Charlie Brown gilt als die Hauptfigur der Peanuts. Kein Name der anderen Protagonisten kommt schneller aus der Pistole geschossen, bis auf der seines härtesten Konkurrenten: Snoopy. Er ist das Kind eines Friseurs und einer Hausfrau. Er ist der große Bruder von Sally. Und obwohl er noch zur Schule geht, trägt er bereits, bis auf ein gelocktes Haar, dicht über seinen Augenbrauen und drei Härchen am Hinterkopf, eine Glatze. Er ist ein großer Fan des fiktiven Baseballspielers Joe Shlabotnik und Chef seiner eigenen Baseballmannschaft, die nur ein einziges Mal gewonnen hat. Ein Sieg, den sein Hund Snoopy verbucht und der deshalb anstelle von Charlie auch vom Team gefeiert wurde. Snoopy, sein Hund mit eigener Hütte, der sich wie alles verhält aber nicht wie ein Hund. Auf den wir noch gesondert eingehen werden, denn nicht umsonst gilt er als der Star der kultig amerikanischen Bande, die uns beim Lachen zu Tränen rührt.
Schulz 1969
Charlie Brown ist verliebt in ein Mädchen mit rotem Haar. Ein Mädchen, von dem wir nicht wissen, wie es heißt und das wir niemals zu Gesicht bekommen, zumindest nicht in den Comics (in einer Zeichentrickserie und der Kinoanimation erhält sie Körper und Antlitz und heißt Heather Wold). Sie steht für die unerfüllte, ersehnte Liebe eines Jungen, der es alles andere als leicht hat in der Welt, dessen Freunde und Schulkameraden (vor allem die Mädchen) sich nicht immer als die loyalsten und zugewandtesten herausstellen, prokeln sie doch mit ihren eigenen Dämonen herum. Lucy, die Schwester von Charlies bestem Freund Linus, lässt ihn dies am meisten spüren. Am ergiebigsten gelingt es ihr in der Rolle als Psychiaterin (die in einem selbstgebauten Stand, ähnlich einem Limonadenstand, für ihre diagnostisch-therapeutischen Dienste sogar Geld verlangt) Charlie vor den Kopf zu stoßen und ihn mit seinen Unzulänglichkeiten auf schonungslose bis gar derbst traumatische Weise zu konfrontieren. Aber auch dann, wenn sie versucht, ihm in verschiedenen Situationen zur Hilfe zu eilen, z.B. wenn sie ihm den Football, den er gerade schießen will, unter dem Fuß wegzieht. Doch es gibt auch ihm zugewandte weibliche Wesen, wie die Narkoleptikerin Peppermint Patty (Chefin des gegnerischen Baseballteams) und Marcie, ihre zurückhaltend beflissene Freundin („Dienerin“), die sich gar ordentlich in ihn verguckt hat und ihre Freundin in den Comics mit „Chef“ anspricht (in den Cartoons nennt sie sie „Sir“ und siezt sie). Das Problem von Charlie Brown ist: Er nimmt Zuneigungen nicht in gleicher Weise wahr, wie ihm seine Enttäuschungen und Sehnsüchte bewusst sind.
Sein auf Snoopy folgender bester Freund Linus, ein Daumenlutscher, dessen Credo „Niemals ohne meine Schmusedecke (im Englischen: Sicherheitsdecke)“ lautet, die er auch als Waffe einsetzen kann, ist ihm hierbei ein Gefährte, Zuhörer und manchmal auch ein Leidensgenosse, steht er doch unter der Schreckensherrschaft seiner Schwester Lucy. Mit ihm steht er oft an einer kleinen Mauer, beide haben ihre Arme aufgelehnt, schauen in die Ferne und erzählen sich von ihren Sehnsüchten als zitierten sie bereits in die Jahre gekommene Männer, die über ihre längst vergangene Jugend sinnieren und philosophieren. Man kann den Jazz im Hintergrund förmlich hören. Und so soll er, der große Kürbiserwarter, der Hals über Kopf in seine Lehrerin verliebt ist, zu Charlie einmal gesagt haben:
Von allen Charlie Browns der Welt bist du der charlie-brownste.
