Drachen

Diese seit menschengedenken in allen Kulturkreisen bekannten Wesen, die die Länder und Lüfte spielend eroberten wie kein anderes, sind in den Köpfen der Menschen, besonders in Literatur und Film, bis heute existent. Faszinierende Mischwesen mit einem großen langen Schwanz, die manchmal ihren Gegnern sogar vielköpfig Feuer unter’m Hintern machten. Manchmal mit einem Löwenkopf, manchmal mit einem Krokodils-, Panther- oder Wolfskopf.

Fear and Loathing in Las Vegas

Der amerikanische Journalist Hunter S Thompson ist eine mythische Figur. Seine Legende hat er teilweise selbst lanciert, in anderen Fällen hat sie sich gegen seinen Willen verselbständigt. Norman Mailer nannte ihn „eine Legende, wenn es darum geht, sich selbst zu zerstören“. Sein Biograph Jean Carroll berichtet von seinem strikten Arbeitstag, der täglich um 15 Uhr begann. Während des Schreibens konsumierte er Chivas Regal, Dunhills, Kokain, Orangensaft, Marihuana, Bier, LSD, große Mengen an Lebensmitteln, Chartreuse, Gewürznelken, die er in Zigaretten steckte, Gin und Pornofilme. Danach verbrachte er ein bisschen Zeit am Swimming-Pool mit Champagner und Eiscreme. Das war ganz im Sinne der Drogensammlung Raoul Dukes, dem Ich-Erzähler in Fear and Loathing in Las Vegas:

Sieben leere Häuser / Samanta Schweblin

Im Grunde ist die ganze phantastische Literatur geprägt von der kurzen Form. Hier sind die eigentlichen Meisterwerke zu finden. Viele Literaturkritiker weltweit sind davon überzeugt, dass Samanta Schweblin zu diesen Meistern gehört. Man hat die Autorin bereits in eine Reihe mit Borges und Cortázar gestellt, hat David Lynch bemüht und – fast schon konsequent – Kafka. Sicher, diese ganzen Aussagen werden vom Feuilleton getroffen und entsprechen selten der Realität (was jedem klar sein muss); man möchte den Verlagen in erster Linie Futter für ihren Umschlagtext liefern, aber auf ein paar dieser kanonischen Meister hat Schweblin als Einfluss selbst hingewiesen.

Als sie ihn rief, kam der schwarze Reiter / Angela Carter

Es wäre nicht genüge, diese acht Perlen einfach nur Geschichten zu nennen. Wären sie das, könnten wir uns leicht über das Abrupte in ihnen beklagen, geschrieben von einer Virtuosin, die ihr Instrument einfach nur hinlegt, ihr Können längst bewiesen hat, als ob der Nachhall ihrer Legende bereits ausreichen würde. Es gibt in dieser Sammlung Sätze, die sich als poetische Fragmente betrachten lassen. Ihre Erzählungen haben mehr mit der Struktur von Märchen zu tun; hier wirkt eine autoritative Stimme im Hintergrund, die Dialoge vermeidet, scheinbar undurchsichtig Ereignisse werden in einen Prolog und ein Nachspiel gekleidet, so dass sie aus dem Text heraustreten. Hier ist eine Fantasie am Werk, die unter dem Deckmantel historischer Meditationen waltet.

Auf der Suche nach dem wahren Robert E. Howard

Es wird Novalyne Price Ellis nicht leicht gefallen sein, One Who Walked Alone: Robert E. Howard the Final Years zu schreiben. Price Ellis’ Erinnerungen an ihre Beziehung zu Howard (etwa von 1934 bis 1936) sind von ungeschminkter Ehrlichkeit. Sie sind schmerzhaft, manchmal enttäuschend und geradezu frustrierend. Wir können uns in Howards Fantasie flüchten, aber all das ist hier nicht zu finden.

David Cronenbergs Crash

Mit jedem provozierten Unfall wird versucht aus den Strukturen, der Isolation, die sie mit sich bringen, auszubrechen. Lebenswille und Todessehnsucht kulminieren, setzen in den freiwilligen Lebenddummies einen Eros frei, der sie allenfalls nur Sekunden befreit. Der sie, sterben sie bei den Unfällen nicht, nur von einem Gehege ins nächste bringt. Von der Spur : in den Graben : in den Fixateur externe. Es findet eine versuchte Traumaverarbeitung durch Schleuder- und Gewebstraumen statt. D.h.: es wird versucht ein Trauma durch das nächste, provozierte abzulösen. Die Sehnsucht, frei zu sein / auszubrechen, geht mit der Sehnsucht des Menschen, umfangen zu sein, Hand in Hand.

Lob den Übersetzern

Es hat mich unglaublich gefreut, als ich gehört habe, dass die deutsche Übersetzung von Clive Barkers neuem Opus Magnum “The Scarlet Gospels” als “Das scharlachrote Evangelium” im Festa Verlag erscheint; ist Frank Festa doch seit vielen Jahren eine äußerst verlässliche Konstante in Sachen “Horror”, sowohl was die ausgewählten Titel als auch die Aufmachung, das Lektorat und die Qualität der Übersetzungen betrifft.

Diese Welt erdulden oder eine andere illuminieren? Über die Bedeutung und den Nutzen des Horrors

Ich habe den größten Teil meines Lebens Horror konsumiert, und doch kann ich keinen einzigen Fall nennen, in dem mich das Genre gegen die Schmerzen der Welt gestärkt hätte. An den Beerdigungen geliebter Menschen teilzunehmen, zu versuchen, sich finanziell über Wasser zu halten, zuzusehen, wie die Wetterverhältnisse in der Welt immer heftigere und schärfere Formen annehmen – nichts davon wurde durch postmoderne Geistergeschichten oder die in Öl gemalten Monstrositäten von Bosch erleichtert oder verständlicher gemacht. Aber wenn der Horror, obwohl er ein wenig vorhersehbarer ist als die meisten anderen Formen der Unterhaltung, doch sehr wenig zur Unterstützung der Lebensstrategien und Situationen seiner Leser und Zuschauer beiträgt, was genau tut er dann? Warum stürmen wir, seine Praktiker und Fans, Jahr für Jahr und Generation für Generation immer wieder seine Friedhofstore?

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