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Joe Abercrombies Klingen-Trilogie

Abercrombie betrat die Bühne im Jahre 2006 als ein junger Filmeditor, der sich der Schreiberei zuwandte. Sein erstes Manuskript, „The Blade itself“, wurde vom britischen Verlag Victor Gollacz Ltd. gekauft. Interessanterweise erschien die deutsche Ausgabe bei Heyne im selben Jahr, während der Roman in den USA erst 2008 herausgegeben wurde (da hatte Abercrombie seine Trilogie mit „Before They Are Hanged“ und „Last Argument of Kings“ bereits abgeschlossen). Das ist deshalb gesondert hervorzuheben, weil Abercrombie, wie wir gleich sehen werden, zu einer günstigen Zeit ins Feld schoss.

Ich begrüße euch zur Buchbesprechung der sogenannten Klingen-Trilogie von Joe Abercrombie, die im Original „First Law-Trilogie“ heißt und aus folgenden Büchern besteht: „The Blade itself“, „Before they are hanged“ und „Last Argument of Kings“. Heyne hat – wie üblich, Überschriften gewählt, die im Gegensatz zu den sprechenden Titeln eine einzige Frechheit sind, an die sich das deutsche Publikum jedoch mittlerweile gewöhnt haben dürfte: Kriegsklingen, Feuerklingen und Königsklingen.

2003 hat R. Scott Bakker sein „The Darkness that Comes Before“ veröffentlicht, epische Fantasy mit einer extremen Überbetonung der schmutzigen Seite des Geschichtenerzählens. Manche nannten das mutig. Zu der Zeit, als Abercrombie seine Romane begann, schien sich gerade ein neues Subgenre herauszubilden – Grimdark (wörtlich sowas wie “trostlosdunkel”). Es ist fast unmöglich, Grimdark sinnvoll zu definieren. Manche nennen es einfach Realismus.

Betrachtet man Abercrombie unter dieser Begrifflichkeit, dann liefert er die Quintessenz des Grimdark, so wie etwa William Gibson die Quintessenz des Cyberpunk liefert. Nicht der Stammvater, aber die Ikone, der Fachmann. Oft wird nämlich vergessen, dass bereits Autoren wie John M. Ford (Web of Angels) oder sogar Philip K. Dicks “Träumen Roboter von elektrischen Schafen?” den Grundstein für Gibsons Aufstieg legten. Genauso gut kann man sagen, dass Grimdark bereits in Robin Hobbs Weitseher-Trilogie, Michael Moorcocks „Elric“, und George R.R. Martins „Lied von Eis und Feuer“ angelegt ist. Aber Cyberpunk wurde trotzdem nicht eher geboren, bevor Gibson nicht die ganze Maschinerie mit seinem „Neuromancer“ anwarf. Und auch Grimdark wurde erst zum Begriff durch Abercrombies „The Blade itself“.

Hinter der Tatsache, dass FIRST LAW der Inbegriff des Grimdark überhaupt ist, verbirgt sich eine weitere Erkenntnis: Abercrombie nimmt sich die epische Fantasy vor und verspeist diese zu Mittag.

Ich vermute, dass manche Autoren Antihelden nur aus dem Grund heraus kreieren, um das Klischee, das mit dem Heroismus einhergeht, zu umgehen. Allerdings wird in den Händen eines wenig begabten Schriftstellers der Antiheld zu ebensolchem Klischee wie der Held. Grimdark Fantasy kann genauso abgestanden wirken wie die schlimmste heroische Fantasy.

In Joe Abercrombies Buch (über das bereits verdammt viel im Internet gesagt wurde), sind die POV-Protagonisten (Point Of View-Charakter) ein Berserker, ein Folterknecht und ein Dandy. Das sieht zu Beginn stark danach aus, als hätten wir es hier mit besagtem Klischee zu tun. Aber das ist definitiv nicht der Fall.