In den Comics tauchen niemals handelnde Erwachsene auf, dennoch ist die Kindheit kein Zuckerschlecken für die Heranreifenden. Jeder trägt bereits sein eigenes gewichtiges Päckchen mit sich herum, ist auf seine Weise verschroben und bis unter die Haarspitzen voll mit Wünschen und Sehnsüchten beladen. Charlie Brown selbst könnte hierbei auch als teilweise depressive Figur wahrgenommen werden.
Der herausragendste Running-Gag unter vielen ist sicher der Immer-wieder-Versuch von Charlie Brown seinen Drachen steigen zu lassen. Ein Unterfangen, das ihm immer wieder misslingt, entweder weil er sich heillos in der Schnur verheddert oder weil der drachenfressende Baum nun einmal seine Opfer fordert. Eine Metapher für das Leben von Charlie Brown, das Glück, das ihm nicht hold ist, eine Metapher für den nicht vorhandenen bis geringen Schlag bei den „Frauen“.
Charles M. Schulz
Ersonnen wurde Charlie Brown von Charles Monroe Schulz (1922–2000), einem US-amerikanischen Autor und Zeichner, der die Peanuts in täglichen Strips über Jahrzehnte hinweg zum Leben erweckte. Erstmals wurden die Strips 1947 unter dem Namen Li’l Folks (Kleine Leute) veröffentlicht. Schulz, der zu der Zeit noch mit dem Pseudonym Sparky unterzeichnete, erfand Figur um Figur und musste mit Charlie Brown doch nicht lange fabulieren, welcher Couleur sein Wesen, seine Seele sein sollte, war er doch selbst ein Melancholiker, der mit Selbstzweifeln und Depressionen zu kämpfen hatte. Denn wie für Charlie Brown das Mädchen mit dem roten Haar unerreichbar bleibt, blieb auch für Schulz eine Frau unerreichbar, in die er sich als junger Mann verliebt hatte. Doch er steckt in vielen der Peanut-Figuren, wie ein jeder, der sie kennt und liebt, sie versteht, mit ihnen lacht und leidet. Charlie Brown und die Peanuts haben viele Fans. Selbtst Umberto Eco hat sich in Apokalyptiker und Integrierte – Zur kritischen Kritik der Massenkultur: Die Welt von Charlie Brown seine Gedanken zu dieser Figur / diesen Figuren gemacht:
Ihre Poesie entsteht daraus, dass wir in dem Verhalten der Kindergestalten die Nöte und Sorgen der Erwachsenen wiederfinden, die hinter der Kulisse bleiben.
Der Comic spiegelt in den meisten Fällen die implizite, innere Logik der Gesellschaftsordnung (wieder) und fungiert als Verstärker der herrschenden Mythen und Werte.
Die Probleme des Charlie Brown und die der anderen Figuren werden aufgeworfen ohne diskutiert oder gar gelöst zu werden, sie werden dem Leser und Betrachter durch kindliche Augen und Gemüter präsentiert. Es sind Figuren, die sich ebenso machtlos wiederfinden wie wir es teils tun, angesichts einer Welt, die der Mensch nicht zum Besten für sich eingerichtet hat. Es ist das große Warten jedes Einzelnen auf bessere Tage, die doch nicht, so spüren sie, kommen werden. Fiese und gemein ist das. Und so lässt es jeder auf seine Art heraus, pflegt Ängste oder gar Neurosen, regressiert, verwahrlost, schreit, dominiert, stichelt, philosophiert, spielt auf dem Klavier Stücke von Beethoven, … oder bläst einfach nur Trübsal.
Vielleicht ist es das konsequente Ausgeliefertsein des Charlie Brown was ihn uns so großartig macht, sein Immer-wieder-Aufstehen, seine nie sterbende Hoffnung, endlich doch noch einen Brief zu erhalten, seinen Drachen irgendwann steigen lassen zu können, darauf hoffend, jemanden am anderen Ende der Leitung zu vernehmen. Nicht zuletzt ist es aber auch der unvergleichlich einfache und einprägsame Zeichenstil, der an der Oberfläche zwar Karikaturen entwirft, sie aber in ihren Details, ihrem Tun und Handeln, ihren Geschichten, zu tief (vom Leben) gezeichneten Persönlichkeiten werden lässt.
