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Cyberpunk

Dreckige Straßenschluchten, sporadisch erhellt von grell zuckenden Neonreklamen. Und der Regen, dieser ständige Regen. Die Welt ist zwar nicht untergegangen, aber bis in die tiefsten Schichten hinein toxisch. Der Großteil der Menschheit fristet ihr Dasein in den überbevölkerten Sprawls, während in den hohen Wolkenkratzertürmen über dem Unrat die Reichen ihre Wirtschaftsimperien verwalten.”

Diese Bilder, die man heute so gemeinhin mit dem Begriff Cyberpunk assoziiert, haben ihren Ursprung in den frühen 1980er Jahren, als die bis zum heutigen Zeitpunkt wichtigsten Werke des Genres erschienen. “Der Himmel über dem Hafen hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal geschaltet war”, diesen Satz hämmerte ein junger Schriftsteller namens William Gibson damals in seine alte (mechanische) Schreibmaschine und schuf mit “Neuromancer” das ikonische Werk, welches das Genre und die moderne SF überhaupt bis heute definiert. 1982 erschien mit “Blade Runner” (der Verfilmung des Romans “Do Androids Dream of Electric Sheep” von Philip K. Dick) ein Film, dessen kunstvolle Bilder bis heute nachwirken – auch, wenn es sich dabei genauer betrachtet nicht wirklich um Cyberpunk handelt. In England entstand unter der Mithilfe damals noch unbekannter Künstler wie Grant Morrison und Alan Moore mit 2000 AD ein Comicmagazin, das die selbstgefällige Superhelden-Welt des von Amerika dominierten Genres mit wilder Punk-Attitüde auf den Kopf stellte. Auch die Musik blieb nicht verschont – Bands und Künstlerkollektive wie Throbbing Gristle, Psychic TV, Einstürzende Neubauten oder Laibach machten sich daran, mit viel Brutalität und Innovation auf die letzte Hochphase des Kalten Krieges zu reagieren.

Jahrzehnte später ist es um den Cyberpunk ziemlich ruhig geworden. Das könnte sich im Oktober dieses Jahres ändern, denn der Kinostart von “Blade Runner 2049” könnte dem Genre neue Popularität verschaffen. Hofft dieser Nerd hier zumindest. Ich wollte das genauer wissen und hab mir als Gesprächspartner Christian Dörge geholt – der galt in den 1980er Jahren im deutschsprachigen Raum als erster “Cyberpunk-Schriftsteller”, ist seither als Autor und Musiker aktiv und hat mit seinem Apex-Verlag viele bei uns unbekannte Perlen des Cyberpunk in vorzüglicher Neuübersetzung herausgebracht.

Christian Dörge. Photo (c) Zasu Menil/futuredisc.

Christian, wie schätzt du das ein: Könnte »Blade Runner 2049« für neues Interesse an der Cyberpunk-Literatur sorgen?

Dies wäre freilich ein hübscher Nebeneffekt, aber ehrlich gesagt glaube ich nicht daran – was gewiss auch darauf zurückzuführen ist, dass sich die SF-Literatur, die aktuell auf dem Markt kommerziell relevant stattfindet (insbesondere in Deutschland), qualitativ und thematisch sehr von dem unterscheidet, was damals – zu Beginn der (19)80er Jahre – unter dem Begriff des literarischen Cyberpunks zusammengefasst wurde; Autoren wie z.B. William Gibson, John Shirley und Bruce Sterling, die damals (innerhalb gewisser Toleranzen) sozusagen “aus dem Nichts” kamen, könnten heutzutage kaum etabliert werden, eben, weil ihre Texte viel zu komplex sind und überdies sprachlich sehr gediegen und experimentell des Weges kommen. Science Fiction im Jahr 2017 – die literarische ebenso wie die filmische – ist entschieden schlichter gestrickt, Anspruchsvolles ist eher nicht gefragt. Weswegen Romane wie z.B. Neuromancer oder Anthologien wie Spiegelschatten heute – als Neuerscheinung argumentiert – a) kaum einen Verlag fänden und b) ohnehin wie Blei im Regal liegen würden.

 Darüber hinaus bin ich nicht der Meinung, es bei Blade Runner und/oder Blade Runner 2049 mit dem filmischen Pendant zu den Werken der Cyberpunk-Autoren zu tun zu haben. Gewiss, der Look beider Filme ist immens Cyberpunk-affin, und insbesondere der Original-Film hat fraglos den Cyberpunk hinsichtlich der Milieu-Wahl und des chic deutlich inspiriert, aber wie jede gute Literatur definiert sich auch der Cyberpunk primär über den Inhalt und nur sekundär über gestalterische Elemente und atmosphärisches Rauschen.