Die Linie zwischen gut und böse ist in Abercrombies Werk sehr verwaschen. Am Deutlichsten tritt das bei Sand dan Glokta, dem Folterknecht, zu Tage. Glokta war einst die Berühmtheit den ganzen Königreichs, tapfer und schneidig, ein Turniersieger und vollendeter Liebhaber. Er führte einen legendären Sturm gegen die feindlichen Gurkish an. Und dann wurde er gefangen genommen. Und gefoltert. Auf heftige Weise. Der Glokta, der nach Hause zurückkehrte, als der Krieg zu Ende war, wurde von niemandem mehr wiedererkannt. Nicht länger mehr die heldenhafte militärische Berühmtheit, widmete er sich dem Geschäft, auf das er sich aufs Beste verstand: Er lässt Menschen leiden. Er erzwingt Geständnisse und zerstört Leben. Und er genießt es, das ist nicht zu leugnen. Schmerz umgibt ihn in jedem Augenblick: sein eigener, und jener, den er herbeiführt.

Er ist keiner von den Guten. Aber er ist auch kein amoralischer Sadist, wie er in minderwertigen Romanen oft zu finden ist. Im Gegenteil also: Glokta ist verwirrt, um es gelinde auszudrücken, Reste seiner Großzügigkeit und Nachsicht gelangen immer mal wieder an die Oberfläche.

Über die Spanne von drei Büchern hinweg gelingt es Abercrombie sogar, den Leser mit Glokta mitfühlen zu lassen. Das stete Aufzeigen von Gloktas eigenen Schmerzen leistet das allerdings nicht. Eher macht das seine Berufswahl umso abstoßender. Man ist als Leser gleichermaßen hin und her gerissen.

Abercrombie vermeidet einen plötzlichen Sinneswandel. Welpen aus einem brennenden Haus retten? Nichts von diesem Mist. Gloktas “gute Seite” wird nur allmählich sichtbar – und es gibt nicht viele Episoden davon.

Wenn tatsächlich also so etwas wie Verständnis mit diesen heruntergekommenen Leuten entsteht, dann weil Abercrombie sich erlaubt, die Figuren sich permanent selbst infrage zu stellen. Die Sicherheit ihrer Handlungen, insbesondere die moralische Sicherheit, die unerschütterliche Selbstrechtfertigung, bringen ausschließlich die sehr üblen Schurken mit. Das abgefuckte Trio, bestehend aus dem Folterknecht, dem psychopathischen Barbaren und dem Gecken, gewahren ihren Anstand durch gelegentliche Selbstzweifel. Bei Glokta ist das zweifellos am konstantesten zu beobachten, nicht zuletzt durch die heftige Selbstironie. Er fühlt sich niemals wohl, ist nie im Einklang mit dem, was er tut, sucht aber auch keinen Weg, dem zu entkommen. Der Nordmann Logen alias “Der blutige Neuner”, ist einer der rücksichtslosesten Killer auf der Welt, aber er hinterfragt seine Taten. Der Geck, Jezal dan Luthar, wird zunächst als ein unsympathischer Egoist dargestellt, aber je mehr Macht und Verantwortung er erhält, desto weniger mächtig fühlt er sich, die Sympathie des Leser steigt.

Eine Methode, die Abercrombie anwendet und die aus der modernen Literatur kaum wegzudenken ist, betrifft den Stil der POV-Figuren. Die Szenen mit den Nordmännern sind kurz, unverblümt und harsch. Die Szenen des Folterknechts hingegen sind länger. Der Sarkasmus und die Selbstbetrachtungen des Charakters werden kursiv dargestellt und sind allgegenwärtig. Diese Technik wird ausschließlich bei Sand dan Glokta angewandt.

Robert Jordan und George R.R. Martin verwenden die Technik des figurenbasierenden Stils ebenfalls. Das ist hilfreich, um zahlreichen Subplots zu folgen und erfüllt eine ähnliche Aufgabe wie ein Bild, das man betrachtet und wiedererkennt. Es wird dadurch für den Leser einfacher, sich sofort in die Szene hineinzufinden und sich mit dem jeweiligen Charakter/Stil zu identifizieren. Abercrombie indes macht dies herausragend, sein Werk hat nichts wortschinderisches, aufgeblasenes, wie Martin und Jordan in ihren schwachen Momenten.

First-Law ist perfekt ausbalanciert, brutal, witzig, schockierend und poetisch.

Es ist natürlich wahr, dass die First-Law-Trilogie zur epischen Fantasy gehört. Sie ist eine Antwort auf Robert Jordan und eine perfekte Ergänzung zu George R.R Martin. Ironischerweise beginnt alles mit einem Zitat aus dem ersten Werk der epischen Fantasy schlechthin: Homers Odysee:

“Die Klinge selbst verführt zu blut’ger Tat.”


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