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ASMR

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Persönliches Nächtebuch, 2017-04-30, 04.20 MEZ:

„Wie bei einer Zwiebel mit ihren verschiedenen aufeinanderfolgenden Hautschichten. Wie bei einer Geheimgesellschaft, die eine weitere Geheim-Geheimgesellschaft in sich versteckt, oder wie bei diesen wunderbaren Matrjoschka-Puppen (in den 1970er Jahren, als jeder Haushalt sowas im Wohnzimmer stehen hatte, sagten wir irrtümlicherweise Babuschka dazu, wir wussten es nicht besser): Jede dünne Schicht der Realität kann entfernt werden und birgt eine weitere Wahrheit in sich.“

In meinem Fall hat sich mein Selbst seiner Hülle als Doc Nachtstrom entkleidet und darunter hervor kam … Captain Fantastic! Der ist so eine Art belämmerter Superheld, der hauptsächlich im Bett liegt und mithilfe seiner Fantasie überallhin reisen kann: vorwärts und rückwärts in der Zeit, in die Astralwelt, ins Comicversum, ins Leben nach dem Tod, ins Multiversum!

Diese Superkraft der multidimensionalen Reisen muss ich jetzt erst mal weiter erforschen. Allerdings: Weil selbst Green Lantern seinen Ring hin und wieder an der Original-Laterne aufladen muss, ist meine Superkraft natürlich auch kein Perpetuum Mobile. Sie wird befeuert von zahllosen Patronen mit 420-Technologie – und überhaupt hat dieser ganze Realitäts-Shift seinen Ursprung in den endlosen Freuden, die ASMR bei mir auslöst.

1. Autonomous Sensory Meridian Response

Davon hast du vielleicht schon gehört. ASMR – “Autonomous Sensory Meridian Response” – geistert als Hype seit geraumer Zeit durch alle sozialen Medien. Die deutsche Wikipedia definiert es (falsch) als “emotionales Kopfkribbeln” – das aber würde nur einen geringen Teil dieses neurologisch noch nicht erforschten Themenkomplexes erklären. Das Problem dabei: Nur, wer das Phänomen kennt (es ist nicht erlernbar) versteht auch wirklich, um was es dabei genau geht …

Eine (für mich) stimmige Erklärung: ASMR ist ein wohliges, beschütztes, nostalgisches Gefühl, welches in ein leichtes High-Erlebnis und eine angenehme Trance münden kann. Hervorgerufen wird dieses Gefühl von einem Trigger, der über alle möglichen Sinne wahrgenommen werden kann. Er löst einen relfexhaften Peak (Gänsehaut, kurze Verkrampfung) und darauffolgend das beschriebene Wohlgefühl im ganzen Körper aus.

Und ja, ASMR hat durchaus eine irgendwie “erotische “ Komponente – auch wenn diese eigentlich kaum jemals Erregung, sondern eher Wohlgefühl auslöst. Vielleicht ist der “Peak” auch sowas wie der kleine Bruder des Orgasmus – mit dem Unterschied, dass der Höhepunkt augenblicklich und wie ein Reflex ausgelöst wird, die angenehme Entspannung danach viel länger andauert und das Entspannungs-Wohlgefühl das eigentliche „Ziel“ des Reizes darstellt.

Der Hype um ASMR entstand hauptsächlich durch virale Videos, in denen junge Damen mit ihren spitzen Fingernägeln über diverse Oberflächen kratzen und dabei flüsternd in Babysprache reden. Oft verwenden sie dabei sogar supersensible 3D-Mikrofone. Wer dabei ein Hochgefühl empfindet, von mir aus gerne (das mündet dann sogar in Kunst, siehe hier).¹ Ich dagegen bin in der White-Noise-Fraktion zuhause. Von uns gibt es viele, man muss allerdings aktiv in den Untiefen von YouTube nach uns suchen.

2. Warme Luft.

Was meine starken Reaktionen auf eine bestimmte Art von Rauschen bedingt hat in meinem Vorleben, wer weiß? Psychologen würden gleich als erstes die Geräusche im Mutterbauch dafür verantwortlich machen. Mein erstes bewusstes Erlebnis in der Richtung war ein Wintermorgen, ungefähr im Alter von acht Jahren, an dem ich erst eine Stunde später in die Schule musste. Ich durfte länger im Bett bleiben und meine Mutter stellte mir einen alten Heizlüfter ans Bett, der vor dem Hintergrund des dichten Schneefalls draußen vor dem Fenster gemütlich brummte und warme Luft in meine Richtung blies. Ich erinnere mich daran, meine damals heißgeliebten Silberpfeil- und Bessy-Heftchen gelesen zu haben, während der warme Luftstrahl mich streichelte.