Während Nationen weltweit gute Literatur zu schätzen wissen und sie in allen Erscheinungsformen konsumieren, gibt es in unseren Breitengraden leider noch immer eine erstaunliche Unkenntnis und Ignoranz gegenüber einem Medium, das weltweit einzigartig ist. Und es sind die Leser selbst, die sich immer etwas wegzuducken scheinen, wenn es um den Heftroman geht, so als würden sie akzeptieren, dass man ihre Leidenschaft als etwas minderwertig betrachtet wird.
Und nicht nur das, selbst Autoren versuchen einer völlig veralteten Ansicht über Realitäten Rechnung zu tragen, in dem sie den Unglauben herausstellen oder der Unmöglichkeit des Plots Rechnung tragen. Das führt zu einer Verzerrung, die als „typisch deutsch“ betrachtet werden kann, so als wisse man um sein Laster und hoffe auf das Verständnis für diese angebliche Schwäche. Das ist die einfachste Art, die Herkunft des Textes zu erkennen. Internationale Autoren hingegen interessieren sich nicht für eine wie auch immer geartete deutsche Apologetik, die bei Lesern und Autoren gleichermaßen mitschwingt – sie schreiben, als wäre das, was sie erzählen, das normalste auf der Welt. Weiß man um diesen Aspekt, erkennt man leicht, warum gerade durch dieses merkwürdige Verhalten und Understatement die Prophezeiung eines „minderwertigen Mediums“ dann eben doch erfüllt wird. Man bleibt unter sich und von Selbstbewusstsein ist in den meisten Fällen nichts zu merken. Man muss allerdings auch anmerken, dass der Großteil dieser Heftchen tatsächlich unterirdisch geschrieben wurden – was freilich an der schieren Masse liegt -, aber es hat sich im Laufe der Jahrzehnte herausgestellt, dass viele der Autoren, die sich diesem Bereich widmen, vielen „Taschenbuchautoren“ überlegen sind, denn beides ist richtig: Autoren sind heute in vielen Bereichen besser als noch vor Jahren, während gerade gesellschaftlich anerkannte Unterhaltungsschriftsteller, die Bücher schreiben, merklich an Qualität verloren haben oder einfach nur langweilen.
Ziehen wir als Beispiel die Neuauflage des Gespenster-Krimis im Bastei-Verlag zur Rate, die am 23. Oktober 2018 startete und vielen alten Fans das wiederzugeben versucht, was sie bereits von 1973 bis 1985 begeisterte. Das Konzept besteht aus Nachdrucken alter Klassiker und aus neuen Geschichten, die vorher noch nicht erschienen sind. Neue Autoren scheitern aber sichtbar am Anspruch der alten Fans, was eine bestimmte Atmosphäre betrifft, die Erzähldichte und den Stil. Aber das ist bei Neuauflagen immer ein Balanceakt zwischen Bewahrung und Neuerfindung.
Morgan D. Crow und Musgrave Hall
Einer der neueren Autoren, die wahre Meister darin sind, eine spezifische Atmosphäre zu schaffen, die gleichzeitig gemütlich und spannend ist, ist Morgan D. Crow, der gleich mit seinen ersten Roman „Der Schrecken aus dem Meer“ (2022) ein Statement setzte, das niemandem entgehen konnte. Seine Geschichten spielen in England im Jahr 1926, und die Bände drehen sich um Musgrave Hall, Lady Eliza Fitzgibbon und ihren Freund Professor Harker. Was beim Lesen seiner Romane sofort auffällt ist die Sprachbeherrschung; Morgan transportiert seine Handlung zwar immer leichtfüßig, allerdings zeigt seine Wortwahl und sein Rhythmus ein erstaunliches Vermögen an poetischer Gabe, die niemals blümerant oder fehl am Platz wirkt. Es ist nicht selten, dass Autoren ihr Setting in der Vergangenheit aufbauen, aber man hat doch oft das Gefühl, dass sie sich nicht richtig in die Zeit hinein versetzen können oder sich grundsätzlich nur oberflächlich damit auseinandergesetzt haben. Das ist bei Crow nicht der Fall, selbst dann nicht, wenn er Professor Harker Erklärungen zu seinem Fachbereich – Aberglaube, Magie oder Archäologie – geben lässt. Das ist stets alles andere als Infodump und hat sogar mich, der ich ja gerade selbst in diesem Bereich arbeite, nicht selten mit der Zunge schnalzen lassen. Ungewöhnlich für das Medium ist auch die Tiefe und Lebendigkeit der Figuren. Natürlich hat ein Autor auf nur wenigen Seiten keinen Platz für definitive Figurenzeichnungen; die meisten müssen notgedrungen platt und oberflächlich bleiben, um den Fokus auf die Handlung zu legen. Aber Morgan braucht nicht viel, um wirklich jede Figur zum Leben zu erwecken. Das ist kein Trick, sondern die Liebe eines Autors zu seinen Figuren. Man kann sich leicht vorstellen, wie er sich selbst voller Neugier, wie es denn weitergeht, an die Tastatur begibt. Die besten Autoren lassen sich tatsächlich von ihren Figuren ihre Geschichte erzählen und versuchen nicht, alles selbst zu bestimmen.
