Das Buch gesellte sich schnell zu den verbotenen Büchern der Vereinigten Staaten. Gerade an den Schulen war man aufgrund von Carries Gewalt, den Flüchen, dem Sex unter Minderjährigen und der negativen Sicht auf die Religion in eine Art Schockstarre verfallen. Viel Werbung machte Doubleday nicht, sie schämten sich wohl insgeheim für das, was sie da angerichtet hatten, aber die Mund-zu-Mund-Propaganda machte die mangelnde Werbung mehr als wett. Dadurch wurde die New American Library hellhörig und sicherte sich die Taschenbuch-Rechte für 400 000 Dollar, belächelt von Doubleday, die Stephen King nie so richtig ernst nahmen. Das war damals ein Rekordbetrag und wird auch heute kaum erreicht. Irgendwas musste den Lektoren der NAL gesagt haben, dass sie auf einer Goldgrube saßen, und so kam es dann tatsächlich auch. Das Buch ging zu Beginn in mehreren Auflagen rund zweieinhalb Millionen Mal über den Ladentisch der USA und der Chicago Tribune brachte zum ersten Mal die Frage nach dem King-Phänomen zur Sprache. King bekam die Hälfte des Geldes und hatte seine finanziell gravierenden Nöte von da an tatsächlich ausgestanden.

 

Das Originalmanuskript brachte es gerade mal auf 98 Seiten, weshalb King  pseudokokumentarische Formen mit den Standpunkte verschiedener Zeugen einschob: fiktive Zeitungsausschnitte, Briefe, polizeiliche Vernehmungen, Fallstudien, das als Buch erschienene Tagebuch von Susan Snell, und Zeitschriften-Auszüge. Indem er textliche Authentizität vorgibt, spielt King auf die Klassiker der Gothic Novel an, insbesondere auf Bram Stokers Dracula (1897). Brennen muss Salem (Salem’s Lot), sein nächster Roman, ist dann auch jenes blutige Märchen, in dem Dracula höchstselbst in die moderne Zeit übersiedelt.

Diese anfängliche Kürze war dann auch nur ein Ausrutscher, wie wir später sehen werden, aber zu dieser Zeit forderten die Zeitungen den jungen Autor noch auf, etwas epischer zu werden. Sie wussten nicht, was sie da sagten.

Carrie

Das Buch erzählt die Geschichte der Carietta White aus der Carlin Street in der fiktiven Stadt Chamberlain, Maine. King hatte zu Beginn noch nicht zu seinem ikonischen Derry oder Castle Rock gefunden. Das Buch spielt in der damaligen Zukunft von 1979, die Veröffentlichung des Buches „Ich heiße Susan Snell“ von Susam Snell, das in Auszügen in den Roman eingewebt wurde,  ist sogar auf 1986 datiert.

„Sie war ein dickliches Mädchen mit Pickeln an Hals, Rücken und Gesäß; ihr nasses Haar war vollkommen farblos.“

Carrie hat latent vorhandene telekinetische Fähigkeiten, die sich im Laufe der Erzählung immer mehr entwickeln. Das Buch ist an manchen Stellen brutal, an anderen anrührend (wie etwa Carries beschädigte Beziehung zu ihrer hysterischen, religiösen Mutter). Am Ende des Romans blickt man auf eine beeindruckende Zahl Toter hinab, die man anfänglich gar nicht erwarten konnte angesichts des im Roman vorherrschenden Tons. Oder im Angesicht von Carrie selbst.

Wie in den meisten Volkskulturen wird die Initiation durch den Erwerb besonderer Weisheit oder Kräfte gekennzeichnet. King setzt Carries sexuelle Blüte mit der Reifung ihrer telekinetischen Fähigkeiten gleich. Sowohl verflucht als auch mit rechtschaffenem Zorn ausgestattet, wird sie gleichzeitig Opfer und Monster, Hexe und Weißer Engel der Zerstörung. Wie King erklärt hat, ist Carrie „eine Frau, die zum ersten Mal ihre Kräfte spürt und, wie Samson, am Ende des Buches die Trümmer des Tempels auf alle, die in Sichtweite sind, herunterregnen lässt“.