Dieses Erlebnis ist es, das noch heute meinen Trigger definiert – sowohl als analoger Reiz, wenn ich mich vor meinem jetzigen, modernen Heizlüfter räkele, als auch, wenn ich das digitale Geräusch höre, und dazu ein geeignetes Bild (animiert, oder statisch) vorgesetzt bekomme. Die zahllosen ASMR-White-Noise-Lieferanten auf YouTube lassen ihrer Fantasie freien Lauf: Vom Regenteppich über eine rekordverdächtige Anzahl an gleichzeitig gestarteten Ventilatoren, über das Geräusch von Flugzeugkabinen bis hin zu mächtig brummenden Serverräumen – es bleibt eigentlich kein Wunsch nach dem heiligen Rauschen unerfüllt, und ich bin danach süchtig. Ich könnte mir nicht vorstellen, jemals ohne diesen beruhigenden Teppich einzuschlafen.

3. Geisterfrequenzen.

Mit der Zeit habe ich auch angefangen, dieses fortlaufende Geräusch als Musik zu definieren. Nicht, dass ich das jemals jemanden vorspielen oder auch nur näherbringen könnte; die vielen Jahre des Zuhörens haben meine auditiven Sinne für die leisesten Frequenzen geschärft. So höre ich die kleinste Vibration des Geräts, die leichteste Abweichung durch ein Staubkorn, oder irgendeine Unregelmäßigkeit in irgendeiner elektrischen Spule. Wenn man genau zuhört, entstehen sogenannte “Geisterfrequenzen”, die das Hirn irgendwann dazu erfindet. Am liebsten mag ich, wenn sich zwei Rauschquellen gegenseitig modulieren. Wenn zum Beispiel das weiße Rauschen eines Ventilators auf das Brown Noise² eines älteren Heizlüfters trifft, dann ergibt das hochinteressante neue Musik – als wenn beide Geräte beginnen würden, miteinander in rätselhaften Audiocodes miteinander zu kommunizieren. Kommunizierende Maschinen, auch so eine irre Traumvorstellung, die mein Kinderhirn beherrschte, ausgelöst durch einen im Radio gehörten Ausschnitt des Filmes Alphaville von Jean-Luc Godard. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.

¹ mit dieser gänzlich unterschiedlichen Form von ASMR beschäftigt sich Autor Clemens J. Setz in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung.

² https://en.wikipedia.org/wiki/Colors_of_noise

Weiterführende Literatur:
NY2Rome, Justin – ASMR: A Scientific, Social, and Cultural Phenomenon, Amazon CreateSpace, 2015
Young, Julie – Idiot’s Guides: ASMR, Alpha Publishing, 2015
Warwick, Tarl – The Occult Basis of ASMR: Autonomous Sensory Meridian Response and the Occult, Amazon, CreateSpace, 2015

 

Doc Nachtstrom
Über Doc Nachtstrom (7 Artikel)
Geboren 1967 in Graz/Österreich, in den 1990er-Jahren als Elektronikmusiker und Filmkomponist beschäftigt, seit dem Millennium Moderator in einem Grazer Privatradio und in Wien für die Sendung "House of Pain" bei FM4/ORF tätig. Arbeitet weiters als Journalist und Herausgeber (Zeitschrift "Visionarium", Anthologien) ist leidenschaftlicher Büchersammler (8000+) und Die Hard-Fan aller Spielarten der Phantastik.
Kontakt: Webseite

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6 Kommentare auf "ASMR"

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Erik R. Andara
Redakteur

Ich wusste gar nicht, dass dieser Effekt einen Namen hat, sehr interessant! Erinnert mich auch an das Video von Reicher&Stark bezgl. Bewusstseinsreisen, da werden ja auch rotierende Geräusche zur Initiation verwendet, wenn ich das richtig verstanden habe, oder? Und Captain Fantastic und seine Abenteuer wäre, glaube ich, eine ganze Geschichte wert!

Seit kurzem übrignes mein Lieblingsvideo diesbezüglich:
https://www.youtube.com/watch?v=gpW7iYfuGDU

Albera Anders
Webmaster

Faszinierend. Besonders gut fand ich, dass du Heizlüfter getaggt hattest. Von Heizungsrippen könnte ich wieder was erzählen (traumbasiert). Körper, die Wärme abgeben und noch einiges andere in die eigenen vier Wände holen, die ja nicht weniger zum eigenen Körper gehören. Worin man leibt und lebt. Wie in einer Matroschka. Ja.

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