Wer jetzt glaubt, dass Heftromanleser an eine gewisse Plakativität gewöhnt sind und die Feinheiten eines wirklich guten Autors gar nicht bemerken würden, der irrt auch hier. Zwar werden einige Morgan D. Crow einfach als einen der zahlreichen neuen Autoren sehen, die einen weiteren Versuch starten, ihr Ermittlerteam in den Ring zu schicken, aber die Reaktionen auf seine Musgrave-Romane sind für heutige Zeiten doch merklich positiv.
Interessant ist außerdem die Namensgebung, die Kennern bereits viel über die angesprochene Atmosphäre verraten kann. Da ist einmal natürlich Musgrave Hall, das einen direkten Verweis zu Musgrave Manor aus einer Sherlock Holmes-Geschichte darstellt, ein Herrenhaus, das seit vielen Jahrhunderten im Besitz der Familie Musgrave ist. Natürlich hat Lady Fitzgibbon von Musgrave nichts mit dieser Familie zu tun, deren Mann Henry vor Kurzem verstarb und nicht nur Elizas Ehemann war, sondern auch der Freund und Förderer von Professor Harker. Lady Fitzgibbon trägt hier den wundervollen Namen der normannischen Invasoren, die im 12. Jahrhundert nach Irland vorstießen.
Und Harker? Ist natürlich eine Referenz an Bram Stokers Jonathan Harker, der im Roman „Dracula“ ein Rechtsanwalt ist. Klingende Namen überall. Sieht man sich etwas im Netz um, hört man oft von einer Nähe zu den englischen Grafschaften einer Agatha Christie als grundsätzliches Setting, und obwohl ich das nicht bestätigen kann, ist doch klar, dass der Begriff Cozy Crime – also der „gemütliche Krimi“ durchaus der Vorsatz dieser „gemütlichen Gruselgeschichten“ sein kann. Wie die etwas schrullige Miss Marple ist auch Eliza Fitzgibbon eine etwas eigenwillige und sehr liebenswerte (wenn auch junge) Dame, die ein ausgesprochenes Faible für Schusswaffen hat. Auch ihr Butler Dillinger hat natürlich einen sprechenden Namen verpasst bekommen und wird als die definitive Figur eines loyalen englischen Butlers eingeführt, obwohl er witzigerweise deutscher Provenienz ist.
Die Referenzen enden aber keineswegs hier, man kann sich in jedem einzelnen Roman den Spaß erlauben, altehrwürdige Filme und Kriminalromane ausfindig zu machen, die wahrscheinlich in der Zeitfalte, die der Autor nutzt, zur Verfügung stehen. Und das ist ein Mehrwert, der natürlich nicht notwendig ist, um die großartigen Abenteuer zu genießen, aber wer sich dem Nerdtum verpflichtet fühlt, hat hier eine schöne zusätzliche Aufgabe vor sich, die zu einigen erstaunlichen Gimmicks führt.
Es bleibt mir nur die Aufforderung an alle, die möglicherweise – aus welchen irrationalen Gründen auch immer – Heftromane an sich meiden, sich hier persönlich zu überzeugen. Und zwar jetzt gleich.
Alle Musgrave-Romane inklusive einer Kurzgeschichte und einem Crossover mit der Reihe Professor Zamorra:
Gleich zu Beginn müssen wir zunächst über eine übersetzungstechnische Definition sprechen. Schauerliteratur meint hier Gothic Fiction. Das ist – wie so oft – kein adäquater Ersatz, soll uns aber hier vorerst genügen.