Carrie ist eine Parabel auf die Adoleszenz. Die siebzehnjährige Carrie White ist ein einsames, hässliches Entlein, misshandelt zu Hause und gedemütigt in der Schule. Ihre Mutter, eine religiöse Fanatikerin, bringt Carrie mit ihrer eigenen „Sünde“ in Verbindung; Carries Altersgenossen hassen sie geistlos und machen sie zur Zielscheibe ihres Spotts. Bei Carrie geht es um die Schrecken der High School, einem Ort des „bodenlosen Konservatismus und der Bigotterie“, wie King erklärt, wo es den Schülern „nicht mehr erlaubt ist, sich über ihren Stand zu erheben als einem Hindu“ über die Kaste. Der Roman handelt auch von den Schrecken des Übergangs zur Weiblichkeit. In der Eröffnungsszene erlebt Carrie im Duschraum der Schule ihre erste Menstruation; ihre Altersgenossinnen reagieren mit Abscheu und Spott, bewerfen sie mit Damenbinden und schreien: „Stopf es zu!“ Carrie wird zum Sündenbock der Angst vor der weiblichen Sexualität, die sich am Geruch und Anblick von Blut äußert. (Das Blutbad und die Opfersymbolik werden auf dem Höhepunkt des Romans wiederkehren). Als Sühne für ihre Teilnahme an Carries Demütigung in der Dusche überredet Susan Snell ihren beliebten Freund Tommy Ross, Carrie zum Abschlussball einzuladen. Carries Konflikt mit ihrer Mutter, die ihre aufstrebende Weiblichkeit mit Abscheu betrachtet, wird von einer neuen Verschwörung der Mädchen gegen sie begleitet, angeführt von der reichen und verwöhnten Chris Hargenson. Ihre Clique arrangiert, dass Tommy und Carrie zum König und zur Königin des Balls gewählt werden, nur um sie mit Eimern voller Schweineblut zu übergießen. Carrie rächt diese Taufe telekinetisch, zerstört die Schule und die Stadt und lässt Susan Snell als eine der wenigen Überlebende zurück.

Bei Carrie handelt es sich auch heute noch um eine gute Geschichte. Carrie selbst ist ein faszinierender Charakter, weil sie der erste Archetyp im King-Kosmos ist (das verletzte Mädchen mit ungeahnten Kräften), zu dem King in seinen späteren Werken zurückkehren sollte. King selbst beschrieb das Buch als „ein Kuchen, gebacken von einem Erstklässler. Lecker genug, um ihn essen zu können, aber etwas klumpig und verbrannt an der Unterseite.“ Das ist eine ziemlich gute Einschätzung. Als Debüt-Roman ist Carrie ein recht ordentliches Jugendwerk. Als Absichtserklärung – jener Absicht nämlich, Geschichten über das Seltsame, das Verdrehte und all das Menschliche zugleich zu schreiben – ist der Roman sogar außergewöhnlich.

Der Schwarze Mann

Es bietet sich an, bei jeder King-Lesung nach den gemeinsamen stilistischen Details und den wiederkehrenden Bildern in seinen Romanen zu suchen. Carrie ist natürlich interessant, weil es Kings erste Veröffentlichung war und ein paar Techniken enthält, die er im Laufe seiner Karriere ausbauen sollte. Da wäre zum Beispiel der innere Monolog. King hat die Angewohnheit, die Gedanken seiner Charaktere durch Klammer-Einschübe oder Kursiva in den Haupttext einzubringen (Sehen Sie, was ich getan habe?). Das ist eine effektive und elegante Methode, um das platte „Sie dachte“ zu umgehen. Bis zum Ende des Romans dominiert das Stilmittel des inneren Monologs sogar über den Erzähltext, auch wenn King diese Technik erst in den folgenden Arbeiten verfeinern und eleganter präsentieren sollte.

Carrie enthält bereits deutlich jene kingspezifischen Themen, die er später noch einmal durchdenken und dann mit noch größerer Wirkung aufbieten wird. Zum Beispiel Carries Gespräche mit ihrer Mutter – es sind die gleichen Stimmen, die in späteren Romanen wie Misery, Dolores oder Der dunkle Turm wieder auftauchen werden.

King hat eine Figur erschaffen, die offiziell in neun Romanen auftaucht: Randall Flagg (aka Walter O’Dim, der Mann in Schwarz, oder der Wanderer in The Stand). Er ist kein netter Kerl, aber ein genauerer Blick auf ihn lohnt sich doch erst in späteren Romanen, angefangen bei The Stand. Jedoch gibt es viele Indizen dafür, dass diese Figur auch in anderen Texten Kings auftaucht, und da ist Carrie keine Ausnahme.

