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Diese Lust, Angst zu machen

Genial jung, gewünscht wild, gefühlt böse sind T.C. Boyle und seine Leute in Greasy Lake. Zu so einer großartigen Truppe habe ich nie gehört. Ich war schüchtern als Kind, viel zu vernünftig als Teenager und langweile mich als Erwachsene. Sofern ich nicht lese, schreibe und gucke, wonach mein Kopf giert. Das wäre somit geklärt. Boyle kann mich zwar verführen, aber wenn ich ihn zuklappe, brennt immer noch die Nachttischlampe meiner Großmutter, die mich an Milch mit Honig erinnert und an ihr klapperndes Gebiss.

Ich hatte Respekt vor diesen Zähnen. Damals war das, denke ich, tatsächlich sowas wie Angst. Ich fand es gruselig, wenn meine Großmutter sie vor meinen Augen aus ihrem Mund fischte, um sie in ein Glas mit sprudelnder Flüssigkeit zu tauchen. Sie wusste das. Wenn ich bei ihr übernachtete, sagte sie „Zeit für das Gebiss“, sah mich scharf an und sagte: „Nun hab dich nicht so. Bleib gefälligst sitzen.“ Ich könnte schwören, dass sie dabei boshaft gelächelt hat. Durchschaut hatte ich sie eh: Es bereitete ihr Spaß, mir diese Furcht einzujagen, die sie selbst wohl ziemlich albern fand, die ich aber ganz offensichtlich hatte. Warum auch immer, für mich war das nicht normal, ich hatte Gänsehaut. Durchaus. Und Punkt.

Natürlich hätte sie die ganze Prozedur auch problemlos ohne Publikum vor dem Badezimmerspiegel durchführen können, aber sie machte es neben mir und meinem Großvater auf dem Sofa am Wohnzimmertisch während der Hitparade, spätestens bei Dalli-Dalli. Das Glas stand vor ihr auf dem Häkeldeckchen, daneben platziert die Teetasse, ein Likörpinnchen und ein Stofftaschentuch.Und ich saß da und dachte Jetzt! Jetzt gleich! und ahnte, wenn ich aufspringen würde, hätte ich eine keine Chance, sie würde mich am Pferdeschwanz packen, zurückziehen und eventuell töten, also schlug ich mir die Hände vor das Gesicht und hörte meinen Großvater husten: „Maria, die Kleine ist doch so empfindlich. Mach das später.“

Nein, das tat sie nicht. Sie lachte nur an einer für mich (noch!) falschen Stelle und sagte, als wäre ich gar nicht anwesend und könnte diesen Satz nicht hören: „Der Willibald sollte ihr mal sein Glasauge zeigen, die muss doch lernen, dass sowas ganz natürlich ist. Mein ich.“
Der Gedanke an Onkel Willibald mit dem Glasauge hat mich freilich weniger entsetzt denn fasziniert. So fängt es wohl an. Mit uns. Jedes Mal, wenn der Bruder meines Großvaters mit uns am Kaffeetisch saß oder mit meinem Vater in der Sofaecke am Wohnzimmerfenster rauchte, starrte ich ihn an, sah rasch wieder weg, starrte erneut und wartete darauf, dass er in sein Auge herausziehen und es mir in die Hand drücken würde. Wie eine kalte, dicke, hübsche Murmel. Siehst du, sowas ist ganz natürlich.

Er hat das nie gemacht. Vermutlich nie an sowas gedacht. Aber ich.
Das Glasauge beschäftigte mich. Ich dachte mir eine fiese Geschichte mit blutigen, tiefen Löchern im Gesicht aus und erzählte sie meinem kleinen Bruder. Der war zutiefst verstört, heulte und wollte sowas nienieniewieder hören. Musste er aber. Er machte mich zufrieden. Mein Bruder war ein erstes gutes Erfolgserlebnis. Ich erzählte ihm gern von den Würmern in seinem Schlafanzug, die nachts in seinen Mund krabbeln würden, um ihn von innen zu fressen. Mir gefiel es, wenn seine Augen ganz groß wurden und er „Neineinein“ schrie. Meiner Mutter jetzt nicht so. Die schimpfte. Aber da ist jeder professionelle Angsterzeuger wohl mal durchgegangen, Unmut hat uns nur noch listiger gemacht.