Was genau ist Schauerliteratur? Und auch hier stellen wir fest, dass es keine konkrete Definition gibt, ob wir das Genre nun Gothic nennen oder nicht. Aber es gibt einige Elemente, die Schauergeschichten tendenziell gemeinsam haben. Aber nicht alle Schauermären, ob nun als Literatur oder als Film, enthalten all diese Elemente.
Es verhält sich etwa so wie bei dem Wort „postmodern“. Es ist ein unglaublich schwer fassbarer Begriff, der sich einer strengen Definition und Kategorisierung entzieht und oft mehrere Dinge auf einmal bedeuten kann.
In der Schauerliteratur geht es weniger darum, welche Art von Handlung, Setting oder Figuren enthalten sind, sondern mehr um das Gefühl, das davon hervorgerufen wird. Wir verbinden die Schauerliteratur mit alten Burgen und Geistern, weil dies beliebte Elemente innerhalb des Genres sind – aber Autoren wie Mary Shelley, H.P. Lovecraft und Robert Louis Stevenson schrieben Schauergeschichten, die ohne diese Elemente auskamen.
Untersuchen wir doch einfach die Tropen, die das verbinden, was wir unter Gothic Fiction verstehen.
Hintergrund
Es war im 18. Jahrhundert, als sich der Roman als eine „neue“ literarische Form entwickelte, der aus einer Langform fiktionaler Prosa bestand. Dazu sei gleich vermerkt, dass es sehr wohl heftige Diskussionen darüber gibt, was als der erste Roman zu gelten hat und wie man ihn definiert. Während einige Literaturwissenschaftler ihn am 18. Jahrhundert festmachen, sind einige andere davon überzeugt, dass er wesentlich älter ist, auch wenn er da noch nicht als Roman bezeichnet wurde. Das soll hier nicht unser Punkt sein. Wichtig ist, dass er Buchdruck es ermöglicht hat, Bücher zugänglicher zu machen, was für die damaligen Verhältnisse bedeutete, dass Literatur nicht mehr nur einem Club der Oberschicht zur Unterhaltung zur Verfügung stand.
Eine zweite Sache, auf die hingewiesen werden muss, ist das, was als Rückschritt von der neoklassischen Bewegung zu erkennen ist, die Logik und Vernunft über Emotionen stellte. Dies führt uns zum sentimentalen Roman, bei dem es ich um Werke handelte, die eine emotionale Reaktion des Lesers hervorrufen sollten, im Gegensatz zu Geschichten, die nur die Wirkung einer Geschichte betonten. Der Roman sollte eine Erfahrung sein, nicht nur eine Geschichte. Ich möchte anmerken, dass der sentimentale Roman zwar die Emotion betonte, dies aber auf realistische Weise tat, indem er den Alltag erkundete und oft als Lehrstück über die Gesellschaft oder das Verhalten in ihr (besonders an Frauen adressiert) galt.
Die Gotik selbst entstand als ein Stil der mittelalterlichen Architektur, der in Frankreich zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert seine Blüte erreichte. Erst in der Renaissance (14. bis 17. Jahrhundert) wurde der Begriff allerdings auch allgemein verwendet. Die gotische Architektur, die in großen Kathedralen und Kirchen ihren eigentlichen Stil entwickelte, weckte natürlich die Emotionen; ein Gefühl der Größe, des Erhabenen. Etwas, das Ehrfurcht und gleichzeitig Furcht erregt. Dieser Stil hat dann allmählich nachgelassen, wurde aber kurz darauf während der gotischen Renaissance des 18. Jahrhunderts wiederbelebt. Seine Popularität wuchs im Laufe des 19. Jahrhunderts rapide an, und fand seinen Schauplatz in vielen großen Romanen des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts.
Die Goten waren ein germanischer Stamm, der das Römische Reich jahrhundertelang bekämpfte und eine große Rolle bei der Gestaltung des mittelalterlichen Europas und der englischen Sprache, wie wir sie kennen, spielte. Man könnte annehmen, dass die „gotische Architektur“ von diesen Leuten stammt, aber das ist ein Irrtum. In der Renaissance begannen die Menschen, die griechisch-römische Architektur wieder zu entdecken, und sie nannten sie „gotisch“, nicht weil das die Gebäude der Goten waren, sondern weil sie die Bauweise, wie den besagten Stamm, für „barbarisch“ hielten. Der Name blieb hängen.
