Bizarre Automaten

1867 fand in Paris die Weltausstellung statt, die jedes Wunder zeigte, das nach Frankreich geliefert werden konnte. Mark Twain schrieb über seine Erfahrungen dort in „Die Arglosen im Ausland“ und beschrieb John Joseph Merlins berühmteste Schöpfung:

Ich beobachtete einen silbernen Schwan, der die Anmut des Lebendigen in seinen Bewegungen besaß und eine lebendige Intelligenz in seinen Augen erkennen ließ – und sah ihn so bequem und unbesorgt dort schwimmen, als wäre er im Sumpf statt in einem Juweliergeschäft geboren worden … (Übers. M. Perkampus)

In den letzten Jahren haben Automaten einen Boom erlebt, von Steampunk-Konstruktionen bis hin zu Mecha. Aber dieses Interesse ist nicht neu: Seit Jahrhunderten richtet die Menschheit ihr Augenmerk auf die Umsetzung ihrer Ideen in Sachen Physik und Ästhetik in weitgehend nutzlose, aber fantastisch aussehende Nachbildungen der natürlichen Welt. Von Schwänen bis zu Soldaten, von Eulen bis zu Schreibern, die Welt ist ein Vorbild für mechanische Wunder (oder manchmal für einen halbwegs ordentlichen Schwindel). Hier ist ein kurzer Blick auf einige der schönsten Automaten der Geschichte.

Automaten der Antike

Diese mechanischen Wunderwerke begannen ihre Karriere nicht als überwältigendes ästhetisches Statement. Eine der frühesten bekannten chinesischen Maschinen war der Kompasswagen, ein Mechanismus, bei dem ein Männchen aus Ton als Kompass diente und der vor mehreren Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung benutzt wurde.

Der „Silberne Schwan“ im Bowes Museum (Nordengland)

Viele der Automaten des antiken Griechenland wurden auch als Lehrmittel oder der neuste Schrei und nicht als Wunder angesehen (z.B. ein wasserbetriebenes Spielzeug, in dem Herakles mit einem Knüppel einen Drachen schlägt). Diese frühen Maschinen waren jedoch die Grundlage für die Entwicklung von Robotern. Heron von Alexandrien war ein produktiver Erfinder praktischer Mechanismen, und viele der von ihm entwickelten Technologien würden später ihren Weg in die silbernen Schwäne der späteren Generationen finden.

In der Mitte des achten Jahrhunderts zeigte der Kalif von Bagdad windbetriebene Androiden vor den Toren des Palastes. Ein Jahrhundert später (nach der genauen Analyse der Techniken von Heron von Alexandrien) rühmte sich der Palast auch eines goldenen Baumes, auf dem mechanische Vögel mit den Flügeln schlugen. Noch raffinierter war Al-Dschazarīs Wasserschöpfwerk; wenn der Schwanz gezogen wurde, ergoss sich Wasser in ein Becken, und das aufsteigende Wasser hob eine Statue an, die Seife und ein Handtuch anbot. Obwohl das Werk auch einen Spülmechanismus besaß, war das Stück eher schön als nützlich – ein Trend, der sich auch fortsetzte, als die Technologie die Phantasie einholte.

Leonardos Roboter mit Innenleben; Berlin

Kein Wunder, dass Leonardo Da Vinci zwischen der Erfindung des Hubschraubers und seinen zehnminütigen Nickerchen an die Reihe kam und ebenfalls einige schöne Maschinen entwarf. Um 1495 entwickelte er einen humanoiden Automaten; es gibt keine Beweise dafür, dass der Mechanismus (der in einer Rüstung untergebracht werden sollte) jemals gebaut wurde, obwohl er bei seiner Rekonstruktion im zwanzigsten Jahrhundert wirklich funktionierte. Weniger bekannt sind vielleicht seine mechanischen Löwen. Einer, den er 1515 baute, um Franz I. in Lyon willkommen zu heißen, lief vorwärts, um den König zu begrüßen, und als er gestreichelt wurde, enthüllte er eine Lilie auf seiner Brust. Er feierte 1517 eine weitere Premiere, die auch mit dem Schwanz wedeln und den Kopf schütteln konnte.