Längst schon war mir damals klar, meiner Großmutter mit ihren Zähnen gar nicht so unähnlich zu sein. Prinzipiell gehörte ich zwar zu den wirklich braven Mädchen. Aber ich hatte stets diese große Freude am Erschrecken. Mein Lieblingsopfer war meine ältere Schwester, die weinte nicht wie meine jüngere, sondern schrie. Das wollte ich: Dass sie schreit. Ich rief dann zwar „Nichtnichtnicht, ich bin’s nur!“, aber ich fand es großartig: Sie hatte Angst. Richtig Angst. Ich hatte ihr Angst gemacht. Das war ein durchaus gutes Gefühl, das mir auch meine Mutter bei all meinem Brav-Sein nicht ausreden konnte: „Kind, jetzt lass das aber doch auch. Das ist doch gemein.“

Durchaus. Sowas ist gemein. Ich tat ihr zwar nichts, ich ärgerte sie nur recht harmlos, wie mir schien, aber nett war das nicht. Und warum benahm ich mich so gemein? Weil die Lust darauf, meiner Schwester einen Schreck einzujagen, größer war als irgendeine grundsätzlich wichtige Moral, die mir vertraut und annehmbar schien. So war das. Mit kindlichem Gemüt kann ich das nicht entschuldigen. Ich war mir immer bewusst, was ich da tat, wenn ich mich von hinten an sie heranschlich, ihr im Keller auflauerte oder mich nachts an ihr Bett stellte und vorsichtig die Decke zur Seite schob, um ihren Fuß oder ihr Handgelenk zu umklammern. Genaugenommen war ich diesbezüglich schon ein bisschen böse, aber nicht so böse, um sich den Kopf darüber zerbrechen zu müssen.

Eine Freundin, die eine rechte Schissbuxe war, – haben wir so gesagt: olle Schissbuxe, ist das geläufig? – , fragte ich auf dem Heimweg vom Kino, was sie tun würde, wenn jetzt gleich ein Klon in ihrer Wohnung wäre, ihr die Tür öffnen, sie misstrauisch ansehen würde. Ihre Reaktion war sensationell. Sie fand die Vorstellung derart gruselig, dass ich nicht umhin konnte, das Ganze noch hübsch böse auszuschmücken. Gehässiges Lachen. Knacken in der Brust. Küchenmesser hinter dem Rücken. Was es halt so gibt. Als wir vor ihrem Haus standen und ich sie darauf aufmerksam machte, dass sich dort im dritten Stock rechts in der Wohnung (ihrer Wohnung) die Gardine bewegt und ich einen Schatten gesehen hätte, weigerte sie sich, allein nach oben zu gehen. Keine Chance. Ich hab sie bei mir übernachten lassen. Sie war übrigens bereits höchstgradig ausgewachsen und hatte schon irgendwas Nutzloses ausstudiert.

Und das ist so wahr wie mein Vergnügen daran, wenn Pit Lappenküper und seine Jungs im Stadtpark am Theater in der Abenddämmerung Zombies spielten. Grundsätzlich kindisch. Freilich gekonnt. Wir waren siebzehn, achtzehn, und ich stand hinter einem Baum, guckte zu und fand es spektakulär, wie die Leute zusammenzuckten. Ich selbst hätte mich ganz furchtbar erschrocken, da bin ich ehrlich, aber wenn’s die anderen trifft…

Angst hab ich auch. Vor allem, wenn meine Phantasie das Kommando übernimmt. Das kennen wir alle, da lächeln wir sehnsuchtsvoll finster. Immerhin gibt es diesen einen Unterschied:

„Da gibt es den Ängstlichen, der unter sein Bett schaut, und es gibt den Ängstlichen, der sich nicht einmal traut, unter sein Bett zu schauen.“ (Jules Renard, frz. Romancier)

Ich trau mich, seitdem meine Kinderschuhe mir nicht mehr passen. Weil ich weiß: „Angst beissen Seele.“ Sie isst sie nicht auf. Sonst wäre es aus. Schade dann.

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (154 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
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