Schlösser und Verliese
Während dieser Zeit trat Horace Walpole auf den Plan. Walpole fand den modernen Roman zu eng gestrickt für die Fantasie, aber die alte Romanze des Mittelalters wiederum als zu unglaubwürdig:
„Er (Walpoles Roman) war ein Versuch, die beiden Arten der Romantik, die alte und die moderne, zu verbinden. In der ersten war alles Fantasie und Unwahrscheinlichkeit: In der zweiten ist die Natur immer dazu bestimmt, mit Erfolg kopiert zu werden und manchmal auch kopiert worden. Der Erfindungsreichtum hat nicht nachgelassen; aber die großen Ressourcen der Fantasie wurden durch eine strenge Einhaltung des Alltagslebens verdorben.“ – Walpole aus dem Vorwort zur zweiten Ausgabe von „Das Schloss von Otranto“
So sah Walpole die mittelalterliche Literatur insofern als großartig an, als sie der Fantasie die Freiheit gab, sich Monster und mythologische Kreaturen vorzustellen, aber der Leser war so weit von den Geschehnissen entfernt, dass er das erhöhte Gefühl nicht auf die gleiche Weise bekam wie von einem modernen Roman.
Während der moderne Roman jedoch ein angenehmes Gefühl hervorrief, war er auf den Alltag beschränkt und behinderte die Vorstellungskraft. Walpole beschloss, einen Roman zu schreiben, der seiner Fantasie freien Lauf ließ, aber die Geschichte auch auf eine Weise präsentierte, die diese emotionale Verbindung ermöglichte, nach der sich die Leser in der besagten Zeit zu sehnen schienen. Das Ergebnis war das „Schloss von Otranto“, das als erstes Werk der Schauerliteratur gilt und im Jahre 1764 erschien.
Die erste Ausgabe von Otranto ließ die Leser glauben, dass es sich um ein gefundenes Manuskript aus der fernen Vergangenheit handelte und dass Walpole nicht der Autor, sondern der Übersetzer des Manuskripts war. Das war auch zu dieser Zeit nichts Neues – sentimentale Romane verwendeten diese „Methode“ oft, um den Leser tiefer eintauchen zu lassen, indem man sie glauben ließ, dass sie Geschichte auf Tatsachen beruhte (z.B. ein Briefroman, der als Sammlung echter Briefe präsentiert wurde). Aber die kritische Akzeptanz gegenüber Otranto änderte sich, als Walpole in der zweiten Auflage erwähnte, dass er der Autor sei.
Diese zweite Ausgabe wurde mit dem Untertitel „A Gothic Story“ versehen. Interessant ist, dass Walpole ein verfallenes Haus gekauft und mit Merkmalen, die von der gotischen Architektur des Mittelalters inspiriert sind, mit Türmen und aufwändigen Entwürfen wieder aufgebaut hat. Sein Entwurf von Strawberry Hill House inspirierte andere, das Gleiche für ihr eigenes Zuhause zu tun. In dieser Zeit erleben wir also eine Art Wiederbelebung der gotischen Architektur. (Hier wird klar, warum „Schauerliteratur“ eindeutig zu kurz greift).
Walpoles Faszination für gotische Architektur beeinflusste seinen Roman und die Untertitelung als „Gothic Story“. Es ist auch nicht verwunderlich, dass Walpoles Otranto eine Burg und ein mittelalterliches Ambiente bietet. Otranto diente als Ausgangspunkt all jener Elemente, die in späteren Romanen dieses Genres verstärkt vorhanden sein würden.
Das vielleicht grundlegendste Merkmal des neuen literarischen Stils ist die symbolische Bildsprache. In Walpoles Roman ist die Architektur des Schlosses selbst ein mächtiges gotisches Ikonenbild, das wir seitdem immer wieder gesehen haben. Auf Isabellas Flucht vor Manfred werden dem Leser die strukturellen Bestandteile des Schlosses veranschaulicht, während sie durch die verschiedenen Abschnitte und Gänge des Schlosses flieht. Das Schloss wird beschrieben als eine große Galerie mit einer labyrinthischen Struktur, mit Kammern, geheimen Falltüren und unterirdische Pforten. Die wichtigste Rolle der Burg besteht jedoch darin, dass sie der Schauplatz übernatürlicher Ereignisse ist, die während der gesamten Erzählung präsent sind.