Wann hast du eigentlich persönlich den Cyberpunk für dich entdeckt?

Das dürfte im Jahr 1988 gewesen sein. Beim Herumstöbern im heimischen Buchladen meines Vertrauens stieß ich auf den Roman Neuromancer und auf die Anthologie Cyberspace, beides bekannter- und erklärtermaßen Werke aus der Feder von William Gibson: kurz reingeblättert, und schon war’s um mich geschehen. Von dort war’s nur noch ein kurzer Weg hin zu den Werken von John Shirley, Bruce Sterling, Tom Maddox, Michael Swanwick, Richard Kadrey und Walter Jon Williams (um nur einige zu nennen).

Meine ersten eigenen Cyberpunk-Texte – die Kurzgeschichten Chromatics und Hyperconnect – wurden sodann bereits 1989 veröffentlicht; ich galt flugs als erster deutscher Cyberpunk-Autor, was mir damals durchaus gut gefiel.

Cyberpunk ist ja ein Subgenre, welches auch Leser anzieht, die mit Science Fiction allgemein nicht viel am Hut haben – was macht den Unterschied aus?

Das mag für den Zeitraum bis etwa Mitte der 90er Jahre durchaus zutreffend sein – zu einer Zeit also, als Cyberpunk noch ein Thema fürs Feuilleton gewesen ist; anschließend fand der Rücksturz ins SF-Ghetto statt, wo der Cyberpunk bis heute friedlich schlummert. Was schade ist, hatten doch die besseren Cyberpunk-Texte stets etwas Parabel-artiges an sich.

Der Reiz für Nicht-SF-Leser besteht/bestand vermutlich darin, dass Cyberpunk-Literatur per Definition gar keine Science Fiction ist und dies auch gar nicht sein will, ein Anspruch, den die britische New Wave übrigens auch an sich selbst stellte. Cyberpunk war und ist im Idealfall eine Reflexion dessen, was in der Gegenwart verwurzelt ist. Weswegen z.B. auch Matrix alles Mögliche ist – nur eben kein Cyberpunk-Film.

Wer die Romane von William Gibson und Bruce Sterling durch hat, könnte meinen, das wäre es gewesen mit den wichtigen Romanen des Genres. Absolut nicht wahr – könntest du da vielleicht ein paar Tipps geben?

Wer Cyberpunk sagt, der sollte m.E. vor allem John Shirley sagen: Sein Roman Stadt geht los ist – übrigens auch nach der Meinung von William Gibson – der Proto-Cyberpunk-Roman schlechthin. Darüber hinaus kann ich dem interessierten Leser/der interessierten Leserin Johns Eclipse-Trilogie und seine Sammlung Hitzefühler Redux ans Herz legen.

Die Liste weiterer Empfehlungen ist denkbar lang: Vakuumblumen von Michael Swanwick, Halo von Tom Maddox, Metrophage von Richard Kadrey, Hardwired und Die Stimme des Wirbelwindes von Walter Jon Williams, die Dryco-Romane von Jack Womack, die RIM-Trilogie von Alexander Besher … und nicht zu vergessen: Das Unsterblichkeitsprogramm, Gefallene Engel und Heiliger Zorn von Richard Morgan, die neueren Datums und erstaunlich gelungen sind.

Die Homepage des Apex-Verlags mit vielen der genannten Werke findet ihr hier:

www.apex-verlag.de

 

Doc Nachtstrom
Über Doc Nachtstrom (8 Artikel)
Geboren 1967 in Graz/Österreich, in den 1990er-Jahren als Elektronikmusiker und Filmkomponist beschäftigt, seit dem Millennium Moderator in einem Grazer Privatradio und in Wien für die Sendung "House of Pain" bei FM4/ORF tätig. Arbeitet weiters als Journalist und Herausgeber (Zeitschrift "Visionarium", Anthologien) ist leidenschaftlicher Büchersammler (8000+) und Die Hard-Fan aller Spielarten der Phantastik.
Kontakt: Webseite

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7 Kommentare auf "Cyberpunk"

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Tobias Reckermann
Webmaster

mein lieber Doc, da hast Du eine Perle an Verlag gefunden!

Erik R. Andara
Redakteur

Es ist dann wohl endlich an der Zeit, Neuromancer anzugehen; danke für das aufschlußreiche Interview!

Tobias Reckermann
Webmaster

oh, Erik – jetzt aber schnell!

Erik R. Andara
Redakteur

Der Walter hat die ja als Sammelband im Shop, schon in Händen gehalten, wird wohl bald mal mitwandern 😉

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