V. (Die Rache ist mein)

Eine ganze Nation befindet sich unter einer offensichtlichen Massenüberwachung, die von ihrer eigenen Regierung durchgeführt wird. Politische Experten schreien ständig im Fernsehen gegen “Immigranten, Homosexuelle und Muslime”. Der Terrorismus ist eine subtile, aber allgegenwärtige Bedrohung; das Wort hängt im Hinterkopf der Menschen, unabhängig davon, wo sie leben. Die Maske von Guy Fawkes, einst eine obskure Anspielung, wird als Symbol für Gerechtigkeit in einer Gesellschaft verwendet, die schon zu lange zu viel Korruption an der Spitze gesehen hat.

Welche Welt wird hier beschrieben? Diejenige des epischen Comics (mitsamt seiner Verfilmung) “V für Vendetta”, oder unsere?

V. in der U-Bahn; Rechte: Warner Bros.

Auch wenn es absurd erscheinen mag, zu behaupten, unsere Welt sei wie die in V wie Vendetta, die von einem Führer ohne Empathie oder Reue regiert wird, von der Stimme des “Schicksals” einer Gehirnwäsche unterzogen und von der autoritären Brutalität der Fingermänner befehligt wird, darf man nicht vergessen, dass Alan Moore und David Lloyd, als sie an ihrem grafischen Roman arbeiteten, ihre eigene Gesellschaft kommentierten: das England der 80er Jahre, eine Zeit, in der, laut Moore “eine kontinuierlich herrschende konservative Regierung die Idee von Konzentrationslagern für Menschen mit AIDS, neue Bereitschaftspolizei mit schwarzen Visieren, sowie den Wunsch nach Ausrottung der Homosexualität” geäußert hatte. Als er im März 1988 sein Vorwort für das Comic schrieb, bezeichnete er sein Land als “kalt” und “bösartig” und hegte den Wunsch, mit seiner Familie von hier zu verschwinden.

Die vergessene Freiheit

V wie Vendetta ist ein extremer Fall, aber er zeigt mehr als jede andere fiktive Erzählung, was mit dieser Welt nicht stimmt. Es ist die Geschichte über V, einem Mann, der bildlich und buchstäblich von den Machthabern vergiftet wurde und jetzt Rache nehmen will. Es ist ebenfalls eine Geschichte über die junge Evey, die herausfindet, was der Unterschied zwischen Glück und Freiheit ist. Doch vor allem ist es eine Geschichte über Menschen, die nicht mehr über ihre Freiheit nachdachten, bis sie bemerkten, dass sie keine mehr hatten.

Evey in ihrer Zelle; Rechte: Warner Bros.

V. ist der perfekte Held, die perfekte Stimme und der perfekte Bösewicht für die heutige Welt, denn er ist nicht nur “ein guter Kerl” im Kampf gegen “einen böser Kerl”. Sicher, der Führer und die Beamten von Larkhill wie Bischof Lilliman, Prothero und Delia Surridge haben alle abscheuliche Verbrechen begangen. Aber V zielt nicht auf Menschen, sondern auf das Böse. Er zielt auf das Böse – die Faulheit, die Angst, die Duldung -, die uns alle an dem einen oder anderen Punkt erfasst.

Im Comic spricht er wütend gegen die Leute, die ihn zu Hause im Fernsehen sehen und behauptet, dass es schließlich die Bürger waren, die “diese Leute ernannt haben … die ihnen die Macht gegeben haben, Entscheidungen für jeden Einzelnen zu treffen.” Er sagt also zu den Leuten und gleichzeitig zu uns: “Ihr hättet sie aufhalten können”.

V. im Fernsehen; Rechte: Warner Bros.

Die einzige Sache von Wert

Aber V. geht nicht so leicht als Held durch. Auch wenn seine Angriffe darauf abzielen, denjenigen, die eine obszöne Regierungsautorität bilden, Angst einzujagen, ist er per Definition immer noch ein Terrorist. Und deshalb ist er, obwohl er übermenschliche Kraft, einen übermenschlichen Intellekt und übermenschliche Willenskraft hat – wenn es um seinen Gerechtigkeitssinn geht –  immer noch nur ein Mensch.

Doch seine Idee ist das, was zählt.

Die Idee, die uns von V. geschenkt wird, ist die gleiche, die er Evey schenkt. Er nimmt ihr alles, als er sie in dieser kalten unterirdischen Zelle einsperrt, ihren Kopf rasiert und sie mit den Ratten essen lässt. Er nimmt ihr alles, um ihr die Gitterstäbe um ihr Leben herum zu zeigen, die sie vorher nicht sehen konnte. Er nimmt ihr alles, damit sie eine Öffnung finden kann. Die gleiche Öffnung, die wir finden müssen. Die Öffnung, die klein und zerbrechlich ist und “das einzige wertvolle Ding auf der Welt”. Diese Öffnung ist unsere Würde, unser Mitgefühl und unsere Hoffnung. Und im Moment ist diese Öffnung das, was uns daran erinnert, dass wir einen Wert haben, auch wenn es sich anfühlt, als ob es nicht so ist; wenn es sich so anfühlt, als ob jede Gegenstimme und jeder Protest genauso gut in den Wind gesprochen werden könnte.

Und darin liegt der Grund, V wie Vendetta jetzt zu sehen oder zu lesen. Sowohl der Comic als auch der Film hinterlässt in uns das Gefühl der Traurigkeit und das Entsetzen vor einer dystopischen Zukunft, aber die Geschichte transportiert auf eindrucksvolle Weise auch eine Botschaft der Hoffnung.

Rechte: Warner Bros.

Der Film, der von den Wachowskis (Matrix, Cloud Atlas) für die Leinwand adaptiert wurde und eine herausragende Besetzung mit Natalie Portman, Hugo Weaving und John Hurt aufweist, wird noch auf Netflix und auf amazon prime ausgestrahlt. Den Comic bekommt ihr noch leicht in jedem Shop. Aber seit vorsichtig damit: Man weiß nie, wann die Fingermänner kommen und nach einem Grund suchen, um euch einzusperren.

Matthew Hart

Matthew Hart

Irgendwann in der 12. Klasse entschied ich mich, aus Spaß zu schreiben -weil es unterhaltsamer war als das Kritzeln während des Unterrichts. Seitdem schreibe ich aus Spaß und für die Arbeit (das fällt normalerweise zusammen) und habe für DreamWorksTV, Nerdist und Flaunt Magazine Artikel verfasst.

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