In Richtung Fin de Siècle
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts folgten Ann Radcliffes „Die Geheimnisse von Udolpho“ und Matthew Lewis‘ „Der Mönch“. Beide sind in großen Gebäuden (eine Burg und eine Kirche) untergebracht und behandeln Themen der Religion, des Übernatürlichen und der Gefangenschaft. 1816 wurde John Polidoris „Der Vampyre“ geboren, die erste Vampirgeschichte, die auf Englisch geschrieben wurde. Im selben Jahr veröffentlichte Mary Shelley „Frankenstein oder der modern Prometheus“, der, ähnlich wie die Vampirfigur, den makabren Schrecken der Auferweckung der Toten mitbrachte. Diese bahnbrechende Geschichte betonte jedoch die Rolle der Wissenschaft und die Gefahren, die sich ergeben, wenn der Mensch Gott spielt. Man kann natürlich auch sagen, dass es sich hier um eine Verschmelzung von Schauerliteratur und Science Fiction handelt.
1840 erschienen die Kurzgeschichten „Tales of the Grotesque und Arabesque“ von Edgar Allan Poe. Sie zeigen nicht nur viele der oben genannten traditionellen Themen der Schauerliteratur, sondern auch psychologischen Schrecken – den „Schrecken der Seele“.
In der Mitte des Jahrhunderts entstand die weibliche Variante der Gothic Novel mit dem Roman „Sturmhöhe“ von Emily Bronte. Der Roman zeigte, wie Frauen oft in einem häuslichen Umfeld gefangen sind und von Männern dominiert werden. Natürlich wurde das Buch gefeiert und gleichzeitig verabscheut. Den nächsten Höhepunkt verzeichnen wir 1871 mit Joseph Sheridan Le Fanus „Carmilla“. Obwohl sich „Carmilla“ von Coleridges unvollendeten Gedicht „Christabel“ beeinflusst zeigt, war die Geschichte selbst sehr einflussreich. Die „Abweichung“ der weiblichen Sexualität war in diesem Roman, insbesondere nach viktorianischen Maßstäben, explizit und ebnete den Weg für den Vampir als sexuelle Metapher.
Es sind jedoch vielleicht die letzten dreißig Jahre des neunzehnten Jahrhunderts – weithin als das Fin de Siécle angesehen -, in denen eine Reihe Edelsteine der Schauerliteratur zu finden sind. In dieser kurzen Zeitspanne haben wir plötzlich Robert Louis Stevensons „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, Vernon Lees „Hauntings“, Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“, Bram Stokers „Dracula“ und viele Kurzgeschichten, die in viktorianischen Zeitschriften in serialisierter Form erschienen. Obwohl diese Geschichten heute weit verbreitet sind, erzeugten sie zum Zeitpunkt der Veröffentlichung einen ziemlichen Aufruhr, und es ist nicht schwer zu verstehen, warum; dies sind Romane, die die Wissenschaft der Religion vorzogen, das verdrängte „Böse“ des Menschen auftauchen ließen und offene homosexuelle Wünsche darstellten. Die Schauerromantik beschäftigt sich also mit dem Tabu. Es war ein Genre, das durch das Übernatürliche, das Phantastische und das Fremde eine Diskussion über alles, was bis dahin unterdrückt wurde, ermöglichte.
Moderne Zeiten
Die Schauerliteratur ist über all die Zeit nie wirklich verschwunden, ob sie nun verlacht oder scharf kritisiert wurde. Ganz im Gegenteil hat sie einige gesellschaftliche Veränderungen einfach mitgemacht und zeigt ihre ungeheure Flexibilität. In den 1920er Jahren finden wir die produktiven Schriften von H.P. Lovecraft. Seine Ästhetik ist gotisch angehaucht, aber sein Thema und sein Schreibstil orientieren sich mehr an der Science Fiction. Wie wir jedoch bei Shelleys „Frankenstein“ gesehen haben, passen diese beiden Genres nicht schlecht zusammen.
In den 1940er Jahren kam es zu einer weiteren Verschmelzung von Genres durch Mervyn Peakes epischer Trilogie, die im Schloss Gormenghast angesiedelt ist – eine wunderbar übertrieben barocke Welt, die Schauer- und Fantasy-Literatur durchdringt. Das Werk ist bekannt dafür, dass es großen Einfluss auf so produktive Schriftsteller wie Michael Moorcock und Neil Gaiman hatte.
