Die Angst vor toten Augen

Frau Kattmann, die toupierte Haare hatte und die ich für uralt hielt, obgleich sie vermutlich deutlich jünger war als ich es heute bin, las uns eine Geschichte von einem blinden Schriftsteller vor. Das war in der Grundschule, vierte Klasse, und ob es eine gute Geschichte war, weiß ich nicht mehr. Woran ich mich aber erinnere, ist die Brille des Mannes. Natürlich habe ich ihn nie kennengelernt, nie ein Foto von ihm gesehen, aber ich habe seine Brille genau vor mir. Ich hatte sie mir damals vorgestellt, und dieses Bild hat sich mittlerweile über vier Jahrzehnte gehalten. Ein dünnes, elfenbeinfarbenes Gestell mit hellbraunen, dicken Gläsern und drahtigen Bügeln.

Cyberpunk

“Dreckige Straßenschluchten, sporadisch erhellt von grell zuckenden Neonreklamen. Und der Regen, dieser ständige Regen. Die Welt ist zwar nicht untergegangen, aber bis in die tiefsten Schichten hinein toxisch. Der Großteil der Menschheit fristet ihr Dasein in den überbevölkerten Sprawls, während in den hohen Wolkenkratzertürmen über dem Unrat die Reichen ihre Wirtschaftsimperien verwalten.”

Dämonen im Land der Dämmerung

Tatsächlich sind keine Dämonen im Land, das es nicht gibt. Von ihnen erzählt die Autorin nicht. Sie erzählt von einem einsamen Jungen, von einem winzigen fliegenden Herrn, von toten kleinen Menschen und greisen Unterirdischen mit roten Augen. Im Land der Dämmerung ist eine Kurzgeschichte von Astrid Lindgren, und ich denke heute noch, dass genau diese Geschichte die richtige für mich gewesen ist. Obgleich sie vermutlich nicht dafür gedacht war, mir jene Angst vertraut zu machen, die meine Phantasie seit jeher wortlos nickend begleitet hat, ohne mich selbst irgendwann so derart fassungslos verstummen zu lassen.

ASMR

„Wie bei einer Zwiebel mit ihren verschiedenen aufeinanderfolgenden Hautschichten. Wie bei einer Geheimgesellschaft, die eine weitere Geheim-Geheimgesellschaft in sich versteckt, oder wie bei diesen wunderbaren Matrjoschka-Puppen (in den 1970er Jahren, als jeder Haushalt sowas im Wohnzimmer stehen hatte, sagten wir irrtümlicherweise Babuschka dazu, wir wussten es nicht besser): Jede dünne Schicht der Realität kann entfernt werden und birgt eine weitere Wahrheit in sich.“

Diese Lust, Angst zu machen

Genial jung, gewünscht wild, gefühlt böse sind T.C. Boyle und seine Leute in Greasy Lake. Zu so einer großartigen Truppe habe ich nie gehört. Ich war schüchtern als Kind, viel zu vernünftig als Teenager und langweile mich als Erwachsene. Sofern ich nicht lese, schreibe und gucke, wonach mein Kopf giert. Das wäre somit geklärt. Boyle kann mich zwar verführen, aber wenn ich ihn zuklappe, brennt immer noch die Nachttischlampe meiner Großmutter, die mich an Milch mit Honig erinnert und an ihr klapperndes Gebiss.

Hinter den Reihen

Vor zwei Jahren bin ich in eine Kleinstadt mit 8.000 Einwohnern gezogen, 20 Meilen von der Grenze zwischen Kansas und Missouri entfernt. Hier kommen die meisten Leute nur vorbei, weil sie woanders hin wollen. Wer nicht hier wohnt, kennt wahrscheinlich nur den Truck Stop am Highway, wo man tankt oder einen Snack zu sich nimmt. Für eine ganze Weile ist das der letzte Vorposten der Zivilisation, den man sieht.

Furchtbar…zu wissen, wie furchtbar der Mensch ist

Selig die Unwissenden. Oder kompromisslos unselig. Das käme wohl auf die Perspektive an. Manchmal komm ich mir so verflucht scheinheilig vor. Ich schreibe, spüre, sehe Horror. Ich denke ihn. Und liebe ihn, weil ich ihn schmecken und fressen und ohne Magenschmerzen wieder ausspucken kann. Er fügt mir, dir, euch keinen Schaden zu, er unterhält. Hält Luft an. Lockt. Lauert. Lacht. Schreit. Schweigt. Inspiriert. Vielleicht aus das, es bleibt im Kopf und auf dem Papier. Soweit ist das gut. Es ist richtig. Was ich nicht und niemals mache: Horror zu atmen und zu leben. Er ist furchtbar. Ich wäre furchtbar. Viel zu human. Viel zu böse.

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