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Junji Ito

(Alle hier zu sehenden Abbildungen: Uzumaki (c) Junji Itoshogakukan 1998)

Katzen und die Gesellschaft hielten ihn ab. Junji Ito arbeitete für acht Jahre vornehmlich an Manga und Illustrationen über diese beiden Themen. Und vernachlässigte sein eigentliches Genre: Horror. Er setzte sich trotzdem wieder an ein Storyboard, reichte es bei seinem Verlag ein. Sein Redakteur zweifelte. Dann zweifelte Ito. Er überarbeitete die Geschichte. Am Ende war sie Teil der 2014 erschienen Sammlung »Fragments Of Horror«, die wenig später in englischsprachiger Übersetzung bei VIZ Media herauskam. Und damit kehrten das Absurde und der Wahnsinn endlich wieder zurück.

Seit der Veröffentlichung von »Uzumaki« am Ende der neunziger Jahre gehört Ito zur Riege der besten Autoren für Horror der Gegenwart. In drei Sammelbänden schickte er damals seine Figuren reihenweise in die Abgründe der Spirale. Menschen rissen sich das Innenohr aus, zerschnitten sich die Fingerkuppen oder trugen gleich Schneckenhäuser auf ihren Rücken. Und das war erst der Anfang. Denn Ito drehte seine Ideen in diesem Manga bis zur letzten Konsequenz weiter. Dabei erschuf er eine unvergleichliche Atmosphäre, Anleihen an H.P. Lovecraft und Kobo Abe inklusive.

Denn neben dem klaustrophobischen Gefühl dringt aus Itos Geschichten auch immer eine grausame Komik. In »Gyo« drang ein Parasit in Fische ein und machte ihnen Beine – zum Angriff auf Japan. Das Mädchen Kaori infizierte der Eindringling ebenfalls. Sie blähte sich auf und entließ aus ihren Körperöffnungen ein übelriechendes Gas. Teile ihres Umfelds glaubten, dass sie bereits verwesen würde. Unterdessen lief der Siegeszug des Keims über das Land. Das mutet alles so bizarr an, dass es kaum ein Wunder ist, dass »Gyo« manchmal nur die Beschreibung bekommt: Geschichte über ein Liebespärchen auf der Flucht vor laufenden Fischen. Der Manga erschien kurz nach der Jahrtausendwende.

Kurz darauf entschloss sich der US-Verlag Dark Horse, einen Teil von Itos Werken ins Englische zu übertragen und zu veröffentlichen. Jedoch gibt es davon heute kaum noch Ausgaben im Umlauf, Nachdrucke blieben ebenso aus. Ito war zu diesem Zeitpunkt längst kein unbekannter Zeichner mehr. Auf »Uzumaki« als Einfluss berufen sich bis heute zahlreiche Horrorautoren. Guillermo del Toro etwa arbeitete mit Ito zusammen an einer Ausgabe des Computerspiels »Silent Hill«, die wohl dank Konami nie erschien – so zumindest die Version des Regisseurs.

Immerhin knüpfte VIZ Media sich vor einiger Zeit die Sachen von Ito vor und bringt nun in regelmäßigen Abständen seine Manga auf den US-Markt – zuletzt eine dicke Ausgabe von Itos »Tomie«. Über 700 Seiten feinster Bodyhorror.
Das Mädchen Tomie stirbt bei einem Schulausflug durch ein Unglück. Lehrer und Mitschüler beseitigen die Leiche. Doch ein paar Tage später steht Tomie wieder im Klassenzimmer. Und das ist der komplette Kniff der Serie: Eine Femme Fatale, die einfach nicht sterben kann. Obwohl sie die Männer in ihrer Umgebung regelmäßig in Wahnsinn und Blutrausch treibt. Dabei behandelt Tomie ihre Umwelt vornehmlich wie Dreck, beleidigt und sucht immer den Vorteil für sich. Sympathisch sind hier die wenigsten Figuren.