Als nächstes auf unserer Liste steht Shirley Jacksons „Spuk in Hill House“. Wie viele von Poes Kurzgeschichten und Henry James‘ „Das Durchdrehen der Schraube“ ist Hill House strenggenommen ein Psychothriller. Obwohl es sich um eine Spukhausgeschichte handelt, verwischt sie die Grenzen zwischen „tatsächlichem“ Spuk und psychologischem Spuk. Dies ist ein weiblicher Exeget des gotischen Romans, der sich mit dem Verdrängten und der Auflösung von Grenzen zwischen dem Geist und allem Äußeren beschäftigt. Er folgt der amerikanisch-gotischen Tradition des Spukhauses, das sich zwangsläufig mit der weiblichen Angst vor Eingesperrtheit und Psychose auseinandersetzt.
Eine weitere Variante der amerikanischen „Gothic Haunted House“-Tradition ist dann durchaus eine der bekanntesten. Natürlich handelt es sich um Stephen Kings „Shining“. Selbstverständlich handelt es sich hierbei in erster Linie um klassischen Horror, aber King spielt hier mit vielen Tropen der Schauerliteratur, so dass dieser Roman zumindest an dieser Stelle erwähnt werden muss. Hauptsächlich spielt sich die Handlung im Overlook Hotel ab, einem abgelegenen Ort, an dem es viele verwinkelte Räume und Gänge gibt. Es treten Ereignisse auf, die nicht erklärt werden können. Obwohl nicht offensichtlich übernatürlich, sind wir uns bewusst, dass hier das Psychologische so auf die Spitze getrieben wird, dass die Grenze zum Paranormalen nicht mehr zu erkennen ist. Nehmen wir als Beispiel die Heckenschnitt-Tiere, die zum Leben erwachen. Wir haben es durchaus mit Geistern oder vielmehr mit Überresten der Vergangenheit zu tun, die auf einer Linie zwischen Leben und Tod schweben. Sogar Tony ist eine Manifestation von Dannys verdrängten Problemen, denen er sich nicht stellen will. Damit entsteht erneut die „Rückkehr der Unterdrückten“, jene Problemstellung, die es der Schauerliteratur erlaubt, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die von der Gesellschaft oft als tabu angesehen werden. Wahnsinn, Enttäuschung und unerklärliche Ereignisse drücken „The Shining“ also zumindest in die Nähe der Gothic Novel, was auch für Kings „Brennen muss Salem“ gilt.
Die „Vampir-Chroniken“ von Ann Rice, die zwischen den 1970er Jahren und 2014 entstanden sind, sollten ebenfalls kurz erwähnt werden. Diese Romane sind weit entfernt vom „traditionellen“ Vampir, der stets als reines Übel dargestellt wurde. Selbstbeobachtend, schuldbewusst und charismatisch ebnete das Vampirpaar Lois und Lestat den Weg für den grüblerischen, romantischen Vampir in der Populärkultur. Rices Serie war entscheidend, um das Interesse am Vampirmotiv wieder zu wecken und die Schauerliteratur einem neuen Publikum vorzustellen.
Dieser Artikel soll eine kleine Einführung in die Schauerliteratur sein. Natürlich kann er nur an der Oberfläche kratzen. Zusammengefasst lassen sich folgende Eigenschaften zusammenfassen, die dem Genre ihren Stempel aufdrücken:
Eine dunkle und drohende Atmosphäre
Unheimlichkeit bis zum tatsächlichen Horror
Geheimnisvolle und oft unerklärliche Ereignisse
Der überwiegende Teil spielt sich in einem isolierten, großen Haus, Schloss etc. ab
Es gibt eine Prophezeiung oder einen Familienfluch
Omen, Vorzeichen oder Visionen
Religion
Psychologische Traumata
Eine Rückkehr des Verdrängten
Um die Dinge noch etwas komplizierter zu machen, gibt es auch hier verschiedene Subgenres. So gibt es neben der traditionellen Gothic Novel die American Gothic, die Southern Gothic, die Modern Gothic, die Postmodern Gothic … und was man sich sonst noch vorstellen mag. Aber das ist ein anderes Thema.
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