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Folge 09: Stephen King Re-Read: Carrie

Willkommen zu Stephen Kings Carrie, der Nachbesprechung des Romans von 1974, der allerdings erst 1977 in deutscher Übersetzung bei Schneekluth erschien. Das ist gleichzeitig der erste Teil einer Beschäftigung mit dem Stephen-King-Multiversum. Im Laufe der Zeit werden so die tragenden Teile eines einzigartigen und gigantischen Lebenswerks offenbar werden.

Der Archetpy

Vielleicht mag man sich fragen, was an Stephen Kings Erstlingswerk Carrie so besonders sein könnte, dass es überhaupt zu seinem Erstling werden konnte. Der Großteil der Legende liegt in der Tatsache begründet, dass dieser Roman bereits Kings vierter war, den er an Verlage geschickt hatte. (Bei den ersten drei Büchern handelt es sich um Amok, Todesmarsch und Qual, die alle in späteren Jahren unter dem Pseudonym Richard Bachmann veröffentlicht wurden). Gerne wird auch die Geschichte erzählt, dass King den einzigen Entwurf in die Mülltonne warf, bis ihn seine Frau davon überzeugen konnte, ihn doch bitte wieder herauszuholen und ihn fertigzustellen. Tatsächlich hatte er nicht nur das Manuskript in den Papierkorb geworfen, er wollte das Schreiben überhaupt an den Nagel hängen. King konnte einfach nicht glauben, dass eine Geschichte über ein dünnes blasses Mädchen mit Menstruationsproblemen die Leute interessieren könnte. Das wäre auch sicherlich die richtige Einschätzung gewesen, aber Carrie passte völlig zum damaligen Zeitgeist. Der Roman erschien etwa zur gleichen Zeit wie Rosemary’s Baby und Der Exorzist, und in den Kinos lief Wenn die Gondeln Trauer tragen und The Wicker Man. Es war die Zeit, in der sich die Leute mehr für die seltsame, paranormale Seite der menschlichen Existenz zu interessieren begannen und nichts mehr mit Gespenstern und Spuk anfangen konnten.

Was sie wohl nicht wussten, ist die Tatsache, dass es sich hier um ein archetypisches Motiv handelt, das uns durch Märchen transportiert wird. Unsere Romane wimmeln davon, ob sie nun als Horror empfunden werden oder nicht. Carrie erinnert an Elemente aus Aschenputtel und Rapunzel. Darauf wies zuerst der Professor für Orientalistik und klassische Studien Alex E. Alexander im Jahre 1979 in seinem Essay “Stephen King’s Carrie – A Universal Fairy Tale hin”. Er zitiert dort Schiller mit den Worten:

Tiefere Bedeutung liegt in den Märchen meiner Kinderjahre als in der Wahrheit, die das Leben lehrt.

Das Stephen-King-Phänomen

Wohin hätte es den arbeitslosen Englischlehrer gebracht, der Nachts in einer Industriewäscherei arbeitete und zusammen mit seiner Frau und zwei Kleinkindern in einem Wohnwagen hauste, wenn nicht so etwas wie ein Wunder geschehen wäre? Diese Frage wird er uns in Shining beantworten, aber noch war es nicht so weit. Dass King quasi im Alleingang ein völlig neues Marktsegment schuf, das in dieser Zeit mit Bloch, Matheson und Bradbury vor sich hin dümpelte, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen. Es klingt noch heute regelrecht absurd.

Manchmal jedoch reihen sich die Dinge so aneinander, dass man gemeinhin vom Zufall spricht. Dem jungen Bill Thompson, Redakteur bei Doubleday, gefiel das, was er da las und er setzte sich massiv dafür ein, das Buch zu verlegen. Vorher lag bereits Amok auf seinem Schreibtisch, das er mit sanften Worten ablehnte. Aber auch für Menschenjagd und Sprengstoff sah Thompson zu diesem Zeitpunkt bei Doubleday keine Möglichkeit der Veröffentlichung. Für Carrie aber kämpfte er innerhalb des Verlagshauses, die für einen Anfänger nicht mehr als 5000 verkaufte Exemplare erwarteten.

Die ganze Geschichte jetzt im Podcast!

Shownotes:

  1. Intro (00.00)
  2. Das Stephen King-Phänomen (02.51)
  3. Carrie (05.25)
  4. Stil und Inspiration (11.33)

Links:

“Mein Name ist Susan Snell”