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Die Angst vor toten Augen

Frau Kattmann, die toupierte Haare hatte und die ich für uralt hielt, obgleich sie vermutlich deutlich jünger war als ich es heute bin, las uns eine Geschichte von einem blinden Schriftsteller vor. Das war in der Grundschule, vierte Klasse, und ob es eine gute Geschichte war, weiß ich nicht mehr. Woran ich mich aber erinnere, ist die Brille des Mannes. Natürlich habe ich ihn nie kennengelernt, nie ein Foto von ihm gesehen, aber ich habe seine Brille genau vor mir. Ich hatte sie mir damals vorgestellt, und dieses Bild hat sich mittlerweile über vier Jahrzehnte gehalten. Ein dünnes, elfenbeinfarbenes Gestell mit hellbraunen, dicken Gläsern und drahtigen Bügeln.

Der blinde Schriftsteller, dessen Name unbekannt bleiben muss, weil ich nicht ihm, sondern einzig dieser Brille Bedeutung schenkte, wird schon lange nicht mehr sein. Ob er vergessen ist, bleibt unbeantwortet. Aber seine Brille wird erst mit mir sterben. Seine Brille ist Teil meiner Angst. Und meine Angst Teil meiner selbst. Ewig schon. Das ist richtig so, weil es anders nicht funktioniert.

Die lächelnde Frau Kattmann, die immer die Kreide suchte und deren Lippen rosa glänzten, – so selbstverständlich hat auch sie sich trotz ihrer Unschuld in meinen Kopf eingenistet -, erzählte von dem Mann, der als Kind erblindete, weil er unglücklich, mag sein, auch ungeschickt gefallen war. Er hatte bereits seit seiner Geburt ein krankes Auge und trug deshalb schon früh diese Brille, die ich genau beschreiben kann, ohne tatsächlich zu lügen. Die Brille schonte das gesunde Auge, das stark sein musste, weil die Sehkraft des kranken mehr und mehr nachließ, bis es schließlich nutzlos war.

Dieses tote Auge nahm ich mir zuerst. Ich legte es auf mein Pult wie auf einen Seziertisch und betrachtete es, bevor ich es zwischen den Seiten meines Lesebuchs trocknete wie den Löwenzahn vom Friedhof, der hinter Glas sollte. Mein totes Auge war blau, wässrig und graustichig, mit kurzen, blonden Wimpern und einer roten Pupille, und obgleich ich es nicht hässlich malte, fürchtete ich mich vor meiner eigenen Skizze. Sie starrte mich an und wandte sich nie wieder ab. Und ich blickte voraus und griff nach den Klauen.

Frau Kattmann, so eifrig, so optimistisch, die nie von meinen finsteren Ahnungen erfuhr, sagte uns, wie er sein zweites, das gesunde Auge verlor: Er rannte, er stürzte, und der eine Bügel seiner Brille durchbohrte es. Unglaublich traurig, sagte sie. Ich werde wohl genickt haben, weniger bekümmert denn eingefangen von dem Grauen, das sie Tragik nannte. Und das mich sehr viel später lehrte, die Nacht so zu definieren, wie sie sich in ihrer Seltsamkeit gefällt.

Ich sah ihn vor mir, den kleinen Jungen, dem ich Sommersprossen, eine Schirmmütze und Klugheit gab, sah ihn beim Spiel mit den anderen, sah ein Kornfeld und bunte Drachen, sah, wie er los lief, lachte, lief, lief. Stolperte, taumelte, fiel. Sah, wie dünnes, spitzes Metall sich blitzschnell in seinen Augapfel stieß und es zu einer breiigen, glitschigen Masse rührte. Sah, wie sein Mund sich öffnete und er schrie. Seine Schreie hörte ich nicht, ich blickte sie an. Erstarrt. Gefesselt. Verstehend. Dieser Blick blieb mir. Wie das zweite tote Auge, das ich stahl, weil niemand sonst es hätte verwenden können.

