Herr Rossi sucht das Glück

Signor Rossi, auch bekannt als Herr Rossi, M. Rossi, Mr. Rossi oder Señor Rossi, ist eine ikonische Figur, die 1960 von dem renommierten italienischen Animationskünstler Bruno Bozzetto im Alter von nur 22 Jahren geschaffen wurde. Bozzetto gilt als Vater der italienischen Animation und hat mit seinem Gesamtwerk bewiesen, dass Zeichentrick eine Kunstform sein kann, die Ironie, Tiefgründigkeit und Poesie wunderbar miteinander verwebt. Das Geheimnis eines solchen Klassikers liegt jedoch darin, über die Jahrzehnte hinweg unterschiedlichste Zielgruppen anzusprechen, etwas, das Bozzettos Schöpfung, Signor Rossi, mit Leichtigkeit gelingt.

Als typisch italienischer Vertreter der Mittelschicht trägt Signor Rossi nicht zufällig den häufigsten Nachnamen Italiens. Er verkörpert den „Jedermann“, der von einem sorgenfreien, idyllischen Leben träumt. Allerdings bleiben seine Wünsche oft unerfüllt, und seine Abenteuer enden regelmäßig in absurden Situationen und kuriosen Missgeschicken. An seiner Seite steht stets sein Hund Gastone, ein loyaler und unverzichtbarer Begleiter auf all seinen Abenteuern.

Bruno Bozzetto auf der Triennale di Milano 2017; Bild von Marco Vidale
Bruno Bozzetto auf der Triennale di Milano 2017; Bild von Marco Vidale

Seinen ersten Auftritt hatte Signor Rossi 1960 in Un Oscar per il Signor Rossi (Ein Oscar für Herrn Rossi). In diesem charmanten Kurzfilm erforscht Bozzetto die Vorstellung, was geschehen würde, wenn sich seine Figur dazu entschließt, im Filmgeschäft sein Glück zu versuchen. Voller Enthusiasmus und Perfektionismus stürzt Rossi sich in die Arbeit an einem Filmprojekt und ist bereit, alles dafür zu tun, um ein Meisterwerk zu schaffen, selbst wenn dies bedeutet, seine Mitmenschen zu drangsalieren und ihnen furchtbar auf die Nerven zu gehen. 

Als der Film schließlich fertig ist, präsentiert Rossi sein Werk voller Stolz und Selbstbewusstsein auf einem Filmfestival, in der festen Überzeugung, dafür gefeiert zu werden. Doch anstatt Anerkennung erntet er nur Ablehnung und wird unsanft abgewiesen. Gekränkt und voller Wut zerstört er daraufhin sein eigenes Werk in einem wahren Akt der Verzweiflung. Er zerfetzt den Film, verbrennt ihn, durchlöchert ihn und macht ihn wortwörtlich dem Erdboden gleich. Doch gerade in diesem Chaos entsteht unbeabsichtigt ein außergewöhnliches Stück „abstrakter“ Kunst. Die Festivaljury ist begeistert und bricht in schallendes Gelächter aus. Der Film wird ein unerwarteter Erfolg, und Signor Rossi gewinnt tatsächlich den Oscar. Dieser Kurzfilm markiert den Beginn eines einzigartigen Kapitels der Animationsgeschichte.

Im Grunde nehmen alle folgenden Geschichten humorvoll die gesellschaftlichen Wandel der italienischen Nachkriegszeit aufs Korn. Mit seinem unverkennbaren roten Anzug, dem Schnurrbart und der chronischen Unzufriedenheit ist Rossi der ultimative „Jedermann“ – ein Prototyp des modernen, neurotischen Großstadtmenschen, der im Hamsterrad der Bürokratie und Konsumgesellschaft gefangen ist. Zudem trägt er auch noch den häufigsten Nachnamen Italiens. Bozzetto nutzte diese Figur, um subtile, aber messerscharfe Gesellschaftskritik zu üben, verpackt in psychedelisch angehauchte, minimalistische Animationen, die sich radikal vom damaligen, oft naturalistisch überladenen Disney-Stil abwandten.