„Momma hatte mit dem Schwarzen Mann gekämpft und ihn bezwungen. Carrie hatte es in einem Traum gesehen“

Der Schwarze Mann wird nie der Teufel genannt, auch nicht, als das Bild in der Besenkammer beschrieben wird, in der Carrie ihre Sühnestrafen zu verbringen hat:

„… während der Schwarze Mann mit einem Dreizack in der Hand auf einem riesigen, flammenden Thron saß. Sein Körper war der eines Mannes, doch er hatte einen gezackten Schwanz und den Kopf eines Schakals.“

Trotzdem ist hier mehr der Teufel gemeint als Randall Flagg. Im Laufe der folgenden Romane darf man sich jedoch die Frage stellen, ob Flagg nicht der Teufel ist, der hier bereits im Unterbewusstsein Kings auf sich aufmerksam machen wollte.

Die Inspiration

Während die meisten von uns mit der Geschichte nur allzu vertraut sind, wissen nicht viele, welche Inspiration tatsächlich dahinter steckt. King, der das Manuskript 1973 schrieb (an einem provisorischen Schreibtisch in der Wäscherei), modellierte Carrie White nach zwei Mädchen, an die er sich aus der Grundschule erinnerte.

Jahre später sagte Stephen King:

„Eine war besonders auffällig, weil sie jeden Tag die gleiche Kleidung in der Schule trug und von Klassenkameraden verspottet wurde. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem sie unerwartet mit einem neuen Outfit in die Schule kam, das sie sich selbst gekauft hatte… sie hatte den schwarzen Rock und die weiße Bluse – also alles, womit man sie je gesehen hatte – gegen eine knallbunte karierte Bluse mit Puffärmeln und einen damals modischen Rock getauscht. Und alle machten sich noch schlimmer über sie lustig, weil niemand sehen wollten, der sein Aussehen veränderte“.

Das andere Mädchen, eine introvertierte Epileptikerin, hatte eine fundamentalistische Mutter, die ein riesiges Kruzifix an der Wohnzimmerwand hängen hatte, ein Bild, das direkt in den Roman wanderte.

Der Rest der Handlung ergab sich, als King sich an einen Artikel erinnerte, den er in der Zeitschrift Life gelesen hatte und der andeutete, dass einige junge Leute, insbesondere heranwachsende Mädchen, telekinetische Kräfte besitzen könnten.

Als King anfing, die Seiten zu schreiben, waren beide Mädchen nicht mehr da: die eine von einem Anfall hingerafft, die andere hatte sich nach einer Wochenbettdepression erschossen. Die tragischen Schicksale seiner ehemaligen Klassenkameraden und die skrupellose Art, wie sie behandelt wurden, machten das Schreiben von Carrie gelinde gesagt schwierig. „Sehr selten in meiner Karriere habe ich ein geschmackloseres Gebiet erkundet“, sagte King über die Konfrontation mit den Geistern seiner Vergangenheit.

Nicht alle haben das Buch anfangs begrüßt. Tatsächlich wurde Kings Manuskript von nicht weniger als 30 Verlegern abgelehnt. Aber Doubleday Publishing setzte sich durch, kaufte die Rechte und gewährte King einen Vorschuss von $2500 – das meiste Geld, das er bis dahin für das Schreiben bekommen hatte.Carrie katapultierte King ins Massenbewusstsein; 1976 wurde der Roman zu einem von der Kritik gefeierten Film unter der Regie von Brian De Palma umgearbeitet, der sich zwar – wie die meisten King-Verfilmungen am Plot orientiert, aber im Ton und am Ende doch konsequent vom Buch abweicht.

Weitere Weichenstellungen

Wie erwähnt finden sich in Kings Debüt bereits viele seiner Motive, Techniken und latenten Figurenzeichnungen, und so können wir auch Billy Nolan als den ersten einer ganzen Reihe an schmierigen Arschlöchern begreifen. Ein schmieriger Typ aus zertüteten Familienverhältnissen, der mit seinem Auto jagt auf streunende Hunde macht, bis das Blut von der Stoßstange tropft. Wir werden ihm immer wieder in anderen Inkarnationen begegnen, dem hinterhältigen Frauenschläger, gewaltbereit, gefährlich, verkommen. Auch er ist ein zentraler Archetyp des King-Kosmos, aus gutem Grund, denn er ist ebenfalls ein Archetyp unserer sogenannten Zivilisation. Ferner wirft sein Auto, ein ’61 Biscayne, bereits einen Schatten auf das, was noch kommen sollte.

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