Da technologische Verbesserungen eine höhere mechanische Komplexität ermöglichten, wuchs weltweit das Interesse, die mechanische Leistung nicht nur funktional, sondern auch ästhetisch zu gestalten. Im achtzehnten Jahrhundert hatten mehrere Erfinder ein reiches Kunsthandwerks geschaffen.

Das 18. Jahrhundert – Das goldene Zeitalter

(c) muza-chan.net

In dieser Epoche entstand in mehreren Kulturen der Wunsch, den Automaten mit der Illusion eines Innenlebens zu füllen. Eines der besten Beispiele für diese Ästhetik sind Japans Karakuri ningyō (mechanische Puppen). Im siebzehnten Jahrhundert entstanden, waren diese kleinen Androiden im achtzehnten Jahrhundert bereits alltäglich. Am verbreitetsten waren die Zashiki karakuri, ein Luxusartikel für den Haushalt. Ihr Schwerpunkt lag auf lebensechter Anmut, und ihre einzige Aufgabe war es, Tee zu servieren, bzw. eine Tasse Tee über den Tisch zu einem Gast zu bringen.

Die Idee des stimmungsvollen Mech war damit aber noch nicht am Ende angelangt; marionettenbasierte Dashi-Karakuri-Shows und mit Uhrwerk ausgestattete Butai-Karakuri-Theatertruppen waren damals in aller Munde.

In Europa herrschte eine andere Ästhetik vor. Der silberne Schwan von Jean-Joseph Merlin, der Mitte des 18. Jahrhunderts gebaut wurde, war ein Paradebeispiel für die europäischen Automaten seiner Zeit: detailgetreu aus Edelmetall gefertigt, mit aufwändiger Mechanik, die es ihm ermöglichte, eine typische natürliche Handlung nachzustellen. Vor allem hatte der Automat keine praktische Funktion; er tat nicht so, als wäre er etwas anderes, um den Einfallsreichtum seines Herstellers unter Beweis zu stellen.

Der erste Besitzer des Schwans war James Cox, selbst ein Meister der Kunst. Er ist verantwortlich für die Pfauenuhr, ein Geschenk an Katharina die Große. Die riesige Uhr zeigte einen lebensgroßen Pfau, der auf einer kleinen Eiche thront, umgeben von Vögeln und Tieren aus Edelmetall. Wenn die Uhr schlägt, dreht eine Eule in einem silbernen Käfig ihren Kopf, sobald sich die Glocken auf dem Käfig ebenfalls drehen und läuteten; ein Hahn hebt seinen Kopf und kräht, und der Pfau hebt und spreizt die einzelnen Federn seines Schwanzes.

Pfauenuhr; Eremitage Sankt Petersburg

Die Bewegungsmuster der James Cox-Pfauenuhr waren zarter und naturalistischer als die des Schwans (und etwa dreimal schneller), der nur wenige Jahre vorher gebaut worden war. Sollte diese Liebe zum Detail und zur mechanischen Belastbarkeit für andere Zwecke genutzt werden, könnten die Ergebnisse sogar noch beeindruckender werden.

Der „Zeichner-Schreiber“ von Henri Maillardet

Einer der erstaunlichsten Funde dieser Art ist Henri Maillardets „Der Zeichner-Schreiber“. Diese Erfindung des achtzehnten Jahrhunderts wurde erst im zwanzigsten Jahrhundert entdeckt und wieder zusammengebaut. In Bewegung gesetzt, brachte die menschliche Figur einen Stift aufs Papier, aber anstatt nur die Bewegungen nachzuahmen, produzierte das mechanische Gedächtnis des Zeichners vier Zeichnungen und drei Gedichte. Eines dieser Gedichte trug die Signatur „Written by the Automaton of Maillardet“, damit auch jeder wusste, wer den Automaten gebaut hatte. Ungeachtet der Spielerei zeigten die bemerkenswerten Ergebnisse dieses Androiden eine bisher unerreichte Komplexität.