Der außergewöhnlich bunte und schrille Animationsstil erinnert an Werke des Pop-Art-Künstlers Peter Max und unterstreicht die grotesken Elemente dieser Alltagsbeobachtungen. In den 1960er Jahren wurden vier Kurzfilme über Signor Rossi produziert, gefolgt von drei weiteren in den 1970ern. 1975 erhielt die Reihe einen neuen Schwung durch Franco Godis unvergessliche Titelmelodie Viva Felicità (Es lebe das Glück), die bis heute als fröhlicher Ohrwurm geblieben ist und mit ihrer zeitlosen Leichtigkeit begeistert.

Was zunächst als experimentelle Kurzfilmsammlung begann, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einer umfassenden Serie voller Filmabenteuer und sogar abendfüllender Spielfilme. Auf den Fernsehbildschirmen Europas, insbesondere im deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, erlangte Signor Rossi echten Kultstatus. Spätestens mit den Filmen wie Die Träume von Herrn Rossi erreichte das Werk eine neue Ebene der Vielschichtigkeit. Die Geschichte um den kleinen Antihelden zeigt ihn auf einer fantastischen Reise, die ihn mithilfe einer magischen Pfeife aus der Monotonie seines Alltags in bezaubernde Parallelwelten führt – von Märchenlandschaften über das antike Rom bis hin zu futuristischen Dimensionen. Diese Ausflüge dienen nicht nur als Eskapismus für den Protagonisten; sie spiegeln auch meisterhaft die Sehnsucht der westlichen Fernsehgeneration der 1970er-Jahre wider, mithilfe ihrer Bildschirme der grauen Realität zu entfliehen. Die surrealen Abenteuer erinnern dann auch an Klassiker wie Alice im Wunderland oder Das Dschungelbuch, garniert mit einer guten Portion ironischem Witz.

Gleichzeitig zeigte Bozzetto kreatives Gespür für popkulturelle Referenzen und parodierte auf humorvolle Weise ganze Filmgenres – von Science-Fiction bis hin zum Monumentalfilm. Immer blieb er seinem Markenzeichen treu: der feinen und doch scharfsinnigen Ironie. Rossis Reisen führten ihn an entlegene Orte, durch glühend heiße Wüsten, dichte Dschungel und schwindelerregende Höhen, doch die schicksalhafte Suche nach Glück schien ihn immer weiter ins Dilemma seiner eigenen Existenz zu treiben.

Am Höhepunkt seiner Abenteuer erkennt Signor Rossi schließlich eine tiefgreifende Wahrheit. Das wahre Glück liegt nicht in materiellen Dingen oder großem Erfolg begründet, sondern in den kleinen Momenten des Lebens, in Begegnungen mit anderen Menschen, in der Freude an der Natur und im Loslassen des ständigen Strebens nach mehr. Diese Botschaft machte die Serie nicht nur für Kinder zu einem zeitlosen Begleiter. Selbst Erwachsene können Rossis Eskapaden genießen, auch wenn sie manchmal nicht jeden verborgenen Aspekt seines vielschichtigen Charakters auf Anhieb erfassen.

Die immense Popularität führte dazu, dass aus den Kurzfilmen schließlich drei Spielfilme hervorgingen, die wiederum später fürs Fernsehen als Episoden neu aufgearbeitet wurden. Doch während Rossis Abenteuer viele Fans begeisterten, schloss Bozzetto das Kapitel mit Allegro Non Troppo, seiner meisterhaft inszenierten Parodie auf Walt Disneys Fantasia. Hier verabschiedete sich die ikonische Figur im Jahr 1976 – zumindest vorübergehend. Die Figur erlebte ein letztes Comeback aus dem Reich der Toten, wobei sie in den 2000er Jahren in Deutschland sogar als Verkäufer von Lotterielosen wieder auftauchte.

Aber auch das war es noch nicht. Seit April 2025 gibt es 65 Jahre nach seinem Debüt im Rahmen der 30. Ausgabe des Internationalen Festivals für Animation, Transmedia und Meta-Kunst “Cartoons on the Bay” in Pescara gibt es den neuen Kurzfilm Rossi Boomer, der bei einer Sonderveranstaltung gezeigt wurde.

Auch mit diesem neuen Kurzfilm hält Bozzetto der heutigen Gesellschaft erneut einen satirischen Spiegel vor. Rossi stellt sich die Zukunft als eine Utopie ohne Krieg, Steuern und Werbung vor, findet sich jedoch stattdessen in einer hypervernetzten, von Technologie durchdrungenen Gegenwart wieder. Tja…

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