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Wird es mich erschrecken?

Das scheint die Gretchenfrage in Sachen Horror zu sein. Wenn du dir den neuesten Film über Geister oder Serienkiller angesehen hast, einen weiteren Horror-Roman gelesen hast, oder eine gruselige Geschichte irgendwo im Netz gefunden hast, ist das die erste Frage, mit der du möglicherweise konfrontiert wirst. In diesem ewigen Kampf, die Bedeutung dieses riesigen und oft widersprüchlichen Feldes namens Horror zu finden, werden wohl die meisten Schriftsteller „Es soll dich erschrecken“ als Arbeitsformel ausgeben.

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Szene aus „Crimson Peak“

Vor noch gar nicht so langer Zeit stritten sich Fans und Kritiker darüber, ob oder ob nicht Guillermo del Toros Huldigung an das Gothic-Romance-Genre Crimson Peak als Horrorfilm durchgehen sollte. Die Hauptmeinungen gehen dahin, dass der Film nicht besonders unheimlich ist, stattdessen aber verzweifelt versucht, unheimlich zu wirken. Das bringt uns zum Thema zurück, zur Idee nämlich, dass all das, was Horror vielleicht sonst noch sein mag, er versuchen sollte, dich zu erschrecken. Daran wird er sich wohl messen lassen müssen: ob es im gelingt, und wenn ja, wie gut er da macht.

Selbst wenn wir akzeptieren, dass die Definition von Horror die ist, zu erschrecken, gibt es eine Menge unterschiedliche Arten der Furcht und verschiedene Möglichkeiten, Angst zu haben. Wenn jemand fragt, ob etwas erschreckend ist, ist das Thema meist der übliche „Jump-Scare“, der in den meisten populären Hollywood-Horror-Produktionen angewandt wird, wo plötzlich jemand aus dem Gebüsch springt und „Buh!“ ruft. Aber auch wenn das die offensichtlichste Variante des Erschreckens ist, ist das bestimmt nicht die einzige.  Es gibt wesentlich intelligentere Ängste, die in der Literatur und im Film vorkommen, angefangen vom kosmischen Nihilismus eines Lovecraft, Ligotti, und Barron bis hin zum „gefälligen Terror“ eines M.R. James und E.F. Benson. Filme wie John Carpenters Das Ding kombinieren den körperlichen Horror mit der Paranoia einer existentiellen Angst. Selbst Crimson Peak, wenn auch nicht besonders erschreckend, trägt eine schwere Fracht aus Zwangsläufigkeit und Verfall.

Szene aus "Texas Chainsaw Massacre"

Szene aus „Texas Chainsaw Massacre“

Die extreme Schwierigkeit, die jeden Versuch, den Horror zu definieren, begleitet, ist genau auch der Grund, warum er so gut funktioniert, und ein Argument, warum wir ihn lieben. Horror gedeiht an den Rändern von jedem anderen Genre, dort, wo auf der Karte steht: Unbekanntes Gebiet. Das ist der Grund, warum Gremlins nicht in der selben Liga wie Texas Chainsaw Massacre spielt, aber dennoch dorthin verweist. Horror bedeutet Unterschiedliches für unterschiedliche Leute, jeder hat seine eigenen Interessen und Obsessionen, seine eigenen Schwächen und Vorlieben. Für die einen ist Horror die Frage, wie sie sich erschrecken werden und wie gut es den Machern gelingt, während für andere Horror eine Reihe von Maßstäben und Traditionen ist, etwas, das unsere Fantasie auf die Sprünge hilft, und wo die Rechnung nicht immer aufgeht.

Den Horror jedoch auf all das herunterzubrechen, was uns ängstigt, würde uns jedoch einige der besten Arbeiten des Genres vorenthalten. Horror ist nämlich vieles mehr, unter anderem Schönheit, Unbegreiflichkeit, Humor und Hoffnung – das Erschrecken ist nur ein Trick, der aus dem Ärmel geschüttelt wird.

Als ich damit begann, Geschichten zu veröffentlichen, haderte ich mit dem Begriff „Horror-Schriftsteller“, vor allem, weil ich diese Geschichten nicht geschrieben hatte, um andere Leute zu erschrecken. Allenfalls strebte ich einen angenehmen Schauder an, wie man ihn etwa bei M.R. James finden kann, diese kleine kalte Raupe, die dir über den Rücken krabbelt. Meistens bin ich an den Metaphern und der Atmosphäre des Horrors interessiert, dem Phänomen des Übersinnlichen oder des Unheimlichen. Beängstigend zu sein ist weniger mein Ding. Also rückte ich davon ab, mich selbst als Horror-Schriftsteller zu betrachten, obwohl Horror das Genre ist, das ich am meisten liebe, und das ich am häufigsten lese.

paintedmonsters_cover_001_fc_small-663x1024Ich mag alle Spielarten des Horrors, aber einige meiner Favoriten sind Vintage-Horrorfilme. Diese knarrenden Streifen aus den 30ern und 40ern, die Monster von Universal, den Gothic Horror der Hammer-Studios, die Arbeiten von William Castle, die Panikfilme der 50er, Roger Corman und Vincent Price, die mit ihrenlosen Adaptionen Poe auf lebendiges Technicolor bannten. Sind das gute Filme? Absolut! Sind sie erschreckend? Nun, vielleicht nicht für uns in der Gegenwart, nicht mehr. Müssen sie das sein? Verdammt, nein!

Wenn ich schreibe oder anderweitig Horror konsumiere, halte ich Ausschau nach etwas, das „Türen zu Licht und Schatten aufstößt, und uns etwas entdecken lässt, das sonst im Verborgenen bliebe“, wie es Joe R. Lansdale einmal auf den Punkt brachte. Das ist der Grund, warum ich über Monster und Geister schreibe, über Dinge, die vielleicht gar nicht existieren.

Dinge, die mich wirklich erschrecken, interessieren mich nicht wirklich. Sie sind banal, langweilig, und alltäglich. Denn wie die meisten Leute habe ich Versagensängste, Angst vor finanzieller Not, davor, krank zu werden, meine Lieben zu verlieren. Es gibt wirklich schreckliche Dinge im Leben, die dein Herz nicht im Hals schlagen lassen; sie drücken nur deine Stimmung nach unten, Tag für Tag. Sie begraben dich unter Steinen, immer einen nach dem anderen. Einer davon wäre nichts, aber alle zusammen  drücken dir die Luft aus der Lunge, so dass jeder Atemzug zur puren Qual wird. Das sind die Dinge, die mich erschrecken, aber ich bin mir verdammt sicher, dass ich darüber nicht schreiben will. Ich schreibe lieber über Monster.

Orrin Grey

Orrin Grey ist Schriftsteller, Redakteur, Filmwissenschaftler und Monster-Experte, der in der Nacht vor Halloween geboren wurde. Seine Geschichten über Geister, Monster, und manchmal über Geister von Monstern, wurden in zahlreichen Anthologien veröffentlicht. Sie gehörten oft zu den „besten Horrorgeschichten des Jahres“.

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