Durch die gelenkigen Pfauen und automatisierten Zeichner, die aufkamen, schien es, dass der nächste große Schritt für den Menschheit eine Maschine sein würde, die über die bloße Abbildung hinausgeht. Die Welt wollte eine Maschine, die die Natur wirklich nachahmt – oder, noch besser, für sich selbst denkt.

Die Schwindeleien – Zu schön, um wahr zu sein

Zwei der berühmtesten Automaten des achtzehnten Jahrhunderts behaupteten, das Ziel erreicht zu haben, realer als real zu sein. Die mechanische Ente schien der Natur in ihrer Fähigkeit, Nahrung zu verarbeiten und zu verdauen, ebenbürtig zu sein, und der Schachtürke war eine Schachspielanlage, die vorgab, endlich der Automat zu sein, der vernünftig handeln konnte.

Das klang zu gut, um wahr zu sein.

Und so war es.

Die mechanische Ente

„Die mechanische Ente“, gebaut von Jacques de Vaucanson, war eine Ente mit unerträglichen Details und über 400 Flügelfedern. Vaucanson behauptete, dass die Ente innerlich genauso originalgetreu war. Und tatsächlich konnte die Ente Getreide essen; die Erklärung dafür war, dass innerhalb der Ente (ein komplizierter Mechanismus, der auf Skizzen nur unzulänglich wiedergegeben werden kann) das Getreide verstoffwechselt wurde; kurz nach dem Essen kotisierte die Ente. Bei ihrem ersten Auftritt sorgte sie für Aufsehen. Erst später erfuhr ein enttäuschtes Publikum die Wahrheit: Die Ente hatte zwei getrennte Fächer, eines an der Kehle, um das Getreide aufzufangen, und eines, in das der unvorstellbar hingebungsvolle Vaucanson den Kot vorverpackt hatte.

Weniger biologisch, aber nicht minder genial, war der Türke. Der Türke, der erstmals im späten achtzehnten Jahrhundert ausgestellt wurde, war ein lebensgroßer männlicher Torso auf einem großen Schrank. Die Schranktüren konnten geöffnet werden, wodurch Mechanismen im Inneren sichtbar wurden, und die Maschine demonstrierte Geschicklichkeit beim Schach und gewann mehrere Partien gegen menschliche Gegner, darunter Napoleon. Sein Ruhm wuchs schnell – aber es schwang auch immer die Ahnung mit, dass es sich um einen Schwindel handeln musste (das war der Nachteil, wenn man sich dem Publikum nach einer kackenden Ente stellen musste).

Heinz Nixdorf Museums-Forum; (c) HNF

Die Skeptiker hatten Recht, obwohl es mehrere Jahrzehnte gedauert hat, bis das Rätsel endlich gelöst war. Es war bewundernswert komplex: Ein Spieler saß im Schrank auf einer beweglichen Plattform außerhalb der Sichtweite von sich öffnenden Türen und agierte, indem er das Spiel über magnetisierte Saiten bei jeder Partie überwachte und die Arme der Marionette betätigte, um seinen Zug zu machen.

Der Türke war die letzte der großen mechanischen Schwindeleien; die industrielle Revolution in Europa wandelte die Maßstäbe des technologischen Fortschritts vom Fantasievollen zum Nützlichen um (das ein Spektrum abdecken, das neue Produktionsausrüstungen und die Lovelace/Babbage-Rechenmaschine umfasste). Die persönlichen mechanischen Launen in den europäischen Häusern des 19. Jahrhunderts verringerten sich auf den Anwendungsbereich von Musikdosen und Kinderspielzeug, die – obwohl sie es wollten – niemanden mehr verwunderten.

Das 19. Jahrhundert – Grenzüberschreitende Uhrwerke

Die Automaten des 19. Jahrhunderts waren nicht mehr erstaunlicher als die Maschinen der Industrie. Ihr Wert lag in ihrer Bedeutung, nicht in ihrer Herstellung. So wurden sie zweckorientiert eingesetzt – etwa in der Diplomatie.