Da »Tomie« die komplette Serie versammelt, machen die Zeichnungen über die Zeit einen Sprung in der Qualität. Die ersten Bilder von Ito, der zu der Zeit noch hauptberuflich als Zahntechniker arbeitet, sind bei »Tomie« ein wenig unbeholfen und teilweise schief. Mit zunehmender Seitenzahl werden die Zeichnungen jedoch hervorragender.
Da es sich um eine Serie handelt mit geschlossenen Arcs, bieten die 700 Seiten keine durchgehende Geschichte, sondern mehr diverse Kurzgeschichten. Doch die Regel für Tomie bleibt gleich: Stirbt sie, taucht sie wieder auf. Oder mutiert munter vor sich hin mit diversen Köpfen und Gedärmen.

Doch Ito braucht nicht immer die langen Seiten; seine Kurzgeschichten funktionieren auf teilweise gerade einmal sechs Seiten. Ein paar Kinder verschwinden bei einem Ausflug, die Eltern finden sie wieder – als verzerrte Gestalten, die in Erdlöchern verschwinden.

Es braucht keine alten Archetypen, Ito schafft seine eigenen Sagen und Legenden, ein riesiger Fundus des Absurden, an dessen Grund der Wahnsinn liegt. Es gibt Regeln, nach denen dieser Horror funktioniert, aber sie lassen sich für den Leser nie entschlüsseln. Findet jemand einen Weg aus der Misere, steckt er wenige Seite tiefer drin. Vor allem die ruhige Erzählweise von Ito trägt dazu bei, dass seine Manga sich herrlich unangenehm lesen.

Seine Figuren stehen als Individuen machtlos vor diesem Grauen, sodass ihnen manchmal nur die Flucht in den Wahnsinn bleibt. Der Mensch befindet sich in einer Welt, deren Regeln er nicht überblickt, nie ergreifen kann – und das zeigt sich im Fall der Fälle sogar an seinem eigenen Körper. Im Gegensatz zu Lovecraft versteht Ito es aber, aus dieser Vorgabe mehr als nur den immergleichen Ablauf einer Geschichte zu erschaffen. Im zuletzt erschienen »Dissolving Classroom« vermischt Ito den japanischen Schulalltag mit Teufelsanbetung. Durch einen schiefgelaufenen Pakt mit dem Satan ist der Schüler Yuuma dazu verdammt, dass Leute durch seine Entschuldigungen schmelzen. Und Yuuma muss sich oft entschuldigen. Dazu hat seine Schwester noch den Hang, Gehirne zu essen. Was Kinder eben so treiben.

Wer übrigens auf deutschsprachige Übersetzungen blickt, zumindest »Uzumaki« erschien vor ein paar Jahren bei Carlsen Manga, der Rest von Itos Fundus hat es auf dem hiesigen Markt so schwer wie alle anderen Horrorerzählungen. Und warum sollten Manga da eine Ausnahme bilden? Selbst wenn sie so einzigartig und beeindruckend sind wie die Werke von Junji Ito. Ende des Jahres erscheint eine neue Sammlung von älteren Kurzgeschichten in englischsprachiger Übersetzung. Bleibt nur zu hoffen, dass Ito bis dahin keine Katze über den Weg läuft.

Björn Bischoff
Über Björn Bischoff (1 Artikel)
Björn Bischoff, geboren 1987 in Bremen, studierte Literaturgeschichte und Buchwissenschaften, liebt Horror, Bücher und Comics, arbeitete als Online-Redakteur, ist freier Journalist. Wirft jeden Tag mit Buchstaben um sich, hat permanent Bohren & Der Club Of Gore im Ohr und spart auf ein Häuschen in Twin Peaks. Beiträge für Tor Online, Alfonz, Tagesspiegel, Nürnberger Nachrichten, Plattentests.de und andere.

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2 Kommentare auf "Junji Ito"

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Erik R. Andara
Redakteur

Dieser Autor ist immer nur am Rande meiner Wahrnehmung geschwommen. Ich werde diesen interessanten Artikel jetzt aber als Anlass dafür nehmen, das schleunigst zu ändern.

Tobias Reckermann
Webmaster

wie der Zufall spielt lese ich gerade Uzumaki, nach Empfehlung eines Freundes. Mochte auch sehr seine Kurzgeschichten. Purer Horror das.

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