Dem blinden Schriftsteller möchte ich sagen, dass ich es versäumt habe, seine Geschichten zu lesen. Die einzige, von der ich weiß, dass es sie gibt, las die gutherzige Frau Kattmann uns vor, sie ist mir entfallen. Vielleicht habe ich auch nicht zugehört, weil sie zu unbekümmert war für den Kopf eines Mannes, den der Horror geküsst hatte.

Ich möchte dem blinden Schriftsteller sagen, dass es gut war, ihn zu treffen. Unsere Begegnung war eine von jenen, denen mehr und mehr folgen sollten, um mich begreifen zu lassen, womit ich umgehen kann ohne Rechtfertigung. Ohne Widerstand. Ohne Schaden.

Um Verzeihung bitten könnte ich ihn auch, weil ich ihn unwiderruflich verfremdet habe. Ich sehe ihn am Straßenrand, am Flussufer, am frisch aufgeworfenen Grabhügel stehen, er trägt einen schwarzen Anzug und steht starr, und ich sehe, dass er tote Augen hat. Sie sind milchig weiß und soviel gnädiger als die blutigen Augenhöhlen, in die sie sich verwandeln. Manchmal schaffen sie das, ich nehme es hin, weil es wahr ist.

Der blinde Schriftsteller kann sich nicht wehren, nur deshalb zähle ich ihn dreist dazu: Zu den Seherinnen, den Hexen, den Druiden und den einfach nur Bösen mit Augen, die Angst machen, weil sie das Licht hassen, das sie anders kennen. Das stimmt natürlich alles nicht. Aber der blinde Schriftsteller steht vor mir, wenn die toten Augen Londons aus dem Untergrund kommen. Das ist nicht sein Verdienst, den hätte er nicht gewollt. Sein Trost ist mein Vermächtnis: Er gehört dazu.

Die Angst vor toten Augen ist nicht meine. Aber ich weiß, wie ich sie erschaffen kann. Diese Angst. Oder eine ähnliche. Schlimmere. Bessere. Meine eigene Furcht besteht darin, dass ich sie alle missverstanden haben könnte. All jene, die den blinden Schriftsteller begleitet haben, wenn ich mit ihm gemeinsam nach toten Augen suchte. Immer mehr in all den Jahren.

Vielleicht habe ich falsch gedeutet, vielleicht ist es harmlos. Dann wäre ich eine Närrin, die mit den Schatten spricht. Aber auch damit könnte ich leben. Wie wir alle. Denke ich.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

4 Kommentare zu Die Angst vor toten Augen

  1. Schrecklich, wie sie den Schreibenden und den hingebungsvollen Leser begleiten kann, die Angst vor dem Erblinden, vor dem Verlöschen unzähliger Welten – das ist wahrer Horror, der sich hier schon jung an Betrachtungen des dünnnen, elfenbeinfarbenen Brillengestells geklammert hat. Aber auch die Empathie und die Spiegelung, die sich trotz allem in deinen Schilderungen und Überlegungen findet und so die Erzählerin in ihrer allzu menschlichen Angst greifbar macht.

  2. Karin ReddemannKarin Reddemann // 21. Mai 2017 um 19:03 // Antworten

    Wie ein Blinder sieht, der nie gesehen hat…ich weiß es nicht. Aber die Vorstellung gesehen zu haben, mehr sehen zu wollen und dann in der Nacht zu sein, ist …ja…Dir auf jeden Fall Danke, Erik.

  3. Michael PerkampusMichael Perkampus // 21. Mai 2017 um 20:35 // Antworten

    Das Interessante ist, dass du den Horror aus dem Alltag herauskristallisierst. Manchmal ist es nur die Perspektive, die derjenige einnimmt, den es ängstigt. Anders gesagt: in allem Horror liegt auch ein tragischer Humor.

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