Einer der bemerkenswertesten Automaten des 19. Jahrhunderts war Alamet. 1889 besuchte ein japanisches diplomatisches Kontingent Istanbul; im Rahmen des anschließenden Informations- und Geschenkaustauschs gab Sultan Abdulhamid Han eine Uhr in Auftrag, die sowohl technische Fähigkeiten demonstrierte als auch zur kulturellen Einsicht diente.

Das Ergebnis war Alamet („Wunder“ oder „Medaille“), eine Uhr, die in eine lebensgroße Gold- und Silberreplik eines wirbelnden Derwischs gehüllt war; einmal pro Stunde drehte er sich und öffnete die Arme, und ein eingebauter Phonograph spielte eine Aufnahme von azān (dem Aufruf zum Gebet) ab.

Dieser Automat, einer der ersten, der als ausdrücklich kulturübergreifendes Produkt konzipiert wurde, war ebenso ein Markenzeichen seiner Zeit wie der silberne Schwan. Im neunzehnten Jahrhundert schrumpfte die Welt, da die Erforscher sowohl akademischer als auch kolonialistischer Kulturen in engen Kontakt miteinander kamen. Die Umstände, die zu Alamets Entwurf führten, waren ein Paradebeispiel für den Druck der Globalisierung: die Fähigkeit, die eigene Kultur für die Erfahrung anderer zu verdichten, sowohl in pädagogischer Hinsicht als auch in dem Bestreben, Außenstehende zu beeindrucken. Obwohl in späteren Aufzählungen weitgehend vergessen, gilt Alamet als faszinierende Momentaufnahme einer sich schnell verändernden Welt.

Das zwanzigste Jahrhundert und darüber hinaus: Was nun?

Das zwanzigste Jahrhundert sah so schnelle und gewaltige technologische Sprünge, dass sich Maschinen nicht mehr über Jahrhunderte, sondern über Jahrzehnte entwickelten. Die Automaten des zwanzigsten Jahrhunderts tendierten dazu, unter der Prämisse von zwei Prüfsteinen entworfen zu werden: entweder als Ausdruck der ästhetischen Nostalgie oder unter dem zunehmenden Drang , das wahre Bewusstsein zu replizieren.

Ersteres nahm mit dem japanischen Roboter Gakutensoku Gestalt an, der in den 1920er Jahren gebaut wurde und technisch hochkomplex war, vor allem in der Gestaltung seines Gesichts (das seine Ausdrücke ändern konnte) und der symbolischen Natur der von ihm getragenen Lampe; wenn die Lampe eingeschaltet wurde, begann Gakutensoku mit dem Stift, den er in seiner anderen Hand hielt, Gedichte zu schreiben.

Der Roboter „Elektro“ und sein Hund „Sparky“; Senator John Heinz History Center

Der Drang zum künstlichen Bewusstsein nahm einen Großteil der Robotertechnik des zwanzigsten Jahrhunderts ein, aber ein früher Markstein war der dekorative Roboter Elektro von 1938, ein humanoider Roboter, dessen fotoelektrische Augen rotes Licht von grün unterscheiden konnten und der per Sprachbefehl gehen konnte. (Er konnte auch eine Zigarette rauchen.)

Der Bereich der Robotik machte auch weiterhin große Sprünge in der Entwicklung von Mechaniken, die die Natur nachahmen – vom Roboter-Hundespielzeug über das Kunstherz bis hin zu den neuesten Androiden von Honda strahlte die Zukunft der Automaten hell.

Passend dazu gab Elektro sein öffentliches Debüt auf der New Yorker Weltausstellung von 1939, einem Technologietempel, an dem Automaten wie etwa Elektro mehr als willkommen waren. Siebzig Jahre zuvor war schließlich das gleiche Gefühl des Staunens hervorgerufen worden, als Mark Twain die Weltausstellung in Paris besuchte und über ein selbst schon ein Jahrhundert altes Beispiel für den Versuch der Menschheit, die Welt neu aufzubauen, staunte.

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